"Immer verbunden..."

 

 

 

 

 

   Niveau

 "Das Liebesbündnis (mit dem Dreifaltigen Gott) ist der Weg,  wie wir wahrgenommen werden und andere wahrnehmen!"

 Pater Dr. theol. Paul Vautier     

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

    

 

                             

 

 13.09.65  

 

Pater Paul Vautier sagt:"Bei uns gibt es

"keine" Wunder!"


 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Den

Drachen

muss man

übermalen!"

Paul Vautier

8 unterschiedliche und einmalig originelle Menschen haben sich heute mit dieser Webseite vernetzt!

 

 Seit dem 19. August 2008 haben sich 30340  Personen mit dieser Webseite vernetzt!

 

Im Moment ist (sind)  1 Person(en) online

 

 

 

Aus "Maria, die Erzieherin"

Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades, eingereicht der theologischen Fakultät Luzern

Diese Arbeit wurde als Dissertation von der Theologischen Fakultät Luzern angenommen in der Sitzung vom 13. Januar 1981, auf Antrag der Herren

Prof. Dr. Alois Müller, (1. Referent),

Prof. Dr. Eduard Christen ( 2. Referent).

Der Rektor:

Prof. Dr. Dominik Schmidig

 

1. Die mütterliche Aufgabe Marias uns gegenüber als Erziehungsaufgabe zu bezeichnen, bedeutet eine Abkehr vom Wunderhaften und Zuwendung zum Alltag. Denn Erziehung geschieht nicht primär durch spektakuläre Einzelaktionen und rechntet nicht täglich mit Wundern und Ausnahmen, sondern versucht das menschliche Leben unter normalen Umständen zur vollen Entfaltung zu bringen.

Mit anderen Worten:

Eine Mariologie, die nicht diese nüchterne Einstellung und Ausrichtung hat, wäre nicht im Sinne von Pater Josef Kentenich. Dass damit die Grösse Marias und ihre Aufgabe nicht verkleinert wird ist wohl jedem klar, der sich heute mit pädagogischen Fragen beschäftigt. Für mich jedenfalls ist die volle freie Entfaltung menschlichen Lebens oft viel staunenswerter als die "Heilung kranker Knochen". 

 

 2. Durch die Thematisierung des Erziehungsgeschehens wird in der Beziehung des Gläubigen zu Maria der Charakter der Gegenseitigkeit hervorgehoben, wenigstens dann, wenn man Erziehung im Sinne Pater Kentenichs versteht. Es geht also nicht primär um die staunende Verehrung einer grossen, idealisierten Mutter, es geht auch nicht primär um die Möglichkeit zu Hilferufen, wenn man in Not ist. Pater Kentenich geht es um die Entfaltung und Formung unseres Lebens, was nur durch unsere freie Mitarbeit denkbar ist.

3. Als dritten Akzent, der mit der Aussage, Maria sei unsere Erzieherin, gesetzt ist, nenne ich hier die drängende Nähe, die damit die Beziehung zu Maria bekommt. Die Gottesmutter ist damit nicht nur jene Frau vor 2000 Jahren, die in einer einigartigen Beziehung zu Jesus Christus stand, sondern erscheint als eine Frau, die heute für mich wichtig wird. Mit der Einbeziehung des Erziehungsgeschehens wird eine persönliche Nähe ausgesprochen, die jeden herausfordert und all jenen ärgerlich erscheinen wird, die mit "Erziehung" nichts Positives verbinden können.

 

 

 

 Diese drei hervorgehobenen Akzente zeigen deutlich, dass der Ansatz "Erzieherin" keine sachlichen Neuigkeiten, keine weitreichenden theologischen Festlegungen und schon gar kein neues Fundamentalprinzip der Mariologie anstrebt. Dennoch finde ich diesen Ansatz wichtig. Jeder, der systematisch Mariologie betreiben will und nicht einfach ein Abriss der Dogmen- und Theologiegeschichte über diesen Gegenstand vorträgt, muss auswählen, sich überlegen, welche Fragen heute und für die Zukunft relevant sind und muss Akzente setzen. In der Durchführung eines solchen Unternehmens wird man oft andere Wege gehen wollen und müssen, als Pater Kentenich eingeschlagen hat. Seine Akzentsetzung scheint mir aber bedenkenswert...

 

 Auf dem Hintergrund vieler wunderhafter Privilegienmariologien und Marienbüchern, die den Geist frommer Unmündigkeit atmen, ist die Nüchternheit und das Ernstnehmen der freien, aktiven Persönlichkeit des Gläubigen wichtig. Weniger selbstverständlich ist der dritte Akzent, die drängende, persönliche Nähe Marias. Wenn aber ein Theologe nicht von dieser Nähe überzeugt ist, wird er wohl heute keine systematische Mariologie mehr schreiben. Freilich ist er nicht gezwungen,dies unter dem expliziten Leitmotiv der "Erziehung" zu tun, wie das Pater Kentenich von seiner pädagogischen Lebenssendung her nahe lag; es bieten sich auch andere Gesichtspunkte an, ohne dass man die anthropologische Grundausrichtung verlassen muss.

 

Neben diesem Zentrum der "Erzieherin" gibt es also einen ganzen Berg von Themen und Aussagen, darunter viele bekannte, manche ungewohnte, aber auch solche, die dem Theologen fragwürdig erscheinen, sei es wegen ihrer Begründbarkeit, sei es, dass ihre Formulierungen ungeschützt, missverständlich oder gefährlich sind. Jeder Leser und jede Leserin kann sich aus den§§ 13,22,38 und 47 und den darin enthaltenen Angaben selber eine Liste "schwieriger" oder "anstössiger" Ausdrücke zusammenstellen, die umso länger wird, je strengere und vorsichtigere theologische Massstäbe angelegt werden. Das Faktum, dass sich Pater Kentenich in seinen Formulierungen und Zitaten oft sehr weit hinaus gewagt hat, ist schlicht anzuerkennen. Statt einer mir nicht sinnvoll erscheinenden Einzelapologetik möchte ich dazu folgende Überlegung anstellen.

Es ist wichtig zu sehen, woher das Material stammt, das ich in dieser Arbeit zitiert habe. Pater Kentenich hat vor sehr verschiedenartigem Publikum gesprochen. Die theologische Vorbildung war ebenfalls sehr uneinheitlich, die Erwartungen desgleichen. Ich habe auch Material aus ganz verschienenen Zeitperioden zusammengetragen. Fast nichts stammt aus Texten, die je für eine Publikation bestimmt waren. Die Aussagen sind von mir ungefiltert und ohne die Angabe besonderer Umstände zusammengestellt, um die Grundintuition sichtbar zu machen und zu illustrieren. Pater Kentenich hätte selbst wohl viel strengere Massstäbe für eine wissenschaftliche Publikation angelegt. Wenn er aber sprach, dann meistens in Kreisen, die ihn kannten, in denen daher Missverständnisse nicht so schnell aufkamen oder von ihm leicht bemerkt und korrigiert werden konnten. In einer solchen Umwelt kann manche gewagte Aussage verantwortet werden.

Durch meine "ungefilterte" Art der Darstellung habe ich einen interessanten, aber nicht ungefährlichen Weg gewählt: einerseits gewinnt der Leser einen Eindruck von der Art und Denkweise Pater Kentenichs, andererseits ist die Gefahr vorhanden, dass man die Herkunft und Eigenart des Materials aus den Augen verliert. Den theologischen Leser muss ich daher bitten, sich der unterschiedlichen genera litteraria bewusst zu bleiben und sich auf die Grundaussagen zu konzentrieren. Den Leser aus der  Schönstattbewegung darf ich darauf aufmerksam machen, dass er sich nicht mit jeder Einzelaussage Pater Kentenichs idendifizieren muss. Er soll sich auch gut überlegen, wo er was  und wie von den Ausdrücken Pater Kentenichs weitergibt, um keine Missverständnisse zu erzeugen.

Man könnte nun nach diesen grundsätzlichen Überlegungen viele Einzelaussagen Pater Kentenichs unter die Lupe nehmen. Wollte ich dies gründlich und ausgewogen tun, würde der Rahmen dieser Studie gesprengt. Ich würde damit auch den Anschein erwecken, es sei mir mit meiner Aussage am Schluss des Paragraphen nicht ernst, dass nämlich meiner Meinung nach die Grösse der marianischen Lehre Pater Kentenichs nicht so sehr in der Meisterung marianischer Probleme, sondern vielmehr in ihrer Durchsichtigkeit auf weitausgreifende theologische Perspektiven liege (§ 65). Darum möchte ich viele Aussagen Pater Kentenichs ohne Kommentar als mögliche Anregung stehen lassen und nur zwei Fragen herausgreifen, die mir für eine systematische Weiterarbeit besonders wichtig erscheinen.

Die erste Frage betrifft die Wirksamkeit Marias. In der inhaltlichen Darstellung habe ich darauf hingewiesen, wie stark Pater Kentenich den Akzent auf die Wirksamkeit Marias legt, sowohl beim Christusereignis wie in der Gegenwart. Maria hat mitgewirkt bei der Erlösung, sie hat ein heilsgeschichtliches Amt, das fortdauert, sie ist unsere Erzieherin und sie hat eine besondere Sendung für unsere Zeit: das sind die entsprechenden Thesen.

Gemessen am Gewicht dieser Thesen ist die theologische Klärung der Wirksamkeit Marias ausgesprochen dürftig. Das scheint mir aber kein spezifischer Mangel der Lehre Pater Kentenichs zu sein. Ich würde aber eher allgemein von einer ungeklärten Frage sprechen. Der Glaube der Kirche nimmt zwar an, dass Maria und die Heiligen wirken. Aber die Thelologie hat nicht geklärt, wie man sich das genauer vorstellen soll. Wohl wurde das Verhältnis zwischen der Fürbitte und der Fürsprache Christi erörtert; die Mitwirkung Marias beim Erlösungswerk wurde auf verschiedene Weise durchgedacht und eine Gnadenvermittlung angenommen. Damit ist der Geanke der Wirksamkeit Marias heute aber nur in einem sehr allgemeinen Sinn abgedeckt. Das "dass" ist ausgesagt, aber das "wie" ungeklärt. Pater Kentenich selbst spricht kaum davon.

Meiner Meinung nach kann man nicht fordern,dass diese Frage geklärt wird. Es gibt Fragen, die sich aufgrund ihrer Komplexität einer schnellen Kärung entziehen, oder zu deren Lösung man  im Moment keinen Zugang hat. Man darf auch nicht die Fürbitte und die Wirksamkeit Marias nur deswegen als nicht existent betrachten, weil wir für die Art und Weise keine theologische Erklärung haben. Vielleicht werden wir nie eine haben; denn der Glaube ist nicht an die gleichzeitige theologische Erklärung gebunden, diese hinkt im Gegenteil oft lange nach. Aber es ist wichtig, die Spannung zwischen der Glaubenserfahrung und der theologischen Klärung zu spüren. Die Spannung wird umso grösser, je mehr die Wirksamkeit Marias in den Vordergrund gestellt wird. Wir müssen die Forderung aufstellen, dass man in einer theologischen Erörterung über die Wirksamkeit Marias angibt, was Thematisierung des Glaubensbewusstseins und was theologischer Erklärungsversuch ist.

Die Frage nach der Wirksamkeit Marias kann man auch noch in einer allgemeineren Fassung stellen. Denn es ist in ihr bereits vorausgesetzt, dass die Vollendung des Menschen nach dem Tod eine Heiligenverehrung im Sinne einer gegenseitigen Beziehung ermöglicht, die mehr ist als eine historische Erinnerung und mehr als die Verwendung der Heiligen als Projektionsleinwand für unsere Ideale. Pater Kentenich hat, wie wir gesehen haben, die Dimensionen einer personalen, zwischenmenschlichen Beziehung zu Maria in einem Masse angewandt, dass es fast keine Unterschiede mehr zwischen einer menschlichen Beziehung zu unserem Familien- und Freundeskreis und der Beziehung zu Maria zu geben scheint. Auch hier stellen wir eine Diskrepanz zwischen Glaubenserfahrung und theologischen Erklärungsversuchen fest. Die Lehre von den "letzten Dingen" und die theologische Analyse des religiösen Aktes und der religiösen Erfahrung stehen hier sicher vor vielen Fragen, und man wird umgekehrt auch vorsichtig sein müssen, dass man nicht von philosophischen, systematischen oder sonstigen Verkürzungen her die Glaubenserfahrung vorschnell reglementiert.

Die zweite spezielle mariologische Frage betrifft das Verhältnis der marianischen Lehre Pater Kentenichs zu Lumen gentium 8, dem Marienkapitel der Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanums, und damit das Verhältnis seiner Lehre zur sogenannten konziliaren Mariologie. Es ist dem Leser sicher aufgefallen, wie spärlich Pater Kentenich darauf zu sprechen kommt. Das ist erstaunlich, denn er hätte dazu genügend Zeit gehabt. Er stand ja auch den Äusserungen des Lehramtes betont positiv gegenüber, und es wäre leicht, im konziliaren Dokument viele Paralellen und Bestätigungen zur marianischen Lehre Pater Kentenichs zu finden.

In der Tat  habe ich briefliche Zeugnisse über Gespräche in den Jahren 1964/65  aus denen hervorging, dass Pater Kentenich das Marienkapitel von "Lumen gentium" als grossartige Bestätigung für sein Marienbild auffasste.

 

Die seltene Erwähnung des konziliaren Dokumentes in den Texten Pater Kentenichs aus den Jahren 1964 - 1968 hat nach Vermutung von Günther Boll wohl ihren Hauptgrund darin, dass die Jahre 1965 - 1968, in denen der Gründer Schönstatts wieder frei für sein Werk arbeiten konnte, mit vielen Fragen der Ausgründung angefüllt waren und für die Klärung von lehrmässigen Einzelpunkten wenig Zeit übrig liessen.

Die konkreten Äusserungen und die Tatsache, dass Pater Kentenich nicht häufig auf das Kapitel als Bestätigung seiner Sichtweise (wie er es früher mit dem marianischen Schluss von "Mystici corporis" getan hatte), scheint mir aber doch auch auf eine gewisse Reserve hinzudeuten. Diese mag einen Grund darin finden, dass das Marienkapitel von Anfang an von vielen Theologen in Richtung einer bestimmten, ekklesiologisch geprägten Mariologie verstanden wurde, die für ihn zu ideenhaft war. Er scheint gespürt zu haben, dass der Konzilstext ein Kompromisstext war, der von Anfang an verschieden interpretiert wurde.

Diese Tatsache führt uns nochmals zur Frage, wie sich die Mariologie Pater Kentenichs zur ekklesiologisch geprägten Mariologie verhält. Ich habe in der Einleitung zum inhaltlichen Teil festgestellt, dass seine Lehre gerade nicht als Ekklesiologisch bezeichnet werden sollte, sondern als anthropologisch. Selbstverständlich weiss Pater Kentenich auch um das enge Verhältnis von Maria und der Kirche, aber er macht es nicht zum Ansatzpunkt.

Ich halte das für eine legitime Möglichkeit, auch nach dem Zweiten Vatikanum. Wenn die Rede von einem theologischen Pluralismus einen Sinn haben soll, dann muss diese Freiheit bestehen. Weiter ist nicht einzusehen, dass eine Mariologie nur schon dadurch richtig und modern sein soll, weil sie sich ekklesiologisch gibt. Sie kann deswegen genau so schief und unvollständig sein wie eine andere. Denn es gibt keine Magie eines Bergriffes oder einer Einteilung. Die Entscheidung des Konzils, das marianische Schema in die Kirchenkonstitution zu integrieren, kann nicht als bindende Entscheidung für eine Alleinzulässigkeit ekklesiologischer Mariologien interpretiert werden. Das Konzil hat sich überhaupt der Entscheidung spezieller oder umstrittener mariologischer Fragen enthalten.

 

Wenn freilich jemand den Anspruch erhebt, eine vollständige Lehre über Maria vorzutragen,

wird man von ihm mehr erwarten müssen, als was Pater Kentenich über die Beziehung von Maria zur Kirche erwähnt.

Aber diesen Anspruch auf Vollständigkeit hat Pater Kentenich nicht erhoben.

Eine ekklesiologische Mariologie führt die Lehre über Maria durch die Beziehung Maria-Kirche aus der Gefahr der Isolation eines Einzeltraktates heraus. Dieses sicher sehr wichtige Anliegen moderner Mariologie hat Pater Kentenich auch aufgenommen. Um ihm gerecht zu werden, hat er aber einen anderen Weg gewählt: er hat Maria durch seine anthropologische und heilsgeschichtliche Betrachtungsweise aus der Weltenthobenheit einer einseitigen Privilegienmariologie herausgeführt. Sein Schwerpunkt, Maria als Erzieherin zu zeichnen, bewahrte ihn hingegen vor der Gefahr der Ideenhaftigkeit, in der eine ekklesiologische Mariologie wohl immer steht, besonders wenn die konkrete Kirchenerfahrung nicht dem idealen Kirchenbild entspricht.

Damit möchte ich meine Überlegungen schliessen. Ich habe einige Fragenkreise genannt, die, wie ich hoffe, Gegenstand der weltweiten Arbeit und des theologischen Dialogs sein werden. Ich hoffe auch, dass diese Dissertation nicht nur die Funktion erfüllen wird, über die marianische Lehre Pater Kentenichs zu informieren. Sie möge darüber hinaus helfen, die Anregungen, die bei ihm als Erfahrungstheologen zu finden sind, ins Gespräch zu bringen.

Weitere Texte aus der Dissertation finden Sie unter "Geschichten, die Pater Paul gerne weiter empfohlen hat"

 

 

 

 

 

"...himmelwärts!"

Nach oben