"Immer verbunden..."

 

In Reckingen, im Oberwallis in der Schweiz, empfing Pater Paul Vautier (fiktiv) Personen aus dem Johannesevangelium.

 

"Begegnungen mit Jesus,

dem Wassermann!"

 

 

 Einleitung

Es ist Ferienzeit und ich sitze auf der kleinen Terrasse in einem verlassenen Pfarrhaus im Wallis. Die Sonne scheint, die Berge verändern sich mit Farben und Schatten jede Stunde. Die Berge sind hoch und begrenzen den Blick, laden ein zur Konzentration auf sich selbst. Talabwärts scheint sich aber die ganze Welt zu öffnen, hohe Bergspitzen mit ewigem Schnee weisen über die Zeit hinaus in grosse Horizonte.

 

Es ist 1999. Wir bereiten uns vor auf das neue Jahrtausend. Die einen planen, wie sie mit Freunden und Angehörigen die Neujahrsnacht verbringen, um die neue Zeit mit einem Fest zu beginnen. Andere leiden unter offenen oder verborgenen Ängsten. Nachdenkliche fragen sich, was die Menschheit in den vergangenen 2000 Jahren gelernt hat und was von der Menschheit im neuen Jahrtausend zu erwarten ist. Viele clevere Geschäftsleute kümmern sich einen Deut um die tieferen Fragen, produzieren aber viele „Jahr-2000" Produkte, um vom Jahrtausendwechsel zu profitieren, egal, ob die Käufer aus Freude oder aus Angst handeln.

 

Unsere Zeitrechnung, die uns jetzt zum „Jahr 2000" führt und mit dem Jahr 2001 ein neues Jahrtausend beginnen lässt, beruht auf einem rekonstruierten Geburtsdatum von Jesus Christus. Unsere heutige Welt ist aber nicht mehrheitlich christlich, und in den traditionell christlichen Ländern ist die Religiosität bunt geworden. Wohl die meisten, die vom Jahr 2000 reden, denken nicht an die Geburt Jesu Christi.

 

Aber runde Zahlen, Jubiläen, Zeitzyklen haben eine eigene Magie. Wenn jemand seinen 50. Geburtstag feiert, ist es oft etwas besonderes, obwohl es ein ganz gewöhnlicher Dienstag sein mag. Jubiläen sind ebenso irrational wie sozial bedeutsam. Jede Firma nützt es aus, wenn sie schreiben kann: Sie trinken dieses Bier / schlafen auf unsern Qualitätsmatratzen /... nun seit 50 Jahren, und die Jubiläumsfeier ist willkommener Anlass zur Werbung.

 

Die Zeiten und Zeitzyklen wurden in vielen Kulturen erlebnismässig von Sonne und Mond bestimmt. Unser Jahr ist im Prinzip ein Sonnenjahr, und die Monate sind „Monde“, ungefähr einen Mondumlauf lang. Auch wenn durch die neuen Erkenntnisse und die Weltraumfahrt die Gestirne vieles an ihren Geheimissen verloren haben, hat sich die Astrologie in den meisten Kulturen ihren sozialen Platz gesichert. Auch jene, die nicht daran glauben, wissen wohl, in welchem Sternzeichen sie geboren sind.

 

Um das schon im Anfang zu klären: ich bin kein Astrologe und glaube nicht, dass die Sterne und Planeten einen direkten, durch die Astrologie erkennbaren Einfluss auf unser Verhalten haben, schon gar nicht, dass man aus den Sternen die Zukunft lesen könnte. Aber die Astrologie, ihre Symbole und ihre nachhaltige soziale Bedeutung ist für mich ein faszinierendes Phänomen.

 

Der Mensch ist nicht einfach eine physikalisch-chemische Maschine und auch nicht einfach ein Affe. Er ist ein Symbolwesen. Vieles hat für uns eine grosse Bedeutung, obwohl es physikalisch völlig unbedeutend ist. Eine Tausend-Frankennote ist ein Stückchen Papier mit Farbklecksen drauf. Aber um dieses Stückchen Papier können sich viele Menschen streiten, oder andere müssen viele Tage arbeiten, um es zu besitzen. Unser Alltag ist durchsetzt mit solchen typisch menschlichen „Dingen", die für uns eine grosse Bedeutung haben. Kommt jemand aus einer anderen Kultur, versteht er oft solche Zeichen nicht.

 

Damit wollte ich andeuten, aufgrund welcher Phänomene die Astrologie ihre Bedeutung haben kann, auch völlig losgelöst von den Sternen und Planeten. Jahrhundertelang haben wir mit den Sternzeichen gelebt, sie gehören zu den Ausdrucksmitteln unserer Kultur. Jahrhundertelang haben wir mit den Sternzeichen gelebt, sie gehören zu den Ausdrucksmitteln unserer Kultur. Jahrhundertelang haben wir Menschen beschrieben als „typisch leidenschaftlich wie der Löwe", „in sich gekehrt wie ein Krebs", „unzuverlässig wie ein Zwilling". (Das gilt von unserer „westlichen" Astrologie. Die Chinesen haben andere Grundsymbole: der Drache, das Pferd, der Hase, ...).

 

Dass wir zu solchen Symbolen Zuflucht nehmen, hat für mich einen ganz einfachen rationalen Grund. Wir sind uns selber ein Geheimnis, und wir merken, dass wir mit den Mitteln der strengen logischen Wissenschaft nicht annähernd an die menschlichen Realitäten herankommen. Viele Dinge sind uns viel zu komplex, um „exakt" beschrieben zu werden. Für ganze Gebiete fehlen uns Begriffe und Formen der Beschreibung. Versuchen sie einmal, jemandem zu erklären wie Thymian riecht! Untersuchen sie die bildhafte Sprache der Weinkenner. Der eine Wein ist „samtig", der andere rau, obwohl Wein und Gewebe sehr wenig miteinander zu tun haben.

Ähnliches gilt von Psychologie und Philosophie. Seit Jahrhunderten bemühen wir uns, in klaren Begriffen auszusagen, was ein Mensch ist, versuchen die Geheimnisse der Seele auszu- kund schaften. Vergleichen sie die verschiedenen Systeme der Charakterbeschreibungen und die Versuche, Gefühle zu definieren.

 

Ich persönlich zähle mich zu den kritisch-wissenschaftlichen Typen. Aber gerade meine kritische Einstellung lässt mich immer wieder fragen: wie viel wissen wir eigentlich? Oder, wenn ich eine neue psychologische Theorie oder eine philosophische Theorie kennen lerne, dann frage ich: wie viel leistet eine solche Terminologie?

 

Im Bemühen, der Realität nahe zu bleiben, habe ich zwei Leidenschaften, die ich mit einem Brückenbau vergleiche. Menschliches Suchen nach Wissen und Weisheit gleicht einem Brückenbau, den wir gleichzeitig von zwei Seiten, von zwei entgegengesetzten Ufern her beginnen. Die eine Seite ist die „rational-wissenschaftliche", in der wir uns mit allen Mitteln der Logik, der Empirie und der Wissenschaftstheorie bemühen, klare und gesicherte Resultate zu produzieren. Gleichzeitig wird vom andern Ufer her an der Brücke gebaut mit symbolischen, irrationalen, deskriptiven Mitteln. Auf der einen Seite sind die Wissenschaftler, Forscher und Positivisten, auf der andern Seite die Dichter, Literaten, die Vertreter der „inexakten Wissenschaften", die Mönche und Schamanen, die Phantasten.

 

Die Brücke wird sicher erst in der Ewigkeit fertig. Die Wahrheit über den Menschen liegt aber eben in der unzugänglichen Mitte, der wir uns annähern. Beide Teile der Brücke, die jetzt als Ergebnis des menschlichen Suchens wie gewaltige Stummel eines grossen Brückenbogens aus den entgegengesetzten Ufern herausragen, sind imposant. Beide haben ihre Grenzen, typisiert: das Rationale ist sicherer, aber meist anfänglich, kümmerlich, vereinfachend, beschränkt. Das Irrationale ist reich, bildhaft, verführerisch und unsicher.

 

Ich glaube, dass wir immer beides brauchen. Die meisten Begriffe der Philosophie und der Physik sind Metaphern und Sprachspiele, die sich einer genauen Definition versagen, viele der begabten theoretischen Physiker sind gute Musiker.

 

Nach diesen einleitenden Gedanken möchte ich Ihnen genauer erklären, was ich mit diesem eigenartigen Büchlein im Sinne habe.

 

Schon seit längerer Zeit sprechen Astrologen der „westlichen Tradition" vom kommenden Zeitalter als dem Zeitalter des Wassermannes. Der Frühlingspunkt verschiebt sich im so genannten platonischen Jahr von ca. 25'000 Jahren. Unsere Astrologie begann mit dem Zeichen des Widders, Christus ist im Zeitalter der Fische geboren worden und jetzt  kommt das Zeitalter des Wassermannes.

Für mich sind die Sternzeichen anthropologische Symbole. Sie haben uns, auf eine sehr irrationale Art und Weise gedient, Menschen zu beschreiben und menschliche Schicksale zu verstehen. Sie stehen für viele menschliche Fähigkeiten, Stile, Charaktere, Lebenswelten. Ich glaube, dass viele Menschen die astrologischen Symbole benutzen, um über sich selbst zu sprechen und nachzudenken.

 

Ob wir nun Astrologie sympathisch finden oder nicht, ob wir weltanschaulich das verdammen oder begrüssen - es ist eine Tatsache, dass viele Menschen nun ein Wassermann-Zeitalter erwarten oder erstreben. Und viele sagen, jetzt hat das Christentum ausgespielt. Es kommt eine neue Zeit. Astrologisch ausgedrückt: Christus war der Fisch, das hat seine ca. 2000 Jahre gedauert, nun wird das abgelöst.

 

Für mich als Christ - und mehr noch, ich verrate Ihnen, dass ich Theologe bin - sehe ich das anders. Wenn Christus der „neue Mensch ist", derjenige, nach dessen Bild wir alle geschaffen sind, und an dessen Fülle wir teilnehmen, und wenn die astrologischen Symbole eine Art Typologie des Menschen in 12 Zeichen sind, dann werde ich Christus unter dem Aspekt aller 12 Zeichen beschreiben können. Als Bilder sind uns einige der Sternzeichen auch als biblische Bilder bekannt. Das „Lamm" der Apokalypse ist eigentlich ein junger Widder, Christus wurde nun 2000 Jahre als Fisch symbolisiert und der Löwe Juda ist ein mächtiges Symbol.

 

Ohne Ihnen nun weitere rationale Begründungen geben zu wollen - weil es sie nicht gibt -, möchte ich Sie nun einladen, mit mir das Johannes - Evangelium zu betrachten. Das vierte Evangelium ist ein geheimnisvolles, das sich einer rein rationalen Exegese hartnäckig widersetzt (was nicht heisst, dass ich, gemäss meiner „Brücken-Theorie" die rationale, historische, exegetische Erforschung dieses Evangeliums, soweit möglich, durchaus fördere). Oder anders gesagt: ich glaube, es ist ein Text, der auf vielen Ebenen spielt. Eine der wichtigen Ebenen ist die symbolische, und da spielt eben das Wasser eine grosse Rolle.

 

Christus erscheint im 4. Evangelium als „Wassermann". Er ist derjenige, der als Messias erscheint, als der kleine Wassermann, Johannes, ihn im Jordan tauft. Von ihm heisst es, dass er mit dem wahren Wasser, mit den Hl. Geist taufen wird. Sein erstes Zeichen ist Verwandlung des Wassers, das die „kleinen Wassermänner" bringen, in den messianischen Wein von Kana. Er spricht von sich als demjenigen, aus dessen Leib Ströme lebendigen Wassers hervorkommen werden; die Durstigen sollen kommen und trinken. Sein Speichel, gewaschen im Teiche Siloah „des Gesandten", erlöst den Blinden von der Dunkelheit. Bei seinem Tod kommt aus seiner Seite wirklich Blut und Wasser heraus - der Evangelist beschreibt das in einer nicht zu überbietenden Feierlichkeit. Die grossen Ereignisse des vierten Evangeliums spielen am Wasser des Jordan, des Sees Genezareth, des „Meeres von Tiberias", an der Jakobsquelle. Ja, er, der Wassermann, nimmt Wasser und wäscht seinen Jüngern tatsächlich die Füsse, sein letztes grosses Zeichen zum Abschied. Und es endet mit der dreimaligen Frage an Petrus: „Liebst Du mich", eine der eindrücklichsten Szenen der Begegnung mit ihm, und diese Szene spielt am Ufer des grossen Sees. Am Wasser, beim Fischfang, hat er die Jünger geholt, und dort verlässt er sie wieder, gewandelt

Ich glaube, wir können durchaus wichtige Hoffnungen und Perspektiven für das nächste Zeitalter unter diesem Symbolismus von Jesus, dem Wassermann, meditieren. Und zu dem möchte ich Sie einladen. Ich werde es tun in einer wenig wissenschaftlichen Form. Das vierte Evangelium ist eine Erzählung mit viel Symbolik, und ich denke, die Weitererzählung und Reflexion in ähnlich symbolisch-mystischer Art ist dem Zwecke durchaus angemessen.

Möge das Büchlein vielen helfen, neue Zugänge zu Christus zu finden. Möge es vielleicht auch vielen Zeitgenossen helfen, Erwartungen, Ängste, Befürchtungen, Phantasien und Perspektiven zum neuen Jahrtausend zu überdenken und mit der biblischen Botschaft zu verbinden. Gehen wir mit Mut und Freude und mit neuen Aufgaben ins dritte Jahrtausend, ins neue Zeitalter unseres Wassermannes.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

---

Nathanael

 

 

Ich sass beim Frühstück auf der Terrasse. Nicht am See Genezareth, sondern in der Nähe des Rotten. Das Rauschen des Flusses beruhigt mich und versetzt meinen Geist in nachdenkliche Stimmung. Die Abmachung war, dass mich die Gestalten des vierten Evangeliums beim Frühstück besuchen, und ich würde dann vom Gespräch einiges aufzeichnen.

 

Als erstes besuchte mich Nathanel. Er war zurückhaltend. Nach der ersten Tasse Tee wurde er gesprächiger. Ja, er sei immer skeptisch geblieben. Das habe ihn damals ziemlich aufgewühlt, als Jesus ihn so direkt begrüsste und sein Inneres öffentlich machte. Erst habe er sich gefragt, woher der das wissen könne, was er für ein Mensch sei; und dann habe er etwas Angst bekommen. Aber auf der andern Seite sei Jesus so entwaffnend spontan und freundlich gewesen, dass sich das bald verloren habe.

 

Sie, die Fischer am See, hätten sich alle gut gekannt. Die Arbeit sei streng gewesen - wenn er die heutigen Boote und Fischer sähe, das sei kein Vergleich. Aber junge Männer hätten immer auch anderes im Sinn gehabt. Die Römer im Land... die Reichen, die nach Rom rannten, um sich zum König machen zu lassen. Da wurden neue Städte aus dem Boden gestampft, Caesarea Augusta, nur um dem Kaiser zu gefallen. Und sie: jede Nacht mit den Booten hinaus auf den See, der gar nicht immer freundlich gewesen sei. Daher immer wieder die Fragen nach dem Reich, nach dem Messias, politisch-religiöse Hoffnungen.

 

-       Daher habe er ihn auch begeistert als neuen König von Israel begrüsst?

 

Ja, er sei damals in einer politischen Phase gewesen. Was macht ein Fischer unter dem Feigenbaum, nachdem er die Netze fertig gewaschen und zusammengelegt hat? Sinnen, grübeln, phantasieren... Jesus wusste schon, warum er den Feigenbaum erwähnte. Er habe also zunächst die Hoffnungen auf Jesus als politischen Messias gehabt. Erst langsam hätten sie gemerkt, dass er anderes im Sinne hatte.

 

-       Was sei denn dieses „andere" gewesen?

 

Diese ersten Tage am See seien für ihn immer im Gedächtnis geblieben. In kurzer Zeit habe Jesus wichtige Leute zusammengehabt. Mit der Zeit wurde es klar, dass es gar nicht so sehr um die Tagesthemen ging, sondern um die Menschen und ihre Beziehungen. Langsam hätten sie gemerkt, dass auch die politischen Themen davon abhingen, was man über die Menschen denkt, was für eine Vorstellung man vom Zusammenleben hat, und welchen Wert man den Sachen, der Arbeit, der Kultur und der Religion zuschreibt. Ohne Politik könne man nicht leben, wenn man selber keine Politik treibe, würden sie gleich andere in die Hand nehmen und über einem verfügen. Aber offen oder versteckt - meist versteckt - seien es doch die faktischen Werte derer, die Macht haben oder an sich reissen, die die Politik bestimmten. So wie er das beobachte, habe sich daran in den 2000 Jahren nicht viel geändert.

-       Was er denn damit sagen wolle? Sei Jesus etwa umsonst gekommen, wenn sich in 2000 Jahren so wenig verändere?

 

Nathanael schaute mich nachdenklich an.

 

Du bist ein Mensch des 20. Jahrhunderts. Ihr seid vom Fortschritt fasziniert und denkt, alles sei machbar. Dabei habt ihr die Kriege auch nicht abgeschafft, sondern nur immer perfekter wiederholt. Das Gute wirkt sich nicht so leicht. Ein Papier ist schnell zerrissen, aber es braucht ziemlich viel, einen schönen Bogen herzustellen. Die Freiheit, die Gott euch schenkt, hat ihre Nachteile. Sie beschränkt die Möglichkeiten der Geschichte im Grossen. Aber Gott hat andere Augen und andere Ziele. Er schaut tiefer in den Menschen hinein und lässt im Äusseren vieles unvollkommen. Viele grosse Menschen leben in schwierigen Verhältnissen - gerade dort zeigt sich ihre Grösse.

 

Ich hätte damals gerne einen fulminanten „König von Israel" gehabt, der in einem bilderbuchhaften Befreiungskrieg die Römer aus dem Land geschmissen hätte. Aber wären damit unsere Leute besser geworden? Hätten wir es geschafft, länger im Frieden zu leben? Hätten wir die Freiheit bewahrt? Vielleicht wäre es noch schneller zur Katastrophe gekommen. –

 

Noch länger sprachen wir über die Geschichte unseres Jahrhunderts und über die Geheimnisse der Geschichte. Lange sass ich und dachte darüber nach. Nun sass ich unter dem Feigenbaum. Was würde Jesus über mich sagen? Was würde ich ihm sagen? Was sollte ich für das neue Jahrtausend erträumen, erstreben, erbitten?

 

Sollte es nicht ein menschenfreundlicheres werden? In dem mehr Freundschaft gelebt wird? Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert einer rasanten technischen Entwicklung. Die technischen Möglichkeiten des Menschen sind ins ungeheure gewachsen. Wir rasen mit den Autos auf den Autobahnen herum, der Lebensradius vieler Menschen ist gross geworden. Wir haben die Flugzeuge gebaut und die Erde schrumpft unter uns zusammen. Millionen reisen und reisen in der Welt herum. Sind wir uns dadurch näher geworden? Sind die Völker einander mehr Freunde geworden?

 

Traditionell ist das Zeichen des Wassermannes das Zeichen der Freundschaft. Was tut Jesus an seinem ersten Tag? Er sammelt Freunde. Der ganze Bericht des Lieblingsjüngers ist eine Folge von Begegnungen. Auch Begegnungen, die zunächst problematisch aussehen, die menschlicherweise gesehen leicht schief gehen könnten. Am Schluss der Begegnung mit Nathanael steht das Wort von den Engeln, die über dem Menschensohn auf und niedersteigen, das Symbol der Himmelsleiter. Symbol der Kommunikation. Wird unser neues Zeitalter ein Äon der Verständigung, die oben und unten und nach allen Seiten verbindet?

 

 

 

 

 

 

Der Lieblingsjünger II

 

 

Wiederum musste ich einige Tage warten. Das Wetter hielt sich, war mir natürlich passte. Eines Morgens war es besonders schön zu sehen, wir die Sonne sich hinter den Bergen bereit machte, aufzugehen. Bald würden die ersten Strahlen durchkommen...

 

 

Ich lief normalerweise morgens früh, weit und breit war niemand zu sehen. Ich hörte jeweils den ersten Zug durchs Tal fahren, wenn ich zurückkam, warteten einige Arbeiter bei der Bank des Gemeindehauses auf das Auto, das sie zur Arbeit fahren sollte.

 

An diesem Tag aber war ich nicht der einzige Frühjogger. Kurz bevor ich wieder zum Dorf zurückkam, hörte ich schnelle Schritte hinter mir, und ein Jogger überholte mich. Ich lief weder auf Geschwindigkeit noch besonders lange Strecken. Ich hätte wohl noch etwas steigern können, aber ich liess ihn seines Weges ziehen. Aber er lief wirklich ziemlich schnell. „Der nimmt vielleicht den Rottenweg" dachte ich mir".

 

Aber dem war nicht so. Als ich zu meinem Haus kam, wartete jemand im Vorraum des Hauseingangs auf mich... Jetzt, von vorn, erkannte ich ihn sogleich. Der Lieblingsjünger. Er hatte mich in der Morgenfrühe überholt wie er damals Petrus überholt hatte, als sie, von Maria Magdalena alarmiert, nach Sonnenaufgang zum Grab liefen... Ein guter Läufer!

 

-       High! Ich dachte, ich käme heute früh, und da du so eine gute Dusche hast.... begrüsste er mich, ohne den Satz fertig zu machen.

 

-       Hab Dich vorhin gar nicht erkannt! Guten Morgen! sagte ich, und suchte am Schlüsselbund den Hausschlüssel. Die Tür ging immer etwas schwer auf.

 

O.K., sagte ich, als wir eingetreten waren. Ich hole Dir wieder ein Tuch und ...- hast Du denn etwas Frisches anzuziehen?

 

Oh ja, er griff sich die Sporttasche, die jemand gestern mit einem Zettel „Wird morgen abgeholt" im Vorraum abgestellt hatte. Weil die Gemeinde im Haus ein kleines Büro betrieb, hatte ich weiter keinen Verdacht geschöpft. Wir verschwanden in unsere Duschen ... waren zunächst verschwitzte, dann nasse und dann wieder trockene „Wassermänner". Ich machte etwas schneller als sonst, um das Frühstück vorzubereiten. Es lief alles am Schnürchen, wie wenn wir schon lange gemeinsam Ferien gemacht hätten.

 

Als ich alles bereit hatte kam er die Treppe hinunter. Helle Hose, ein weisses T- Shirt mit seinem Adler, diesmal aber war der Adler kleiner, links oben auf der Brust, ein Adler im Flug, wie zur Sonne kreisend. Er trug eine weisse, ganz leichte Jacke, deren Tricotkragen und Armmanschetten feine blaue Streifen zeigten, die Sportschuhe einfach, blau-weiss, an seinem linken Handgelenk entdeckte ich den blau­weissen Freundschaftsbändel.

 

Er kam mit elastischem, fast wiegendem Schritt auf die Terrasse und nahm Platz. Die Sonne fing an, mit ihrem Licht zu zaubern und den Bergen, Feldern und Wäldern die verschiedenen Grüns zu entlocken.

 

Nun, bist Du zufrieden mit dem Ausblick ins Wassermannzeitalter? - fragte er mich mit ruhigem, zuversichtlichem

Lächeln. Schliesslich hatte er diese Begegnungen gemanagt, das wusste ich wohl.

 

 

 

 

 

das Jesus auf seiner Hand getragen hatte.

Als ich zurückkam, hatte er schon seine Sporttasche fertig gemacht hatte nur die Seitentasche offen für die beiden Fläschchen. Er musterte den Adler und nickte.

- Die Stunde ist gekommen. Ich muss gehen, aber wir bleiben verbunden...

So fand diese Zeit der Begegnung, an der Schwelle des neuen Zeitalters ein Ende.

Noch lange schaute ich ihm nach, dem jungen Mann mit Sporttasche, der mit elastischem Schritt sich auf den Weg machte. Ich wusste nicht, wohin er gehen würde, und die Menschen auf der Strasse wussten nicht, wer er war. Und trotzdem fühlte ich mich nicht allein. Seine Worte und alles, was ich aufgenommen hatte, blieb in meinem Herzen. Im Geiste schaute ich in seine Augen, in denen ich weit, weit ins Herz der Dinge, der Menschen und Gottes blicken konnte.

 

  

 einsiedelei_reckingen.mov

 

 

Nikodemus

 

Er kam nachts, als ich es nicht erwartete. Ich sass über meinem Notebook und versuchte mich, einzuloggen. Da klingelte es.

Nikodemus brauchte sich jetzt nicht mehr zu fürchten, er war nun ein 2000 Jahre bekannter Jünger. Aber es gibt Dinge, die man lieber nachts bedenkt. Die Nacht ist still, der Tageslärm ist weg. Sie lädt uns ein, ins verborgene zu schauen.

 

- Tja, ich erinnere mich noch gut. Lange, lange haben wir gesprochen. Ich war wirklich noch auf dem Weg. Ich war mehr unbewusst angezogen von diesem Mann, der so anders war. Er sprach mit einer sanften Klarheit. Seine Worte waren unscheinbar, aber sie hatten eine grosse Kraft.

 

Es gibt Bilder, die für uns Menschen ganz wichtig sind. Natürlich werden wir nur einmal geboren, und unsere Mütter sind froh, wenn die Wehen vorbei sind. Und doch - wir müssen immer wieder neu geboren werden. Und es ist schön, dass wir diese Möglichkeit haben, dass wieder Neues in uns wächst. Wenn wir uns verhärten, wenn wir immer gross sein wollen, dann verlieren wir die Fähigkeit, neu geboren zu werden.

 

Natürlich wollte ich das auch nicht, klein werden. Ich gehörte zum Establishment,  zu den Weisen, und ich machte es wie die andern, die ihre teilweise Unwissenheit mit gelehrten Worten verdeckten. Aber ich begegnete ihm genau in einer Phase der Unsicherheit. Und es war mein Glück, dass ich den Mut hatte, in der Nacht zu ihm zu gehen. Er sprach mit von der Notwendigkeit, neu geboren zu werden. In die Tiefe des Mutterschosses hinabzusteigen, in das, was uns Angst macht.

 

Die Geburt ist mit dem Wasser verbunden. Das Embryo ist im Fruchtwasser. Vielleicht ist deswegen das Tauchen und Baden für viele so faszinierend. Wir tauchen ein ins Urtümliche und Ungewisse und wir tauchen wieder auf. Wir öffnen die Augen, prusten uns frei und frischgewaschen kommen wir wieder „auf die Welt".

 

Wieder geboren aus dem Wasser und dem Geist. Das Tauchbad ist nur ein Zeichen für das, was in unserer Seele geschehen soll. Der Geist soll uns helfen, neu in die Tiefen hinabzusteigen und neu aufzusteigen, als neue Menschen. -

 

Als Musik spielte mein CD Player „Nocturnes" von Chopin, träumerische Musik…­

 

- Ihr habt eine grosse Chance als Menschen des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Ihr habt tief in die Seele des Menschen geblickt. Die Psychologie hat Euch gelehrt, sich den Menschen nicht so einfach vorzustellen. Ihr habt gelernt, dass vieles auf dem Grund der Seele verborgen ist, ja, dass ihr mehr einem Schiff auf dem Ozean gleicht, und wenn es taucht, geht es tief hinunter, und manche eigenartige Fische und Wesen schwimmen da unten. Immer wieder sind wir versucht, an der Oberfläche zu bleiben, und oberflächlich zu bleiben.

 

Der Geist ist derjenige, der weht wo er will, ohne dass wir sehen, woher er kommt... Er ist auch derjenige, der die Tiefen erforscht...

Er kam von oben, und steigt mit uns in die Tiefe hinunter. Er wird mit uns hinaufsteigen. Das ist der Kreislauf des Lebens. „Wenn ich erhöht sein werde, werde ich alles an mich ziehen". Dieses Wort, das er damals zu mir sprach, faszinierte mich. Aber ich musste lernen, mit ihm tief in meine Tiefen hinabzusteigen, klein zu werden, um neu geboren zu werden, um zu dem zu werden, der ich sein sollte. „Erhöht werden" hiess aber, wie ich später lernte, sterben, Begegnung mit Schmerz und Tod. Nur jene, die auch dieser Begegnung nicht ausweichen, sind wahrhaft neu geboren.

 

Lange sagten wir nichts mehr. In der Stille verliess mich Nikodemus. In mir wuchs die Sehnsucht nach einer Zeit, in der wir Menschen uns immer besser kennen lernen, in der wir nicht den Verführungen des Äusseren und Grossen erliegen. Guiness' Buch der Weltrekorde ist Symbol für eine Zeit der nutzlosen Grösse. Was nützen die Sandwiches von 65 Metern Länge oder 72 oder mehr Stunden geistloses Witze erzählen? Diese oberflächliche Grösse wird nicht helfen, dass wir menschlicher werden. Jede neue Maschine ist bis jetzt auch im Krieg verwendet worden. Nur die innere neue Geburt hilft.

 

Das erste grosse Gespräch des vierten Evangeliums ist Zeichen einer inneren Geburt, die in einer Begegnung geschah. Wird das neue Zeitalter des Wassermannes das Zeitalter der aufrichtigen Begegnung, des helfenden Gespräches, des sich Kennerlernens, indem wir einander kennen lernen? Leicht wird das nicht. Gebären ist mit Schmerzen, mit Arbeit verbunden. Die Mütter wissen das besser als die Männer

 

 

 

 

Die Samariterin

 

---

Es klingelte. Die andern kamen einfach so. Ich ging also zur Türe - ein richtiger Empfang. Und da stand sie. Immer noch schön, sie, die sechs Männern die Augen verdreht hatte. Eine unaufdringliche Schönheit, die keine Schminke braucht, ie man vielleicht im ersten Moment übersieht, und der man nachher nicht widerstehen kann. Wir gingen auf die Terrasse. Sie setzte sich mit Eleganz, schaute mich an und fragte mich direkt.

 

-       Und was willst Du von mir wissen?

 

Ihre Augen sagten mehr als ihre Worte – ich verstand plötzlich, warum das Gespräch mit der Samariterin so eigenartig zu lesen ist. Die Hälfte war wohl Rede und Gegenrede der Augen.

 

-       Hat er Dich verwirrt?

 

Ganz am Anfang schon ein wenig. Du musst Dir vorstellen, ich ging, um Wasser zu holen und finde plötzlich einen von den „Anderen" dort. Und dann spricht er mich an und bittet mich um Wasser. Das tut sonst wirklich niemand. Aber dann merkte ich sofort, dass es nicht ums Wasser ging. Er schaute mich an und las in mir.

 

-       War das schlimm?

 

Wenn Du Liebe spürst, kannst Du auch die Wahrheit sagen. Wir waren sofort auf der andern Ebene. Er hatte die Normen durchbrochen und ich merkte, dass etwas Neues begann - in meinem Leben und für meine Leute.

 

-       Du bist die erste Person, der er sich direkt zu erkennen gab: „Ich bin es, der mit dir redet", dir, der Frau, dir, der Fremden, der Samariterin, dir, dessen Lebensweg Fundgrube für jedes Boulevardblatt wäre... Hast Du etwas von dem Besonderen dieses Augenblickes gespürt?

 

Zunächst, als er sagte: „Ich bin es, der mit dir redet", spürte ich einfach Überraschung und Freude, wie wenn man den Schatz findet, den man immer gesucht hat, und den er  auch in der Tiefe meines Herzens suchte, auch wenn mein äusseres Leben gar nicht fromm aussah. Da bin ich in dieser Freude ins Dorf gerannt und da überwältigten mich die Gedanken. Wir wussten, dass es der Jakobsbrunnen war, und es machte bei uns eine alte Verheissung die Runde, dass dieser Brunnen ein besonderer sei und dass hier einmal ein Zeichen der Versöhnung geschehe. Die Söhne Jakobs haben sich ja immer wieder gestritten, gegenseitig verkauft und beneidet, die heiligen zwölf sind auch die schlimmen zwölf.  Und da kommt der Messias und gibt sich mir zu erkennen und spricht mit mir über das Höchste, über die Anbetung des Vaters - sein Name sei gepriesen. Du kannst Dir vorstellen, in welchem Zustand ich in Sychar ankam!

 

-       Und wenn Du so genau wusstest, dass es der Messias ist – warum tatst Du so, als ob Du zweifeltest?

 

Sie schaute mich mit ihren grossen, schönen Augen an.

 

Ich kann doch das Grosse, Schöne, Kostbarste nicht einfach hinschmeissen. Zu einem Freund kann ich nur hinführen - jeder muss ihn selbst entdecken und kennen lernen. Das haben sie auch getan. Ich wusste, dass  auch sie  ihn erkennen würden. „Wir haben selbst gehört und uns davon überzeugt, dass er der Heiland der Welt ist..." - Es waren wunderbare Tage. Die Mauern, die uns normalerweise von den Juden trennten, waren wie weggeblasen...

 

Auch zwischen uns waren keine Mauern und wir sprachen noch lange über Gott und Welt. Über die verschiedenen Völker und Nationen. Die Konfessionen und Religionen. Die Tendenz der Menschen sich zu trennen und zu unterscheiden. Der materielle und der geistige Neid, der die Brüder entzweit. Die Scheu, zur Wahrheit zu stehen, die befreit und eint. Die Verhärtung und die Unfähigkeit zu Verzeihen, weil man keinen Zentimeter zurückweichen will. Wie schwer es uns fällt, etwas zuzugestehen, wenn wir uns nicht ganz sicher und geliebt fühlen.

 

Vielleicht werden es im Zeitalter des Wassermannes auch die „Anderen" sein, die zuerst die Wege des Friedens und der Gerechtigkeit gehen. Die „Anderen", nicht die Frommen, nicht die dem Klerus und den Theologen Genehmen. Es braucht wohl jene, die die Normen durchbrechen, die sich zur Zeit des Durstes dort treffen, wo es Wasser gibt, und dort mit allen reden, im Geist und in der Wahrheit. Das Zeichen des Wassermannes ist traditionellerweise das Zeichen der Freiheit und der Erfindung des Neuen, der Ungebundenheit. Der Wassermann bringt das neue Wasser von oben, das lebensspendende Wasser.

 

Die Erde wird immer kleiner, die Menschheit wächst immer mehr. Mit den alten Schematas der Trennung und des Krieges werden wir uns nur umbringen. Vielleicht ist die Sehnsucht nach einem Zeitalter der Verständigung, der Freundschaft und des Friedens die grösste Sehnsucht, die gegenwärtig spürbar ist, gleichzeitig mit dem Gefühl der Ohnmacht und der Angst, ob wir nicht im Streit der zwölf Brüder bleiben. Aber es ist doch möglich, wenn wir wie Jesus die sozialen Normen durchbrechen und miteinander sprechen - im Geist und in der Wahrheit. Und in Wahrheit vor Gott stehen heisst Anbetung.

 

 

 

 

 

Lazarus 

 

 

 Wer würde wohl als nächster Besucher kommen?, fragte ich mich. Auf dieser Höhe des vierten Evangeliums waren verschiedene Persönlichkeiten möglich. Und was sie sich ausgedacht hatten, um mich zu überraschen oder zu führen, wusste ich nicht recht.

 

Ein älterer Mann stand vor der Tür. Gut angezogen, wie wenn er jeden Moment für ein grösseres Geschäft in der Bank erscheinen müsste oder einen hohen Besuch herumführen müsste. Zurückhaltend, aber mit lebendigen Augen. Er kam ohne Köfferchen, aber hatte noch seinen Autoschlüssel in Hand. Über seine Schulter sah ich den BMW in ultramarin. Was heisst das Wort schon wieder in der Übersetzung? Tiefblau wie das Meer...

 

 

 

- Ich habe mich in der Entfernung verschätzt. Diese Bergstrassen ziehen sich dahin... Aber keine Angst, ich habe Zeit. Der Herr hat mir ein neues Verhältnis zur Zeit geschenkt. Darf ich mich vorstellen? Ich bin Lazarus.

 

 

 

Und er streckte mir die Hand hin, eine warme Hand, die an nichts an Tod erinnerte. - Hereinspaziert!

 

 

 

- Ich habe den schönen Friedhof neben der Kirche angeschaut. Wie gepflegt.

 

 

 

- Ja, die Leute leben hier mit ihren Toten. So habe ich wenigstens den Eindruck.

 

 

 

- Bei Gott sind wir nie vergessen, ob unser Leben kurz oder lang ist. Bei den Menschen ist es oft anders. Da sind die Toten manchmal schnell vergessen. - Bei mir war es z.T.. anders. Da haben sie sich erst für mich interessiert, als ich tot gewesen war. Anfänglich war es schlimm. Alle wollten mich sehen und berühren und ausfragen. Nach vier Tagen wieder lebendig...

 

 

 

- Sie sagten: Der Herr hat mir ein neues Verhältnis zur Zeit geschenkt.

 

 

Wie meinen Sie das?

 

- Wir rechnen meistens mit der Zeit wie mit etwas „Zuhandenem". Zeit gibt es einfach, nehmen wir an. Wir machen Pläne. Manchmal sagen wir: ,,...so Gott will", aber im Grunde genommen, machen wir unsere Rechnungen ohne Gott. Er soll gefälligst wollen, was wir wollen oder erwarten - das ist die Alltagseinstellung. Und weil wir viel wollen, haben wir oft „keine Zeit" - sie reicht nicht aus für das, was wir möchten. Wir disponieren über die Zeit, als wäre sie unsere Zeit.

 

 

 

Nach meinem Tod und den Tagen in der Gruft fing ich an, ein anderes Verhältnis zur Zeit zu bekommen. Ich sagte mir: Im Grunde genommen ist Dein Leben zu Ende. Was nun kommt, ist Geschenk, ist gratis. Äusserlich änderte sich wenig an meinem Leben, aber ich begann alles als Geschenk zu nehmen. Schön, dass wir eine Stunde haben, die ja nicht sein müsste... Und was kann alles in einer Stunde geschehen!

 

 

 

- Dein Leben ging weiter. Das Evangelium berichtet wenig über Dein alltägliches Leben.

 

 

 

- Ich bin Baumeister. Ich habe viel Geld gemacht mit Bädern. Wir hatten zu Hause eine warme Quelle, die haben wir zu einem Heilbad ausgebaut. Die Römer, die ins Land kamen, wollten immer Thermen haben. Also habe ich mich spezialisiert. Bäder, große, kleine, geheizte, mit Mosaikböden, mit Gärten und Parkanlagen...

 

 

-       Ach so, darum warst Du bekannt. Hast Du auch die Zeit verkauft, um diese Bäder zu geniessen? Wir lachten.

 

- Nein, da mussten die Leute selber dafür schauen.

 

-       Und Deine Schwestern haben Dir beim Geschäft geholfen?

 

- Marta schaute zur Verwaltung. Maria war Spezialistin für heilende und duftende Öle. Sie reiste einmal nach Indien und hat dort viel gelernt. Unser Heilbad war deswegen ziemlich bekannt.

 

-       Und dann gingen die Geschäfte weiter? Und nach deinem zweiten Tod?

 

- Tja, es war schon ziemlich anders. Vorher interessierten mich die Geschäfte und ich nutzte die Zeit aus, wie normale Geschäftsleute. Nachher änderte sich das ziemlich. Weil ich alles anders, als Geschenk sah, fing ich an, den Leuten „dumme Fragen" zu stellen, sie eben aus ihrem Trott, aus ihrer Hetze, aus ihrer Arbeitswut herauszubringen. Viele Krankheiten, viel Müdigkeit, viel Verkehrtes stammt aus derselben Wurzel: die begehrliche Hetze, die fehlende Ruhe.

 

Äusserlich habe ich meinen Beruf behalten. Oder ich knüpfe meine Kontakte über Geschäfte von Hausbau, Bädern, Duschen, Wasserquellen, Seifen, Öle, Essenzen... Das ist fast immer aktuell. Gehe in ein modernes Warenhaus. Was findest Du fast immer beim Eingang: links Schmuck und Uhren, rechts duftet es nach Parfüm und Seife. Und dann gibt es noch die Schokoladen und Pralinen.

 

Aber eigentlich geht es mir darum, die Begegnung mit den Menschen, diesen „Augenblick" als Geschenk zu nehmen. Die Zeit von der geschäftigen Hetze in eine „Stunde" zu verwandeln, in der wir uns begegnen. Wenn zwei Menschen sich begegnen, begegnen sich zwei Rhythmen. Tiefere Kommunikation kommt erst zustande, wenn die Rhythmen miteinander harmonieren. Oft ist das ein wichtiges Erlebnis und kann vieles im andern auslösen, neue Perspektiven eröffnen, befreien.

 

-       Haben Jahrhunderte, Jahrtausende auch ihre Rhythmen?

 

Die Frage stand im Raum. Wir schwiegen und dachten gemeinsam nach.

 

- Ich weiss es nicht, ob man das so sagen kann. Aber wenn ich ans neue Jahrtausend denke, meine ich schon, dass wir eine Aufgabe formulieren könnten.

 

-          ???

- Im Laufe der Zeit ist die Zeitmessung immer genauer geworden. Früher hatte man oft mehr Zeit, weil man gar nicht wusste, wie spät es war. Wir kamen rechtzeitig, um da zu sein. Viele Völker ohne Uhren können warten und können warten.

Jetzt wird die Zeit gemessen, viele Treffen und Veranstaltungen beginnen auf die Sekunde und haben Ihre Dauer. Viele werden nach Stunden und Minuten bezahlt. Das kann zum Terror, zur Neurose werden - vielleicht zur Sozialneurose. Umgekehrt bringt es oft nichts, sich zu beeilen oder viel Zeit auf etwas zu verschwenden. Es kommt auf den richtigen Zeitpunkt an. Auf die „Stunde des Vaters" warten zu können. „Der Vater wirkt allezeit" - Gott ist immer am Wirken, aber ohne zu Hetzen. Alles zu seiner Zeit.

Vielleicht, wenn wir uns im 3. Jahrtausend zu sehr beeilen, zu sehr hetzen, werden wir die anstehenden Probleme - und es wird große geben - nicht lösen können.

 

Das Leben unseres Meisters ist wie ein Fluss, der an der Quelle beginnt. Das Wasser fliesst immer, aber eben schneller oder langsamer, so wie es das Bett ermöglicht oder fordert. Und er konnte sagen: Frau - meine Stunde ist noch nicht gekommen, und am Kreuz sagen: es ist vollbracht. Und dann ging er in die Gruft, wo die menschliche Zeit aufhört, und kam wieder, um am See Tiberias auf seine Jünger zu warten. Und als Petrus im richtigen Moment am richtigen Ort fischte, zog er die 153 Fische, das Zeichen der Fülle und Vollkommenheit, heraus. Damals zählten einige 153 Völker auf der Erde...

 

Ob die Völker des neuen Zeitalters ihm, dem Wassermann, nachfolgen? Ob wir in seine Zeit eintreten, wie er uns fragen wird*, was dem Vater gefällt, uns beschenken lassen von der neuen Zeit, die Gott uns schenkt?

 

Ich weiss nicht, wie lange wir sprachen. Er ging irgendwann im Verlauf des Tages, nachdem wir uns noch viel Zeit genommen hatten zum Reden und Schweigen.  Ich schaute nicht mehr auf die Uhr. Sie taugte auch nicht, um diese Zeit, die wir miteinander verbracht hatten, zu messen. –

 

 

 

 

 

Maria, die Schwester des Lazarus

 

Sie kam, und mit ihr kamen die Düfte. Sie kam mit einem Blumenstrauss, offensichtlich nicht gekauft. Woher sie die Blumen wohl hatte? Ein früher Spaziergang? Schnelle Kontakte mit Frauen, die ihren Garten begossen? Jedenfalls wunderbare Zusammenstellung. Wir suchten eine Vase in dem kaum bewohnten Haus, was nicht ganz einfach war. So konnte sie die „Duftlandkarte" des alten Pfarrhauses für sich aufnehmen. Die intensivsten Düfte gab es in der Küche, wo schon hinten ein Topf auf dem Herd stand. Leise kochte der Suppentopf mit allerlei guten Dingen drin vor sich her. Maria warf einen Blick in den Haufen Gewürze, die bei mir herumstanden. Ich hatte eben frischen Rosmarin bekommen. Nachdem die Blumen ihren Platz gefunden hatten und nun die Stube beherrschten (vorher waren die Bücher und Zeitschriften die Könige des Raumes), setzten wir uns auf die Terrasse.

 

-       Ich habe gehört, du machest einen guten Kaffee… sagte sie ganz unkompliziert.

 

-       Mit Kardamon oder ohne? Mit Zucker?

 

 

-       Mit beidem, bitte!

 

 

 

Sie war in jeder Beziehung eine besondere Erscheinung. Sie kam in einem schönen Sari daher. Wundervoll, was man einfach mit einem Tuch machen kann... Das schwarze Haar fiel ihr auf die Schulter, ein paar Blüten ersetzten teure Spangen und Accessoires. Ihre Augen waren dunkel und gross, aber ich bemerkte, dass sie eher ruhig waren. Sie war offensichtlich mehr jemand, der hörte und roch und die Personen und die Umgebung intuitiv aufnahm. Sie hatte ein Parfum oder ein Öl eingerieben, das ganz sanft und leicht die roch und die Assoziation an einen weiten Garten weckte. Ich dachte: Sie wählt den Duft nicht wegen sich, sondern überlegt, mit wem sie wo, über was sprechen wird.

 

Ich verschwand kurz, um die beiden Tassen Kaffee zu machen.

 

Die Tassen waren natürlich eine Katastrophe, aus der Billigserie vom Coop nebenan, robust, hässlich - gelb, praktisch und jede Abwaschmaschine überstehend, viel zu gross. Aber der Kaffee war gut und brachte mit seinem Duft ganz andere Welten mit sich.

 

- Wie kamst Du nur auf die Idee, Jesus so demonstrativ die Füsse zu salben, kurz vor dem Einzug in Jerusalem? Mit einem Pfund Nardenöl! - fragte ich sie ebenso unvermittelt wie sie mich um den Kaffee gebeten hatte.

 

- Das  weiss ich auch nicht. Muss man, kann man immer alles wissen, warum man etwas tut? Es lag etwas in der Luft, wenn man ihm gut zugehört hatte und die Reaktionen der Offiziellen, der Ältesten und der Priester sah, die bei uns Politik machten. Es gab „dicke Luft"! Der Aufruhr um meinen Bruder hatte die Spannung noch verschärft. Und Er hatte es ja schon lange angekündigt, dass es für ihn in Jerusalem schwierig werden würde. Das letzte Zeichen hatte direkt mit Tod und Auferstehung zu tun. Also wusste ich intuitiv, dass es nun kritisch würde. Viele haben es überhört oder wollten es nicht wahrhaben. Sie träumten...

Ich habe ihm manchmal seine Füsse gepflegt, wenn er von den großen Predigtreisen oder Besuchen bei uns vorbeikam. Mit dem einen Fuss hatte er immer Probleme.

Es waren ziemlich wichtige Leute da, die aber mehr gekommen waren, um Jesus zu

beobachten; sie waren gegen ihn eingestellt - politisch; nur ja nicht jetzt die Römer reizen, meinten sie. Ich wollte nicht mit ihnen diskutieren. Ich rede überhaupt nicht gerne. Ich habe ihnen auf andere Weise gezeigt, dass wir wussten, wie die Dinge standen, und dass wir ihn voll unterstützten. Wenn einer nicht wegen einer starken Erkältung die Nase völlig zu hatte, musste er es riechen, ob er wollte oder nicht.

-       Da gab es also die beiden Prophezeiungen, die in Worten, von Kaiaphas, und jene ohne Worte, von Dir?

 

Sie nickte.

 

-       Wenn Du damals die „dicke Luft" gespürt hast - welche „Luft" verspürst Du nun, kurz vor Anbruch des neuen Äons?

 

- Das ist nicht so leicht zu sagen. Nach so viel Vorherrschaft der Vernunft, nach so viel Errungenschaften der Technik und Wissenschaft, die wir Menschen für viele Kriege und Auseinandersetzungen benutzt haben, spüre ich eine große Sehnsucht nach Frieden und Ausgleich. Und das ist nicht so einfach „herzustellen". Wir merken langsam, dass wir nicht alleine leben, sondern eingebunden sind in große, nicht überschaubare Netze oder Systeme.

 

Schon kleine Netze, so sagt man mir, sind nicht mehr analysierbar. Unser Gehirn, so sagt man mir, ist auch ein Computer - aber er funktioniert ganz anders. Neuronale Netze, die in Schichten organisiert sind, vermögen wohl das hervorzubringen, was wir sonst manchmal Intuition nennen - und was eher meine Stärke ist. Die Fähigkeit, die komplexe Wahrheit herauszuspüren, ohne das in herkömmlicher Weise begründen zu können oder ohne angeben zu können, auf welchen Wegen sich die Wahrheit entschleiert. Unsere Vernunft vermag viel, aber wenn sie sich nicht mit der Intuition verheiratet, bleibt sie auf relativ einfache Dinge beschränkt. Und wo es um menschliche Beziehungen geht, wird es bald kompliziert. Wie wollen wir die Fragen der Zukunft ohne Intuition bewältigen?

 

Jesus war sehr intuitiv. Er gab wenig Begründungen. Er hatte einen tiefen Blick. Er betete und schaute und wurde inne. Er gab uns weiter, was er seinen Vater tun sah. Er sah in die Herzen der Menschen und bald spürte er, was er zu reden oder zu tun hatte. Natürlich war er auch beschlagen in der Argumentation und hatte die

Auseinandersetzung mit den Schriftgelehrten bei ihren Disputationen nicht zu fürchten.

 

Aber was er uns brachte, war mehr als Vernunft. Er war das Licht der Welt, aber nicht das kalte Licht der Aufklärung, sondern das warme Licht des Feuers, um das man im

freundschaftlichen Gespräch sitzt und das die Herzen öffnet. Sein Wasser ist nicht kaltes Wasser aus der Leitung, sondern es kommt aus seinem Herzen. Es ist gemischt mit seinem Blut... Das ist der wahre Wassermann.

 

-       Kann man denn Intuition lernen, oder ist sie reines Geschenk?

 

- Wir können lernen, uns zu öffnen. Wir können lernen, gut zuzuhören, nicht nur auf die Worte, sondern auf das, was dahintersteht. Lernen, das Ganze zu sehen, die Zusammenhänge. Dann sind wir auch mehr und mehr fähig, das, was von oben kommt, in uns aufzunehmen.

 

Nicht alles Irrationale ist gut. Düfte lenken uns, sie können auch verführen. Viele Menschen stürzen sich auf das Esoterische, weil sie gemerkt haben, dass das bloss Vernünftige seine Grenzen hat. Aber es braucht die Unterscheidung der Geister. Das neue Jahrtausend muss daher ein Zeit des Geistes werden, der uns hilft zu erforschen und zu unterscheiden, wo das Gute liegt. Die Vernunft ist oft wie die Motorsäge, die den Urwald abholzt - und damit die Blumen und Düfte zerstört; der Geist von oben ist ein Führer, der uns durch das dichte Leben hindurchführt. „Noch vieles hätte ich euch zu sagen, aber ihr könnte es jetzt noch nicht ertragen. Wenn aber er kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in alle Wahrheit einführen..."

 

Ich musste wieder mal zu meiner Suppe schauen und etwas Wasser nachgiessen. Sie war mir gefolgt. Nach dem Duft des frisch geschnittenen Grases auf der Wiese nebenan folgte nun der viel schwerere Geruch der Fleischbrühe, des Kohls und des Selleries. Die Aromen waren wie eine Verheissung auf den Mittag, wo der Hunger eher für solche Duftlandschaften sensibel machen würde. Nach Frühstück und Kaffee war es nicht gerade das Richtige.

 

Dem Quantum nach erwartest Du Gäste?

 

-       Ja, gute Freunde.

-Ja, das brauchen wir im neuen Jahrtausend! Ich wünsche Euch gute Zeit und guten Austausch. - Lass mich nochmals an den Blumen riechen, dann muss ich weiter....

Ihr Blumenstrauss erinnerte mich noch Tage an diese Begegnung. In den Blumen war eine Botschaft verborgen, die ich langsam zu enträtseln suchte. Und der leichte, reiche Duft der Blüten und Kräuter stimmte mich heiter.

 

 

 

 

 

 

Thabita

 

---

 

 

- Ich bin Thabita. Haben Sie mich erwartet?

 

-       Ja., natürlich. Herzlich willkommen! -, sagte ich.

 

Ich wusste, dass sie kommen würde, die Ehebrecherin. Nach den meisten Exegeten gehört sie zwar nicht zur Truppe, die mich besuchen sollte. Der Text, so sagen sie, sei nicht ursprünglich. Er fehle, so sagen sie, bei den „guten frühen Handschriften" des vierten Evangeliums. Es sei, so sagen sie, zwar eine ehrwürdige Geschichte, aber passe nicht in den Zusammenhang. Würde mich aber sehr wundern, wenn jemand viel später diese anstössige Geschichte ausgerechnet hier eingefügt hätte ohne einen Hinweis darauf zu haben. Mir fehlte sonst auch eine wichtige Zeichenhandlung Jesu, die zum Repertoire unseres grossen Erzählers gehören. Sie passt so wunderbar ins Konzept der Begegnungen Jesu mit den Leuten, die eigentlich „unmöglich" sind. Die Geschichte illustriert, dass die Wahrheit freimacht. Was sie getan hat ist offenbar, und Jesus zwingt die Teilnehmenden, ehrlich zu sein - und weil sie es sind kommt sie frei. Aber die Erzählung ist anstössig genug, um sie lieber zu verdrängen, sie bietet den Theologen so viele Probleme und den frommen Legalisten so viel Skandalöses, dass sie sehr schnell in manchen Abschriften bewusst oder unbewusst ausgelassen werden konnte. Nun, wie dem auch sei, lassen wir die Exegeten streiten, - Thabita war da, und das war mir wichtig.

 

Aber ich war sehr gespannt, was nun kommen würde. Was wird wohl die Frau, die fast gesteinigt worden wäre, und die wohl mit ihrem Leben schon abgerechnet hatte, nach dieser Begegnung mit Jesus aus ihrem Leben gemacht haben? Wir sahen, ja, dass die Geschichten immer interessant weitergingen. Auf was tippst Du, lieber Leser, liebe Leserin? Vielleicht legst Du das Buch mal einen Moment weg, versetze Dich in ihre Person. Was würdest Du machen, nachdem auf dem Tempelplatz Dein Leben neu begonnen hat? Und für was hättest Du jetzt Lust, in der Ewigkeit Gottes und der weiterlaufenden Geschichte der Menschen?

 

Ich hatte das kleine Rollköfferchen gesehen, das sie im Eingang hatte stehen lassen. Es klebten noch einige „luggage tabs" drauf, die darauf hinwiesen, dass Thabita ziemlich in der Welt herumreiste.

 

-       Was machst Du jetzt, Thabita?

           Frech und frei duzte ich sie. Ich tippte darauf, sie sei das gewohnt.

 

- Mediation.

 

-       Einzelfälle, Gruppen oder leitest Du Ausbildungen?

 

- Ja nachdem. Wo man mich holt.

 

Das war es also. Sie hatte Vergebung empfangen und arbeitete nun dort, wo es darum ging, Leute wieder zusammenzubringen oder Beziehungen zu klären. Ohne Steine.

Sie machte auf mich den Eindruck einer sehr feinfühligen Frau. Sie hatte nichts Aussergewöhnliches an sich und machte keine Angst. Aber sie hatte einen aufmerksamen,

klaren Blick.

 

-       Du siehst müde aus...

 

- Tja, es war anstrengend die letzten Tage. Workshop über „Vergebung". In Argentinien. Es ist nicht leicht in diesen Ländern, wo Diktatur herrschte und Tausende verschwanden. Auf der einen Seite will die Gesellschaft Frieden und die alten Geschäfte abschliessen. Aber das ist nicht so leicht. Viele wollen und können noch nicht verzeihen. Viele merken es nicht einmal. Eine verflixt schwierige und komplizierte Geschichte, das mit dem Verzeihen. Und je schneller man es machen will, desto mehr stolpert man über seine eigenen Steine im Herzen.

 

-       Du sagst, viele merken es nicht einmal. Wie meinst Du das?

 

Es gibt viele, die sehr versöhnlich reden und Bereitschaft zeigen. Aber in der Art und Weise, wie sie Dir die Geschichte erzählen, merkst Du, wie sehr sie an der Schuld der andern hängen. In vielen lebt ein geheimes und manchmal wenig geheimes Selbstmitleid: „Siehe, wie ich unter Dir oder andern zu leiden hatte". Du sollst Sie bewundern. Sie geben vor, ihren Hass und ihre Rachegefühle besiegt zu haben, dabei kocht es weiter unten noch auf kleiner Flamme.

 

Und das schlimme ist, dass das im gesellschaftlichen und politischen Bereich noch viel stärker und gefährlicher ist. Schau Dir die Selbstbeschreibungen der Völker an, die in Bürgerkriegen verwickelt sind. Vielleicht ist der einzelne bereit, seinem Nachbarn zu verzeihen, weil dieser nahe genug war, um auch seine guten Seiten spürbar zu machen. Aber die andern, das andere Volk als solches ist zu ferne. „Die dort sind unmöglich", heisst es dann. „Nie werden wir vergessen, was sie uns im letzten Jahrhundert getan haben..." Deswegen ist die Begegnung mit der Samariterin so bezeichnend für Jesus.

 

Oder der Trick mit der Gerechtigkeit. Wenn jemand auf der Gerechtigkeit pocht, will er oft auf „gerechte Weise" seine Rachegefühle befriedigen, denn er fühlt sich hintergangen oder benachteiligt und denkt nicht daran, zu verzeihen. Nicht umsonst heisst es: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht grösser ist als die der ....". An sich Unsinn. Gerechtigkeit ist Gerechtigkeit, weder kleiner noch grösser. Aber die Kriterien sind sehr verschieden. Meine Gerechtigkeit, Deine Gerechtigkeit... Die Engherzigen haben immer mathematische Gerechtigkeit, sprich oft Rache, gefordert. Es fällt ihnen schwer zu merken, dass Gott liebt und deswegen kein Gerechtigkeitsfanatiker sein kann. Das können nur die Menschen.

 

-       Dann siehst Du schwierige Zeiten kommen? Die Bürgerkriege sind Mode, die Sowjetunion ist auseinander gefallen, in Ex-Jugoslawien ist schon alles abgebrannt und in Afrika ist fast kein Land vor offenem oder schleichendem Krieg verschont.

 

- Sieh, wenn wir bei „unserm Wasser" bleiben, in unserer Suppe weiterkochen, wird

sich nicht viel ändern. Nur wenn wir langsam lernen, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten, dann können wir aus diesen Zirkeln ausbrechen. Aber das braucht viel. Du meditierst das Symbol des Wassermannes. Er bringt Wasser von oben. Jesus stand auf dem Höhepunkt des Festes, im Moment, da man sich erinnerte, dass Mose das Wasser aus dem Felsen schlug, und sagte: Wenn jemand dürstet, der komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt... Sein Geist kann uns herausreissen aus den Zirkeln der Gewalt. Aber zuerst muss man den Geist ins Herz hineinlassen. Da sehe ich meine Aufgabe. Das braucht viel Kleinarbeit, Gespräche, Zuhören, Aufschliessen, Begleiten... Oft auch Unkonventionelles. Schau mal, wie Jesus den Zirkel bei mir durchbrochen hat. Der grosse Rabbi sagte einen Satz, kauerte sich hin und schrieb auf den Boden, in den Sand. Und als alle weg waren, stand er auf. „Hat dich keiner verurteilt?“ - „Keiner!" „Auch ich verurteile Dich nicht...."

 

Das Geschenk des Vergebens ist eines der grössten, das der Mensch bekommen kann, und wir alle brauchen es, weil wir nicht vollkommen sind. Wenn das Versagen gross wird, dann reagieren wir irrational und selbstzerstörerisch. Da braucht es Alternativen... Wassermänner,  Wasserfrauen mit Wasser von oben, mit Zeit, mit Ideen, mit ausdauernder Freundschaft...

 

 

 

Die Rotten (kleine Rohne bei Reckingen)

 

 

Lieblingsjünger I

 

---

 

Wer würde wohl jetzt kommen? Ich sass auf der Terrasse, es war ein schöner Tag. Ich war eher häuslich, aber, so dachte ich, heute wird wohl ein buntes Treiben sein: Wandern, Schwimmen, Sonnenbaden, Segelfliegen - Gleitschirm fliegen, Radfahren, Inline - Skating. Für die Schlittenhunde, die hier im Dorf auch eine Wigwam hatten, war es eindeutig zu heiss.

 

Ich hatte eine relativ geschützte Aussicht auf die Berge und bekam das Treiben eher am Rande mit. Heute würde es wohl mehr Bewegung am Himmel gben, nachdem es Wind und Wetter lange Zeit nicht erlaubt hatten, den Himmel des Tals zu bevölkern.

 

Es gab wieder einmal einen Deltaflieger - sonst hatten sich die meisten auf die Gleitschirme umgestellt. Er kam ziemlich direkt auf unser Dorf zu. Ich dachte zuerst er wolle am Hang an Höhe gewinnen und oben Kreise ziehen - aber er setzte offensichtlich zur Landung an. Das war mein erstes Erlebnis in diesem Haus vor vielen Jahren, als auf der Wiese unmittelbar  vor dem Haus so ein Ding landete - für mich das erste Mal überhaupt, dass ich einen Deltasegler aus der Nähe gesehen hatte.

 

Es wiederholte sich. Elegante Schlusskurve und der Flieger setzte sich sanft auf der gemähten Wiese ab. Er war schwarz-weiss gemustert mit einem Motiv von Vogelfedern. Der Pilot befreite sich aus seinem Sack. Interessanterweise machte er keine Anstalten, sich um seinen „grossen Flügel" weiter zu kümmern, sondern strebte direkt auf mein Haus zu. Ich schaltete. Mein Besuch! Wer war es, der auf diese elegante Weise mich besuchen kam?

 

Er kam direkt über die Wiese. Als er nahe genug war winkte er und rief:

 

- Bin ich richtig hier? Wassermannforschung?

Ich nickte.

- O.K.!

 

Er ging ums Haus herum, denn der Eingang war auf der hinteren Seite. Ich ging innerhalb des Hauses zum Empfang und öffnete die Türe. Da stand er vor mir, von dem ich immer noch nicht wusste, wer es war. Er hatte auf dem Weg zur Türe seine Windjacke ausgezogen. Ein weisses T-Shirt mit einem wunderschönen schwarzen Adler auf der Brust, weisse Cordhosen, einfache Turnschuhe. Dunkle wache Augen, eine feine, lange Nase, ein Mund mit eher fülligen Lippen, ein gepflegter, kurzgeschnittener Bart umrahmte Mund und Kinn.

- Grüss Gott. Ich bin der Erzähler… Er streckte mir die Hand entgegen.

Der Lieblingsjünger, - fügte er eher verlegen hinzu.

-          Grüss Gott. Und ich bin der Neugierige.

 

Da das Haus einigen Komfort hatte, so ein zweites Bad, bot ich ihm eine Dusche an. Er überlegte einen Augenblick und nahm dann gerne an. Vielleicht war ihm nach dem Flug eine kleine Verschnaufpause angenehm. Ich zeigte ihm das Bad und sorgte für Tuch und Seife.

 

Nach einiger Zeit kam er wieder und machte einen ausgeruhten Eindruck. Ich hatte frischen Tee gemacht.

 

Das war also der Lieblingsjünger... Der Adler auf seiner Brust; das Schwarz-Weiss, machte einen eher strengen Eindruck. Ich erinnerte mich daran, dass in einem andern Evangelium er und sein Bruder als Donnersöhne bezeichnet wurden... Es war durchaus Feuer spürbar, aber auch viel Wärme, eine sympathische Ausstrahlung.

 

-       Gestern war Maria hier. Sie erzählte von der Salbung in Bethanien.

 

-  Ich weiss. Du möchtest noch einmal hören, wie es weiter ging?

Also, es kam der große Einzug in Jerusalem. Hat die andern mächtig aufgeregt. Es war gerade große Pilgerzeit um das Paschafest herum. Jede Menge von Frommen, die das Fest hier feiern wollten. Heute würde man sagen: internationales Publikum. Es kam zu grossen öffentlichen Lehrreden, in denen er andeutete, dass die große Stunde bald kommen würde. Dann zog er sich zurück.

 

Und dann kam der letzte Abend. Ganz für uns. Ich gaube, an dem Abend verstand niemand etwas von dem was er tat und sprach. Erst nachher, als wir uns alles, was uns geblieben war, in Erinnerung riefen und wieder und wieder erzählten und meditierten, gingen uns die Lichter an. Ich habe am meisten davon mitbekommen, weil ich am bevorzugten Platz, an seiner Seite, lag.

 

Da war zunächst der Anfang, die Fusswaschung. Natürlich wusch man sich vorher die Füsse, besonders, wenn man zu Tische lag, aber normalerweise gab es genügend Bedienstete oder wir machten es selbst. Dieser Anfang bestimmte die besondere Atmosphäre des Abends. Wir verstanden sowieso noch nicht, warum er auf dem Festmahl an diesem Abend bestand; unter die Feststimmung mischten sich auch Ängste, denn wir wussten wohl, dass der demonstrative Einzug und die nachfolgenden Reden die gespannte Situation um ihn verschärft hatten. Herodes war in der Stadt - da konnte politisch einiges gedreht werden.

 

Da hast Du nun Deinen Wassermann! Jesus stand auf und band sich ein Tuch um die Hüfte und ergriff den Waschkrug für die Füsse und begann, uns die Füsse zu waschen. Buchstäblich der Mann mit dem Wasserkrug in der Hand, und der es für uns ausgiesst. Reinigendes Wasser, das wir alle nötiger hatten, als wir dachten. Petrus konnte die Klappe nicht halten - er redete immer, wenn er nervös war. Judas verschwand, als ihm der Boden zu heiss wurde: er merke, dass Jesus seine Pläne intuitiv  erkannte. Er konnte ihm nicht länger in die Augen schauen und schob. Jesus liebte Judas. Aber Judas war ein Spieler, und wenn es ihn überkam, opferte er buchstäblich alles diesem einen Zweck. Eine schreckliche Sucht.

 

Tja, und dann, die letzten Reden. Sie haben sich mir tief eingegraben, diese Worte, die ich an seine Brust gelehnt, gehört habe. Einiges war angenehm zu hören, so wenn er über die Freundschaft sprach. Anderes beflügelte unsere Gedanken, wenn er über den Geist sprach, von dem wir allerdings noch ziemlich infantile Vorstellungen hatten. Anderes war klare Herausforderung, wenn er zu uns dem immer etwas zerstrittenen machthungrigen Haufen sagte, wir sollten einander lieben. Und dann noch so, dass es für die andern ein Zeichen wäre. Die ziemlich dicken Anspielungen auf das, was sich wenige Stunden später ereignen sollte, verstanden wir nicht.

 

Aber es sind große Worte. Und es hat Sätze für jedes Zeitalter darin.

 

-      Auch für das „Zeitalter des Wassermannes“?

 

- Ich denke schon. Was ich Dir schon sagte, die Zeichenhandlung zu Beginn des Abends, der Wassermann, der uns die Füsse wäscht. Vielleicht habt ihr sehr schöngeistige Vorstellungen von der nächsten Zeit. Wassermann im Salon, abgehoben im Gespräch, in neuen künstlichen Welten usw. Es wird bei so vielen Menschen auf der Erde genügend konkrete, handfeste Möglichkeiten, Notwendigkeiten und Herausforderungen geben, sich zu helfen. „Arme habt ihr immerdar bei Euch". Die Welt ist noch zerstrittener, als wir es waren, und noch politisierter als der Mittelmeerraum zur Zeit Jesu. Wenn alle Meister spielen wollen, funktioniert es sicher nicht.

 

Es braucht die Fähigkeit zur Freundschaft,  und auch diese nicht nur  „in den Lüften“, sondern mit der Treue bis in den Tod.

 

Bei uns gibt es Weinstöcke, die sehr gross und ausladend werden. Sie können einen ganzen Garten umspannen. An einen solchen dachte er im Gleichnis vom Weinstock. Ein Weinstock, der die ganze Welt umspannt. Die Völker, die Stämme und Ethnien sehen sich immer als Einzeltraube. Wenn ihr nicht realisiert, dass ihr alle zum Weinstock des einen Vaters gehört und von der Lebenskraft des Sohnes lebt, werden die Kriege nicht aufhören. -

 

Wir schwiegen eine Weile. Sein ruhiger Atem erweckte den Eindruck, der Adler auf seinem T-Shirt sei lebendig, und langsam hebten und senkten sich die Flügel...

 

Das also war der Lieblingsjünger... Wenn ich in seine Augen sah, hatte ich den Eindruck in einen weiten, warmen Raum zu sehen. Ein Gefühl von Aufgenommen-Sein und doch Ganz – ­frei - bleiben. Ich assoziierte: ein offenes Geheimnis. Seine Worte waren konkret und einfach, und doch hatte auch ich den Eindruck, sie  noch nicht zu verstehen. Eine Einladung, sich vom Adler mitnehmen zu lassen in die Höhe, um mehr zu sehen...

 

-       Was ist denn jetzt Deine Aufgabe?

 

- Ach immer dieselbe. Ich bin sein „Privatsekretär" geblieben dazu noch von seiner Mutter, die er mir unter dem Kreuz anvertraute. Viele besondere Aufgaben, Missionen. Vielseitig, anstrengend.

 

-       Schreibst Du noch?

 

- Oh ja. Aber die Leute merken es nicht, dass ich es bin. Ich wechsle die Stile und Perspektiven. Bei der Apokalypse haben sie es noch gemerkt. Nachher nicht mehr. Ist auch besser. Sollen sich auf den Inhalt konzentrieren,  nicht der Mode wegen etwas von mir lesen…

 

-       Dann bist Du ihm immer noch nahe?

 

Er lächelte.

 

- Wenn Du einmal so nahe warst, kommst Du nicht mehr los. Da kann ich äusserlich noch so auf Reisen sein. Und dann ist noch das Geheimnis des Vaters. Das sind bergende Unendlichkeiten. Vielleicht wird das neue Zeitalter sich dem mehr annähern. Bis jetzt habt ihr noch mehr Angst davor.

 

Auf der Wiese gab es Betrieb. Es war ein Wagen gekommen, und mit ihm einige Leute, die den Deltasegler zusammenlegten. Der Wagen hatte dasselbe Muster von schwarzweissen Vogelflügeln. Sie warteten auf ihren Chef.

 

- Ich muss weiter. Wir haben eine Konferenz von „Lieblingsjüngern" von verschiedenen Religionen. Wir treffen uns bei Anand in Indien. Weisst Du, geistige Enge könnt ihr nächstens nicht brauchen.

 

Ich komme in den nächsten Tagen noch einmal zu Dir - für heute solls genügen!

 

Wir verabschiedeten uns herzlich - die Ansage eines weiteren Besuches beruhigte mich. Er ging schnellen Schrittes zu seinen Leuten und alsbald war das Adlerauto in Richtung des grossen Passes weggefahren. Als ich zu den Bergen empor sah, kreisten schon zahlreiche Gleitschirmflieger weit oben in den Lüften.

 

 

 

 Ben, der Blindgeborene

 

 

Der kleine rote Zug, der von oben das Tal herunter kam, hielt und liess von seinen wenigen Gästen einige aussteigen und kurvte dann langsam weiter. Ab und zu kam der Glacier-Express vorbei, der teure Panorama-Zug, mit seinen Sonderwagen und den riesigen Fenstern. Darin sassen die Touristen aus fernen Landen, um die imposante Landschaft mit Bergen und Schluchten, mit den Gletschern und Felswänden zu bestaunen.

 

Unter den Passagieren, die ausstiegen, befand sich ein hochgewachsener jüngerer Mann, braungebrannt, bedrucktes T-Shirt, farbiger Rucksack, der mit leichtem Schritt, fast laufend aufs Dorfzentrum zusteuerte. Dort fand er ein paar Kinder, die er etwas fragte, um dann schnurstracks auf mein Haus

zuzugehen. Tatsächlich, es klingelte.

 

Ich machte auf und sah in drei Augen. Zunächst die dunklen, lebendigen Augen meines Besuchers, dann in ein grosses Auge, das auf seinem T-Shirt aufgedruckt war. „learn to see" stand unten in einem roten Schriftzug zu lesen.

 

- Guten Tag, ich bin Ben. Du wolltest mich interviewen, hat man mir gesagt. Ich bin gerade in der Nähe. Ich studiere hier Sonnenaufgänge, Baumschatten und seltene Mineralien.

 

Ja, ich hatte davon gehört, dass es hier einen interessanten geologischen Aufschluss gäbe, Und in früheren Zeiten war ich auch mal auf einen Berg gestiegen, um die Sonne kommen zu sehen. Sie kommt jeden Tag. Sie weiss, wohl nicht wie schön wir sie finden und, sonst würde sie den Tag über vor Verlegenheit rot bleiben.

 

Ich tippte auf Körnchenfrühstück, aber er zog das Roggenbrot mit Butter und Honig vor. Hingegen fragte der nach arabischem Kaffee, nachdem er sich mit Milch den Durst gestillt hatte. Das schien ihm doch etwas Heimatgefühl zu geben. Der beigegebene Kardamon vom freundlichen Tee- und Gewürzehändler in Martigny gab dem ganzen noch eine besondere Note.

 

- Immer noch vom Licht fasziniert? fragte ich Ben, der talaufwärts schaute, wie die Sonne die Bäume und Waldränder verzauberte.

 

- Vielleicht eher: vom Sehen. Von dem, was wir sehen und von dem, was wir nicht sehen. Vielleicht ist das wundersamer: was wir alles nicht sehen, obwohl wir darauf schauen.

 

- Es wäre ja auch zu viel, wenn wir alles auf einmal sehen und verstehen müssten. Können wir doch als beschränkte Wesen gar nicht.

 

- Das stimmt schon, aber meistens fallen wir dann ins Gegenteil und sehen nur noch das, was wir sehen wollen. Oft lebt es sich auch viel angenehmer, wenn wir das Beunruhigende, das nicht Akzeptable verdrängen oder eine Perspektive wählen, in der es tatsächlich „vor unsern Augen verschwindet". Darum braucht es immer wieder jene, die uns das zeigen, was wir nicht sehen können und wollen, die Künstler, die Verwirrer, die Querdenker, jene, die auf der Suche nach Nicht-Selbstverständlichem sind.

 

- Was treibst Du jetzt?...

 

- Oh, ich mache ganz verschiedenes, um die Leute sehen zu lernen. Ich mache mit ihnen Exkursionen, ich lasse sie eine Sache zeichnen, die sie schon hundertmal in der Hand gehabt haben, damit sie es richtig anschauen, ich studiere die Leute und bringe sie dazu, über sich zu lachen, nur indem ich dasselbe tue, was sie tun - kürzlich war ich drei Jahre lang Clown in einem Zirkus. Ich arbeite als Stadtbeobachter und schreibe dann eine Reportage über die Stadt. Das ist eher gefährlich; es gibt immer Politiker, die nicht sehen wollen, was ich sehe. Sie möchten, dass ich nach der Devise Morgensterns verfahre: dass es nicht geben kann, was es nicht geben darf. Blindheit hat oft System, ist ideologisch. Und bei Ehepaaren und Familien lehre ich sie, sich wieder anschauen zu können. Freundlich, verstehend, „gemerkig".

 

In der Zeit als ich blind war, stellte ich mir das Sehen viel einfacher vor. Ich wusste nicht, dass man so viel auf einmal sieht, und dass es viel einfacher ist, wegzuschauen: beim Hören ist das etwas komplizierter. Du hörst den Hund bellen, auch wenn du in die andere Richtung schaust.

 

Und dann kann man sich die Welt eben durch das Sehen und die Bilder einrichten. Visuelle Verführung und Selbstbetrug. Ich schaue nur noch das an, was mir passt, oder: alle werden durchs Fernsehen gleichgeschaltet, was sie sehen sollen und dürfen. Die 300 Kanäle bringen das, was bezahlt wird. Nur „marktfähige Wahrheit" läuft. Manchmal färbt man das Bild etwas blutiger, wenn es schrecklich aussehen muss, ist das Mass für „realitätsnahe schreckliche Bilder" oder die Anzahl der Skandale, über die man sich aufregen darf, erfüllt, kommt wieder eine versöhnliche oder beruhigende Nachricht. Geheime Steuerung, organisierte Blindheit.

 

-       Am Schluss Deiner Geschichte im vierten Evangelium sagt Dir Jesus: Zur Scheidung bin ich in diese Welt gekommen - die Nichtsehenden sollen sehen und die Sehenden blind werden... Scheint immer noch aktuell zu sein.

 

- An Vorurteilen mangelt es nie, weder im Kleinen noch im Grossen. Es vereinfacht ungeheuer das Leben, wenn ich mir die Welt mit festen Vorstellungen zunagle. Und je mehr Menschen es gibt, und je enger die Verhältnisse auf unserm Planeten werden, desto mehr wächst die Gefahr, dass wir nicht mehr richtig hinsehen.

 

-       Das Wunder an Dir hat den Pharisäern damals gar nicht gepasst. Deshalb suchten sie es auch mit allen Mitteln als falsch zu erweisen. Dieser Jesus hatte schon zu viel Anhang und machte ihnen Konkurrenz. Und dann noch die Art und Weise des Wunders... Am Sabbat einen Teig machen, und du musst hingehen und Dich im Teich waschen. Gott erhört doch keine Sünder. Am Schluss wiederholten sie die moralische

Ächtung des Kranken: Du bist ganz und gar in Sünden geboren.... Es durfte einfach nicht sein.

 

- Verurteile sie nicht zu sehr. Viele haben wirklich ehrlich geglaubt und wollten wirklich das Gute erkennen und tun. Wir müssen wirklich lernen, die Wirklichkeit immer wieder

neu zu entdecken. Ich habe langsam lernen müssen zu sehen, und ich habe die Gnade gehabt, das bewusst lernen zu können. Wir sehen nicht „einfach so", und selbst wenn wir mehr sehen wollen, müssen wir es oft lernen. Die richtige Perspektive finden, das zu sehen, was uns Tradition und Gesellschaft, ja, Kirche nicht zu sehen erlauben, das ist oft Anstrengung. Und die Kritiker, die oft mehr und anderes sehen, sind oft meist alles andere als beliebt. Oft heisst es: Du musst der Wahrheit ein anständiges Kleid anziehen, und dann kommen sie gleich mit einem Winterpelz daher und mummen die Wahrheit so ein, dass man von ihr nichts mehr sieht...

 

Ich habe das Symbol des Wassermannes sehr gerne. In unseren heissen Ländern wissen wir, was es heisst, Durst zu haben. Da sind die Wasserträger - oder die Colaverkäufer, die Hausfrau, die dir ein Glas Wasser gibt, der Inder, bei beim du eine Kokosnuss austrinken kannst - geschätzt. Es sind oft arme Leute, die auf der Strasse leben. Aber sie kennen alle Leute, reich und arm, in den Stunden der Not, der Bedürftigkeit. Ohne Wasser können wir nicht leben. Werden wir im 3. Jahrtausend genügend Wassermänner haben, die der Not, der Realität nahe genug sind? Die ohne Scheuklappen und ohne Ideologie die Wirklichkeit sehen und dann handeln? Jesus sah mich; ich habe ihn nicht um ein Wunder gebeten. Er handelte. Wir haben wenig Worte miteinander gewechselt. Aber er hat mein Leben geändert und ich versuche nun, sein Werk weiterzutragen.

 

Wir sprachen noch etwas weiter über die Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts. Unter anderem wird es wirklich ums Wasser gehen, ob wir für so viele Menschen sauberes Wasser bereitstellen können. Vielleicht werden einige der kommenden Kriege bewaffnete Auseinandersetzungen um Wasser, um Quellen und die Nutzung von Flüssen sein. Wir können sie nur vermeiden, wenn wir lernen, gemeinsam die Probleme zu sehen und friedliche Lösungen dafür zu finden. Wahrhaftig, Wassermann - Aufgaben!

 

Wir verabschiedeten uns. Nun sah ich die Rückseite seines T-Shirts. Zwei, die sich anschauen. „learn to love", stand darunter.

 

 

 

 

 

 

Maria II

 

---

Wer von den Persönlichkeiten, die im Passionsbericht des vierten Evangeliums auftreten, würde mich wohl besuchen? Denn diese große Geschichte war ja jetzt wohl an der Reihe, wenn ich die bisherige Regie verstanden hatte. Es gab eine große Auswahl. Ich dachte an manche Szenen und Details dieses Berichtes, die mich faszinierten, mir aber auch große Fragen aufgaben. Eine war eine Geschichte, in der viele Prophezeiungen erfüllt wurden und die zugleich schwanger war von Verheissungen und Ahnungen für die Zukunft, auch noch für die Zeiten, die jetzt für uns noch Zukunft sind.

 

Die Neue Zürcher Zeitung, die ich mir im Dorfladen besorgt hatte, und die normalerweise sehr sparsam ist mit Bildern, brachte einige Politikerphotos, Männer und Frauen. Ich gab mir Rechenschaft, dass immer mehr Frauen eine große Rolle spielten. Im vierten Evangelium war es eigentlich auch so. Nimm die Frauen heraus und es bleibt ein arg angeschlagenes Torso! Das erste Zeichen ist das Zeichen von Kana - Jesus und Maria helfen dem unbekannten Brautpaar. Im ganzen Evangelium sind immer Mann und Frau beteiligt, wechseln als Hauptpersonen ab. In der letzten Phase wird es so sein, dass die Apostel fliehen und die Frauen jene sind, die Jesus begleiten und unterm Kreuze stehen. Eine Frau wird es auch sein, die als erste dem Auferstanden begegnet und so die Zeugin wird. Wer also wird kommen?

 

Es klingelte. Draussen stand eine Frau, mittleren Alters, schwer zu schätzen - heute weiss man nie, ob sie schon längst Grossmütter sind.

 

-       Darf ich eintreten, Paul?

 

Die erste, die mir den Namen sagt, überlege ich mir.

 

-       Bitte, hereinspaziert, es ist schon alles bereit. Sie sind doch wohl auch von der Wassermann-Crew? fragte ich zur Sicherheit.

 

- Oh ja, meinte sie. Ich bin gewissermassen das Wasserschloss.

 

-       Ah, meinte ich verlegen. Ich war mir immer noch nicht ganz sicher, wen ich vor mir hatte. Die Magd, die den Petrus entlarvte, hatte ich ausgeschlossen, ebenfalls die diesem Evangelium fremden weinenden Frauen und die Frau des Pilatus. Aber immer noch waren es unter dem Kreuz drei Marien gewesen. Welche hatte ich vor mir? Ich liess sie vor mir auf die Terrasse gehen und musterte ihr „Outfit", wie man heute in der Alltagssprache sagt. Sie hatte einen schönen, langen, weiten Hosenanzug an; die Jacke war fast knielang. Es war ein leichter Stoff, schön gemustert in verschiedenen Blaus, feine Wasserwellen imitierend. Sie trug Halskette und Armband aus feiner Silberarbeit, in die kleine weisse und rote Glassteine eingefasst waren. Kein teurer, aber ein schöner Schmuck. Auch das Kleid schien aus dem Warenhaus zu stammen. Trotzdem schön, aber nicht protzig.

 

Das „Wasserschloss" - war es die Mutter Jesu, die „Frau", wie sie im vierten  Evangelium genannt wurde, selbst?

- Mein Sohn lässt Dich grüssen. Er sagt, er werde diese Tage noch selbst vorbeikommen, im selben Rahmen wie wir.

 

Sie war es also, diese besondere Mutter. Es gab hunderttausende von Bildern von ihr, schöne und weniger schöne, Maria als Königin, als einfaches Mädchen, als Frau unterm Kreuz, streng, freundlich, dick, dünn, bleich, mit üppigem Wangenrot, neuerdings als Afrikanerin und als Japanerin. Alle stellten sie dar nach ihren Vorstellungen, Projektionen, Bräuchen, Möglichkeiten. Da sass sie nun, ganz anders. Als Frau, in stiller, wacher Präsenz. Ich wusste nicht so recht, wie die Konversation anfangen. Wenn man zu viel Anliegen hat, verschlägt es einem oft die Sprache.

 

-       Ist es anstrengend, Mutter eines solchen Sohnes zu sein?

 

Sie lächelte.

 

- Mit der Aufgabe wachsen auch die Mittel. Im andern Leben gibt es andere Möglichkeiten. Sonst sässe ich nicht hier - und sonst könnte ich nicht Dein Deutsch verstehen und Dir antworten.

 

-       Dann verändert man sich also völlig?

 

- Oh nein. Das Äussere ist wohl ganz anders - aber das Innerste, das Herz bleibt dasselbe. Sonst wäre ich nicht Maria geblieben. Damit die Liebe bleibt, bleibt auch das Herz, der Kern, unser Innerstes.

 

-       Wir lesen von Dir nicht viel im Evangelium. Du eröffnest am Anfang mit Deiner Bemerkung „Sie haben keinen Wein mehr" den Reigen der Zeichen und am Schluss erscheinst Du wieder, beim Höhepunkt auf Golgotha.

 

- Zur Menschwerdung gehörte, dass wir zunächst ins Alltagsleben und so in die normalen Rollen von  Mann und Frau mit eintauchten. Es ist ganz normal, dass die Söhne in der Öffentlichkeit meist nichts mit ihren Müttern zu tun haben wollen. Söhne müssen sich, wenn sie erwachsen werden, von ihren Müttern absetzen, auch wenn die Sohn – Mutter - Bindung in der Seele eine der stärksten Bindungen bleibt. Das gibt normalerweise eine gewisse Distanz. Töchter können sich leichter mit ihren Müttern identifizieren. Wir Mütter bleiben aber immer da, oft unbemerkt, im Hintergrund. Oft tun wir die Arbeit und die „Herren" laufen mit den Lorbeeren herum.

 

-       Und das wird so bleiben? Im neuen Zeitalter?

 

- In einem gewissen Masse sicher. Zur Identifizierung mit seinem Geschlecht gehört ein gewisses Gegensatzbewusstsein. Ich bin ein Mann, darum verhalte ich mich so und so... und nicht wie die Frauen. Auch wenn die Rollenzuteilungen in den Kulturen nicht gleich sind,

wir brauchen und suchen eine gewisse Spannung - ich glaube nicht, dass sich das ändern wird.

 

 

Aber es muss ja nicht sein, dass die Spannung extrem wird, das aus der Verschiedenheit Krieg und Verachtung wird. Vielleicht gelingt es den Menschen im

Wassermann - Zeitalter, ganzheitlicher zu sein, Menschen, die die innere Freundschaft und den inneren Reichtum der Geschlechter in sich tragen. Dann kann man sich ergänzen und sogar stellvertretend für einander einspringen.

Aus der „inneren  Freundschaft", des Fraulichen und Männlichen in mir kann dann die „äussere  Freundschaft" wachsen - die Fähigkeit, mit dem andern Geschlecht in gegenseitigem Austausch zu leben und zusammenzuarbeiten.

 

-       Und das war bei Euch so? Weisst Du, es gibt viele Theologen und Fromme, denen es ganz recht ist, wenn Du am Rande bleibst. Die Motive scheinen verschieden zu sein. Für die einen ist Gott derjenige, der alles alleine macht, andere neiden Dir Deine Stellung und Tätigkeit.

 

- Wenn der liebe Gott alles alleine machen wollte, hätte er nicht die Menschen schaffen und ihnen noch ein schönes Stück Freiheit auf den Weg geben müssen... Sieh doch, was sich mein Sohn für eine Mühe gemacht hat, aus den 12 Galiläern seine Freunde und Mitarbeiter zu machen. Nur die schlechten Lehrer haben Freude daran, wenn sie am Schluss alles selber machen und ihren Schülern die große Standpauke halten müssen...

 

-       Andere meinen, Du seiest gar keine richtige Frau, sondern nur eine halbe, und wenn man Deine Familie anschaue, sei es schon ein bisschen schwierig - die Frau hat ein Kind ausserirdischen Ursprungs, lebt mit einem Alten zusammen, der nicht zählt, und der Sohn läuft mit 12 Jahren davon...

 

Ich staunte über meine Frechheit, das so direkt zu sagen. Dass man das denkt, kann man ja noch verstehen, aber das waren ja direkt Journalistenfrechheiten! Ich spürte, wie ich rot wurde.

 

- Du hast ganz recht, sagte sie entwaffnend. … Es war gar nicht der Plan, alles vollkommen zu machen. Im Gegenteil. Er wollte teilnehmen am normalen Leben, das geprägt ist von Dingen, die schief laufen und die nicht dem Ideal entsprechen. Deswegen sind ja auch die letzten Tage in Jerusalem so schwierig geworden. Vor nichts wollte er sich schonen, nicht vor Schmerz, Verlassenheit und Tod. Unsere Familie war von Anfang an schwierig, wie es eben viele Familien sind und wohl in Zukunft noch mehr sein werden. Wir hatten allerhand auszuhalten auf der Flucht, als Ausländer, später als Rückkehrer.

 

Das wird aber auch die Herausforderung des neuen Zeitalters sein, in den neuen Verhältnissen der überbevölkerten Erde überall familienhafte Solidarität zu leben. Allein wird man nicht überleben können, ihr braucht Schwestern, Brüder, Eltern und Kinder - auch wenn sie es biologisch nicht sind. Und viele brauchen Euch als Schwestern und Brüder und als Gefährten und Gefährtinnen.

Noch am Kreuz hat mich mein Sohn dem Lieblingsjünger anvertraut - und es gab Zeiten, wo ich sehr auf ihn angewiesen war. Seine Familie hat mich gut aufgenommen.

 

-       Ihre Worte führten mich in Gedanken in andere, arme Länder, wo ich gelebt und diese Realität aufgenommen hatte. Ohne Familie - echte oder „unechte" spielte keine Rolle - war man verkauft. Und das nächste Jahrhundert würde ja wohl in weiten Teilen von dieser armen Überlebenskultur geprägt sein. Wo die tätige Liebe und die praktische Solidarität zählt, nicht die theoretische. Sie schien zu merken, dass ich mich im Geist auf Reisen befand und widmete sich dem Tee und dem harten Walliser-Brot.

 

-       Darf ich Dich noch etwas zu den geheimnisvollen Zeichen der Passionsgeschichte fragen? Wie war es denn mit diesem Ereignis, das der Lieblingsjünger unter Schwüren so feierlich berichtet, dass der römische Soldat kam und mit einem Lanzenstich sich vergewisserte, dass Jesus tot war. „Und sogleich floss Blut und Wasser heraus" heisst es dort, und das ist ihm so ungeheuer wichtig.

 

-       Eigentlich wieder eine grausame Frage an eine Mutter. Hatte ich mich schon so gewöhnt an unsere Indiskretion des 20. Jahrhunderts, oder war des die Verführung durch die religiöse Neugier?

- Wir standen unter Schock. Es ging alles so schnell, so grausam, so unverständlich, inmitten der Masse der Paschapilger und der politisch angeheizten Situation. Wir als Galiläer waren in Jerusalem noch dazu halbes Ausländerpack. Eure Paparazzi hätten es kaum mitgekriegt. Es geschah in Eile, die Leute hatten sich schon verlaufen. Die Leichen sollten verschwinden, Josef von Arimathäa, ein guter Freund unserer Familie, geistesgegenwärtiger als wir, hatte sich einen Schein besorgt. Für den Soldaten war es eine Routinesache. Stechen war schneller und einfacher als Knochen brechen. Aber der Lieblingsjünger sah alles, auch das Aussergewöhnliche.

Es war eben der Wassermann. Er selbst hatte sein Leben ausgegossen, bis zum letzten Tropfen. Für uns, seine Freunde. Wie er es am Abend vorher gesagt hatte. Um es nachher, bei der Auferstehung wieder zu nehmen und uns neu zu schenken. Im Geschenk des Geistes. Ich habe es erst viel später verstanden.

 

 

Sie sprach ganz leise und die letzten Sätze ganz besinnlich. Ich schaute sie an. Ihre Augen verrieten, dass auch sie in Gedanken weiter weg war. Ihre Hände lagen im Schoss. Die Sonne liess die verschiedenen Blau ihres Kleides sanft leuchten und die weissen und roten Glassteine ihres Schmuckes glitzerten im Spiel der hellen Strahlen. Jetzt verstand ich die Botschaft ihres Kleides...

 

„Ich bin das Wasserschloss", hatte sie gesagt. Wenn die Quelle gefasst wird, baut man, meist unsichtbar im Berg, das Wasserschloss, um das Wasser zu speichern und es von dort aus zu verteilen. Sie hatte sich im Gespräch nicht verschlossen gezeigt und sie hatte auf meine zudringlichen Fragen offen geantwortet. Aber ich spürte auch den Bereich des

Geheimnisses, und dass sie lieber im Berg verborgen bleiben würde. Fruchtbarkeit muss nicht immer mit viel Öffentlichkeit verbunden werden. Die Frau, die sich ganz einsetzt, und wenn nötig auch ganz vorne - beim Kreuz - steht, aber auch, und vielleicht lieber, die Mutter im Hintergrund. Die „Wasserfrau"...

 

Wir sprachen noch eine Weile über ihre jetzige, meist verborgene Tätigkeit. Dann läutete es an der Türe. Maria sagte:

 

Es sind die andern beiden Marien. Wir gehen meist zusammen. Ich sagte Ihnen, sie sollten mich in einer halben Stunde abholen, ich müsse noch zu einem - ja, was habe ich

gesagt?, zu einem....

 

-       neugierigen Wassermannforscher, beendete ich den Satz.

 

- Richtig. Zu einem sehr, sehr neugierigen Freund meines Sohnes.

 

Nach kurzer Begrüssung meinerseits verabschiedeten sich die drei Freundinnen von mir und liessen mich allein.

 

Ich sass noch lange und forschte im Bericht des Lieblingsjüngers.

 

 

 

 

 

 

Thomas

 

Nachdem Maria gegangen war und ich meinen Gottesdienst hinter mich gebracht hatte - immer noch beeindruckt, nicht gerade benebelt, aber innerlich genügend abgelenkt, so dass ich darauf achten musste, keine Fehler zu machen, da kamen die Zweifel.

 

Warum musste es gerade eine Frau sein, aus der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte, die die erste Zeugin war? Eine wirklich beeindruckende Frau, mit Gespür - aber eben, konnte man nicht vielleicht sagen, etwas zu viel Gespür?

 

Zweifel begleiten unser Leben. Manchmal sind sie auch heilsam. Oft sind sie eine Plage. Die Wissenschaft baut auf ihnen auf, für die Liebe können sie tödlich sein. Es gibt keine Möglichkeit, an ihnen vorbeizukommen, es sei den, man spielt die drei Affen, die nicht hören, nicht sehen, nicht riechen.

 

Am nächsten Tag bereitete ich alles für Thomas, den Zweifler vor. Natürlich gab es andere Möglichkeiten, aber ich traf mal eine Entscheidung. Damit konnte ich auch zweifeln, ob ich recht hatte. So fangen viele Spiele mit sich selbst an, nicht?

 

Er kam, aber wie es der Tradition entsprach, zu spät. Er kam immer zu spät - was auch seine Vorteile hat.

 

Er kam aber nicht allein.. Als es klingelte, kam eine ganze Kinderschar mit, die hinter ihm folgte als wäre er der Rattenfänger von Hameln. Die Kinder, die sonst im vierten Evangelium praktisch nicht vorkommen. Warum wohl? Ich weiss es nicht.

 

Nun konnte ich mir vorstellen, warum er so häufig zu spät kam. Er hatte offensichtlich immer Kinder um sich. Auf dem Weg zu mir kam er am Spielplatz vorbei, wo die Kinder des Dorfes spielten. Bei mir passiert da nicht viel ausser dem Grüssen und Nicken. Aber er war offensichtlich kaum mehr vom Fleck gekommen. Wetten, dass er bereits die Hälfte der Namen kannte?

 

Nach 10 Minuten, als alles entsprechend beäugt war, die Cola-Flaschen aus dem Eisschrank leer dastanden und die Schokoladen ins „warme Jenseits" gewandert waren, gingen die Kinder wieder nach draussen nachdem Thomas ihnen versprochen hatte, er werde dann nachher nochmals kommen und sie ein neues Spiel lehren, wurde es etwas ruhiger im Haus. Wir setzten uns auf die Terrasse.

 

Er hatte eine verwaschene Cordhose an, deren Ursprungsfarbe nicht mehr auszumachen war, Sportschuhe von der Sorte, bei denen einem der Verdacht kommt, sie seien schon seit 16 Jahren angewachsen, ein buntes Hemd in indischen Farben und üppige schwarze Wuschelhaare, die keinen Coiffeur brauchten und sich zum Herumtollen mit Kindern bestens eigneten. Sein Bart war nicht aufdringlich, eher kurz und verdeckte den Mund nicht, so dass man gut sah, was ihm passte oder nicht passte, ob ihm zum Lachen oder zum Weinen war.

Es gibt die Stubenhocker-Zweifler, die an allem aus Prinzip zweifeln, und vielleicht

auch

 zweifeln, weil sie zu wenig von der Welt gesehen haben. Und dann gibt es jene

Zweifler,

die eher zu viel von der Welt sehen, und

daher mit zu schnellen, zu fadenscheinigen, zu ideologischen und zu frommen

Erklärungen nichts anfangen können.

 Die zweiten waren mir viel sympathischer.

Thomas, wenn er wirklich ein Zweifler war, schien

mir eher zur zweiten Sorte zu gehören...

 

 

Ich hatte nach den Interviews etwas die Angst verloren und rechnete unterdessen auch damit, dass die Besucher des vierten Evangeliums direkte Fragen erwarteten.

 

-       Du scheinst immer noch zu spät zu kommen, was mir jetzt eigentlich sympathisch ist, nach dem ich weiss, dass du dich mit den Kindern abgibst. Aber wie steht es mit den Zweifeln? Zweifelst Du immer noch?

 

- Natürlich, und wie! Weisst Du, der grosse Paps (damit sollte wohl Gott-Vater gemeint sein?, dachte ich bei mir) hat sich nicht geändert. Immer die gleichen komplizierten Pläne und Verwicklungen, und noch sagt immer er nicht, was eigentlich gespielt wird, wenigsten nicht so bald. Du musst höllisch aufpassen, dass du nicht reinfällst. Da tut das Zweifeln ganz gut.

 

-       Nanu, ich dachte, das hätte doch wohl nach dem grossen Übergang ein Ende. Ist das Himmel, wenn ihr in dieser Unsicherheit leben müsst, ständig hinters Licht geführt zu werden? Ich hab da schon meine … Zweifel!

 

- Du siehst das ganz verkehrt. Erstens sind unsere menschlichen Köpfe viel zu klein, um alles verstehen zu können. Es gibt nur einen Allwissenden, und wie der es macht, ist uns nicht einsichtig. Zweitens - du kannst auch daran zweifeln, wenn du willst, aber es scheint so zu sein - wäre es Ihm viel zu langweilig, alles nach leicht einsehbaren Plänen werden zu lassen. Und für uns wäre es auch langweilig. Stell Dir vor, Du gingst in einen Film und wüsstest schon immer, wie es ausgeht.

 

-       Bei den Opern kannst Du aber schon alles vorher lesen, was geboten wird. Das wäre ja auch eine Möglichkeit, meinte ich, aus Gewohnheit zweifelnd.

 

- Es sind nicht alle so musikalisch, brach Thomas diesen Teil des Gespräches mit einem nicht sehr eleganten Argument ab. Meinerseits fühlte ich mich aber auch mit der Vorstellung nicht ganz wohl, einen Himmel lang nur mit dem Operngucker herumspazieren zu müssen.

 

-       Aber Du spielst gerne?

 

- Natürlich, darum kann ich es auch mit den Kindern.  Ist meine Stärke und meine Schwäche. Auch das Zweifeln kommt daher. Weisst Du: spielen mit anderen Gedanken, mit anderen Möglichkeiten. ..

 

-       Wie ging denn das mit Jesus und seiner Botschaft? Das war doch eine vergleichsweise ernste Sache? Oder irre ich mich da?

 

- Es gibt sehr ernste Spiele, und viele Spiele sind nur interessant, weil sie die Situationen unseres Lebens abbilden. Und in vielen Spielen ist eben beides verbunden: Freude und Trauer. Und zu den schönsten Spielen gehören jene, die voller Überraschungen sind, wo Liebende sich verstecken und dann wieder kommen... Dort musst du Vertrauen lernen.

 

Du kannst die Geschichte Jesu lesen, wie du willst: Wie ein Spiel, das die Geschichte der Welt abbildet und zur himmlischen Realität führt, oder wie eine irdische Geschichte, die zum himmlischen Spiel führt. Es ist praktisch nicht zu entscheiden, was die bessere Interpretation ist. Wichtig ist, dass du dich hineinziehen lässt, dass du mitspielst...

 

-       Und das hast du immer wieder getan? Von Dir wird berichtet, dass Du, als Jesus zum toten Lazarus in die Nähe von Jerusalem gehen wollte, gesagt hast: „Gehen wir mit ihm um zu sterben!" War Dir ernst damit?

 

- Gut, die Situation war wirklich gefährlich war - du weisst ja, wie es dann endete. Aber so bin ich halt. Entweder halte ich mich zurück, oder dann bin ich ganz drin. Eben wie Kinder beim Spielen.

 

-       Und was machst Du jetzt? Reisest Du immer noch um die ganze Welt? Bis du immer noch Asien-Fan? Versuchst du die „Ungläubigen zu bekehren", als bekehrter „ungläubiger Thomas"? Du weisst, ich bin halt neugierig.

 

- Ich treibe Kernphysik.

 

           Mir blieb ein Moment der Mund offen. Kernphysik??

 

- Kernphysik, ist doch klar. Erstens: Wissenschaft lebt vom organisierten Zweifel. Wir Physiker haben bis jetzt alle Modelle der Materie und der Atome bezweifelt, mit Erfolg. Jetzt ist es erst recht interessant. Zweitens: Herauszufinden, wie die „ersten Spiele" des lieben Gottes aussehen, finde ich spannend. Wie ist die Materie „zusammengewürfelt"? Es scheint sowieso so zu sein, dass da am Anfang vieles wie ein Riesen-Spiel vor sich ging. Wie er, das ganz grosse Kind, aus einfachen Bausteinen alles werden lässt... Drittens: wir sehen nicht, und müssen doch glauben. Wir untersuchen Dinge, die man nicht sehen kann. Sie sind viel zu klein, viel zu kurzlebig. Wir haben nur ein paar Nebelbildchen mit Spuren drin und viele, viele Zahlen. Da müssen wir uns einen Reim draus machen...

Und ich versichere Dir, da muss man oft eine Phantasie haben wie ein Kind.  Querdenken, anders denken ist gefragt, unsere Alltagsvorstellungen hinter sich  lassen...  Kinder können das oft besser.

 

 

-       Deine Frage am letzten Abend mit Jesus ist wie eine Frage, die vielleicht viele stellen, wenn sie ans neue Jahrtausend denken: „Herr, wir wissen nicht, wohin Du gehst - wie sollen wir dann den. Weg wissen?"

 

- Wenn Du nicht weisst, wohin der Weg geht, kannst du dich aufregen oder Angst davor haben. Aber so ist es halt, dass wir den Weg nicht kennen. Es wäre vielleicht gar nicht gut, immer zu wissen, was auf uns wartet. Nicht das Wissen ist gefragt, sondern das Mitspielen. Gute Freunde wissen auch nicht, was kommt, aber sie sind bereit, den Weg mitzugehen.

 

-       Aber wie verbindest Du das mit dem Zweifeln? Ist das nicht ein innerer Gegensatz: Mitspielen und immer zweifeln??

 

- Ich empfinde das nicht so. Einmal: nichts Ehrlicheres als einen Zweifel ausdrücken. Meinst du, ich sei der Einzige gewesen, der zweifelte? Aber ich war der einzige, der es auch klar sagte. Vielleicht finden mich die Leute deswegen sympathisch. Aber es geht gerade in der Freundschaft immer wieder darum, dass ich vor mir und dem andern ehrlich bin. Und dann: denke an ein kompliziertes Spiel. Da musst Du doch auf der Hut sein, sonst gehst Du unter und tappst in jede Falle.

 

Viele Zweifel sind eine grosse Chance. Vieles verstehen wir besser, wenn wir Unklares, Zweifelhaftes geklärt haben. Und wichtig ist auch eine gewisse Distanz zu sich selbst, zu seinen eingefleischten Denkgewohnheiten und Meinungen. Gesunde Zweifel daran, dass man alles schon weiss und dass man die Dinge so und genau so machen muss. Das neue Jahrtausend wird sowieso viele neue Fragen stellen, in denen wir alte Pfade verlassen müssen.
 

-       Wohin geht es jetzt?

 

- Zuerst zu den Kindern, ich habe ihnen ein neues Spiel versprochen. Und dann geht es nach Genf, in die CERN. Wir haben berechtigte Zweifel, ob das Quarkmodell, so wie wir es jetzt einige Jahre hatten, wirklich stimmt. Der Baukasten des Lieben Gottes muss doch etwas anders ausgesehen haben, als wir bisher meinten.

 

 

 

 

Maria III

 

Sie kam sehr früh am Morgen. Am Sonntag. Als die Sonne aufging. (Wie könnte es anders sein...?). Das Dorf lag noch verschlafen da. Ich war vom Jogging zurückgekommen, hatte geduscht und war am Tee machen. Es klingelte. Nanu? dachte ich, so früh?

 

Es war Maria Magdalena. Ich hatte sie schon kennen gelernt. Sie hatte ja zusammen mit der anderen Maria, Maria die Mutter Jesu, bei mir abgeholt.

 

-       Guten Morgen! Immer so früh dran?

 

- Gleichfalls guten Morgen. Ich habe Dich laufen gesehen, ebenfalls fühmorgens…

 

-       Tee? Kaffee? Besondere Wünsche?

 

- Etwas Tee täte gut.

 

Nachdem wir draussen sassen, hatte ich Musse, sie genauer anzuschauen. Das war also Maria Magdalena, über die genügend phantasiert wurde. Weswegen war sie die erste, die den Herrn als Auferstandenen sehen durfte? Das war die neidige Frage, die die frommen und unfrommen Gemüter erregte und zu allerhand Theorien verleitete. Man hatte sie mit der Sünderin identifiziert und so musste sie später als Büsserin leben. Andere sahen in ihr die Liebende, ja Geliebte Jesu - je nachdem, welche Grenzen der Phantasie sich die Autoren auferlegten. Beide Schicksale sind sehr publikumswirksam. Aber das ist leider nicht das Kriterium der Wahrheit.

 

Für mich jedenfalls - oder wie sie sich mir zeigte - war sie jedenfalls keine Schönheit und wenig für eine kurtisanenhafte Karriere gemacht. Ich empfand eher das Gegenteil, was mit der Angabe in einem andern Evangelium übereinstimmte, dass aus ihr sieben Geister ausgefahren waren. Es sind normalerweise nicht die gesundesten Personen, um die herum solche Phänome wahrgenommen werden. Gezeichnet von sieben Krankheiten? Stimmt schon eher, dachte ich. Sie hatte zerfahrenes Haar, ein Zeichen, dass ihr das Äussere nicht wichtig war.

 

Aber es gibt Personen, Männer und Frauen, die wir nie im Leben als schön, eher als unmöglich oder gar hässlich bezeichnen würden, die aber trotzdem eine unwiderstehliche Anziehungskraft haben. Es gibt eine innere Schönheit, die alle äusseren Mängel überstrahlen kann. Es gibt eine Anmut im Verhalten, eine liebenswürdige Aufmerksamkeit, die sogar Abstossendes unsichtbar macht.

 

Magdalena war eine solche Frau. Ob sie es auch früher war, vor ihrer Krankheit und Heilung, kann ich natürlich nicht sagen. War sie immer so gewesen, oder war das ein Geschenk der Begegnung mit Jesus?

 

Ich entschloss mich, keine langen Einleitungen zu machen, aber auch nicht zu zudringlich

zu sein.

 

-       Vielleicht kennst Du die Frage schon: Warum erschien Dir Jesus als erste? Du brauchst aber nicht zu antworten, wenn du nicht kannst oder nicht willst.

 

- Ich weiss es wirklich nicht. Natürlich waren wir uns nah, und ich gehörte ja seit meiner Heilung zum engeren Kreis. Ich unterstütze ihn, mit allem was ich besass und was ich beitragen konnte. Ich dachte, das gehöre sich, aus Dankbarkeit. Aber ich kam nie auf die Idee, dass ich besonders wichtig wäre. Da gab es doch die Grossen, die Zwölf. Da gab es jene, die aufgrund ihrer Familien besondere Stellung hatten. Sie gaben mir ja auch immer wieder zu verstehen, dass sie mich in seiner Nähe mehr duldeten als schätzten. Für viele passte ich einfach nicht ins Konzept. Sieben Dämonen waren schon etwas viel. Das bleibt anrüchig. Vielleicht hatten sie leise Angst vor mir.

-       Und Jesus?

- Er behandelte mich immer sehr lieb und vornehm. Er zog mich immer hinzu, wenn schwierige Personen zu ihm kamen. Ich musste sie dann nachher begleiten. Er sagte: Du hast Gespür, Du kannst gut mit ihnen umgehen. - Er sprach oft mit mir allein.

 

-       Geheimes?

 

Sie lächelte.

- An sich nicht. Aber wir haben oft darüber gesprochen, was es heisst, Geheimnisse zu haben. Viele Leute haben Geheimnisse, an denen sie leiden, oder wenigsten meinen sie, daran leiden zu müssen. Oder sie brauchen Geheimnisse, um sich vor sich selbst und anderen wichtig zu machen. Viele ziehen ihre Identität daraus. Sie fühlen sich als die Helden, die z.B. die seelische Krankheit ihrer Mutter aushielten und zugleich darüber ein Leben lang geschwiegen haben. Oder sie tragen irgendeine wirkliche oder vermeintliche Schuld, die sie verbergen müssen. Das ist jedenfalls ihre fixe Idee.

 

Aber solche Geheimnisse können ungeheuer fesseln. Sie können krank machen, wie das ja auch bei mir war. Diese Menschen verschliessen sich, sie brauchen einen Panzer, um nur ja das Geheimnis nicht oder nicht allen zu verraten. Und wenn der Panzer genügend stark ist, können diese Menschen nicht einmal um Hilfe bitten. Sie können sich nicht zeigen, sie können ihr Geheimnis nicht einem Vertrauten darlegen, um vielleicht zu sehen, dass es gar nicht so schlimm ist, dass es gar nicht geheim zu bleiben braucht, dass es vielleicht zur gar nichts taugt. Und sie können nicht merken, dass sie vielleicht eine ganz falsche Identität aufgebaut haben, einen Tanz um ein Gespenst.

 

-       Und mit Jesus gab es keine Geheimnisse?

 

- Wir haben wohl die Kranen und Hilfesuchenden – oder eben, jene, die sich nicht helfen lassen wollten – geschützt und ihre Probleme, ihre echten und falschen

Geheimnisse, nicht weitergetragen. Aber unter uns zwei gab es keine Geheimnisse. Ich konnte mit ihm über alles sprechen. Das war ja das Wunderbare.

 

-       Und das war alles?

 

Schrecklich, diese meine Frage. Tönte wie eine indiskrete Attacke eines Boulevard-Journalisten, der etwas ganz Bestimmtes sucht und nicht findet. Aber ich war nun wirklich etwas erstaunt über das anscheinend so Einfache, das sie mir erzählte.

 

- Was heisst hier „das war alles"? Das ist sehr viel. Mach mal die Probe: mit wie vielen Freunden kannst Du über alles reden? Das ist nicht „Nichts", das ist sogar ungeheuer viel.

 

-       Dann war für Dich jener Freitag besonders schlimm, Folter, Tod, Begräbnis des vertrautesten Freundes.

 

- Ja, es war sehr schwer… Ich habe es erlebt wie in einer Trance. Ich spürte zwar, dass es irgendwie weitergehen sollte, aber in jener Stunde war nur Nacht.

Weisst Du, es gab zwischen uns schon Geheimnisse, aber anderer Art. Wenn er etwas sagte, was wir nicht verstehen konnten. Natürlich hatte er - das haben wir alle später gemerkt, rekonstruiert, - den Tod klar vorausgesagt, und auch, dass er auferstehen würde. Aber was heissen diese Worte schon vorher, bevor die Dinge passierten? Mir schwirrte das Wort im Kopf herum: wenn ich erhöht sein werde, werde ich alle an mich ziehen... Aber was sollte das wirklich bedeuten? Oder der große Donner in Jerusalem, aus dem einige die Worte heraushörten: Ich habe ihn verherrlicht und werde ihn verherrlichen! Aber - das war uns allen unverständlich.

 

So ging ich am ersten Tag der Woche möglichst früh zum Grab, wo wir ihn hingelegt hatten. Ich brauchte Zeit, ich musste verarbeiten. Ich dachte, ich müsse Abschied nehmen. Und dann kam alles ganz anders.

 

-       Du hast ihn zuerst gar nicht erkannt, heisst es.

 

- Natürlich nicht. Erstens sehen wir sowieso zunächst nur das, was wir sehen wollen, und dann tat er wirklich so, als sei er der Gärtner. Aber als er meinen Namen nannte, da war alles klar. D.h. fast alles. Denn wir mussten lernen, wie er da war. Ihr habt jetzt 2000 Jahre von der Auferstehung gehört und viele Vorstellungen entwickelt - für uns war das alles neu. Online - würde man heute sagen. Jetzt passierte es, Du musstest hören, sehen und antworten.

Wir sprachen eine ganze Weile, dann schickte er mich zu den Jüngern.

 

-       Dann ist das nicht so kurz gewesen, wie berichtet wird?

 

- Nein. Erstens hatten wir kein Tonbandgerät, zweitens habe ich dem Lieblingsjünger nicht alles erzählt,  und er  muss auswählen, was er schreibt.

Ich denke gar nicht daran, Dir alles  darzulegen, was wir damals sagten. Das ist mein Geheimnis! Aber ein gutes... es hat sich mir tief eingeprägt.

 

Wir schwiegen eine Weile. Nicht aus Verlegenheit, sondern weil wir Dinge berührt hatten, die auch beim Erzählen Zeit brauchen, Raum brauchen. Ich gab mir Rechenschaft, dass es ja wirklich aussergewöhnlich war, dass sie, die Vertraute, die erste Zeugin, mit mir über diese Stunden sprach, die wohl zu den schwersten ihres Lebens gehörten und ihr weiteres Leben bestimmten.

 

-       Ich bin da an einem Buch fürs neue Jahrtausend – begann ich schüchtern.

 

Was soll ich von Dir sagen? Willst Du etwas mitgeben?

 

Sie überlegte.

 

-       Das mit dem Geheimnis ist schon wichtig. Wenn du denkst, dass die Wassermänner und Wasserfrauen jene sind, die Freundschaft pflegen wollen, dann ist das ein wichtiges Thema und eine grosse Herausforderung. Nähe und Distanz…

 

 

-Heilsame Nähe kann die „schlechten" Geheimnisse auflösen und die Menschen befreien, die Begegnung ist oft etwas Schöpferisches, wir werden herausgerissen aus unserer Einsamkeit... Und es gibt die guten Geheimnisse, die gemeinsamen Erlebnisse, das was zwei oder mehr Menschen viel Wert ist. Oft sind es gar keine geheimnisvollen Dinge. Derselbe Berg, dieselbe Landschaft, derselbe Baum, dieselbe Musik ist für die einen nichtssagend und für die andern, für die Freunde, ein lebendiges Geheimnis...Und es gibt Feines und Zartes, das welkt und stirbt, wenn es an die Öffentlichkeit gezerrt wird. Vielleicht ist das eine Gratwanderung, die im neuen Jahrtausend zu bestehen ist: Mit soviel Menschen, mit soviel Informationsmöglichkeiten und Informationsbedürfnissen... wie könnt ihr den Raum des guten Geheimnisses schützen, wie könnt ihr den tiefen Beziehungen Raum schaffen?

 

Es klingelte. Ein junger Mann vor der Tür.

 

 – Ich bin Kleopas. Ist Maria hier?

 

-          Ja.

 

Wir gingen auf die Terrasse.

 

Kleopas sagte: Maria, es geht ihm nicht gut. Du weisst schon.

 

Die beiden sprachen mit den Augen. Ich verstand gar nichts. Ich wusste: es ging mich nichts an. Aber Maria wurde gebraucht. Die Frau mit Gespür. Jene, die mit Geheimnissen umzugehen wusste.

 

-       Kann ich noch etwas für Euch tun? fragte ich, nachdem die Augenkommunikation zu Ende war und Maria ganz still geworden war.

 

 

- Kann ich eben mal telefonieren?

 

-       Ja, im Büro.

 

Er telefonierte kurz.

 

" Wir sind hier in.... Wir kommen etwa in 1/2 Stunde zu Euch. Ist das gut so? ..., O.K. Grüsse!"

 

Die Glocken fingen an zu läuten, ich musste den Gottesdienst halten. Geheimnisvolles Timing. Wenn ich meine Predigt begänne, würde Maria und Kleopas dort ankommen. Heute musste ich sehen, wie ich über die Runden kommen würde. Es war schon eine etwas aufwühlende „Predigtvorbereitung".

 

 

Der Römer

 

Am nächsten Morgen liess der Besuch auf sich warten. Ich las in der Zeitung, Politisches   (Indien und Pakistan machen weiter auf kriegerischen Pfaden, Fruchtlosigkeit der Verhandlungen über Kaschmir), Wirtschaftliches (der Yen steigt, die Schweizer Wirtschaft ist gar nicht so schlecht, ein grosser Multi hat fehlinvestiert und die Aktien sausen runter) und im Feuilleton (Goethe - Jahr; Goethes Reiseberichte und seine Urteile über die Schweiz, Besprechung eines Kongresses über Wittgenstein und eines Buches über Wahrheitstheorien). Nach dreiviertel Stunden steht fest: ein ganz normaler Tag. Ausser eben, dass mein Besuch noch nicht gekommen ist.

 

Ich hole meinen Einkaufssack und will eben zum Haus hinaus, da schellt es. Ein elegant gekleideter Herr, graumelierte Haare, eine scharfe Nase, sauber rasiert, mit modischer Seidenkravatte und eleganten Schuhen steht vor mir.

 

- Guten Tag, Signore Vautier? Fragt mich der Ankömmlich.

 

-       Ja, guten Tag. Sie wünschen?

 

- Ich bin der Besuch, entschuldigen Sie die Verspätung. Sie wissen, die Schwierigkeiten im Flugverkehr mit den neuen Flugstrassen sind noch nicht behoben. Ich komme aus Rom.

 

-       Kommen Sie nur herein. Kaffee oder Tee?

 

- Nur einen kleinen Espresso - sie wissen, wir Römer halten nichts von Frühstück.

 

Ich tat mein Möglichstes. Mit der italienischen Kaffeesorte meiner Schwester sollte der Gast wohl zufrieden zu stellen sein.

Ich machte den Kaffee, stark und schwarz wie der Abgrund, aber duftend nach dem Paradies (falls es dort Kaffee gegeben haben sollte). Ein Römer? Nun, da gab es verschiedene Möglichkeiten. Der Hauptmann der Kohorte, die Jesus gefangen nahm? Einer der vielen Soldaten? Pilatus? Der Soldat, der mit seiner Lanze den Gekreuzigten durchbohrte? Viele Legenden gab es um diese letzten zwei. Ich tippte auf Pilatus. Aber was wollte der wohl bei mir? Was sollte ich ihn fragen?

 

Als ich aus der Küche kam, hatte sich der Gast schon eine Zigarette angezündet und las in der Zeitung. Politischer Teil.

 

- Wissen Sie, ich bin gerade auf dem Weg nach Nordirland. Mal schauen, ob wir dort einen Millimeter weiterkommen. Mein eigentlicher Name ist Pontius Pilatus, aber den kann ich ja nicht mehr gebrauchen, da glaubt mir kein Mensch mehr etwas. Ich reise und arbeite also inkognito. Meine Aufgabe ist es, mich unter die Verhandelnden zu mischen und die Politiker auf sanfte Weise zu vernünftigeren Gedanken zu bringen, möglichst so, dass sie denken, es seien ihre eigenen Ideen.

 

-       Hartes Geschäft?

 

 

- Ziemlich. Aber der oberste Herr ist sehr daran interessiert. Er hat sich nun einmal auf die Politik der Freiheit eingelassen mit allen schwierigen Folgen. Vieles, was den Menschen grossartig dünkt und was sie bestaunen, ist für ihn Nebensache. Millionen fiebern mit, wenn der Weltrekord im Stabhochsprung um ein paar Zentimeter erhöht wird. Interessanter wäre es, die Friedensbereitschaft kriegerischer Generäle zu erhöhen.

-       Ich war eigentlich wenig motiviert, ein Gespräch über Politik zu beginnen. Wenn ich jemanden nicht gut kenne, bleibt es einfach gerne bei Allgemeinplätzen oder historischen Erwägungen. Und von den eigentlichen Entscheidungsprozessen hören wir ja ohnehin nur das, was uns über die Medien vorgesetzt wird, und das ist herzlich wenig.

Pilatus? Ich konnte mir eigentlich nie ein inneres Bild von dieser Person machen. Dazu waren mir die Berichte in den Evangelien zu dünn - und drauflos phantasieren wollte ich auch nicht.

 

- Sind Sie überrascht, dass der Lieblingsjünger mich als nächsten Besucher schickte? - fragte Pontius, mein Schweigen deutend.

 

-       Ich hatte das flüchtig in Erwägung gezogen, aber dann eigentlich als realistische Möglichkeit verworfen. Es schien mir - zu... zu kompliziert.

 

- Kompliziert?

 

-       Ja. Wenn ich sie fragen wollte, wie das damals mit dem Prozess Jesu ging und den politischen Verwicklungen, würden sie wohl drei Stunden brauchen, um mir die Sache zu erklären. Und dann wäre ja noch die spannende, aber wahrscheinlich auch nicht schnell zu beantwortende Frage, wie es für Sie persönlich weiterging. Wir wissen ja eigentlich praktisch nichts über Sie. Immerhin, dass sie gelebt haben, bezeugt ein alter römischer Stein, den man ausgegraben hat.

 

Er schmunzelte.

 

- Ich habe auch nicht die Absicht, alle Geheimnisse zu lüften. Nun, wissen Sie, meine Zeit dort im Vorderen Orient war ziemlich bewegt. Man hatte mich hingeschickt, weil ich als guter Vermittler galt. Von Hause aus zog es mich eher zum Studieren und Philosophieren, aber das konnte ich mir als Abkömmling einer „guten römischen Familie" kaum leisten. Tja, und dann wurde es eine schwierige Zeit. Die Jesus-Geschichte war nur eine von vielen, es war sehr unruhig in der Gegend. Die Familie des Herodes wollte partout Macht und Einfluss behalten und versuchte, möglichst die Gunst des Kaisers zu erlangen, um dann in die eigene Tasche zu wirtschaften. Den religiös-schwärmerischen Kreisen passte das nicht ins Konzept. Und Sie wissen, wie es endete: 40 Jahre später kamen die Römer und belagerten Jerusalem. Und nochmals 70 Jahre später mussten sie nochmals kommen und

haben dann noch gründlicher aufgeräumt. Ich war damals im Clinch, es liefen verschiedene Verhandlungen und ich konnte es mir im Moment nicht leisten, das Vertrauen der Jerusalemer Oberschicht zu verlieren. Ich merkte zwar gleich, dass dieser Jesus keine politischen Ambitionen hatte, und machte zaghafte Versuche, ihn loszubekommen - aber, wie sie wissen ohne Erfolg.

 

Aber dann geschah etwas Eigenartiges. Ich war oft ihn ähnlichen Situationen. Von den meisten vergass ich bald die Gesichter und Einzelheiten. Aber dieser Jesus ging mir nicht aus dem Kopf Das Verhör mit ihm war so anders, wir sprachen plötzlich über Gott und die Welt... Und dann, diese Gestalt, dieser Blick, als die Soldaten ihn zurückbrachten, nachdem sie ihn ausgepeitscht und mit ihm ihr Spiel als „König der Juden" getrieben hatten. Es gibt Blicke, die man nicht vergessen kann. Dieser Blick kam aus einer anderen Welt.

Diese Gestalt liess mich nicht mehr los. Ich versuchte aber, ihn los zu werden. Solange ich dort noch als Präfekt zu tun hatte, ging das halbwegs. Jeden dritten Tag gab es irgendeine Geschichte, um die ich mich kümmern konnte und musste, und damit trat das Gesicht des Nazareners in den Hintergrund. Aber nachher!

 

Als ich dann wieder - ohne viel Erfolg gehabt zu haben - wieder in Rom war, liess mich die Sache nicht los. Dieser Wahrheit musste ich auf den Grund gehen! Und so kommt es, dass ich heute, wie Sie sehen, Mitarbeiter im engeren Team geworden bin. Leider immer noch mit relativ aussichtslosen Dingen betreut. Aber der Allerhöchste meint eben, dass es sich nicht lohne, im Himmel Sandkastenspiele zu treiben. Ich solle lieber dort etwas zu erreichen suchen, wo es um die lebendigen Menschen gehe, auch wenn der Erfolg nicht so sichtbar sei. Er kenne die Verhältnisse schon - er wisse auch zu schätzen, was ich erreichen würde.

 

-       Gibt es da überhaupt Erfolge?

 

- Wir müssen uns über die Grenzen des Möglichen ins Klare kommen - Politik ist immer die Kunst des Möglichen. Mit jedem Menschen wird eine neue Welt geboren, und das Menschenkind will auch Zentrum seiner Welt sein. Mit jedem Säugling fängt eine neue dramatische Geschichte an, geprägt von Liebe und Hass, von Egoismus und Hilfsbereitschaft, von Wahrheit und Irrtum, von Leidenschaft und Faulheit, von Freundschaft und Distanz, von Zeugen und Gebären, von Erziehen und Ablösen, von Streit und Versöhnung. Es kommen die Zeiten von Kraft und die Zeiten von Krankheit und nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit dem Tod. Deswegen ist der Frieden auch eine große Leistung und oft schlicht eine Ausnahme. Aber das sind eben die Spielregeln. Mit dem Stück Freiheit, die uns gegeben ist, und die der Grund ist, dass wir wirklich lieben können, ist der ganze Rest auch als Möglichkeit mitgegeben und begrenzt die Möglichkeit eines äusseren irdischen Schlaraffenlandes ganz gewaltig.

 

Aber es gibt innere Grösse; Menschen, die im Kuddel-Muddel einen geraden Weg gehen, die ihre Freiheit zum Guten ausnützen, die vielleicht aus ganz ungünstigen Verhältnissen heraus Bewunderswertes erreichen, auch die gibt es. Das sind die Wunderwerke, die der Allerhöchste sucht. An ihnen hat er seine besondere Freude.

 

-       Hm, nicht so leicht zu verdauen, was Sie da sagen. Aber vielleicht ist es wirklich so, dass wir uns in einem Schlaraffenland gar nicht lange wohl fühlen, würden. - Nun aber

zu meinem Thema: Perspektiven für das neue Zeitalter. Da scheinen Sie mir nicht viel bieten zu können ausser der Wiederkehr des Gleichen. Wenn das so ist, wie sie sagen, wird das einundzwanzigste Jahrhundert ähnlich und ähnlich schlimm verlaufen wie unser zwanzigstes.

 

- Es ist wohl kaum vorauszusehen, was in der Zukunft kommen wird. Es gibt Grenzen der Wandlungsfähgkeit. Der Mensch bleibt gebunden an seinen Leib, er isst und trinkt und pflanzt sich fort. Große Gesellschaften haben auch einige Möglichkeiten sich zu organisieren und sich gut oder schlecht zu vertragen. Und doch sind die Zeiten wiederum unter sich ganz verschieden.

 

Ihr werdet in einer Zeit mit sehr vielen Menschen leben - das wird die früheren Möglichkeiten der Expansion, des Erobern und Sich-Ausbreitens verhindern. Es gibt keine „weissen Flecken der Landkarte" mehr. Auf der andern Seite wachsen die Möglichkeiten der Erkenntnis und der Information und auch der Wirkmöglichkeit der Menschen. Unser Wissen wird globaler, die Möglichkeiten der Freundschaft sind nicht auf die örtliche Nachbarschaft begrenzt. Was der Einzelne mit seinem Computer alles in Zukunft machen kann - auch in die Ferne hinein, können wir uns gar nicht vorstellen.

 

Aber das bringt auch neue Herausforderungen mit sich. Je mehr die Menschen die ganze Welt kennenlernen, werden sie merken, dass es überall dieselben Grundprobleme zu lösen gibt. Wie leben wir in unserm Haus zusammen? Vater, Mutter, Frauen und Männer, Alte und Junge? In der Welt herumzufliegen ist ja ganz schön - aber nur wenn jeder in seinem Haus geputzt und geordnet hat. Die Herausforderungen des Wassermannzeitalters sind die Tugenden des Alltags, des Hauses, der Freundschaft. Äusserlich wird vieles schwieriger, vielleicht chaotischer werden. Vielleicht wird der Mensch neue technische Möglichkeiten erringen, die für uns unvorstellbar sind. Das wird aber den Hunger nach menschlicher Nähe, nach Gespräch und Austausch, nach innerem Wachstum wecken. Sieh, das Evangelium des Wassermannes ist fast leer von äusseren Beschreibungen. Aber die Begegnungen und Themen, die dort erscheinen, werden auch in ganz anderen äusseren Verhältnissen aktuell sein.

 

-       Eine letzte Frage, denn Sie müssen wohl bald versuchen, das Flugzeug nach Nordirland zu erreichen, für Ihre „undankbare" Aufgabe. Sie haben vom Allerhöchsten gesprochen, und seinen Vorlieben. Wie ist er denn?

 

Pilatus schwieg eine Weile.

 

- Ich weiss nicht, was ich Ihnen sagen soll vom Unbeschreiblichen. Vielleicht ein Zug, eine Anekdote: Einmal gab es im Himmel ein Gespräch, welcher Beruf wohl dem Allerhöchsten am meisten passen oder ihm besonders gefallen würde, wenn er eine Zeitlang auf diesem kleinen, wilden Staubkorn Erde leben wollte. Er liess uns eine Weile raten. Nach einigen Versuchen, die daneben gingen, sagte Salomo, der Weise: Kriminalfilmautor. Da schmunzelte der Alte und sagte: Nicht schlecht. Und welcher Typ? In den Antworten spiegelten sich dann natürlich die Leidenschaften der Teilnehmer oder auch ihre Einschätzungen der Weltgeschichte. Als Action-Filme genannt wurden, mit viel Toten und Blut und kaputten Wagen, winkte der

Allerhöchste ab. „Wird mir schlecht bei so Zeug, habe schon genug damit zu tun." Da meinte Maria: „Ich weiss. Colombo". „Und kannst du auch den Grund erraten, warum mir die am ehesten gefallen?" „Natürlich. Langsame Offenbarung der Wahrheit, möglichst ohne Gewalt".

 

Du siehst, es geht immer wieder um die Wahrheit. „Was ist Wahrheit?" Eine magische Frage. Es war auch meine Frage. Es ist die Frage für ein ganzes Zeitalter...

 

 

 

 

 

Der Wassermann

 

 

Der nächste Morgen brach an. Während des Joggings, bewunderte ich wieder die Landschaft im Tal. Nebelstreifen, die dem Boden entlang krochen hatten das Schweizer Tal fast in eine japanische Landschaft verwandelt. Das Ganze Tal war eigentlich vom Wasser geprägt. Die Gletscher hingen oben herab, die Rohen entsprang dort. Fluss und Bäche gruben sich in den Boden ein. Im Winter war alles schneebedeckt und zwangen die Leute zu ganz anderem Lebensrhythmus. Die Lawinen drohten und formten langsam im Laufe der Jahrhunderte das Tal um. Im Sommer waren es die Murgänge: Stein-Wasser- Lawinen, die riesige Mengen von Geschiebe transportieren konnten. Im Sommer war es oft trocken - das Paradies für die Touristen, für die Einheimischen oft beschwerlich. Wasser als Segen, Wasser als Gefahr, Wasser überall. Beim Duschen freute ich mich über das warme Wasser, dabei gab ich mir Rechenschaft, dass ich ja eigentlich innerlich auch nass war und zu gut 90% aus Wasser bestand. Also Wasser überall. Ich hatte einige Prozent Wasser verloren durch Schwitzen und freute mich, das in Form eines guten Tees wieder auszugleichen.

 

Wer würde heute kommen, dachte ich, als ich mir die Zeitung holte und zum Bäckerladen ging. Gerstenbrot, wie es im vierten Evangelium vorkommt, gab es nicht, aber sonst alles mögliche. Ich kaufte Haferbrot.

Ich machte Tee, legte die Chopin-CD ein. Es waren zwar „Nocturnes", Abendstücke, aber die Töne perlten so schön aus dem Flügel, als wären es Wasserspiele. Ich musste nicht lange warten, da klingelte es.

 

Ich war erstaunt.

 

-        Du wieder, Thomas? fragte ich.

-         Ich bin nicht Thomas, ich bin Jesus. Weisst Du, genau deswegen hat er den Übernamen „Zwilling". Man kann uns kaum unterscheiden.

 

 Ich konnte ihn wirklich kaum unterscheiden. Er hatte auch dieselben

verwaschenen

Cordhosen und dieselben Turnschuhe an. Gesicht, Bart und Haare eben wie bei Zwillingen täuschend ähnlich, nur die Augen und der Blick unterschieden sich, wie ich im Gespräch zunehmend feststellen sollte. Statt des bunten Hemdes trug er ein einfaches hellblaues T-Shirt. Der Druck drauf war so blass geworden, dass man erst im zweiten und dritten Blick zu lesen begann. „I      my  Father" stand simpel drauf, und beim Abschied sah ich, dass er den Satz seines Lieblingsjüngers draufstehen hatte: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm." - in einer Kursivschrift, die mehr graphisch wirkte und den Inhalt eher spät preisgab.

 Eigentlich wusste ich jetzt nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich beschloss, keine frommen Verrenkungen zu veranstalten und mich möglichst normal zu verhalten. Er schien das zu schätzen. Wir gingen auf die Terrasse und ich bot ihm den Platz mit der schönen Aussicht an.

 

- Tee? Kaffee?

- Lieber Tee. Hier in der Schweiz muss ich sonst jede Menge Kaffee trinken.

Als ich aus der Küche zurückkam, hatte er bereits begonnen, sich mit Brot, Butter und zu bedienen und genoss offensichtlich die Landschaft,

 in der die Sonne die verschiedenen Grüntöne der Wiesen und Bäume hervorzulocken begann. Er schien sich zu Hause zu fühlen.

 

Ich hatte Zeit, ihn weiter zu mustern. Er sah unauffällig aus, wie ein junger Mann heute, auf Reisen oder auf dem Weg zur Arbeit. Er trug keinen Schmuck, aber dort, wo auf frommen Bildern auf den Händen die Wundmale abgebildet wären, trug er auf der Oberseite der Hand eine kleine Tätowierung - vielleicht nur so eine unechte aus Farbe -, die einen kleinen, schon verwaschenen Wassermann zeigte. Am linken Handgelenk trug er einen dünnen weiss - blauen Freundschaftsbändel.

 

- Und? Wie gehen Deine Wassermannforschungen voran? Begann er das Gespräch.

 

-       Sehr gut. Viele kleine Überraschungen.

 

- Kannst Du etwas daraus machen? Du willst ja ein Buch schreiben, hat mir die Samariterin gesagt. Fehlt Dir noch etwas?

 

-       Die, die bis jetzt mitgelesen haben fragen nach Dir – und nach Judas. Das interessiert sie ungeheuer.

 

- Ja, das ist verständlich. Der Arme muss alle Projektionen und Phantasien ertragen. Jeder sieht sich mit seinem Schatten in ihm und dann geht es los mit verschiedenen Modellen. Barmherzigkeit, Rechtfertigung, Selbstzerstörung, Stolz, Unschuldsbeteuerung, „Es muss ja ganz anders gewesen sein". Und diejenigen, die in ihm nur den Bösen sehen, verdammen ihn mit Wonne x-mal in die Hölle. Dabei würden sie besser etwas in ihrem Herzen Ordnung machen.

 

-       Und wie ging die Geschichte wirklich aus?

 

- Mein Vater findet fast immer eine Lösung in schwierigen Fällen. Aber ich darf Dir leider nicht sagen, wie es in diesem Fall ausging. Ist „Staatsgeheimnis". Die Geschichte bleibt offen - wie das Leben von  jedem von Euch. Das Spiel wird nicht vorzeitig beendet, jeder Tag hat seine Aufgabe, seine Plage - garantiertes Happy-end oder garantierte Hölle gehören nicht zum Repertoire meines Vaters. Ausserdem schützen wir ihn vor zu grosser Neugier.

 

Es tönte ziemlich bestimmt, sodass ich weiteres Fragen als zwecklos betrachtete. Ich schaute in seine Augen, grosse, ruhige warme Augen, einladend. Ich hatte den Eindruck, dass ich in diesen Augen weit in die Welt, in ferne Weiten sah.

 

-       Reisest du allein? fragte ich.

 

- Oh nein. Spätestens im Himmel hört der Individualismus auf.

 

Er bedeutete mir mit einer Kopfbewegung hinter mich zu sehen, durch die Balkontüren hinein in die Stube, wo es einen langen Tisch mit vielen Stühlen gab – für die Versammlung des Pfarreirates. Plötzlich sah ich alles bevölkert mit Engeln verschiedenen Geschlechtes und verschiedener Hautfarbe. Der eine hatte so ein himmlische Notebook vor sich, wie ich es bei Philipp gesehen hatte, eine andere hing an einem Handy. Zwei musterten meine Bücher und Zeitschriften, die ich dort gestapelt hatte. Ich sah das nur einen Augenblick lang, aber ich verstand. Einen Augenblick später war alles wieder normal, und die Chopin – Nocturnes perlten durch den anscheinend leeren Raum.

 

So nah am Ziel, verschwinden viele Fragen. Entweder hatte ich sie vergessen oder sie erschienen mir als Bagatellen, die es gar nicht wert waren, erfragt zu werden.

 

-Das ist mein „Staff“. Bei so vielen Menschen komme ich ohne das nicht aus. Aber ich lasse ihn nach Möglichkeit nicht erscheinen. Sie machen meine Agenda - es gibt ja viele, die etwas von mir möchten.

 

-       Aber - musst Du dann nicht zusätzlich Verwandlungskünstler sein? Ich könnte mir vorstellen, dass die im Vatikan entsetzt wären, Dich in diesem Aufzug zu sehen.

 

- Lass sie nur etwas entsetzt sein. - Ich stelle mich schon auf jede einzelne Person ein, der Rest verändert sich automatisch. In Deinen Augen.

 

-       Und als was reisest Du am liebsten?

 

- Du hast scheints wenig Vertrauen in Deine Idee! Eben als Wassermann. Ich gehe überall dorthin, wo es leere Krüge zu füllen gibt, wo Menschen Kraft, Erleuchtung, ein Wort, eine Hilfe brauchen. Weisst Du, der Krug ist ein wunderschönes Symbol.

 

Er nahm vom Teekrug den Deckel ab.

 

Der Krug ist nach oben offen. Oft wird der Inhalt verändert, verwandelt - du hast heisses Wasser hineingegossen und der Tee hat langsam gezogen, bis er die dunkelgoldene Farbe hat. So sorge auch ich dafür, dass vieles verwandelt - wenn Du willst -„vergoldet' wird. Oder ich sorge dafür, dass sich dort, wo die Menschen offen sind und nichts haben, der Krug füllt. Und der Krug hat einen Henkel: Ihr könnt dem andern eine Tasse einschenken. Nichts ist für uns allein gemacht. Bei der Hochzeit von Kana war das ganze Dorf dabei... Es ist schön, Wassermann zu sein. Noch schöner, es nicht allein zu sein.

 

-       Du meinst, wir sollten uns alle bemühen, Wassermänner und Wasserfrauen zu sein?

 

Er nickte und sah nicht die Notwendigkeit, viel dazu zu sagen.

 

 

-       Ich möchte Dir die Frage des anderen Judas stellen, die er Dir am letzten Abend vorgelegt hat: „Warum offenbarst Du Dich nur uns, und nicht der ganzen Welt?" Müsste die Wahrheit nicht mehr überzeugen? Warum fügst Du es nicht, dass mehr Menschen sich fürs Evangelium öffnen und einsetzen?

 

- Die Öffentlichkeit ist nicht der Raum für tiefe Wahrheit. Diese ist zu einfach, zu herzensnah, zu wenig spektakulär. Die Halbwahrheiten und die krassen Irrtümer sind manchmal viel interessanter. Dazu kommt, dass das Publikum immer wieder Abwechslung will. Dieselbe Wahrheit hören, mag sie noch so wahr sein, ist langweilig; ihr spielt lieber mal mit dem Gegenteil, mag es noch so falsch sein. Das gehört zu den Gesetzen der Öffentlichkeit. Das war dasselbe in der Halle Salomos, im Tempel in Jerusalem, wie heute im Internet...

 

Ein ganz anderer Grund: Mein Vater ist der, der ins Verborgene sieht... Was weisst Du denn, wie viele Menschen den Weg des Evangeliums gehen? Müssen alle angeschrieben sein? Nicht das Parteibüchlein macht den Gerechten aus. Wir schätzen jene höher, die das Gute tun, als jene, die ihre Rechtgläubigkeit und ihre Frömmigkeit demonstrieren.

 

 

Ich konnte mir diesen Jesus, den ich vor mir hatte, in der Tat schlecht im Vatikan vorstellen, schon eher aber als Strassenarbeiter in einer Grosstadt, oder als Student im Gespräch mit irgend jemand, der an der Bushaltestelle wartet. Oder als Kioskverkäufer, der für die Durstigen eine Cola hat, und mit den Käufern ein kleines Gespräch über ihre täglichen kleinen Sorgen hat.

 

 

Ob wir im Wassermannzeitalter wieder mehr Sinn für die kleinen Begegnungen haben? Ob wir bereit sind, uns ansprechen zu lassen durch die kleinen täglichen Zeichen? Die meisten Freundschaften fangen mit einer kleinen, nichtssagenden Begegnung an, mit einem Wort, einem Gruss, mit einem Spiel, mit einem kleinen gemeinsamen Erlebnis. Wie viele Kontakte fangen mit einem verlegenen Gespräch übers Wetter an: „Heiss heute, nicht war?" „Hast Du mir etwas zu trinken?" - mit dieser kleinen, unscheinbaren Bitte fängt das große Gespräch mit der Samariterin an...

 

-       Und was machst du jetzt? Meine klassische Frage ans Wassermann – Team. Jetzt an den Chef.

 

- Ich habe eine ganz urtümliche Tätigkeit wieder aufgenommen: Jäger und Sammler…

 

-       Wie bitte? Jäger und Sammler? Da komme ich nicht nach!

 

- Ich „sammle“, wie Du im Evangelium liest, „die versprengten Kinder Gottes". Überall, auf allen Strassen und Plätzen, in allen Ländern und Sprachen, Alte und Kinder, Männer und Frauen, Gesunde und Kranke. Und mache sie zu meinen Freunden.

 

 

Ich sah wieder auf das kleine Freundschaftsband an seinem linken Handgelenk, die paar unscheinbaren weissen und blauen Wollfäden. Einer schien neu zu sein, eben hinein geflochten. Und ich dachte an das schwierige Wort, das jetzt einen neuen, tiefen Sinn bekam: was ihr auf Erden binden werdet, wird auch im Himmel gebunden sein.

 

Wir sprachen noch etwas, dann verabschiedete er sich. Er wolle, er musste weiter auf seiner Sammeltour. Ich bat ihn noch um einen Wollfaden und band ihn mir ums Handgelenk. Es sollte mich dauernd daran erinnern, auch Wassermann zu werden.

 

 

 

Der Tempelastronom

  

Nun war ich einigermassen gespannt. Im vierten Evangelium kommt  jetzt nämlich das 7./8  Kapitel nach unserer komischen Zählung. Es entspricht aber dem vierten Schöpfungstag, denn dieses Evangelium ist der Bericht der neuen Schöpfung. Am vierten Tag wurde Sonne und Mond, die beiden Leuchten erschaffen - das Thema der Zeit. Die beiden „Leuchten" regieren das Jahr und die Tage und die Feste. „Meine Zeit ist noch nicht da - für euch ist die Zeit immer gelegen.... Geht hinauf zum Fest. Ich gehe zu diesem Feste nicht hinauf, weil meine Zeit noch nicht erfüllt ist". Er lässt seine Brüder vorausgehen und erscheint erst zum Höhepunkt des Festes, um eine grosse Verheissung auszusprechen, die dann in seiner grossen Stunde wahr wird. Wir erfahren, wie alt er etwa ist „Du bist noch keine fünfzig Jahre alt..." - und er sagt uns, dass er über der Zeit steht, das gewaltige Wort „Ehe Abraham ward, bin ich". Aber niemand legt Hand an ihn, denn seine Zeit ist noch nicht gekommen.

 

Wer würde mich wohl besuchen?

 

Pünktlich um acht - auch die Kirchenglocken im kleinen Dorf werden mit einer Funkuhr gesteuert - klingelt es. Ein alter freundlicher Rabbi steht vor der Tür.

 

- Darf ich eintreten? Ich soll hier um 8.00 MEZ am julianischen Tag xxxxxxx einen Besuch machen... Bin ich richtig?

 

Zwei weisse Bärte trafen sich. Meiner war natürlich nicht so schön und auch nicht 2000 Jahre alt.

-       Willkommen… Auf der Terrasse wartet schon der Tee!

 

- Tja, wie sich die Zeiten geändert haben! Ihr schickt Teleskope in den Weltraum und analysiert das Licht, das aus Milliarden Lichtjahren Entfernung zu uns kommt. Wir haben noch von Auge bestimmt, wann Neumond war, um die Feste im richtigen Zeitpunkt anzufangen. Ich war damals Tempelastronom und hatte die letzte Entscheidung, wann der Monat anfangen sollte. Ich habe eine Menge von Jesus mitgekriegt, weil er ja öfters auf dem Tempelplatz lehrte und ich über den Tag nicht viel zu tun hatte.

 

-       Wie ging denn das mit dem Lehren?

 

- Der Tempelplatz war ja gross, und es gab viele die ihre Weisheit an den Mann bringen wollten. Der Tempelplatz war ja die Öffentlichkeit - da sammelten sich Tausende von Pilgern, die Neugierigen, da waren die Märkte, die Geldwechsler, und dann eben auch die grossen und kleinen Rabbis, die traditionellen und die modernen, die besonnenen und verrückten. Wo Jesus war, war  immer etwas los, obwohl er ganz einfach gesprochen hat. Wenn sie ihm eine Falle stellen wollten mit irgendeinem Schriftwort, konnte er immer schlagfertig zurückgeben, aber sonst hat er anders gelehrt. Einfach, konkret, und alle wussten, was er sagen wollte - wenn es ums alltägliche Leben ging. Wenn er aber über sich und seinen Vater sprach, dann haben alle den Atem angehalten. Das war neu, das war gewagt, das war unerhört.

 

Er lehrte ganz ruhig. Er las nicht, er schrieb nicht. Er sprach aus sich heraus und sagte, dass er das weitergebe, was er von seinem Vater gehört habe. Viele hielten ihn für verrückt. Er blieb ganz ruhig. „Der mich gesandt hat ist bei mir. Er lässt mich nie allein, weil ich allezeit tue, was ihm wohlgefällt". Das gehörte zu seinem Geheimnis. In jeder Stunde das tun, was der Vater will. Auf die Stunde warten, die der Vater festgesetzt hat.

Das könnt ihr nicht mehr, ihr Leute vom Westen. Ihr könnt nicht mehr warten. Ihr habt die Zeit zu einer Ware gemacht. Ihr behandelt die Zeit wie eine endlose Spaghetti. Absolut gleichmässig. Ihr teilt sie ein, wie ihr wollt. Jeder rennt mit einer Agenda herum, schon die Kleinen. Geburtstage sind etwas vom wenigen, was ihr als gottgegebene Zeit akzeptiert. Aber schon wird die Zeit der Geburt errechnet und gesteuert. Jetzt legt ihr fest, wann das neue Jahr beginnt, die Sekunden werden korrigiert, wenn es Mutter Erde einfällt nicht so genau zu laufen wie eine Atomuhr.

Aber alles dreht sich um. Ihr meint, Macht über die Zeit zu haben, dabei hat euch die Hetze im Griff.  Ihr meint, mit der Wissenschaft die Natur zu beherrschen, dabei seid ihr schon bald Sklaven der Errungenschaften und Möglichkeiten der Wissenschaft und Technik, ihr macht euch abhängig von ihrem Fortschritt und ihrer Dynamik.

 

Hier wird sich einiges entscheiden fürs neue Jahrtausend. Wissenschaft und Lehre: ihr braucht sie, um als Menschheit zu überleben. Aber leicht nehmen sie Euch gefangen. Das Wissen ist zu umfangreich geworden. Und so kann der Einzelne nicht mehr entscheiden, er ist der Flut von Information und dem Meer von Möglichkeiten ausgeliefert. Die Neugier hat ihre eigene Dynamik: was möglich ist, muss ausprobiert werden. Bis zum Gesetz Murphys: Wenn man es wirklich schief und falsch machen kann, dann gibt es sicher irgendwo einen Dummkopf, der es einmal so schief und falsch macht. X-mal bestätigt.

 

Das Wassermann - Zeichen ist ein Zeichen der Wissenschaft. Es verbindet oben und unten, das Grosse und das Kleine, heute würden wir sagen: den Weltraum und das Atom. Gott sei Dank ist es ein Paar - Zeichen. Allein verrennt sich der Mensch, oder er folgt nur seinen eignen Wünschen, er wird zum „Lügner". Das Wissen verleiht uns ungeheure Macht. Was passiert wenn wir nicht wahrhaftig sind? Wenn wir uns nicht von der Ethik, sondern nur von unsern Wünschen leiten lassen? Wenn wir nicht mehr auf die Schöpfung und auf den Vater, der dahinter steht, hören, sondern nur handeln, ausprobieren, agieren?

 

Wir sind längst in die Phase gekommen, in der wir nicht mehr einfach in der Welt leben, sondern Welten erfinden, gestalten und in ihnen leben. Wir ersetzen die Natur durch unsere technische Umwelt, wir schaffen Musikwelten, Radiowelten, Fernsehwelten, Computerwelten, ideologische Welten.

 

Vielleicht werdet ihr merken, wenn ihr in diesen vielfältigen Welten lebt, so vielfältig, dass ihr euch nicht mehr versteht, dass ihr das durchbrechen müsst. Ich war einfacher Tempelastronom und habe geschaut, wann der Mond wieder zu wachsen begann. Ihr müsst lernen, durch die künstlichen Welten hindurchzusehen, wo die Welt des wahren Menschen wieder beginnt und wo sie wachsen kann. Das ist die Stunde des Vaters, das Heute Gottes. Er lässt Euch nie allein, wenn ihr allezeit tut, was ihm gefällt....

 

 

 

 

 

Philippus

 

--- 

Am nächsten Tag kam ein Geschäftsmann.

 

- Entschuldigung, kann ich eben noch ein email loslassen? Es ist dringend!

 

Gott sei Dank hatte ich im kleinem Pfarrhaus vor einigen Jahren eine Telephonsteckdose installieren lassen. Er übersah meine Unordnung, nahm sein Notebook aus seinem eleganten Geschäftskoffer - installierte das Verbindungskabel - bestens ausgerüstet für alle möglichen und unmöglichen internationalen Steckdosen - zu seinem eingebauten Modem, und loggte ein.

 

Die Qualität der Apparate und ihre Schnelligkeit, sowie die griechischen Lettern auf dem Bildschirm verstärkten meinen Verdacht. Kein normaler Geschäftsmann. Der wäre ja wohl auch kaum ins Pfarrhaus gekommen.

 

- Verzeihung, hier ist meine Karte!

 

Sich höflich verbeugend, fast wie ein Japaner, reichte er mir seine Karte.

 

Philippus from Bethsaida

Communicationmanager

philip@holyskyline.jc

Angel phone 001 050505

 

 

-       Sehr busy, oder haben Zeit für einen Tee?

 

- Ich bin extra für Sie hergekommen. Wir tun Alles für gute PR -, sagte er in fast akzentfreiem Deutsch.

 

- Sind sie zufrieden mit ihrem Eva-Apparat?

 

Ich guckte zuerst dumm aus der Wäsche. Dann lachten wir. Er hatte meinen MAC gesehen mit dem angebissenem Apfel.

 

-       Einigermassen. Er ist ökumenisch.

 

- ???

Nun stutze er.

 

- Ich habe zusätzlich eine PC-Emulation drauf!  Es gibt noch zu viele Egoisten und Unkompatible in der Computerwelt. Ein Hindernis fürs 3. Jahrtausend.

 

Schnell waren wir mittendrin. Damals gab es ja noch keine Computer. Aber verschiedene Sprachen. Er, Philippus, konnte fliessend griechisch, Latein hatte er von den Soldaten gelernt, weil er in der Nähe der römischen Kaserne aufgewachsen war. Sprachen waren seine Leidenschaft. Sein Vater war Kaufmann und kam mit vielen Reisenden zusammen. Galiläa war sowieso ein Gemisch von Leuten aus aller Welt. Der Handel und der Einfluss der beiden Caesareas, der wichtigen Städte, machten sich bemerkbar. Für die Jerusalemer waren diese Galiläer ein verdächtiges Mischvolk. Zu viele fremde Einflüsse. So fiel Philippus in der Versammlung der hemdsärmligen Fischer etwas aus dem Rahmen. Aber er machte sich mit seinen Fähigkeiten sehr nützlich. Er fischte keine Fische, sondern machte Freunde. Jesus schob ihn gerne auf die Rolle, was dieser auch mit sich machen liess. Er war gutmütig. So damals, als er für die Fünftausend Brot besorgen sollte.

 

-       Nun werden wir ja im nächsten Jahrtausend weit mehr als 5 Milliarden Menschen zu ernähren haben.

 

- Ihr habt aber auch ganz andere Möglichkeiten. Wir pflanzten damals Körner und staunten. Heute manipuliert ihr die Gene und steuert die Enzyme. Leicht wird es nicht, aber wenn es um die Ernährung geht, wird immer ein Weg gefunden werden, besonders mit den neuen technischen Möglichkeiten. Eine andere Frage ist, ob die innere Kraft, das geistige Leben ausreicht, um so viele Menschen einigermassen zufrieden zu halten und zum friedlichen Zusammenleben zu bringen. Es gibt einen geistigen Hunger. Wenn der nicht richtig gestillt wird, fällt alles auseinander. Und wenn dieses andere nur seichtes Spiel ist - denn die Masse ruft immer 1. nach Brot und 2. nach Spiel -, dann wird es ein schwieriges Jahrtausend. Es braucht mehr als nur den spielenden Flimmerkasten, der heute die Stuben füllt. Es braucht „handfesteres". Jesus sagte, sein Leib sei eine solche Speise und sein Blut ein solcher Trank, der wirklich nähre.

 

-       Ich denke, wir haben das nach 2000 Jahren immer noch nicht richtig verstanden.

 

- Es gab damals ja auch damit Skandal genug. Erstens weigerte er sich, weiterhin den Brotkönig zu spielen, und dann stiess er die Juden vor den Kopf, indem er von seinem Blut als Trank sprach. Ich war damals auch drauf und dran, meine Jüngerschaft aufzukündigen. Wir hatten dieses Gebot so verinnerlicht, dass uns fast schlecht wurde, als er davon sprach. Was sollte das nur? Und dann - Kannibalen wollten wir auch nicht sein. Schlächtereien und Kriege gab es auch genug. Also es war ziemlich hart. Ich habe es eigentlich erst sehr lange danach verstanden.

 

- Wir schleppten das als unverstandenen Brocken mit uns, bis das Ende kam. Da merkten wir, dass er sich uns immer ganz gegeben hatte. Ob er uns zuhörte, oder zu uns sprach, ob er mit uns schwieg oder lachte, ob er heilte oder betete, oder eben auch ganz konsequent seinen letzten Weg ging - immer war er ganz drin. Eben bis zu seinem Blut. Dass wir beim Mahl an ihn denken sollen, und Speise und Trank nehmen sollen als sein „Leib und Blut", ist Zeichen für diese innere Hingabe.

 

Und das nährt den Menschen. Nicht die äussere, sondern die innere Zuwendung. Und auch

wir müssen das lernen. Und das ist nicht so leicht. Die Menschen werden in der Zukunft viele Möglichkeiten der äusseren Kommunikation haben. Aber Worte können leer sein. Wir können den Telefonhörer in der Hand halten und geistig auf dem Mond weilen. Wir können mit dem andern Geschäfte abschliessen und ihn innerlich ins Pfefferland wünschen. Wir können einen Kranken waschen - als Job und als Dienst.

 

Verstehst Du jetzt das mit dem Blut? Mit dem Innersten, mit dem was unserm Köper das Leben erhält und Zeichen ist für das Innerste und Letzte? Das wollte er und hat er uns gegeben - und wir müssen langsam auch soweit kommen, das zu können und zu tun.

 

Ich weiss, Du denkst nach über das Zeichen des Wassermannes. Das wird Schicksalsfrage sein, ob wir einander unverbindliche, spielerische Freunde sein werden, etwas Wasser austauschen oder nur Wasserspiele machen, - oder ob unsere Freundschaft wirklich bis zum Blut geht, dass wir uns gegenseitig füreinander einsetzen. Du kennst das Wort aus den Abschiedsreden: „Eine grössere Liebe hat niemand, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde."

 

Jedenfalls werden die Probleme der künftigen Jahrhunderte so gross sein, dass es viele braucht, die sich ganz für die andern einsetzen - mit allen Gaben und Talenten und allen Fähigkeiten, die ihnen der Vater geschenkt hat.

 

 

 

 

 

Der Geheilte

---

 

Ein gut aussehender, distinguierter Herr kam daher. Ich sah sofort, dass er den Frühstückstisch checkte, was für Sachen darauf standen und automatisch nach Auffälligkeiten musterte. Wer berufsmässig diagnostiziert, kann diese Gewohnheit nicht willensmässig abstellen. Ein Arzt also.

 

Er antwortete, bevor ich meine Frage aussprechen konnte, wer er sei, was ihn zu mir führe.

 

-  Ich bin derjenige, der 38 Jahre krank war. Er hat mich geheilt und ich bin nachher Arzt geworden.

 

Ach so, jetzt war schon einiges klar. Die Astrologen erwarten auch einige Fortschritte in der Medizin und Psychotherapie fürs Wassermannzeitalter.

 

-  38 Jahre ist eine lange Zeit. Ich habe mir immer versucht vorzustellen, was Sie 38 Jahre lang gemacht haben. Vielleicht können wir heutigen Menschen nicht mehr warten, besonders im Westen.

 

- Man ist auch nicht einfach krank. Ich habe mich krank gemacht und wollte, konnte nicht gesund werden. Ich war auch nicht umsonst allein. Ich hatte Mühe mit mir und anderen.

 

-       Und dann ging alles so schnell? „Nimm Deine Bahre und geht deines Weges", lese ich im Evangelium. Dazu ist er Dir noch schnell davongelaufen.

 

- Er hat es ja nachher gesagt: „Mein Vater wirkt allezeit". Ich hatte einen langen Prozess durchzumachen. Nur scheinbar geschah die 38 Jahre nichts. Er kam, um den Prozess abzuschliessen. Er wusste, wozu er kam. Sein Frage war ein „Öffner" und endlich konnte ich Hilfe annehmen.

 

-       Was für ein Arzt sind Sie denn geworden? Sie sehen nicht nach einem„Knochenschlosser" aus.

 

- Heute würde man dem Psychoanalytiker sagen. Die haben es mit den inneren Widerständen zu tun. Die 38 Jahre gehören zu meiner Lehrzeit. Eigenartig, wie der da oben die Welt eingerichtet hat. Das mit der Freiheit ist schon schön, aber auch schwierig. Wir können uns schon ganz schön wehren und sperren. Was ich nicht alles nicht wahrhaben wollte.... Lieber leiden. Alte Maso-Masche. Besonders bei den religiösen Typen verbreitet. Hat sich bis heute nicht geändert.

 

-       Und dann kam es noch zum Skandal. Sie wurden am Sabbat geheilt, und er hiess Sie, ihre Bahre nach Hause zutragen, einfach so, in der Öffentlichkeit.

 

- Er hatte keine andere Wahl. Ich musste ja wirklich merken, dass ich geheilt war. Und das merkte ich auch! Das gab einen Aufruhr! Das mit der Tempelreinigung haben sie ja gerade noch geschluckt. Denn sie wussten, dass Herodes nicht nur aus religiösen Motiven einen so grossen Tempelplatz gebaut hatte, und das riesige Markttreiben war den ganz Frommen auch nicht so geheuer. Aber dass man wegen einer Heilung eine

Ausnahme vom Sabbatgebot machen konnte, konnten die Zwanghaften nicht akzeptieren.

 

 

-       -Hat sich auch heute nicht viel geändert, meinte ich.

 

Er nickte zustimmend.

Wir fingen an, Grenzfragen von Psychologie und Religion zu erörtern. Wir sahen aber bald, dass das für ein Frühstück zu weit führen würde. Was er denn für Zukunftsperspektiven für die Zukunft sähe? Er lächelte.

 

- Heute seid ihr noch gehetzt Materialisten und habt keine Zeit für eure Seelen. Ihr rennt Euch selbst und dem Vater davon. Dieser aber hat Zeit ... denken sie an meine 38 Jahre.

 

Wir hoffen, dass sich das etwas ändern wird. Es braucht halt viele Wassermänner, die Geduld haben, um die andern zu begleiten und im richtigen Moment die richtigen Fragen zu stellen. Oder sie im richtigen Moment ins Wasser zu werfen. Der Vater hat viele Wege zu wirken. Wir müssen auf ihn schauen.

 

Der Teich Bethesda ist ein grossartiges Symbol. Da muss etwas in uns in Bewegung geraten. Und wir müssen es merken und hinabsteigen, äusserlich oder innerlich.

   

 

 

 

 

 

Die Samariterin

 

---

Es klingelte. Die andern kamen einfach so. Ich ging also zur Türe - ein richtiger Empfang. Und da stand sie. Immer noch schön, sie, die sechs Männern die Augen verdreht hatte. Eine unaufdringliche Schönheit, die keine Schminke braucht, ie man vielleicht im ersten Moment übersieht, und der man nachher nicht widerstehen kann. Wir gingen auf die Terrasse. Sie setzte sich mit Eleganz, schaute mich an und fragte mich direkt.

 

-       Und was willst Du von mir wissen?

 

Ihre Augen sagten mehr als ihre Worte – ich verstand plötzlich, warum das Gespräch mit der Samariterin so eigenartig zu lesen ist. Die Hälfte war wohl Rede und Gegenrede der Augen.

 

-       Hat er Dich verwirrt?

 

Ganz am Anfang schon ein wenig. Du musst Dir vorstellen, ich ging, um Wasser zu holen und finde plötzlich einen von den „Anderen" dort. Und dann spricht er mich an und bittet mich um Wasser. Das tut sonst wirklich niemand. Aber dann merkte ich sofort, dass es nicht ums Wasser ging. Er schaute mich an und las in mir.

 

-       War das schlimm?

 

Wenn Du Liebe spürst, kannst Du auch die Wahrheit sagen. Wir waren sofort auf der andern Ebene. Er hatte die Normen durchbrochen und ich merkte, dass etwas Neues begann - in meinem Leben und für meine Leute.

 

-       Du bist die erste Person, der er sich direkt zu erkennen gab: „Ich bin es, der mit dir redet", dir, der Frau, dir, der Fremden, der Samariterin, dir, dessen Lebensweg Fundgrube für jedes Boulevardblatt wäre... Hast Du etwas von dem Besonderen dieses Augenblickes gespürt?

 

Zunächst, als er sagte: „Ich bin es, der mit dir redet", spürte ich einfach Überraschung und Freude, wie wenn man den Schatz findet, den man immer gesucht hat, und den er  auch in der Tiefe meines Herzens suchte, auch wenn mein äusseres Leben gar nicht fromm aussah. Da bin ich in dieser Freude ins Dorf gerannt und da überwältigten mich die Gedanken. Wir wussten, dass es der Jakobsbrunnen war, und es machte bei uns eine alte Verheissung die Runde, dass dieser Brunnen ein besonderer sei und dass hier einmal ein Zeichen der Versöhnung geschehe. Die Söhne Jakobs haben sich ja immer wieder gestritten, gegenseitig verkauft und beneidet, die heiligen zwölf sind auch die schlimmen zwölf.  Und da kommt der Messias und gibt sich mir zu erkennen und spricht mit mir über das Höchste, über die Anbetung des Vaters - sein Name sei gepriesen. Du kannst Dir vorstellen, in welchem Zustand ich in Sychar ankam!

 

-       Und wenn Du so genau wusstest, dass es der Messias ist – warum tatst Du so, als ob Du zweifeltest?

 

Sie schaute mich mit ihren grossen, schönen Augen an.

 

Ich kann doch das Grosse, Schöne, Kostbarste nicht einfach hinschmeissen. Zu einem Freund kann ich nur hinführen - jeder muss ihn selbst entdecken und kennen lernen. Das haben sie auch getan. Ich wusste, dass  auch sie  ihn erkennen würden. „Wir haben selbst gehört und uns davon überzeugt, dass er der Heiland der Welt ist..." - Es waren wunderbare Tage. Die Mauern, die uns normalerweise von den Juden trennten, waren wie weggeblasen...

 

Auch zwischen uns waren keine Mauern und wir sprachen noch lange über Gott und Welt. Über die verschiedenen Völker und Nationen. Die Konfessionen und Religionen. Die Tendenz der Menschen sich zu trennen und zu unterscheiden. Der materielle und der geistige Neid, der die Brüder entzweit. Die Scheu, zur Wahrheit zu stehen, die befreit und eint. Die Verhärtung und die Unfähigkeit zu Verzeihen, weil man keinen Zentimeter zurückweichen will. Wie schwer es uns fällt, etwas zuzugestehen, wenn wir uns nicht ganz sicher und geliebt fühlen.

 

Vielleicht werden es im Zeitalter des Wassermannes auch die „Anderen" sein, die zuerst die Wege des Friedens und der Gerechtigkeit gehen. Die „Anderen", nicht die Frommen, nicht die dem Klerus und den Theologen Genehmen. Es braucht wohl jene, die die Normen durchbrechen, die sich zur Zeit des Durstes dort treffen, wo es Wasser gibt, und dort mit allen reden, im Geist und in der Wahrheit. Das Zeichen des Wassermannes ist traditionellerweise das Zeichen der Freiheit und der Erfindung des Neuen, der Ungebundenheit. Der Wassermann bringt das neue Wasser von oben, das lebensspendende Wasser.

 

Die Erde wird immer kleiner, die Menschheit wächst immer mehr. Mit den alten Schematas der Trennung und des Krieges werden wir uns nur umbringen. Vielleicht ist die Sehnsucht nach einem Zeitalter der Verständigung, der Freundschaft und des Friedens die grösste Sehnsucht, die gegenwärtig spürbar ist, gleichzeitig mit dem Gefühl der Ohnmacht und der Angst, ob wir nicht im Streit der zwölf Brüder bleiben. Aber es ist doch möglich, wenn wir wie Jesus die sozialen Normen durchbrechen und miteinander sprechen - im Geist und in der Wahrheit. Und in Wahrheit vor Gott stehen heisst Anbetung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Rotten (kleine Rohne bei Reckingen, fotografiert von Pater Kistler)                                            

         

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Rotten (kleine Rohne bei Reckingen, fotografiert von Pater Kistler)

Die Rotten (kleine Rohne bei Reckingen, fotografiert von Pater Kistler)

Die Rotten (kleine Rohne bei Reckingen, fotografiert von Pater Kistler)

Die Rotten (kleine Rohne bei Reckingen, fotografiert von Pater Kistler)

 

Die Rotten (kleine Rohne bei Reckingen, fotografiert von Pater Kistler)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Rotten (kleine Rohne bei Reckingen, fotografiert von Pater Kistler)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"...himmelwärts!"

Nach oben