An diesem Ort empfing Pater Paul (fiktiv) Personen aus dem Johannesevangelium

"Immer verbunden..."

 

An diesem Ort empfing Pater Paul (fiktiv) Personen aus dem Johannesevangelium.

Das Buch ist am Entstehen unter dem Titel:

"Begegnungen mit Jesus,

dem Wassermann!"

 

 

 Einleitung

 Es ist Ferienzeit und ich sitze auf der kleinenTerrasse in einem verlassenen Pfarrhaus im Wallis. Die Sonne scheint,die Berge verändern sich mit Farben und Schatten jede Stunde. Die Berge sind hoch und begrenzen den Blick, laden ein zur Kontentration auf sich selbst. Talabwärts scheint sich aber die ganze Welt zu öffnen, hohe Bergspitzen mit ewigem Schee weisen über die Zeit hinaus in grosse Horizonte.

Es ist 1999. Wir bereiten uns vor auf das neue Jahrtausend. Die einen planen, wie sie mit Freunden und Angehörigen die Neujahrsnacht verbringen, um die neue Zeit mit einem Fest zu beginnen. Andere leiden unter offenen oder verborgenen Ängsten. Nachdenkliche fragen sich, was die Menschheit in den vergangnen 2000 Jahren gelernt hat und was von der Menschheit im neuen Jahrtausnd zu erwarten ist. Viele clevere Geschäftsleute kümmern sich einen Deut um die tieferen Fragen, produzieren aber viele "Jahr 2000" Produkte, um vom Jahrtausendwecsel zu profitieren, egal, ob die Käufer aus Freude oder aus Angst handeln... (Fortsetzung finden Sie im angekündigten Buch!)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

 

 

Der Lieblingsjünger II

 

 

Wiederum musste ich einige Tage warten. Das Wetter hielt sich, war mir natürlich passte. Eines Morgens war es besonders schön zu sehen, wir die Sonne sich hinter den Bergen bereit machte, aufzugehen. Bald würden die ersten Strahlen durchkommen...

 

 

Ich lief normalerweise morgens früh, weit und breit war niemand zu sehen. Ich hörte jeweils den ersten Zug durchs Tal fahren, wenn ich zurückkam, warteten einige Arbeiter bei der Bank des Gemeindehauses auf das Auto, das sie zur Arbeit fahren sollte.

 

An diesem Tag aber war ich nicht der einzige Frühjogger. Kurz bevor ich wieder zum Dorf zurückkam, hörte ich schnelle Schritte hinter mir, und ein Jogger überholte mich. Ich lief weder auf Geschwindigkeit noch besonders lange Strecken. Ich hätte wohl noch etwas steigern können, aber ich liess ihn seines Weges ziehen. Aber er lief wirklich ziemlich schnell. „Der nimmt vielleicht den Rottenweg" dachte ich mir".

 

Aber dem war nicht so. Als ich zu meinem Haus kam, wartete jemand im Vorraum des Hauseingangs auf mich... Jetzt, von vorn, erkannte ich ihn sogleich. Der Lieblingsjünger. Er hatte mich in der Morgenfrühe überholt wie er damals Petrus überholt hatte, als sie, von Maria Magdalena alarmiert, nach Sonnenaufgang zum Grab liefen... Ein guter Läufer!

 

-       High! Ich dachte, ich käme heute früh, und da du so eine gute Dusche hast.... begrüsste er mich, ohne den Satz fertig zu machen.

 

-       Hab Dich vorhin gar nicht erkannt! Guten Morgen! sagte ich, und suchte am Schlüsselbund den Hausschlüssel. Die Tür ging immer etwas schwer auf.

 

O.K., sagte ich, als wir eingetreten waren. Ich hole Dir wieder ein Tuch und ...- hast Du denn etwas Frisches anzuziehen?

 

Oh ja, er griff sich die Sporttasche, die jemand gestern mit einem Zettel „Wird morgen abgeholt" im Vorraum abgestellt hatte. Weil die Gemeinde im Haus ein kleines Büro betrieb, hatte ich weiter keinen Verdacht geschöpft. Wir verschwanden in unsere Duschen ... waren zunächst verschwitzte, dann nasse und dann wieder trockene „Wassermänner". Ich machte etwas schneller als sonst, um das Frühstück vorzubereiten. Es lief alles am Schnürchen, wie wenn wir schon lange gemeinsam Ferien gemacht hätten.

 

Als ich alles bereit hatte kam er die Treppe hinunter. Helle Hose, ein weisses T- Shirt mit seinem Adler, diesmal aber war der Adler kleiner, links oben auf der Brust, ein Adler im Flug, wie zur Sonne kreisend. Er trug eine weisse, ganz leichte Jacke, deren Tricotkragen und Armmanschetten feine blaue Streifen zeigten, die Sportschuhe einfach, blau-weiss, an seinem linken Handgelenk entdeckte ich den blau­weissen Freundschaftsbändel.

 

Er kam mit elastischem, fast wiegendem Schritt auf die Terrasse und nahm Platz. Die Sonne fing an, mit ihrem Licht zu zaubern und den Bergen, Feldern und Wäldern die verschiedenen Grüns zu entlocken.

 

Nun, bist Du zufrieden mit dem Ausblick ins Wassermannzeitalter? - fragte er mich mit ruhigem, zuversichtlichem

Lächeln. Schliesslich hatte er diese Begegnungen gemanagt, das wusste ich wohl.

 

 

 

 

 

das Jesus auf seiner Hand getragen hatte.

Als ich zurückkam, hatte er schon seine Sporttasche fertig gemacht hatte nur die Seitentasche offen für die beiden Fläschchen. Er musterte den Adler und nickte.

- Die Stunde ist gekommen. Ich muss gehen, aber wir bleiben verbunden...

So fand diese Zeit der Begegnung, an der Schwelle des neuen Zeitalters ein Ende.

Noch lange schaute ich ihm nach, dem jungen Mann mit Sporttasche, der mit elastischem Schritt sich auf den Weg machte. Ich wusste nicht, wohin er gehen würde, und die Menschen auf der Strasse wussten nicht, wer er war. Und trotzdem fühlte ich mich nicht allein. Seine Worte und alles, was ich aufgenommen hatte, blieb in meinem Herzen. Im Geiste schaute ich in seine Augen, in denen ich weit, weit ins Herz der Dinge, der Menschen und Gottes blicken konnte.

(Eine ganze Kostprobe von einem Besuch.)

 

 

 

 

 

  

 einsiedelei_reckingen.mov

 

 

 

 Gespräche geführt hat Pater Paul mit der Ehebrecherin

 

 

Zusammenhang. Würde mich aber sehr wundern, wenn jemand viel später diese anstössige Geschichte ausgerechnet hier eingefügt hätte ohne einen Hinweis darauf zu haben. Mir fehlte sonst auch eine wichtige Zeichenhandlung Jesu, die zum Repertoire unseres grossen Erzählers gehören. Sie passt so wunderbar ins Konzept der Begegnungen Jesu mit den Leuten, die eigentlich "unmöglich" sind. Die Geschichte illustriert, dass die Wahrheit frei macht, Was sie getan hat ist offenbar, und Jesus zwingt die Teilnehmenden, ehrlich zu sein - und weil sie es sind kommt sie sie frei. Aber die Erzählung ist anstössig genug, um sie lieber zu verdrängen. Sie bietet den Theologen so viele Probleme und den frommen Legalisten so viel Skandalöses, dass sie sehr schnell in manchen Abschriften bewusst oder unbewusst ausgelassen werden konnte. Nun, wie dem auch sei, lassen wir die Exegeten streiten, - Thabita war da, und das war mir wichtig... (Fortsetzung finden Sie im angekündigten Buch!)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lazarus 

 

 

 Wer würde wohl als nächster Besucher kommen?, fragte ich mich. Auf dieser Höhe des vierten Evangeliums waren verschiedene Persönlichkeiten möglich. Und was sie sich ausgedacht hatten, um mich zu überraschen oder zu führen, wusste ich nicht recht.

 

Ein älterer Mann stand vor der Tür. Gut angezogen, wie wenn er jeden Moment für ein grösseres Geschäft in der Bank erscheinen müsste oder einen hohen Besuch herumführen müsste. Zurückhaltend, aber mit lebendigen Augen. Er kam ohne Köfferchen, aber hatte noch seinen Autoschlüssel in Hand. Über seine Schulter sah ich den BMW in ultramarin. Was heisst das Wort schon wieder in der Übersetzung? Tiefblau wie das Meer...

 

- Ich habe mich in der Entfernung verschätzt. Diese Bergstrassen ziehen sich dahin... Aber keine Angst, ich habe Zeit. Der Herr hat mir ein neues Verhältnis zur Zeit geschenkt. Darf ich mich vorstellen? Ich bin Lazarus.

 

Und er streckte mir die Hand hin, eine warme Hand, die an nichts an Tod erinnerte. - Hereinspaziert!

 

- Ich habe den schönen Friedhof neben der Kirche angeschaut. Wie gepflegt.

 

- Ja, die Leute leben hier mit ihren Toten. So habe ich wenigstens den Eindruck.

 

- Bei Gott sind wir nie vergessen, ob unser Leben kurz oder lang ist. Bei den Menschen ist es oft anders. Da sind die Toten manchmal schnell vergessen. - Bei mir war es z.T.. anders. Da haben sie sich erst für mich interessiert, als ich tot gewesen war. Anfänglich war es schlimm. Alle wollten mich sehen und berühren und ausfragen. Nach vier Tagen wieder lebendig...

 

- Sie sagten: Der Herr hat mir ein neues Verhältnis zur Zeit geschenkt.

Wie meinen Sie das?

 

- Wir rechnen meistens mit der Zeit wie mit etwas „Zuhandenem". Zeit gibt es einfach, nehmen wir an. Wir machen Pläne. Manchmal sagen wir: ,,...so Gott will", aber im Grunde genommen, machen wir unsere Rechnungen ohne Gott. Er soll gefälligst wollen, was wir wollen oder erwarten - das ist die Alltagseinstellung. Und weil wir viel wollen, haben wir oft „keine Zeit" - sie reicht nicht aus für das, was wir möchten. Wir disponieren über die Zeit, als wäre sie unsere Zeit.

 

Nach meinem Tod und den Tagen in der Gruft fing ich an, ein anderes Verhältnis zur Zeit zu bekommen. Ich sagte mir: Im Grunde genommen ist Dein Leben zu Ende. Was nun kommt, ist Geschenk, ist gratis. Äusserlich änderte sich wenig an meinem Leben, aber ich begann alles als Geschenk zu nehmen. Schön, dass wir eine Stunde haben, die ja nicht sein müsste... Und was kann alles in einer Stunde geschehen!

 

- Dein Leben ging weiter. Das Evangelium berichtet wenig über Dein alltägliches Leben.

 

- Ich bin Baumeister. Ich habe viel Geld gemacht mit Bädern. Wir hatten zu Hause eine warme Quelle, die haben wir zu einem Heilbad ausgebaut. Die Römer, die ins Land kamen, wollten immer Thermen haben. Also habe ich mich spezialisiert. Bäder, große, kleine, geheizte, mit Mosaikböden, mit Gärten und Parkanlagen...

 

(Fortsetzung finden Sie im angekündigten Buch!)

 

 

 

 

 

 

 

Maria, die Schwester des Lazarus

 

Sie kam, und mit ihr kamen die Düfte. Sie kam mit einem Blumenstrauss, offensichtlich nicht gekauft. Woher sie die Blumen wohl hatte? Ein früher Spaziergang? Schnelle Kontakte mit Frauen, die ihren Garten begossen? Jedenfalls wunderbare Zusammenstellung. Wir suchten eine Vase in dem kaum bewohnten Haus, was nicht ganz einfach war. So konnte sie die „Duftlandkarte" des alten Pfarrhauses für sich aufnehmen. Die intensivsten Düfte gab es in der Küche, wo schon hinten ein Topf auf dem Herd stand. Leise kochte der Suppentopf mit allerlei guten Dingen drin vor sich her. Maria warf einen Blick in den Haufen Gewürze, die bei mir herumstanden. Ich hatte eben frischen Rosmarin bekommen. Nachdem die Blumen ihren Platz gefunden hatten und nun die Stube beherrschten (vorher waren die Bücher und Zeitschriften die Könige des Raumes), setzten wir uns auf die Terrasse.

 

-       Ich habe gehört, du machest einen guten Kaffee… sagte sie ganz unkompliziert.

 

-       Mit Kardamon oder ohne? Mit Zucker?

 

 

-       Mit beidem, bitte!

 

 

 

Sie war in jeder Beziehung eine besondere Erscheinung. Sie kam in einem schönen Sari daher. Wundervoll, was man einfach mit einem Tuch machen kann... Das schwarze Haar fiel ihr auf die Schulter, ein paar Blüten ersetzten teure Spangen und Accessoires. Ihre Augen waren dunkel und gross, aber ich bemerkte, dass sie eher ruhig waren. Sie war offensichtlich mehr jemand, der hörte und roch und die Personen und die Umgebung intuitiv aufnahm. Sie hatte ein Parfum oder ein Öl eingerieben, das ganz sanft und leicht die roch und die Assoziation an einen weiten Garten weckte. Ich dachte: Sie wählt den Duft nicht wegen sich, sondern überlegt, mit wem sie wo, über was sprechen wird.

 

Ich verschwand kurz, um die beiden Tassen Kaffee zu machen.

 

Die Tassen waren natürlich eine Katastrophe, aus der Billigserie vom Coop nebenan, robust, hässlich - gelb, praktisch und jede Abwaschmaschine überstehend, viel zu gross. Aber der Kaffee war gut und brachte mit seinem Duft ganz andere Welten mit sich.

 

- Wie kamst Du nur auf die Idee, Jesus so demonstrativ die Füsse zu salben, kurz vor dem Einzug in Jerusalem? Mit einem Pfund Nardenöl! - fragte ich sie ebenso unvermittelt wie sie mich um den Kaffee gebeten hatte.

 

- Das  weiss ich auch nicht. Muss man, kann man immer alles wissen, warum man etwas tut? Es lag etwas in der Luft, wenn man ihm gut zugehört hatte und die Reaktionen der Offiziellen, der Ältesten und der Priester sah, die bei uns Politik machten. Es gab „dicke Luft"! Der Aufruhr um meinen Bruder hatte die Spannung noch verschärft. Und Er hatte es ja schon lange angekündigt, dass es für ihn in Jerusalem schwierig werden würde. Das letzte Zeichen hatte direkt mit Tod und Auferstehung zu tun. Also wusste ich intuitiv, dass es nun kritisch würde. Viele haben es überhört oder wollten es nicht wahrhaben. Sie träumten...

Ich habe ihm manchmal seine Füsse gepflegt, wenn er von den großen Predigtreisen oder Besuchen bei uns vorbeikam. Mit dem einen Fuss hatte er immer Probleme.

Es waren ziemlich wichtige Leute da, die aber mehr gekommen waren, um Jesus zu

beobachten; sie...

(Fortsetzung finden Sie im angekündigten Buch!)

 

 

 

 

den Nikodemus

 

 

Die Rotten (kleine Rohne bei Reckingen)

 

 Ben, der Blindgeborene

 

 

Der kleine rote Zug, der von oben das Tal herunter kam, hielt und liess von seinen wenigen Gästen einige aussteigen und kurvte dann langsam weiter. Ab und zu kam der Glacier-Express vorbei, der teure Panorama-Zug, mit seinen Sonderwagen und den riesigen Fenstern. Darin sassen die Touristen aus fernen Landen, um die imposante Landschaft mit Bergen und Schluchten, mit den Gletschern und Felswänden zu bestaunen.

 

Unter den Passagieren, die ausstiegen, befand sich ein hochgewachsener jüngerer Mann, braungebrannt, bedrucktes T-Shirt, farbiger Rucksack, der mit leichtem Schritt, fast laufend aufs Dorfzentrum zusteuerte. Dort fand er ein paar Kinder, die er etwas fragte, um dann schnurstracks auf mein Haus

zuzugehen. Tatsächlich, es klingelte.

 

Ich machte auf und sah in drei Augen. Zunächst die dunklen, lebendigen Augen meines Besuchers, dann in ein grosses Auge, das auf seinem T-Shirt aufgedruckt war. „learn to see" stand unten in einem roten Schriftzug zu lesen.

 

- Guten Tag, ich bin Ben. Du wolltest mich interviewen, hat man mir gesagt. Ich bin gerade in der Nähe. Ich studiere hier Sonnenaufgänge, Baumschatten und seltene Mineralien.

 

Ja, ich hatte davon gehört, dass es hier einen interessanten geologischen Aufschluss gäbe, Und in früheren Zeiten war ich auch mal auf einen Berg gestiegen, um die Sonne kommen zu sehen. Sie kommt jeden Tag. Sie weiss, wohl nicht wie schön wir sie finden und, sonst würde sie den Tag über vor Verlegenheit rot bleiben.

 

Ich tippte auf Körnchenfrühstück, aber er zog das Roggenbrot mit Butter und Honig vor. Hingegen fragte der nach arabischem Kaffee, nachdem er sich mit Milch den Durst gestillt hatte. Das schien ihm doch etwas Heimatgefühl zu geben. Der beigegebene Kardamon vom freundlichen Tee- und Gewürzehändler in Martigny gab dem ganzen noch eine besondere Note.

 

- Immer noch vom Licht fasziniert? fragte ich Ben, der talaufwärts schaute, wie die Sonne die Bäume und Waldränder verzauberte.

 

- Vielleicht eher: vom Sehen. Von dem, was wir sehen und von dem, was wir nicht sehen. Vielleicht ist das wundersamer: was wir alles nicht sehen, obwohl wir darauf schauen.

 

- Es wäre ja auch zu viel, wenn wir alles auf einmal sehen und verstehen müssten. Können wir doch als beschränkte Wesen gar nicht.

 

- Das stimmt schon, aber meistens fallen wir dann ins Gegenteil und sehen nur noch das, was wir sehen wollen. Oft lebt es sich auch viel angenehmer, wenn wir das Beunruhigende, das nicht Akzeptable verdrängen oder eine Perspektive wählen, in der es tatsächlich „vor unsern Augen verschwindet". Darum braucht es immer wieder jene, die uns das zeigen, was wir nicht sehen können und wollen, die Künstler, die Verwirrer, die Querdenker, jene, die auf der Suche nach Nicht-Selbstverständlichem sind.

 

- Was treibst Du jetzt?...

 

(Fortsetzung finden Sie im angekündigten Buch!)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Thomas

 

Nachdem Maria gegangen war und ich meinen Gottesdienst hinter mich gebracht hatte - immer noch beeindruckt, nicht gerade benebelt, aber innerlich genügend abgelenkt, so dass ich darauf achten musste, keine Fehler zu machen, da kamen die Zweifel.

 

Warum musste es gerade eine Frau sein, aus der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte, die die erste Zeugin war? Eine wirklich beeindruckende Frau, mit Gespür - aber eben, konnte man nicht vielleicht sagen, etwas zu viel Gespür?

 

Zweifel begleiten unser Leben. Manchmal sind sie auch heilsam. Oft sind sie eine Plage. Die Wissenschaft baut auf ihnen auf, für die Liebe können sie tödlich sein. Es gibt keine Möglichkeit, an ihnen vorbeizukommen, es sei den, man spielt die drei Affen, die nicht hören, nicht sehen, nicht riechen.

 

Am nächsten Tag bereitete ich alles für Thomas, den Zweifler vor. Natürlich gab es andere Möglichkeiten, aber ich traf mal eine Entscheidung. Damit konnte ich auch zweifeln, ob ich recht hatte. So fangen viele Spiele mit sich selbst an, nicht?

 

Er kam, aber wie es der Tradition entsprach, zu spät. Er kam immer zu spät - was auch seine Vorteile hat.

 

Er kam aber nicht allein.. Als es klingelte, kam eine ganze Kinderschar mit, die hinter ihm folgte als wäre er der Rattenfänger von Hameln. Die Kinder, die sonst im vierten Evangelium praktisch nicht vorkommen. Warum wohl? Ich weiss es nicht.

 

Nun konnte ich mir vorstellen, warum er so häufig zu spät kam. Er hatte offensichtlich immer Kinder um sich. Auf dem Weg zu mir kam er am Spielplatz vorbei, wo die Kinder des Dorfes spielten. Bei mir passiert da nicht viel ausser dem Grüssen und Nicken. Aber er war offensichtlich kaum mehr vom Fleck gekommen. Wetten, dass er bereits die Hälfte der Namen kannte?

 

Nach 10 Minuten, als alles entsprechend beäugt war, die Cola-Flaschen aus dem Eisschrank leer dastanden und die Schokoladen ins „warme Jenseits" gewandert waren, gingen die Kinder wieder nach draussen nachdem Thomas ihnen versprochen hatte, er werde dann nachher nochmals kommen und sie ein neues Spiel lehren, wurde es etwas ruhiger im Haus. Wir setzten uns auf die Terrasse.

 

Er hatte eine verwaschene Cordhose an, deren Ursprungsfarbe nicht mehr auszumachen war, Sportschuhe von der Sorte, bei denen einem der Verdacht kommt, sie seien schon seit 16 Jahren angewachsen, ein buntes Hemd in indischen Farben und üppige schwarze Wuschelhaare, die keinen Coiffeur brauchten und sich zum Herumtollen mit Kindern bestens eigneten. Sein Bart war nicht aufdringlich, eher kurz und verdeckte den Mund nicht, so dass man gut sah, was ihm passte oder nicht passte, ob ihm zum Lachen oder zum Weinen war.

Es gibt die Stubenhocker-Zweifler, die an allem aus Prinzip zweifeln, und vielleicht

auch

 zweifeln, weil sie zu wenig von der Welt gesehen haben. Und dann gibt es jene

Zweifler,

die eher zu viel von der Welt sehen, und

daher mit zu schnellen, zu fadenscheinigen, zu ideologischen und zu frommen

Erklärungen nichts anfangen können.

 Die zweiten waren mir viel sympathischer.

Thomas, wenn er wirklich ein Zweifler war, schien

mir eher zur zweiten Sorte zu gehören...

(Fortsetzung finden Sie im angekündigten Buch!)

 

 

 

 

 

 

 

Der Wassermann

 

 

Der nächste Morgen brach an. Während des Joggings, bewunderte ich wieder die Landschaft im Tal. Nebelstreifen, die dem Boden entlang krochen hatten das Schweizer Tal fast in eine japanische Landschaft verwandelt. Das Ganze Tal war eigentlich vom Wasser geprägt. Die Gletscher hingen oben herab, die Rohen entsprang dort. Fluss und Bäche gruben sich in den Boden ein. Im Winter war alles schneebedeckt und zwangen die Leute zu ganz anderem Lebensrhythmus. Die Lawinen drohten und formten langsam im Laufe der Jahrhunderte das Tal um. Im Sommer waren es die Murgänge: Stein-Wasser- Lawinen, die riesige Mengen von Geschiebe transportieren konnten. Im Sommer war es oft trocken - das Paradies für die Touristen, für die Einheimischen oft beschwerlich. Wasser als Segen, Wasser als Gefahr, Wasser überall. Beim Duschen freute ich mich über das warme Wasser, dabei gab ich mir Rechenschaft, dass ich ja eigentlich innerlich auch nass war und zu gut 90% aus Wasser bestand. Also Wasser überall. Ich hatte einige Prozent Wasser verloren durch Schwitzen und freute mich, das in Form eines guten Tees wieder auszugleichen.

 

Wer würde heute kommen, dachte ich, als ich mir die Zeitung holte und zum Bäckerladen ging. Gerstenbrot, wie es im vierten Evangelium vorkommt, gab es nicht, aber sonst alles mögliche. Ich kaufte Haferbrot.

Ich machte Tee, legte die Chopin-CD ein. Es waren zwar „Nocturnes", Abendstücke, aber die Töne perlten so schön aus dem Flügel, als wären es Wasserspiele. Ich musste nicht lange warten, da klingelte es.

 

Ich war erstaunt.

 

-        Du wieder, Thomas? fragte ich.

-         Ich bin nicht Thomas, ich bin Jesus. Weisst Du, genau deswegen hat er den Übernamen „Zwilling". Man kann uns kaum unterscheiden.

 

 Ich konnte ihn wirklich kaum unterscheiden. Er hatte auch dieselben

verwaschenen

Cordhosen und dieselben Turnschuhe an. Gesicht, Bart und Haare eben wie bei Zwillingen täuschend ähnlich, nur die Augen und der Blick unterschieden sich, wie ich im Gespräch zunehmend feststellen sollte. Statt des bunten Hemdes trug er ein einfaches hellblaues T-Shirt. Der Druck drauf war so blass geworden, dass man erst im zweiten und dritten Blick zu lesen begann. „I      my  Father" stand simpel drauf, und beim Abschied sah ich, dass er den Satz seines Lieblingsjüngers draufstehen hatte: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm." - in einer Kursivschrift, die mehr graphisch wirkte und den Inhalt eher spät preisgab.

 Eigentlich wusste ich jetzt nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich beschloss, keine frommen Verrenkungen zu veranstalten und mich möglichst normal zu verhalten. Er schien das zu schätzen. Wir gingen auf die Terrasse und ich bot ihm den Platz mit der schönen Aussicht an.

 

- Tee? Kaffee?

- Lieber Tee. Hier in der Schweiz muss ich sonst jede Menge Kaffee trinken.

Als ich aus der Küche zurückkam, hatte er bereits begonnen, sich mit Brot, Butter und zu bedienen und genoss offensichtlich die Landschaft,

 in der die Sonne die verschiedenen Grüntöne der Wiesen und Bäume hervorzulocken begann. Er schien sich zu Hause zu fühlen.

 

Ich hatte Zeit, ihn weiter zu mustern. Er sah unauffällig aus, wie ein junger Mann heute, auf Reisen oder auf dem Weg zur Arbeit. Er trug keinen Schmuck, aber dort, wo auf frommen Bildern auf den Händen die Wundmale abgebildet wären, trug er auf der Oberseite der Hand eine kleine Tätowierung - vielleicht nur so eine unechte aus Farbe -, die einen kleinen, schon verwaschenen Wassermann zeigte. Am linken Handgelenk trug er einen dünnen weiss - blauen Freundschaftsbändel.

 

- Und? Wie gehen Deine Wassermannforschungen voran? Begann er das Gespräch.

 

-       Sehr gut. Viele kleine Überraschungen.

 

- Kannst Du etwas daraus machen? Du willst ja ein Buch schreiben, hat mir die Samariterin gesagt. Fehlt Dir noch etwas?

 

-       Die, die bis jetzt mitgelesen haben fragen nach Dir – und nach Judas. Das interessiert sie ungeheuer.

 

- Ja, das ist verständlich. Der Arme muss alle Projektionen und Phantasien ertragen. Jeder sieht sich mit seinem Schatten in ihm und dann geht es los mit verschiedenen Modellen. Barmherzigkeit, Rechtfertigung, Selbstzerstörung, Stolz, Unschuldsbeteuerung, „Es muss ja ganz anders gewesen sein". Und diejenigen, die in ihm nur den Bösen sehen, verdammen ihn mit Wonne x-mal in die Hölle. Dabei würden sie besser etwas in ihrem Herzen Ordnung machen.

 

-       Und wie ging die Geschichte wirklich aus?

 

- Mein Vater findet fast immer eine Lösung in schwierigen Fällen. Aber ich darf Dir leider nicht sagen, wie es in diesem Fall ausging. Ist „Staatsgeheimnis". Die Geschichte bleibt offen - wie das Leben von  jedem von Euch. Das Spiel wird nicht vorzeitig beendet, jeder Tag hat seine Aufgabe, seine Plage - garantiertes Happy-end oder garantierte Hölle gehören nicht zum Repertoire meines Vaters. Ausserdem schützen wir ihn vor zu grosser Neugier.

 

Es tönte ziemlich bestimmt, sodass ich weiteres Fragen als zwecklos betrachtete. Ich schaute in seine Augen, grosse, ruhige warme Augen, einladend. Ich hatte den Eindruck, dass ich in diesen Augen weit in die Welt, in ferne Weiten sah.

 

-       Reisest du allein? fragte ich.

 

- Oh nein. Spätestens im Himmel hört der Individualismus auf.

 

Er bedeutete mir mit einer Kopfbewegung hinter mich zu sehen, durch die Balkontüren hinein in die Stube, wo es einen langen Tisch mit vielen Stühlen gab – für die Versammlung des Pfarreirates. Plötzlich sah ich alles bevölkert mit Engeln verschiedenen Geschlechtes und verschiedener Hautfarbe. Der eine hatte so ein himmlische Notebook vor sich, wie ich es bei Philipp gesehen hatte, eine andere hing an einem Handy. Zwei musterten meine Bücher und Zeitschriften, die ich dort gestapelt hatte. Ich sah das nur einen Augenblick lang, aber ich verstand. Einen Augenblick später war alles wieder normal, und die Chopin – Nocturnes perlten durch den anscheinend leeren Raum.

 

So nah am Ziel, verschwinden viele Fragen. Entweder hatte ich sie vergessen oder sie erschienen mir als Bagatellen, die es gar nicht wert waren, erfragt zu werden.

 

-Das ist mein „Staff“. Bei so vielen Menschen komme ich ohne das nicht aus. Aber ich lasse ihn nach Möglichkeit nicht erscheinen. Sie machen meine Agenda - es gibt ja viele, die etwas von mir möchten.

 

-       Aber - musst Du dann nicht zusätzlich Verwandlungskünstler sein? Ich könnte mir vorstellen, dass die im Vatikan entsetzt wären, Dich in diesem Aufzug zu sehen.

 

- Lass sie nur etwas entsetzt sein. - Ich stelle mich schon auf jede einzelne Person ein, der Rest verändert sich automatisch. In Deinen Augen.

 

-       Und als was reisest Du am liebsten?

 

- Du hast scheints wenig Vertrauen in Deine Idee! Eben als Wassermann. Ich gehe überall dorthin, wo es leere Krüge zu füllen gibt, wo Menschen Kraft, Erleuchtung, ein Wort, eine Hilfe brauchen. Weisst Du, der Krug ist ein wunderschönes Symbol.

 

Er nahm vom Teekrug den Deckel ab.

 

Der Krug ist nach oben offen. Oft wird der Inhalt verändert, verwandelt - du hast heisses Wasser hineingegossen und der Tee hat langsam gezogen, bis er die dunkelgoldene Farbe hat. So sorge auch ich dafür, dass vieles verwandelt - wenn Du willst -„vergoldet' wird. Oder ich sorge dafür, dass sich dort, wo die Menschen offen sind und nichts haben, der Krug füllt. Und der Krug hat einen Henkel: Ihr könnt dem andern eine Tasse einschenken. Nichts ist für uns allein gemacht. Bei der Hochzeit von Kana war das ganze Dorf dabei... Es ist schön, Wassermann zu sein. Noch schöner, es nicht allein zu sein.

 

-       Du meinst, wir sollten uns alle bemühen, Wassermänner und Wasserfrauen zu sein?

 

Er nickte und sah nicht die Notwendigkeit, viel dazu zu sagen.

 

 

-       Ich möchte Dir die Frage des anderen Judas stellen, die er Dir am letzten Abend vorgelegt hat: „Warum offenbarst Du Dich nur uns, und nicht der ganzen Welt?" Müsste die Wahrheit nicht mehr überzeugen? Warum fügst Du es nicht, dass mehr Menschen sich fürs Evangelium öffnen und einsetzen?

 

- Die Öffentlichkeit ist nicht der Raum für tiefe Wahrheit. Diese ist zu einfach, zu herzensnah, zu wenig spektakulär. Die Halbwahrheiten und die krassen Irrtümer sind manchmal viel interessanter. Dazu kommt, dass das Publikum immer wieder Abwechslung will. Dieselbe Wahrheit hören, mag sie noch so wahr sein, ist langweilig; ihr spielt lieber mal mit dem Gegenteil, mag es noch so falsch sein. Das gehört zu den Gesetzen der Öffentlichkeit. Das war dasselbe in der Halle Salomos, im Tempel in Jerusalem, wie heute im Internet...

 

Ein ganz anderer Grund: Mein Vater ist der, der ins Verborgene sieht... Was weisst Du denn, wie viele Menschen den Weg des Evangeliums gehen? Müssen alle angeschrieben sein? Nicht das Parteibüchlein macht den Gerechten aus. Wir schätzen jene höher, die das Gute tun, als jene, die ihre Rechtgläubigkeit und ihre Frömmigkeit demonstrieren.

 

 

Ich konnte mir diesen Jesus, den ich vor mir hatte, in der Tat schlecht im Vatikan vorstellen, schon eher aber als Strassenarbeiter in einer Grosstadt, oder als Student im Gespräch mit irgend jemand, der an der Bushaltestelle wartet. Oder als Kioskverkäufer, der für die Durstigen eine Cola hat, und mit den Käufern ein kleines Gespräch über ihre täglichen kleinen Sorgen hat.

 

 

Ob wir im Wassermannzeitalter wieder mehr Sinn für die kleinen Begegnungen haben? Ob wir bereit sind, uns ansprechen zu lassen durch die kleinen täglichen Zeichen? Die meisten Freundschaften fangen mit einer kleinen, nichtssagenden Begegnung an, mit einem Wort, einem Gruss, mit einem Spiel, mit einem kleinen gemeinsamen Erlebnis. Wie viele Kontakte fangen mit einem verlegenen Gespräch übers Wetter an: „Heiss heute, nicht war?" „Hast Du mir etwas zu trinken?" - mit dieser kleinen, unscheinbaren Bitte fängt das große Gespräch mit der Samariterin an...

 

-       Und was machst du jetzt? Meine klassische Frage ans Wassermann – Team. Jetzt an den Chef.

 

- Ich habe eine ganz urtümliche Tätigkeit wieder aufgenommen: Jäger und Sammler…

 

-       Wie bitte? Jäger und Sammler? Da komme ich nicht nach!

 

- Ich „sammle“, wie Du im Evangelium liest, „die versprengten Kinder Gottes". Überall, auf allen Strassen und Plätzen, in allen Ländern und Sprachen, Alte und Kinder, Männer und Frauen, Gesunde und Kranke. Und mache sie zu meinen Freunden.

 

 

Ich sah wieder auf das kleine Freundschaftsband an seinem linken Handgelenk, die paar unscheinbaren weissen und blauen Wollfäden. Einer schien neu zu sein, eben hinein geflochten. Und ich dachte an das schwierige Wort, das jetzt einen neuen, tiefen Sinn bekam: was ihr auf Erden binden werdet, wird auch im Himmel gebunden sein.

 

Wir sprachen noch etwas, dann verabschiedete er sich. Er wolle, er musste weiter auf seiner Sammeltour. Ich bat ihn noch um einen Wollfaden und band ihn mir ums Handgelenk. Es sollte mich dauernd daran erinnern, auch Wassermann zu werden.

 

 

 

 

 

 

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Rotten (kleine Rohne bei Reckingen, fotografiert von Pater Kistler)                                            

         

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Rotten (kleine Rohne bei Reckingen, fotografiert von Pater Kistler)

Die Rotten (kleine Rohne bei Reckingen, fotografiert von Pater Kistler)

Die Rotten (kleine Rohne bei Reckingen, fotografiert von Pater Kistler)

Die Rotten (kleine Rohne bei Reckingen, fotografiert von Pater Kistler)

 

Die Rotten (kleine Rohne bei Reckingen, fotografiert von Pater Kistler)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Rotten (kleine Rohne bei Reckingen, fotografiert von Pater Kistler)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"...himmelwärts!"

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