Kolumnen von Pater Dr. theol. Paul Vautier

"Immer verbunden..."

 

Kolumnen von Pater Dr. theol. Paul Vautier

 

12.11.2011

Wenn Du wüsstest, wie gelegen mir das Buch „Sonntags-Gedanken“ ( Band 3) gekommen ist.

Ich liege nämlich mit einer starken Erkältung im Bett und wusste mich von dem heranschleichenden Selbstmitleid kaum mehr zu wehren. Mal noch schauen, was im Briefkasten liegt…!

Jetzt lasse ich mich von den herrlichen Geschichten von Dr. Paul Vautier trösten und inspirieren.

 

Also, wirklich er ist ein ganz aussergewöhnlich feiner Mensch, da möchte ich auch gerne seine Freundin sein.

 

xy

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Adventsstonntag, Lesejahr C

Warten zwischen Trotz, Lust und Hoffnung



27.10.00  Können Sie noch wirklich auf etwas warten? Vielleicht denken Sie: Was für eine dumme Frage! Jeder kann doch warten, und oft müssen wir einfach warten, auch wenn wir nicht wollen, wenn zum Beispiel das Auto im Stau stecken bleibt oder der Zug nicht abfährt! Nun, ich denke, mit dem Warten ist es nicht so einfach. Ja, es ist geradezu anregend, darüber nachzudenken.

Einmal meine ich, dass sich Temperament und Charakter offenbart, wenn Sie warten müssen. Der Melancholiker ist traurig und sieht die Welt untergehen, weil er irgendwo zehn Minuten zu spät kommt. Der Sanguiniker ergreift die Gelegenheit, dem Nachbarn die letzten Witze zu zählen. Der Zwangshafte guckt alle zehn Sekunden auf die Uhr, während der Choleriker vielleicht bereits ausgestiegen ist oder mit seinem Handy irgendeinen Chef beschimpft. Das sind Reaktionen beim unfreiwilligen Warten.

Es gibt aber auch das Phänomen, dass wir das Warten offen oder versteckt organisieren und sogar geniessen. Im Grunde ist jeder Krimi organisiertes Warten auf den Moment, wo der Täter gesteht oder überführt wird. Diese Szene ist meist trivial, während wir die spannungsreiche Geschichte mit Aufregung, Verfolgung, bangem Warten und in die Irre-Geführt-Werden auskosten. Oder: Wenn sie jemanden zu einem Rehrücken einladen, dann servieren Sie ihm diesen wohl auch nicht zwei Minuten nach Ankunft, sondern wir warten gemeinsam und stimmen uns ein mit einem Aperitif, einem politischen oder kulturellem Gespräch, einer Suppe, einem schönen Salat und dann, eventuell sogar mit entsprechendem Brimborium, wird die Kostbarkeit serviert... Schon früh lernen wir lustvolles Warten. Die Kinder geniessen Verstecken und Verfolgung. Ein Spiel, das allzu schnell zu Ende ist, empfinden sie als reizlos.

Sehr unterschiedlich erleben wir das Warten, je nachdem, ob wir wissen, worauf wir warten - etwa, dass die Ampel endlich grün wird oder der Beamte uns bedient -, oder ob wir das Kommende nicht kennen. Was wird uns der Arzt sagen? Welches Geschenk werden wir bekommen? Wie werden die Wahlen ausgehen? Das ist erwartungsvolles, vielleicht banges Warten.

Es gibt aber auch das "grosse" Warten, wenn ich das mal so nennen darf. Das Warten der Hungernden auf Hilfe, des Arbeitslosen auf Beschäftigung. Die Hoffnung auf Frieden in Ländern, die schon jahrelang vom Bürgerkrieg geplagt werden. Das Ersehnen einer besseren Zukunft für jene, die in ärmsten Verhältnissen leben müssen. Das Erträumen einer besseren Welt. Dieses Warten ist meist nicht lustvoll, es wird erlitten und braucht viel innere Kraft. Und wenn wir die Frage nach dem Sinn der Geschichte stellen, braucht es dazu viel Glauben.

Wir beginnen den Advent. Advent heisst Ankunft: Wir warten also auf den Herrn, auf sein Wiederkommen. Wir wissen, dass diese Welt einmal untergeht und erhoffen einen neuen Himmel und eine neue Erde. Bei vielen reduziert sich allerdings das Advents-Warten auf die nächste Weihnacht und auf das Weihnachtsgeschenk Das ist ein "kleines" Warten. Das Evangelium von heute mahnt uns aber zum "grossen" Warten, vor dem wir oft zurückschrecken.

Die kahlen Bäume, der Nebel, die langen Nächte laden uns ein zur Stille, zum Nachdenken. Die Sehnsucht nach der Sonne des Sommers sollte begleitet werden durch unser "grosses Warten", unsere Sehnsucht nach einer neuen Welt. Schnappen Sie sich ein ernstes Buch, nehmen Sie sich Zeit in ihren Gesprächen für grosse Perspektiven, beschäftigen Sie sich mit einer wichtigen Zeitfrage! Der Adventsrummel wird uns vom ernsten Denken ablenken wollen - Christen bleiben Menschen des "grossen" Wartens.


 

 

 

Kolumnen von Pater Paul Vautier zum Lesejahr A

 

 

Mt 24, 29 – 44

Erster Adventssonntag

Die inszenierte Ankunft

In der letzten Zeit waren wir Zeugen und Beobach-
ter von modernen "Adventen", von industriell inszenierten Ankünften. Die
Kinder wurden schon lange vor der Premiere von "Lions King" mit grossen und
kleinen, gedruckten und plüschigen Löwen verfolgt und eingedeckt in der
Hoffnung, dass dieser Film alle finanziellen Rekorde schlage. Dann gab es
das Computerprogramm "Windows 95" das viele Leute verrückt gemacht hat (bis
sie es hatten und auch nachdem sie es hatten). Eine Serie von Plakaten und
Inseraten mit unheimlichen Masken und Texten machte danach allen klar, dass
in der Schweiz bald eine ganz besondere, eben die "Phantom Opera" aufge-
führt würde...
Gemeinsam ist an diese modernen Adventsphänomenen die ungeheure Publizi-
tät und der finanzielle Aufwand, in der Hoffnung, dass dann noch mehr Geld
eingespielt wird. Wir sollten also alle wenigstens unser Portemonnaie auf-
machen...
Christus hat sich bei seinem Kommen nicht auf diese Art angekündigt. We-
nige wussten davon, und es brauchte innere Empfänglichkeit, um die Bot-
schaft des Geistes zu hören, oder um auf den Gesang der Engel zu lauschen.
Dies war das Vorrecht von ein paar armen verachteten Hirten und nicht des
finanzkräftigen Herodes in Jerusalem und seiner Reichen.
Auch wenn Gott jetzt in unsere Zeit kommt, läuft das nicht über eine fi-
nanzielle Grosskampagne. Die Türen des Herzens, die Gott öffnen möchte,
sind nicht durch diese Mittel aufzuschliessen. Zu viele Geschenke, zu viele
Dinge, zu viele Neuigkeiten verbarrikadieren sehr oft die Türe, die zur Be-
gegnung, zum tiefen Kontakt, zum beglückenden Zusammensein führt.
Der Weihnachtsrummel in den Geschäften hat schon begonnen. Halten wir
uns die Türen des Herzens frei davon. Das Evangelium des Sonntags spricht
von der Aufmerksamkeit. Der Herr kommt nicht mit einer industriellen Kampa-
gne, sodass auch der letzte Hinterwäldler aufgeschreckt wird. Er kommt
still, unbemerkt, wie ein "Dieb in der Nacht". Er möchte uns ein wenig das
Herz stehlen, es für Wichtigeres begeistern als für einen Einkauf. Halten
wir uns bereit! Achten wir auf die Zeiten der Stille, damit wir das leise
Rufen hören, wenn Gott uns zu sich oder zum Nächsten ruft...

 

 

 

Mt 3, 1 – 12

Zweiter Adventssonntag

So richtig auf den Putz hauen..!!

Johannes der Täufer soll zu den Pharisäern gesagt
haben: "Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem
kommenden Zorn entrinnen könnt?" Es scheint, dass Johannes nicht gerade
zimperlich war in seiner Predigt. Wenn er von wildem Honig gelebt hat, trug
das offensichtlich nicht zur "Süsse" der Predigt bei, sondern eher zur
Wildheit...
Zu meinen paradoxen Erfahrungen gehört es, dass viele Zeitgenossen der
Kirche zwar vorhalten, zuviel von Sünde und Schuld zu sprechen und alles
schwarz zu malen, selber aber ganz gerne "wieder mal eine richtige Predigt
hören" - und darunter meinen sie eine Standpauke. Zumindest geniessen sie
es, wenn den andern "so richtig die Leviten gelesen werden".
Das ist nicht etwa unlogisch, sondern entspricht ganz unserer
menschlichen Art. Wir sind alles andere als eindimensionale Wesen. Wir
kennen das besonders von der Pubertät her, wo die Stimmungen von
Begeisterung zum Seelenschmetter und die Tätigkeiten vom groben
Imponiergehabe zu den ersten Zärtlichkeiten wechseln. Als Protest gegen die
Ordnung und Sauberkeit der Erwachsenenwelt wird im freien Raum kräftig
Chaos gefördert und im Dreck gewühlt: das macht Spass.
Offensichtlich geniessen wir beides, Schwarz und Weiss, Höllenlärm und
Stille, das gute Werk und den Reiz der Sünde, die doppelt schön scheint,
weil sie verboten ist... Die Tugendhaften spielen und gar heilig werden
erscheint uns auf den ersten Blick reizlos und langweilig.
Das Dumme ist nur, dass wir so nie recht auf einen grünen Zweig kommen.
Der Erfolg bleibt begrenzt, wenn auf drei Schritte vorwärts wieder ungefähr
soviele rückwärts folgen. Wir sollten Ausschau halten nach besseren
Strategien.

"Bringt Früchte, die eure Umkehr beweisen", heisst es weiter in der
Predigt des Johannes. Früchte wachsen und reifen langsam. In uns allen
liegt die Fähigkeit und oft auch der stille Wunsch, vom pubertären Auf und
Ab wegzukommen zum beständigen Wachstum. Das schlichte, geradlinige Gutsein
mag auf weite Strecken weniger reizvoll und bewegt sein, dafür bringt es
nachher mehr Freude. Es muss ja nicht so sein, dass wir uns nur zum Guten
aufraffen, wenn wir wieder mal ausgeschimpft wurden. Vielleicht überlegen
Sie sich, was Sie auf Weihnachten von sich aus tun können, was nicht
Reaktion auf Kritik und auch nicht blosse Pflichterfüllung ist. Damit Sie
Freude haben am Guten, das in Ihnen als Frucht gereift ist.

 

 

8. Dezember Wort zu Maria unbeflekte Empfängnis

Im Rhythmus Gottes

 

Ab und zu höre ich die Aufnahme eines berühmten
indischen Trommlers, der meisterhaft die Tabla spielt. Für mich als
Europäer ist das wie eine Wunderwelt. Es fasziniert mich, aber ich muss
richtiggehend umschalten: die Akkorde der Harmonika sind nur Begleitung und
die Trommel ist das Wichtige - bei uns ist es normalerweise umgekehrt.
Langsam versuche ich, das Spiel und die Variationen der komplizierten
Rhythmen in mich aufzunehmen. Ich mache mir klar, dass ich das wohl
geniesse - aber nie in meinem Leben werde ich so spielen können. Wenn ein
Mensch nicht mit diesen Rhythmen aufwächst, wird er sich nie mit Eleganz
und Leichtigkeit darin bewegen können. Schön sind sie, faszinierend, aber
unerreichbar.
Das Geheimnis des 8.Dezembers, das Geheimnis Marias, der Mutter Jesu,
ist dieser besonderen Musik vergleichbar. Für uns ist es normalerweise eine
mühselige Aufgabe, uns immer wieder auf Gott einzustimmen und uns ihm zu
nähern. Unser Rhythmus ist oft nicht der seine. Wir denken meist an anderes
und richten unser Leben ohne ihn ein. Wenn wir dann merken, dass es uns
doch gut täte, uns mehr auf Gott abzustimmen, auf seinen Rhythmus
einzugehen, dann ist uns das oft so fremd wie indische Rhythmen... Anders
bei Maria. "Unbefleckt empfangen" sein heisst, ohne Störgeräusche
aufzuwachsen, ohne die Hindernisse, die die Gesellschaft normalerweise auf
unserm Weg zu Gott aufbaut, ohne die fast zwangsläufige Entfremdung des
Menschen von seinem wahren Wesen. Sie konnte vom ersten Moment des Lebens
an in den Rhythmen und mit den Rhythmen Gottes leben, tanzen, singen und
wirken... Welche Verbundenheit mit Gott muss ihr daraus erwachsen sein!
Mit dem Jazz, dem Rock und Pop ist viel Rhythmus in unsere
Unterhaltungmusik hineingekommen. Die Volksmusik hat schon immer schnelle
Rhythmen bevorzugt, auch bei uns. Vom Tanzrhythmus werden wir mitgenommen,
er erfasst uns. Solche Musik lässt uns nicht kalt, sie ergreift uns ganz,
oft bis zur Trance. Lassen wir uns mitreissen, mitziehen vom Rhythmus
Gottes, wie er in Maria aufscheint! Das geht auch, wenn Sie nicht gerne das
Tanzbein schwingen oder es nicht mehr können. Der Rhythmus Gottes ist
jederzeit und allerorten zu hören und lädt uns zur Antwort ein. Schärfen
wir unser Ohr für die Botschaft des Engels, für die oft leise Trommel
Gottes! Diese erscheint oft als die Stimme des Herzens, als Bitte eines
Nachbarn, als meine Aufgabe heute, als Einladung, Gottes Eigenschaften im
andern zu bewundern. Versuchen wir, darauf ein herzhaftes Ja zu sagen!
Bitten wir Maria, sie möge uns die Rhythmen Gottes vorspielen und uns
helfen, uns immer besser auf sie einzulassen.

 

 

 

 

 

Mt 11, 2 – 11

Dritter Adventssonntag

Dicke Filzjacken in allen Farben...


Unsere Mode ist unermüdlich im Erfinden von
schönen und manchmal auch praktischen Kleidern. Nun ist es kalt geworden,
und viele laufen bei uns in den dicken Filzjacken herum. In allen Farben
und Mustern werden Sie angeboten, auch für Männer, die längst nicht mehr
wie "graue Mäuse" kleiden müssen. Schon der Anblick einer solchen Jacke
lässt Gefühle von warm und wohlig entstehen.
"Leute, die fein gekleidet sind, findet man in den Palästen der Könige"
-so heisst es im heutigen Evangelium. Fast die ganze Schweiz wäre demnach
ein Königspalast. Wenn wir nicht gerade eine bestimmt Marke tragen wollen,
können wir uns heute um wenig Geld fein und geschmackvoll oder auch poppig
kleiden; da haben sich die Zeiten gründlich gewandelt.
In der Kleidung geht es aber nicht nur darum, etwas anzuhaben und gegen
Kälte und Wetter geschützt zu sein. Jede Kleidung ist auch Ausdruck von uns
selbst und ein Appell an die andern: "So bin ich, schau mal her..." Die
Uniform ist ein Dienstangebot, der Overall sagt: "Moment mal, ich bin am
Arbeiten!", der Trainer lädt zum Laufen oder Spielen ein. Wir haben auch
unsere Bräuche, Trauer und Festlichkeit in der Kleidung auszudrücken.
Ich assoziiere die Filzjacken mit Wärme und Geborgenheit. Dies ist ein
Grundbedürfnis des Menschen. Leider kann es durch Kleidung allein nicht
geschaffen werden. Wenn Geborgenheit durch mollige Pullover, gedämpftes
Licht, schöne Vorhänge, weiche Sessel, dampfenden Rumpunsch und Musik
geschaffen werden könnte, wäre das schön. Aber der Verlassene fühlt sich
auch im dicken Jacket allein. Vielleicht zeigt gerade die weiche, mollige
Linie in den Accessoires unsere Suche und unsern Appell nach Geborgenheit
und emotionaler Wärme.
In jeder Gesellschaft stellen sich neue Herausforderungen an unseren
Umgang miteinander. Für viele Familien ist es schwierig geworden, bei den
hektischen, allzu verschiedenen Tagesabläufen der Erwachsenen und Kindern
jedem noch genügend Geborgenheit zu schenken. Viele Freizeitangebote nehmen
uns zwar in Beschlag, sind aber nicht unbedingt emotional befriedigend.
Tiefere Geborgenheit entsteht nur durch gegenseitige Anteilnahme, durch
Aufmerksamkeit, durch Anerkennung und Austausch. Daran zu denken, ist
gerade in der Vorbereitung auf Weihnachten wichtig. Nicht ein Haufen von
Geschenken, Gützlis und Grüssen "wärmt", sondern die persönliche
Aufmerksamkeit, die darin steckt. Nur diese macht aus dem Kleiderparadies
ein kleines Stück Himmelreich...

 

 

Mt 1, 18 – 24

Vierter Adventssonntag

Drama einer hebräischer Familie.

(Mt. 1, 18-24)

 

Es kommt oft bei mir vor, wenn ich gewisse Predigten höre oder verschiedene Ausschnitte des Neuen Testamentes lese, dass die Ereignisse sehr schön, poetisch aber gleichzeitig etwas fern von der Wirklichkeit und Härte  des Lebens erscheinen. Das ist z. B. der Fall, in dem Abschnitt, den wir eben gelesen  haben.

 

 Wir tun gut daran, eine Betrachtungsweise zu versuchen, die uns etwas anders belehren kann.

 

Myriam war die Freude und der Stolz ihrer Familie von Nazareth, ein geliebtes und bewundertes Mädchens im Dorf. Sie war schön, hilfsbereit, freudig und tief religiös. Für die Eltern – Joachim und Anna – war es das größte Geschenk, dass Gott ihnen gegeben hat. Alle Jungen waren be- zaubert von ihr und im Geheim  waren sie dem Josef, ihrem Verlobten, ein wenig neidisch. Der Josef war, so stelle ich mir das vor, ein schöner, jungen Mann, tief verliebt in seiner Myriam, die er als sein liebster Schatz schützte und verehrte.

 

Und plötzlich erfährt er, dass Myriam ein Kind erwartete … ohne sein zutun.

Das war für ihn total unbegreiflich … die schwerste Enttäuschung, die er erleben konnte … ein tiefer  Schmerzen überfiel ihn und eine große Verwirrung …bald werden das alle im Dorf erfahren…was werden die Mädchen und Jungen, ja das ganze Dorf denken über seine liebe Myriam?

Und sie litt auch … kein Wort kam aus ihrem Mund. Er ging sicher auch zu Joachim und Anna, um Rat zu holen. Und nach tiefen Überlegungen traf  er die Entscheidung, Myriam nicht bloß zu stellen, sondern sie im Geheimen zu verlassen.

Man kann sich vorstellen wie unbegreiflich und schwer für den Josef die ganze Angelegenheit war … ein Drama!

 

Hier hat aber Gott selbst eingegriffen und kam Josef und Maria zu Hilfe. Im Traum erklärte Gott das Geheimnis dieses Kindes …Der Heilige Geist ist zu Myriam gekommen und das Kind, dass  in ihr wächst,  ist von Gott…er  wird das Volk retten…er wird der Emmanuel sein… und so fing Josef zu verstehen was geschehen war und entscheidet sich, bei Maria zu bleiben und diese geheimnisvolle Geschichte mit ihr zu teilen. Er sollte Myriam verteidigen gegen die Gerüchte,  die im Munde aller umhergingen … Er wird ihre Stütze sein und der Ruhepol ihres irdischen Lebens.

 

Als das Kind im fernen Betlehem geboren wurde und sie nach Nazareth zurückkamen, hat sich das Familienleben allmählich ruhig entfaltet, zur Freude aller. Aber das Kind war ein tiefes, tiefes Geheimnis, wie es sich im

Tempel von Jerusalem gezeigt hat, als der Junge Jesus im Gespräch mit den Weisen und Gelehrten gefunden wurde. Und als er sein öffentliches Leben begann, wie viele Kommentare, Nachrichten von erstaunlichen Tatsachen, die Jesus überall tätigte – Heilungen, Brotvermehrungen, wunderbare Reden – sie konnten das kaum fassen. Das war für Myriam und Josef sicher nicht leicht.

 

Das Leben von Myriam – von Maria, der Muttergottes – war nicht so einfach,  wie das gelegentlich dargestellt wird. Sie hat viel gelitten, sie hat nur aus dem Glauben gelebt, so wie wir auch leben müssen, auch wenn so viele unerklärliche Dinge in uns und um uns herum geschehen. Sie war immer mit Gott verbunden, sie hat ihm immer recht gegeben, sie hat ihn immer gelobt und gedankt, auch in den schwersten Ereignisse ihres Lebens,  als ihr Sohn verfolgt wurde, als er verlassen wurde und zuletzt als er am Kreuz sterben mussten. Für sie war das Leben gar nicht einfach. Sie hat aber alles mit dem Glauben beherrscht.

 

Das ist ein Beispiel und eine Ermunterung für uns alle.

 

Pater Francisco José Cox, Chile
 

 

Lk 2, 1 – 4

Heilige Nacht

Weihnachten - Fest der geheimen Anziehung

Heilige Nacht bedeutet für mich Duft und Geruch
von Fichtennadeln und angesengtem Tannenreisig, von feinem Lebkuchen und
Rauch von abbrennenden Wunderkerzen.
Die Biologen sagen uns, dass von unseren fünf Sinnen das Riechen eine
Sonderstellung einnimmt. Signale, die wir über die Nase empfangen, haben
eine sehr direkte Verbindung zu unserem motorischen Nervensystem. Sie
müssen nicht zuerst von der Grosshirnrinde verarbeitet werden. Darum
reagieren wir so schnell und stark auf Gerüche: wir weichen zurück bei
schlechtem Geruch; vieles können wir buchstäblich "nicht riechen". Und
umgekehrt ziehen uns manche Lieblingsgerüche magisch an: Der Duft eines
guten Parfums, die lockenden Gerüche aus bruzzelnden Bratpfannen können die
ernsteste Beschäftigung stören, wenn nicht gar verunmöglichen.
Wieder wird es Weihnachten, mit demselben Rummel und - hoffentlich - mit
derselben Faszination wie früher. Das Äussere, zu dem eben auch die
Weihnachtsgerüche gehören, ist nur ein Seite dieses Festes. Die
Weihnachtsgeschichte, die Botschaft, dass der Erlöser als kleines Kind
geboren wird, erfasst immer wieder viele Menschen, auch solche, die nicht
oft zur Kirche gehen. Es ist, wie wenn wir eine "geistiges Nase" hätten,
die unweigerlich von dieser Nachricht angezogen wird. Die "geistigen"
Düfte, die davon ausgehen, heissen Friede, Freude und Neuanfang für alle.
Das sind magische Worte, die ganz tiefe Sehnsüchte unserer Herzens
ausdrücken. Wer hat sich nicht das ganze Jahr hindurch nach Friede gesehnt,
wenn es jeden Tag Meldungen von Krieg und Terror, von gebrochenem
Waffenstillstand und fruchtlosen Verhandlungen zu hören gab? Ist in uns
nicht der Wunsch laut geworden, vieles Zerbrochene und Danebengegange
einfach wegwerfen und ganz neu anfangen zu können?
Jedes Jahr Weihnachten zu feiern hat seinen Sinn. Wir Menschen haben es
sehr schwer, am Guten festzuhalten. Unsere Vorsätze haben meist kurze
Beine, die auf ewig gelobte Liebe ist oft schnell verflogen und die Lust am
Streiten ist für viele grösser als das Bemühen um gutes Zusammenleben.
Darum müssen wir immer wieder zum Guten hingelockt werden.
Die Weihnachtsgeschichte ist oft von vielen Wundergeschichten umrankt
worden. Was in der Bibel steht, ist aber eigentlich sehr nüchtern und mit
der Schilderung von der herrschenden Not und Armut sehr realistisch. Josef
und Maria müssen im Stall übernachten, das Kind wird unter primitiven
Umständen geboren - und bald sind sie auf der Flucht. Gott lockt uns mit
dem anziehenden Geheimnis der Geburt, des neuen Anfangs - er verschweigt
uns aber auch nicht, dass es schwierig sein wird, das neue Leben zu
bewahren und zu schützen.
So lade ich Sie ein, sich auch diese Weihnacht wieder locken und
verlocken lassen. Geniessen Sie, wenn Sie können, die verführerischen
Aromen des Weihnachtsbaumes, der Lebkuchen und Guetzlis, der Gänse und all
der weiteren Herrlichkeiten. Denken Sie zugleich an die "himmlischen
Düfte", an die Verheissungen von Friede und Freude und an die Möglichkeiten
des Neuanfangs. Innerlich können wir alle neu geboren werden. Stärken Sie
sich in diesen Festtagen, damit sie nachher, wenn die harte Wirklichkeit
des Alltags wieder beginnt, Kraft haben, das Gute und das neue Leben zu
schützen und wach genug sind, die Chancen, die das neue Jahr uns bringen
wird, zu nützen.

 

Märchentram in Zürich mit dem Eingang zum Wohnhaus von Familie Vautier - Beer

 

Kol 3,12-21; Mt 2,13-15.19-23     

 Fest der Heiligen Familie

„Oben“ und „unten“ in der Familie?

 

                                                            

 

Wenn ich mich als Priester mit dem Thema „Familie“ beschäftige, schaue ich gerne auf meine drei Brüder und ihre Familien. Heute eine Partnerschaft zu leben und als Eltern für Kinder da zu sein ist neben viel Freude auch eine grosse Herausforderung. Die Partnerbeziehung will gepflegt sein, es braucht ein grosses Gespür und Einfühlung, wie die nicht mehr selbstverständliche Rollenverteilung von Mann und Frau aussieht und konkret umgesetzt wird. Da kommen uns die Worte von Paulus aus der Lesung ziemlich schräg rein: Schreibt er doch da: „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter“. Was sollen wir heute mit einer solchen Aussage anfangen? Wir fragen uns, wäre es nicht gescheiter gewesen Paulus hätte zu diesem Thema geschwiegen?

Irmela Hofmann, eine langjährige Eheberaterin, schreibt in einem Artikel: „Glück ist nur, dass man sich findet. Dass man sich lieb behält und beieinander bleibt, ist harte Arbeit am eigenen(!) Charakter.“ Ehe, Familie, ja Beziehungen überhaupt zu leben und zu pflegen braucht Einsatz. Da hilft nicht die Unterordnung der Frau unter den Mann, wenn wir das platt verstehen. Warum schreibt also Paulus diese Aussage? Im Epheserbrief sagt Paulus etwas Ähnliches: „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männer unter wie dem Herrn“ (Eph 5,22). Hier im Kolosser Brief heisst es, „wie es dem Herrn geziemt“. Dieser zweite Teil ist wichtig. „Wie dem Herrn“ – also so wie Jesus Unterordnung versteht. Und wie versteht das Jesus? Er sagt uns im Johannes Evangelium: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt“ (Joh 15,15). Paulus weiss, dass Unterordnung im christlichen Sinn keine Unterwerfung mehr ist. Unterordnung meint Verbundenheit in Liebe und Freundschaft und das gilt in der Ehe für die Frau und für den Mann ebenso. Ja, vom Mann fordert das Paulus explizit: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat“ (Eph 5,25). Besonders den Männern gilt also die Aufforderung Jesu: „Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein.“ (Mk 10,43f.) Und wie ist das mit dem dritten Satz, der uns im Text begegnet: „Ihr Kinder gehorcht euren Eltern.“ Das Wort „gehorchen“ kommt von „horchen“ und meint zuerst einmal „aufeinander horchen“, „aufeinander hören“. Auch das ist Paulus schon bekannt, wenn er sagt: „Ihr Väter, schüchtert eure Kinder nicht ein, damit sie nicht mutlos werden.“

„Sich unterordnen“, „lieben“, „gehorchen“ oder „nicht einschüchtern“ das sind doch Tätigkeiten, die je nach Situation mal für das eine oder andere Familienmitglied richtig sind. Einmal sollen die Kinder den Eltern gehorchen, aber das Horchen der Eltern auf die Kinder, das soll auch nicht unterschätz werden. Oder den Kindern keine Angst machen, ja manchmal ist auch das auch von den Kindern gefordert, dass sie nicht den Eltern Angst machen mit dem, was sie tun. (1)

In den heutigen Familien müssen wir die Rollen klären, diese sind nicht mehr einfach klar. Dass es aber Rollen- und Aufgabenverteilung braucht, das dürfen wir nicht vergessen. Ein solches Aushandeln der Rollen ist nur möglich, wenn Menschen „aufeinander horchen“, „einander zuhören“, „einander dienen“ und einander mit Wertschätzung begegnen und auch mal eine andere Meinung stehen lassen können. Und da möchte ich noch zur Heiligen Familie zurückkommen: Da war sicher auch nicht einfach alles klar und immer alles heilig: Maria, Josef und Jesus. Diese Familie hatte mehr Ähnlichkeit mit unseren Familien heute als damals: ein uneheliches Kind, Flüchtling sein in Ägypten, Kleinfamilie, Unverständnis der Verwandten usw. Alle diese Punkte haben Maria und Josef herausgefordert an sich selber zu arbeiten und aufeinander zu hören: Nehmen wir das mit: um Beziehung fruchtbar zu leben, tun wir gut daran, immer wieder an uns selber und miteinander an den Beziehungen zu arbeiten. 

(1): Und doch kommen wir ja heute auch wieder davon weg, einfach alle Rollen in der Familie gleich zumachen. Die Gleichmacherei von Mann und Frau hatte auch einen anderen Effekt: In den letzten Jahren gibt es einen Boom von Männer- und Frauenliteratur, die den Unterschieden der Geschlechter auf der Spur sind. Neuere Publikationen sind z.B.: „Wie Männer und Frauen ticken“ Oder: „Die Frau. Der Mann. Das Buch.“ Man ist auf der Suche nach dem typisch Männlichen oder dem typisch Weiblichen – oft auch etwas gar klischeehaft. Ob da Paulus mit seiner Zuordnung richtig liegt, möchte ich und kann ich nicht beurteilen. Das überlasse ich Ihnen, sie können ja selber beobachten. Ich glaube, das ändert sich auch zeitbedingt.

Was heute sicher anders ist, als zur Zeit von Paulus ist die Tatsache, dass die soziale Stabilität der Gesellschaft abgenommen hat: Unsere Beziehungen  und Ehen werden viel weniger von der Gesellschaft gestützt als früher: Darum finde ich das Zitat von der Eheberaterin vom Anfang der Predigt so passend: „Glück ist nur, dass man sich findet. Dass man sich lieb behält und beieinander bleibt, ist harte Arbeit am eigenen(!) Charakter.“

Pater Raffael Rieger

 

 

 

 

Lk 2, 16 – 21

Neujahr

Irdische und himmlische Vernetzung:
Gedanken zum Neuen Jahr

Juhuiii - ich bin vernetzt! So könnte ich nun ju-
beln, da ich mit meinem Computer übers Telefon elektronisch Anschluss an
die ganze Welt habe. Wir alle sind in den letzten Wochen über Zeitungen,
Radio und Fernsehen mit Informationen über die neuen Möglichkeiten der Kom-
munikation bombardiert worden.
Das Stichwort heisst "Internet". Ich kann mich des Eindruckes nicht er-
wehren, dass für manche Zeitgenossen damit das neue Jahrtausend schon be-
gonnen hat. Welche verheissungsvolle Aussichten sind das: Mit der ganzen
Welt vernetzt sein!
Ich schaue diese Errungenschaften allerdings etwas nüchterner an. Alle
technischen Möglichkeiten haben ihre Grenzen. Es sind Werkzeuge, die wir
intelligent und - wie es uns Menschen aufgegeben ist - auch ethisch verant-
wortlich gebrauchen sollen.
Neue Möglichkeiten, Zugänge zu riesigen Mengen an Informationenen, nicht
nur Texte, sondern auch Bild und Ton: das sind die Versprechungen der "Da-
tenautobahnen". Was bringt uns das? Zunächst Fülle und Überfülle. Sind wir
Menschen fähig, soviel zu verarbeiten? Hat unser Jubel seine Wurzel nicht
bloss in unsern narzisstischen Wünschen, alles und jedes zu besitzen? Su-
chen wir vor dem Computer nicht die alte Vorstellung des Märchenkönigs be-
ziehungsweise der Märchenkönigin zu verwirklichen, die nur etwas wünschen
konnten - und schon hatten sie es zur Hand? Oder in der Sprache der arabi-
schen Erzählungen: dass der Computer die Flasche mit dem berühmten
"Dschinn" drin ist, dem Geist, der uns im Nu ganze Paläste herzaubert? Die
Erfahrung zeigt, dass nur wenige fähig sind, mit solcher Fülle gut zu leben
und aus dem Vielen das Wichtige herauszulesen.
So wäre ein wichtiger Wunsch für das neue Jahr eine neue Nüchternheit
und Bescheidenheit. Je mehr ich mit vielen Daten und Texten umgehe oder um-
gehen muss, desto mehr schätze ich kurze Gedichte und prägnante Aussagen.
Ich suche die geistlichen Worte, die so stark sind, dass sie mich einen
ganzen Tag oder eine ganze Woche tragen.
Als ich meine Anleitung für das Netz anschaute, fand ich eine sonderbare
Seite, betitelt mit "Emoticons" - zu deutsch etwa: "Gefühlszeichen". Der
Computer ist eine kalte Maschine - wir Menschen haben Herz. Nun wurden Zei-
chen erfunden, die mit einfachen Schreibmaschinen-Zeichen Gefühle andeuten
sollen. Sie werden mit nach links geneigtem Kopf gelesen: ;-) bedeutet
"Zwinkern" , :-< bedeutet "Trauer", :-x "mir hat es die Sprache verschla-
gen". Wir können das lustig finden - ich denke, es ist ein gesundes Warn-
zeichen. Der Mensch ist nicht zufrieden mit blossen Maschinen, auch wenn es
Computer sind. Wir wollen mit dem Herz dabei sein. Ein zweiter Wunsch: Was
Sie auch tun: tun Sie es mit Herz, als ganzer Mensch. Und denken Sie daran,
dass auch die andern ein Herz haben.
Ein Drittes wünsche ich Ihnen zum Neuen Jahr: ein Netz, das es schon
lange gibt und das besser funktioniert, als viele wahrhaben wollen. Längst
bevor es Computer gab, waren viele Menschen miteinander übers Gebet verbun-
den. Es ist das älteste universale Netz, und Gottes Herz ist der Zentral-
computer. Zum Beten brauchen Sie kein Gerät und keine spezielle Telefonlei-
tung. Dieses Netz "stürzt" auch nicht ab und Sie müssen keine monatlichen
Gebühren bezahlen. Es funktioniert auch, wenn Sie nicht genau wissen, wie
es geht... Die Adresse für ihre Nachrichten ist einfach zu behalten: Jesus
von Nazareth. Heute, am 1. Januar feiern wir das Fest seiner Beschneidung
und Namensgebung. Sein Name ist verheissungsvoll: Er bedeutet "Gott ret-
tet".
Drei Wünsche habe ich also fürs Neue Jahr: eine neue Nüchternheit und
Bescheidenheit, viel Herz und die Verbundenheit übers Gebet. Wenn wir uns
dies gegenseitig wünschen und selber, soweit es in unsern Kräften steht,
verwirklichen, wird dieses Jahr ein gutes, durch den Glauben "vernetztes"
Jahr werden.

 

 

Mt 2, 1 – 12

Erscheinung des Herrn


Wenn der Vorhang sich lüftet...
 

Ich gehe nicht gerade viel ins Theater. Aber ich
weiss genau, dass meine Seele zu Beginn immer in eine ganz eigenartige
Gefühlsstimmung kommt, nämlich in den letzten 10 Minuten, bevor sich der
Vorhang hebt. Ich lese das Programm und sammle in Gedanken, was ich über
das Stück weiss. Dann werde ich nervös: Was ist hinter dem Vorhang? Mein
Blick fliegt nach vorne und prallt am schweren Vorhang ab wie ein Vogel,
der in eine Scheibe fliegt. Wie wird das Bühnenbild aussehen?
Wenn ich eine Geschichte lese, dann mache ich mir einen innern Film -
welchen Film hat sich der Bühnenbildner gemacht? Das Theater schafft eine
Illusion. Ich weiss genau, dass die Kulissen zwei Seiten haben, eine schön
bemalte, die mir Marmor, Fenster, Bäume, Eisengitter, Blumen und Wolken
vorgaukelt, und eine hintere Seite, ein hässliches Gerüst von Holzlatten,
die die bemalte, verformte Leinwand tragen. Ich bin an der ersten
interessiert, an der Illusion.
Und dann kommt endlich der Moment, in dem das Stück beginnt. Der erste
Schauspieler erscheint, ich folge der ersten Geste, höre das erste Wort,
erlebe erste Ueberraschung und bald vergesse ich Ort und Zeit und tauche
ins Stück ein.
Fest der Erscheinung: Das ist die erste Szene der Geschichte des Jesus
von Nazareth. Der Vorhang geht auf: eine Ueberraschung nach der andern! Der
Palast des Königs ist ein Stall, das Personal des Messias besteht aus
verachteten Hirten, der erste Staatsbesuch sind ausländische Astrologen,
die eine Planetenkonjunktion deuten. Hinten rasseln bereits die Soldaten
des Herodes.
Das Drama des Jesus von Nazareth war kein Stück, sondern Geschichte,
auch wenn sie uns legendenhaft überliefert ist. Es brauchte keinen
Bühnenbildner für die grobe Szene. Der Sohn Gottes kam in die damalige
Wirklichkeit, die geprägt war von der politischen Realität eines besetzten
Landes am Rande des Römischen Reiches.
Heute schreiben die Regisseure ein Stück oft um und lassen etwa die
Ritter in Jeans erscheinen. Die Ankunft Gottes muss nicht umgeschrieben
werden, wir müssen einfach gut hinschauen. Die Botschaft des Festes heisst,
dass Jesus schon längst wieder gekommen ist. Die Art seiner Erscheinung ist
dieselbe geblieben: Wir brauchen keinen Palast zu bauen und müssen uns auch
nicht in Kostüme stürzen. Gott kommt in unsern normalen Alltag, ins
Unscheinbare, auch in unsere Not.
Ueben wir uns darin, die Augen aufzumachen und gut hinzuhören. Suchen
wir seine Gegenwart, die überall ist, wo wir uns begegnen, uns einander
zuhören, austauschen und unsere Zeit, unsere Aufmerksamkeit, unsere
Fähigkeiten und Gaben teilen. Mit der Zeit lernen wir dann, Gott im Spiel
unseres Alltags zu entdecken als Mitspieler und geheimen Regisseur.

 

 

 

Taufe des Herrn

Matthäus 3, 13 - 17

Der Himmel ist offen - jetzt

Kennen Sie diese Bilder-Suchrätsel, bei denen zwei Bilder, die auf den ersten Blick gleich aussehen, nebeneinander abgebildet sind? Bei genauerem Hinsehen, erkennt man dann doch, dass sie nicht identisch sind, und man soll eine bestimmte Anzahl an Unterschieden entdecken.

 

Etwas Ähnliches können wir einmal vor unserem geistigen Auge machen, indem wir die Weihnachtserzählungen aus dem Lukas- und dem Matthäusevangelium nebeneinander betrachten. Es ist ja noch gar nicht lange her, dass wir sie wieder gehört haben. Erkennen Sie die Unterschiede?

 

Beide Evangelien erzählen uns davon, wie Jesus geboren wurde. Beide Male ist Bethlehem der Ort des Geschehens.

Aber auch die Unterschiede sind schnell zu erkennen: Bei Lukas erfahren Hirten in der Umgebung zuerst von der Geburt Jesu. Es sind einfache Menschen. Bei Matthäus dagegen sind es Gelehrte, Sterndeuter, die eine weite Reise auf sich nehmen, um den neu geborenen König anzubeten.

Der Stall als Geburtsort Jesu, der nicht nur unsere Vorstellung, sondern auch die meisten Krippendarstellungen prägt, findet sich nur im Lukas-Evangelium, bei Matthäus ist dagegen von einem Haus die Rede.

Wir könnten das noch weiter fortsetzen und würden feststellen, dass bei dem Vergleich wohl mehr als die in vielen Bilderrätseln üblichen zehn Unterschiede herauskommen würden.

 

Zum Abschluss der Weihnachtszeit feiert die Kirche die Taufe Jesu. Das Geschehen am Jordan scheint jedoch gar nicht mehr ins weihnachtliche Bild zu passen. Es käme wohl keiner auf die Idee, ein Suchrätsel aus zwei so unterschiedlichen „Bildern“ zu machen, wie sie sich aus der Geburt Jesu und seiner Taufe ergeben.

 

Anders als bei den uns bekannten Rätselbildern geht es nun aber nicht darum, die Unterschiede festzustellen, sondern gerade das Gemeinsame. Und bei genauerem Hinsehen lässt sich tatsächlich etwas entdecken: Matthäus berichtet davon, dass sich, unmittelbar nachdem Jesu getauft war, der Himmel öffnete. Und siehe da! Auch bei der Geburt Jesu stand bereits der Himmel offen. Der Evangelist Lukas illustriert das, indem Engel erscheinen, die Gott loben und seinen Glanz auf der Erde erstrahlen lassen. Matthäus deutet in einem etwas schlichteren Bild durch den Stern an, dass sich in Bethlehem Himmel und Erde berühren.

 

Im Grunde handelt es sich bei den Erzählungen von der Geburt und von der Taufe Jesu um unterschiedliche Bilder mit einer ganz ähnlichen Aussage. Jesus ist Mensch geworden. Er ist ganz in unsere Welt eingetaucht, so wie er bei seiner Taufe in das Wasser des Jordan eingetaucht ist. Er stellt sich sogar in die Reihe der Sünder. Und gerade da, wo Jesus mittendrin ist in unserer menschlichen Welt, da tut sich der Himmel auf. Gottes Gegenwart und Liebe leuchten auf. Himmel und Erde berühren sich.

 

Schauen wir aufmerksam hin, wo wir den offenen Himmel entdecken können – auch in unserem Leben.

 

Mt 6, 1 – 6. 16 – 18

Aschermittwoch

Der Heissluftballon
 

Letztes Jahr habe ich über der Luzerner Bucht
des Vierwaldstättersees ein schönes Schauspiel miterlebt. Von Küsnacht her
kam eine riesiger Heissluftballon, eine richtige Montgolfière, in altem
Stil bunt angemalt, und überquerte den ganzen See. Als ich genauer hinsah,
bemerkte ich, wie in regelmässigen Abständen der Gasbrenner angeschaltet
werden musste, wenn der Ballon zu sehr abgesunken war. Dann stieg er wieder
auf. Wir waren weit weg und hörten den Brenner nicht, und so schien es, als
ob das Luftschiff majestätisch leise "auf den Wogen der Luft" auf- und
abschwebte.
Sind wir nicht alle wie dieser Heissluftballon? Gerne fliegen wir durch
alle Welt, die einen schneller, die andern langsamer, die einen einfach,
die andern bunt, aber eines haben wir alle gemeinsam: wenn wir nicht immer
wieder "Feuer machen", geht es zuerst langsam und dann immer schneller
hinunter, unter Umständen mit grossem Schaden. Es braucht immer wieder
Selbsterkenntnis und Bemühen um sich selbst. Vieles in unserm Leben ist
darauf angewiesen, dass wir immer wieder etwas dafür tun. Für die meisten
gibt es in der Arbeit immer wieder etwas Neues zu lernen, die Beziehungen
wollen gepflegt sein und wir müssen zu unserer äusseren und inneren
Gesundheit achten. Gut sein und handeln geht einfach nicht von selbst.
Wie leicht hat sich auch Unordnung eingeschlichen, überfordern wir uns
oder wollen "de Füüfer und ds Weggli", schlicht zuviel. Dann können wir
weder das Unsere leisten noch mit Freude und Ruhe leben. Das sind Zeichen,
dass "der Ballon sinkt".
Die Fastenzeit ist eine Periode, in der wir, im Bild des
Heissluftballons gesprochen, wieder den Brenner anschalten und Feuer
machen, damit sich unser Ballon mit warmer, leichter Luft füllt. Viele
denken ans leibliche Fasten - und das tut sicher vielen gut. Aber seitdem
es so modern geworden ist, "auf die Linie zu achten", ist das äussere
Fasten oft nicht mehr ein Zeichen für innere geistige Einkehr. Vielleicht
müssen wir vielmehr geistig fasten, Ordnung machen und unnützen
Zeitvertreib gegen nützlichen austauschen. Vielleicht brauchen wir ein
geistiges Feuer, um alte und kalte Gewohnheiten auszutreiben, und neue,
warme Luft mit mehr Liebe und Menschenfreundlichkeit in uns hineinzulassen.
Je mehr Ballast wir abwerfen, desto leichter steigt der Ballon - überlegen
Sie also, was Sie hindert, im persönlichen Leben, in ihren Beziehungen zu
den Menschen und zu Gott wieder zu wachsen, "aufzusteigen" und so die weite
Reise ihres Lebens wieder sicher fortsetzen zu können.

 

 

Mt 4, 1 – 11

Erster Fastensonntag

Die Anbetung des Teufels


Die Geschichte von der dreifachen Versuchung
Jesu ist wirklich sehr eigenartig. Zuerst soll Jesus zu Wundern angestiftet
werden. Er soll aus Steinen Brot machen und sich von der hohen Tempelmauer
stürzen, ohne sich zu verletzen. Was sollte es Gott stören, ein Wunder mehr
oder weniger zu wirken? Richtig inszeniert wäre dies doch sogar ein Schaden
für den Teufel. Warum tut er es nicht? Am sonderbarsten ist aber die dritte
Versuchung. Da sagt der Teufel, nachdem er Jesus "alle Reiche der Welt"
gezeigt hat: "Das alles will ich dir geben, wenn du vor mir niederfällst
und mich anbetest".
Was ist das für eine verkehrte Welt! Wenn Jesus wirklich der Sohn Gottes
ist, fällt er doch nicht auf den Teufel hinein, den es sowieso nicht gibt.
Ausserdem, was soll das bedeuten: "den Teufel anbeten"? Weiter: Woher soll
der Teufel die Macht haben, über alle Reiche zu gebieten? Und um die
Widersprüchlichkeit bis zum Geht-nicht-mehr zu steigern: Da soll der Teufel
Gott etwas geben, was dieser selbst geschaffen hat!
Und doch hat diese dritte Versuchung - näher betrachtet - etwas
schrecklich Einfaches und Wahres an sich. Es ist tatsächlich so, dass viele
in der Welt sich einen Dreck um Gott kümmern, ihm also diese Welt nicht
gehört. Gott und das Gute scheinen ohne Kraft zu sein. Gerade in unserem
Jahrhundert sehen wir, wie das Böse in seiner ganzen Brutalität regiert,
und zwar ohne auf Wunder angewiesen zu sein. Maschinengewehre und Panzer,
Drogen und Geld, Diktatur und Folter genügen völlig. Das gilt für die
grosse Politik. Im kleinen Alltag genügen Gerüchte, kleine Lügen,
Eifersucht und Neid, das Drängeln um Macht und Ansehen. Dies nimmt viele
Menschen in Beschlag und verhindert viel Gutes.
Wieviel mehr Anstrengung braucht es doch, ein streitendes Paar zu
versöhnen, als irgendwo durch eine Kleinigkeit Zwietracht zu säen! Es ist
sogar so, dass wir an dem Tanz um das Böse unsere Freude haben und dafür
viel Geld bezahlen. Wir interessieren uns für die böse Wirklichkeit in den
Nachrichten und Skandalgeschichten der Illustrierten, und, als ob uns das
nicht genügte, holen wir uns den Reiz des Bösen mit den Krimis und
Actionfilmen in die Stube.
Im Grunde genommen wissen wir alle, dass wir vielen genannten
Versuchungen schlecht widerstehen können. Aber es wird uns leicht gemacht,
"den Teufel anzubeten", d.h. die kleinen und grossen Spiele der Macht, der
Lüge und der Eigensucht mitzuspielen. Schwieriger ist es, Gott anzubeten,
d.h. im Alltag dem "schwachen" Guten zum Sieg über das verführerische Böse
zu verhelfen, und darin nicht abzulassen.
Jesus braucht keine Wunderkräfte, um den Teufel zu verscheuchen. Eine
klare Haltung, ein klares Wort genügt. In vielen Situationen ist das auch
für uns der mögliche Weg, besonders zu Beginn. Sagen Sie sich und andern
klar: "Damit fange ich nicht an!" oder "Ich verwende meine Zeit für etwas
Besseres". Schaffen wir Raum für das Gute durch ein klares Nein zum Bösen!

 

 


Mt 17, 1 – 9

Zweiter Fastensonntag

Auf der Bergspitze


Ich bin kein besonders grosser Bergsteiger. Aber
wenn ich einmal in den Bergen bin, weit oben, dann spüre ich immer eine
besondere Atmosphäre und verstehe, dass es Menschen gibt, die viel Zeit und
Geld einsetzen, um immer wieder in die Berge zu gehen und Gipfel zu
besteigen.
Viele lassen so den Alltag zurück. Der Lärm der Maschinen bleibt unten,
die Luft wird klarer und reiner. Auch wenn der Tourismus heute die
unberührten Gebiete mehr und mehr schrumpfen lässt, finden wir immer noch
genügend abgelegene Orte, wo es still ist, wo wir nur das Sprudeln des
Wassers, das Pfeifen des Windes, den einen oder anderen Vogel oder - in
unserm Land besonders - ein paar Kuhglocken hören. Das Sehen und Hören
gewinnt in den Bergen eine andere Intensität.
Oft raubt uns auch die Natur durch ihre Wunder die Sprache. Sie
verändert unsere Gedanken und Gespräche. Und wenn dazu noch Nebel
aufsteigen oder wir in Wolken geraten, dann werden wir noch stiller. Das
Beobachten und Lauschen wird noch intensiver und wir müssen uns anstrengen,
die Orientierung nicht zu verlieren.
Jesus stieg mit seinen Jüngern auf einen hohen Berg, so heisst es im
heutigen Evangelium, und am Schluss gerieten sie in eine Wolke. In dieser
Situation, in der wir uns alle bemühen würden, auf jeden Laut zu achten,
ertönte das Wort: "Dies ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören!".
Ich kann mir vorstellen, dass dieses Erlebnis für die Jünger sehr
eindrücklich war.
Ich glaube nicht, dass Gott sich heute weniger verständlich machen will
als zu anderen Zeiten. Wohl aber denke ich, dass wir die Stimme Gottes viel
mehr zuschütten als früher. Es "läuft" zu viel, zahllose Geräusche von
Hunderten von Maschinen umgeben uns. Viele brauchen eine Hintergrundmusik,
damit sie einer Melodie folgen können und nicht von den unzähligen
Geräuschen abgelenkt werden.
Und doch brauchen wir zeitenweise mehr Stille und Einsamkeit, mehr
Öffnung der Seele, um die Botschaft Gottes in uns aufnehmen zu können.
Überlegen wir, wo unsere Möglichkeiten liegen, ab und zu "auf einen hohen
Berg" zu gehen und uns dort der Nähe Gottes auszusetzen. Es braucht kein
Acht- oder Viertausender, ja, überhaupt gar kein Berg zu sein. Oft genügen
fünf Minuten einsame Pause, ein kleiner Spaziergang, eine kleine
Tagtraumreise auf eine stille Insel. Rufen wir ein Fasten aus von den
Dingen, die unsere Sinne überfluten und unsere Seelen verstopfen. Suchen
wir den Überblick, lauschen wir in die Ruhe hinein, erspüren wir die Nähe
Gottes! Aus dem, was wir in solch stillen Augenblicken empfangen, können
wir dann den Trubel des Alltags meistern.

 

 

Joh 4, 5 – 42

Dritter Fastensonntag

Wo wir es am wenigsten erwarten...


Das Evangelium vom Gespräch Jesu mit der
Samariterin ist mir besonders lieb. Ich finde immer wieder neue
faszinierende Gedanken und Botschaften darin. Als ich es dieses Jahr wieder
las, entdeckte ich es als das "Evangelium des Unerwarteten".
Irgendwie ist ja an diesem Evangelium so ungefähr alles "verkehrt", was
nur verkehrt sein kann. Jesus kommt, um die Menschen zu Gott zu führen. Das
erste grosse Gespräch im Johannesevangelium, in dem er als Messias erkannt
wird, ist die Begegnung mit der Samariterin. Auf heute übersetzt ist daran
alles skandalös: Da geht Jesus als Jude bei den Samaritern, den Häretikern
und Feinden, vorbei und spricht in der Öffentlichkeit mit einer Frau, was
völlig ungehörig ist. Das Gespräch über die tiefsten Dinge, die Begegnung
mit dem Messias, findet nicht an einem heiligen Ort, beim Gebet oder
innerhalb einer religiösen Unterweisung statt, sondern draussen auf dem
Feld, bei der verachteten Arbeit des Wasserholens.
Und die Adressantin ist eine einfache Frau, die aufgrund ihrer
Ehegeschichten wohl alles andere als geachtet wird. Und die Herren Apostel
versagen ebenfalls: sie stossen sich an ihrem Meister. Wer nämlich Jesus im
Dorf als Messias verkündet, also den Aposteldienst ausübt, ist die wiederum
die Frau, die verachtete Samariterin...
Dieses Evangelium ist für uns ein Ermunterung und zugleich eine
Herausforderung. Eine Ermunterung: Wir müssen, um Gott zu begegnen, nicht
bis ans Ende der Welt reisen. Es braucht dazu auch nicht eine ganz
bestimmte religiöse Betätigung, so hilfreich und wichtig diese auch sein
kann. Es wird auch nicht als Bedingung gesetzt, dass unser Leben in allem
vorbildlich sei. Mitten in unserm Alltag, während unserer Arbeit, kann für
unser Leben Entscheidendes geschehen. Jedes Gespräch, mit Ernst und
Offenheit geführt, kann die Botschaft Gottes in sich bergen. Wie das
Gespräch mit der Samariterin zeigt, sind auch Zweifel und Fragen erlaubt.
Wir müssen nicht die Kunst beherrschen, alles schon im ersten Anlauf zu
verstehen: Gott hat Geduld.
Zugleich ist dieses Evangelium auch eine Herausforderung: es appelliert
an Ehrlichkeit und Wachheit im Alltag. Das mag auf den ersten Blick wenig
anstrengend und nicht besonders "religiös" erscheinen. Aber das ist eine
Täuschung. Es fällt uns gar nicht leicht, immer zur Wahrheit und zu stehen
und die Wirklichkeit offen anzunehmen, in nichts auszuweichen und nichts zu
verdrängen. Immer ehrlich und wachsam zu sein, fordert und ganz heraus und
gehört zum Kern des Glaubens. Üben wir uns darin und bitten wir darum, dass
uns das immer mehr gelingt. Dann werden auch wir Gott in unserm Alltag
begegnen. Machen wir uns auf den Weg, mit unserm "Wasserkrug", zur nächsten
Gelegenheit...

 

 

 

 

Joh 9, 1 – 41

Vierter Fastensonntag

Bescheidenheit im Wissen

Ich gebe zu: ich bin ein sehr neugieriger Mensch.
Ich lese relativ viel, und vor allem hat es mich immer getrieben, die
Fortschritte der modernen Wissenschaften zu verfolgen - soweit das für mich
als Laie möglich ist. Schon in der Sekundarschule verschlang ich Lexika und
die wissenschaftlichen Beilagen in den Zeitungen. Und ich kann bestätigen:
was die Wissenschaftler in vielen Sparten heute wissen, ist im Vergleich
zum Wissen der fünfziger Jahre ungeheuerlich viel mehr. Zum Teil verdanken
wir das den immer feineren Instrumenten und Nachweismethoden, zum andern
dem ungeheuren Fleiss und der Arbeit von Tausenden von Wissenschaftlern.
Ebenso beobachte ich, wie vorsichtig heute die grossen Wissenschaftler
geworden sind. Mit jedem grossen Fortschritt im Wissen tauchten neue Fragen
und Probleme auf. Durch die Erforschung der Grundkräfte und Grundbausteine
der Natur merken wir, wie falsch und unzureichend unsere Vorstellungen,
Modelle aus der Alltagswelt, sind, um die Welt zu verstehen. Obwohl wir
heute viel mehr wissen als die Naturwissenschaftler des letzten
Jahrhunderts, tritt unter den Grossen niemand mit dem Anspruch auf: "In ein
paar Jahren werden wir alle Probleme gelöst haben." Ein Ende der Fragen ist
nicht absehbar.
Aber nicht alle Menschen und nicht alle Wissenschaftler haben diese
bescheidene Haltung. Nicht alle können Unwissen ertragen. Unwissen erzeugt
Unsicherheit, und lieber leben wir in einer selbstgezimmerten Vorstellung,
als bescheiden zu sagen: "Das weiss ich nicht, das könnte auch anders
sein."
Besonders religiöse Leute haben oft ein starkes Sicherheitsbedürfnis.
Das war schon zur Zeit Jesu so. Die Gegner Jesu "wussten genau", wie das
mit dem Messias war. Jesus "konnte nicht" der Sohn Gottes sein, weil er
entgegen ihren Regeln handelte. Dagegen sagte der Blindgeborene bescheiden,
aber aus seiner Erfahrung heraus: "Ob er ein Sünder ist, weiss ich nicht.
Nur das eine weiss ich, dass ich blind war und jetzt sehen kann."
Prüfen wir uns, ob nicht auch wir zu oft sagen: "Wir wissen, dass... es
ist doch klar, dass... ganz sicher hat er/sie...", und dabei unsere
Vorstellungen, Lieblingsgedanken oder auch Befürchtungen zum Dogma erheben!
Der echte Weise und der wirklich Gläubige bleibt bescheiden. Wie leicht
sind wir Opfer von Vorurteilen und herrschenden Vorstellungen, die durch
die Zeit geistern. Wie oft werden wir dem Nächsten nicht gerecht, weil wir
ihn durch unsere rosarote (oder schwarze) Brille anschauen. Wie schnell
wird heute jemand durch Gerüchte und Medienberichte "fertig" gemacht! Wir
"brauchen" Schuldige und "finden" sie auch...
Bleiben wir bescheiden! Bitten wir darum, dass wir nicht in unsern
kleinlichen Vorstellungen gefangen bleiben, sondern dass uns die geistigen
Augen geöffnet werden, und dies nicht nur in der Wissenschaft, sondern
auch im Alltag und in unsern Beziehungen.

 

 

 

 

Joh 11, 1 – 45

Fünfter Fastensonntag


Jesus weint...


Das Evangelium von der Auferweckung des Lazarus
ist ein ganz eigenartiges. Nicht nur, weil ein völlig unwahrscheinliches
Wunder berichtet wird - ein Mann wird am vierten Tag nach seinem Tod wieder
lebendig - sondern wegen vielen anderen Zügen. Jesus scheint die ganze
Geschichte im voraus zu kennen, und weint dann doch, als sie ihn zum Grab
seines Freundes führen. Wenn er so mächtig war, warum hat er Lazarus nicht
vor dem Tod bewahrt? Es werden doch sonst von ihm auch andere Fernheilungen
berichtet. Dann erzählt das Evangelium vom Zorn Jesu, als er die weinenden
Angehörigen sieht. Weshalb wird er zornig? fragen wir - jeder darf doch
weinen.
Auf diese und andere Fragen, die die Geschichte aufwirft, habe ich auch
keine Antwort. Was mich aber an diesem Evangelium immer wieder packt und
beeindruckt, ist das Bild, das in diesem Evangelium von Jesus gezeichnet
wird. Wir lernen Jesus in seinen Beziehungen kennen. Ich denke, dass sich
immer noch viele Menschen Jesus als unnahbar vorstellen: der grosse Lehrer
und Prediger, vielleicht der Volksredner und Wundertäter, zu dem die
Kranken in Massen pilgern, und der deswegen wenig Zeit für sie haben kann.
Der Glaube an Jesus als den Sohn Gottes hat ihn für viele in einen
entfernten Himmel oder in eine öffentliche, unpersönliche Sphäre versetzt.
Der Messias, der für alle da ist, ist - so vermuten wir - für niemanden
richtig da, wie wir es von vielbeschäftigten Zeitgenossen kennen.
Jesus wird uns hier ganz anders gezeigt: als Freund des Lazarus und
seiner beiden Schwestern, Maria und Martha. Jesus kennt innere Bewegung,
Zorn und Tränen. Er nimmt teil am Schmerz der Freunde und Angehörigen.
Weil wir jetzt in der Fastenzeit stehen, ermuntert uns dieses
Evangelium, unsere Beziehungen näher anzusehen. Wie steht es mit ihnen?
Nehme ich wirklich teil an Freude und Leid meiner Nächsten, meiner Freunde
und Verwandten? Wie nahe lasse ich ihre Sorgen an mich herankommen? Wieviel
Zeit nehme ich mir für sie? Und wenn ich wenig Zeit habe, was tue ich, dass
ich trotzdem einen herzlichen Kontakt mit meinen Freunden und Nachbarn
aufrecht erhalten kann?
Es ist leicht gesagt, die Erfüllung der Gebote Gottes lasse sich im Wort
"Liebe" zusammenfassen". Das konkret einzulösen, in den Beziehungen, in
denen ich im Alltag stehe, fordert von uns immer viel, und nicht nur
Äusseres, sondern eben auch Zeit, Bereitschaft und innere Teilnahme. Das
Evangelium spricht von den Tränen Jesu. Wir wissen, dass wir entweder aus
Trauer oder vor Freude weinen können. Beides sollte zu unserm Leben
gehören. Das Evangelium erhebt keinen Anspruch an uns, dass wir Wunder
wirken und Tote erwecken, wohl aber, dass wir an Trauer und Freude unserer
Mitmenschen teilnehmen.

 

 

 

Mt 26, 14 – 27, 66

Palmsonntag


Am Terminal A


Kürzlich musste ich jemanden am Flughafen
abholen, und es ging viel länger als ich dachte. Ich hatte Zeit, die
Wartenden zu studieren. Da gab es den Geschäftsmann, der offensichtlich auf
seinen Partner wartete und von Minute zu Minute nervöser wurde. Neben mir
stand ein Angestellter einer Reisefirma mit einem Firmenplakat auf dem Arm
in der Hoffnung, ein Passagier käme auf ihn zu. Afrikaner in bunten
Gewändern füllten eine Ecke und weckten in uns die Erwartung nach ebenso
bunt gekleideten Männern und Frauen und Kindern. Still wartete ein
unscheinbarer Mann mit einem grossen Blumenstrauss auf jemand, vielleicht
seine Freundin und Braut.
Immer wieder ging die automatische Türe auf und entliess einige
Passagiere in die Halle. Verschiedene Begrüssungsrituale spielten sich ab,
lange und kurze, Küsschen hin und her oder Händeschütteln, ein Vater hob
seinen Sohn auf seine Schultern. Laut oder leise, trocken oder ausführlich
wurde gegrüsst und willkommen geheissen. Wenn ein grosser Fussballstar
angekommen wäre, hätte ich wohl keinen Platz mehr gefunden und alles wäre
voller Fans gewesen - mit ihren Fähnlein, Spruchbändern und T-Shirts.
Vielleicht hat die Halle auch schon Begrüssung mit Konfetti und viele
Ballone für die Kleinen gesehen; und bei ganz ehrwürdigen Gästen durfte
wohl der rote Teppich nicht fehlen.
Am Palmsonntag erinnern wir uns, dass Jesus nach Jerusalem kommt und
dort willkommen geheissen wird. Er kommt nicht im Düsenflugzeug, aber auch
nicht zu Fuss, sondern nur auf einem jungen Esel. Überraschend kommt er,
und es gibt keine Zeit, viel vorzubereiten. Anstelle unseres roten Teppichs
werfen die Leute Kleider auf die Strasse und statt teurer Blumen reissen
sie Palmblätter ab. Jedenfalls: sie empfangen ihn stürmisch.
Ich schlage Ihnen folgende Übung vor: Stellen sie sich vor, Jesus hätte
sich plötzlich bei Ihnen angemeldet. Wie würden Sie ihn empfangen? Denken
Sie sich etwas ganz Persönliches aus... Sie brauchen nicht damit
anzufangen, dass sie aufräumen, putzen oder irgendwelche herkömmlichen
Dinge tun. Stellen Sie sich einfach die Frage: so wie ich bin, wie würde
ich ihn empfangen wollen, mit welchem Gruss, mit welchem Wunsch, mit
welcher Geste, mit welchem persönlichen Zeichen?
Jedes Jahr lassen wir in der Karwoche die letzten entscheidenden Tage
des Lebens und die Auferstehung Jesu an unsern Augen vorbeiziehen. Das ist
eine Chance, Gott wieder tiefer zu begegnen. Aber das funktioniert nur,
wenn wir uns auch persönlich beteiligen, wenn wir unsere persönlichen
Fragen und Erfahrungen mit den Geschehnissen konfrontieren, wenn wir Jesus
gleichsam persönlich abholen.
Ich vergesse nie ein Gespräch mit einem jungen Mann, der vor einigen
Jahren zu mir kam. Er war gekleidet wie damals üblich, mit Jeans und buntem
T-Shirt. Während des Gespräches merkte ich, dass der Spruch auf seinem
T-Shirt gar nicht zufällig war, sondern das Thema des Gespräches anzeigte.
Mit welchem Spruch auf der Brust, mit welcher Frage im Herzen, vielleicht
auch mit welcher Freude, welchem Dank oder welcher Bitte möchten Sie gerne
auf Jesus zugehen? Die Geschichte von Jesu Tod und Auferstehung hat soviele
Bezüge und Ähnlichkeiten mit unserem Leben, dass es leicht fällt, mit Gott
darüber ins Gespräch zu kommen...

 

 

 

Joh 13, 1 – 15

Hoher Donnerstag

Alternative Energie


Unser heutiges Leben ist ohne den ständigen
Verbrauch von viel Energie nicht denkbar. Bei uns ist praktisch jedes Haus
an den Strom angeschlossen, im Boden ist ein Öltank oder im Keller ein
Gasanschluss. Die Strassen werden bei uns gesäumt von Tankstellen und
Stromleitungen überdachen die Bahngeleise. Ab und zu markieren gelbe
Tafeln, wo tief im Boden eine Gas- oder Ölpipeline durchführt, in der
unbemerkt Millionen Tonnen von Energieträgern transportiert werden. Die
Motoren werden immer leiser und wir investieren viel in den Lärmschutz -
der Energieverbrauch wird unauffällig.
Wir geniessen es, in der Wohnung für viele Bedürfnisse nur noch auf ein
Knöpfchen drücken zu müssen. Wir gleiten im Auto elegant und leise über die
Strassen. Das Zugfahren hat von den harten Holzbänken und dem lauten
Geratter Abschied genommen und gleicht eher dem, was sich frühere Zeiten
einmal unter der Märchenkutsche einer Fee vorgestellt haben...
Nachdem wir dieses Leben nun einige Jahrzehnte in vollen Zügen genossen
haben, müssen wir nach alternativen Energien Umschau halten - sonst ist
dieses Paradies bald zu Ende. Dazu merken wir, dass wir in unserm
Energiehunger die Erde nicht nur ausplündern, sondern auch oft schädigen.
Für mich ist diese Energieproblematik auch ein Gleichnis für unser
geistiges Leben. Wir brauchen geistige Energie für das Miteinander. Für
jemand da zu sein, ihm zuzuhören, sich auf jene Mitmenschen einzustellen,
die nicht unsere "Kragenweite" haben, das braucht, wie wir gerne sagen,
viel Nerven.
Dabei machen wir die Beobachtung, dass wir für das Gute oft viel mehr
Energie aufwenden müssen als für das Böse und Eigennützige. Wie schnell ist
ein böses Wort gesagt, ein Verhältnis gestört! Distanz nehmen und andere
ihrem Schicksal überlassen ist einfacher als Kontakt zu suchen. Extrem
zeigt sich das in allen kriegerischen Auseinandersetzungen. Alte
Feindbilder herumschleppen und verfestigen oder mit Hass und Ausgrenzung zu
leben scheint uns viel leichter zu fallen, als uns auf den Weg zum Frieden,
zu einem neuen Anfang zu machen.
In diese Zusammenhänge hinein möchte ich das Geschehen des
Gründonnerstag stellen. Am Abend vor seinem Leiden ruft Jesus seine Jünger
zusammen und isst mit ihnen. Er wäscht ihnen die Füsse und gibt ihnen sein
Vermächtnis: Sie sollen immer wieder in seinem Namen zusammenkommen, und in
dieser Feier, in dem unscheinbaren Brot und dem Becher Wein will er bei
ihnen sein.
Ich habe dieses Sakrament, das Abendmahl, immer auch unter dem Aspekt
der Energiequelle gesehen. Dass Gutsein gut wäre - das leuchtet mir schon
ein. Aber woher immer die Kraft dazu nehmen? Wieviele Situationen gibt es,
in denen das Liegenlassen, Verschieben und Ausweichen das Einfachere ist!
Der Alltag vieler Menschen bringt Leid, Fragen und Dunkelheit mit sich, und
das oft über Jahre. Woher soll die geistige Energie kommen, um diese
Situationen durchzustehen?
Viele Zeitgenossen nehmen an den Kirchgängern Anstoss und sagen: Die
sind auch nicht besser als die andern. Ich habe aufgehört, wissen zu
wollen, wieviel es die andern kostet, wenigstens so nett und gut zu sein,
wie sie jetzt sind. Alle haben verschiedene Ausgangspositionen. Wer kennt
sie? Von meiner eigenen Erfahrung her weiss ich, dass ich vieles nie
schaffen würde, ohne durch die Begegnung mit dem Herrn im Sakrament
gestärkt zu werden.
Jesus selbst wird so unsere "Sonne", unser "Wind", unsere "Erdwärme" -
er ist unsere alternative, unerschöpfliche Energiequelle im inneren,
geistlichen Bereich. Ähnlich wie im äusseren Bereich gilt auch hier, dass
wir erst lernen müssen, diese Quelle zu nutzen und anzuzapfen. Vielleicht
streiten wir Christen uns zuviel über die Liturgie und andere sekundäre
Fragen. Wir sollten mehr hingehen und uns der Kraft und Ausstrahlung dessen
aussetzen, der gesagt hat: "Wer von diesem Brote isst, wird leben in
Ewigkeit."

 

 

 

Joh 18, 1 – 19, 42

Karfreitag

Kein Ort, wo Gott nicht war und sein wird


Angesichts der Übersättigung mit den vielen
Nachrichten und Bildern aus den Kriegs- und Schreckensgebieten als aller
Welt fällt es mir heute nicht leicht, ein Kreuz anzuschauen. Und vielleicht
fragen sich manche, wie sie in diesem Jahr Karfreitag feiern sollen, in
einer Zeit mit so viel Leid und Grausamkeit. Sicher können wir sagen: Das
Sterben eines Unschuldigen und zwar des Gesandten Gottes, der für uns
stirbt, ist etwas ganz anderes als die Bilder der Tagesschau. Wir können
auch sagen: Es ist wichtig, dass wir Not und Tod nicht verdrängen und das
am Karfreitag zum Thema machen.
Trotzdem kann ich gut verstehen, wenn hier manche Zeitgenossen damit
ihre Schwierigkeiten haben. Können wir so ohne weiteres das Sterben eines
Menschen mit grossem Aufwand begehen, während um uns herum Hunderttausende
Unschuldiger, darunter auch Frauen, Greise und Kinder, getötet werden? Wie
sollen wir heute den Bericht der Geisselung Jesu aufnehmen, wenn wir
wissen, dass Folterungen grausamster und raffiniertester Art in diesem
Jahrhundert an der Tagesordnung sind? Was kann für uns heute die Botschaft
von Karfreitag sein?
Vielen Menschen, die heute nicht mehr zur Kirche gehen, kommt die
Religion unrealistisch und lebensfremd vor. Viele theologische Bücher
erwecken den Eindruck, dass sie unter den geschützten Bedingungen einer
wohnlichen Pfarrerstube oder in den Sälen einer gut bezahlten Universität
entstehen, weitab vom Alltagsleben. Manche religiöse Bücher werden wohl von
Menschen gelesen, die mitten in schwierigen Problemen stehen, aber was sie
vorlegen, ist oft so fern von der Alltagserfahrung. Meist blenden sie in
scheinbar frommer Weise so vieles aus, was eben auch da ist und wehtut,
sodass sie den Lesern nicht viel helfen. In vielen kritischen Situationen
fehlen mir die Worte. Ich kann nicht viel mehr als still, mit teilnehmendem
Schweigen und Mitfühlen dabei sein. Ich verzichte auf viele salbungsvolle
Worte. Wie Sie habe auch ich keine Antwort auf die qualvolle Frage, welchen
Sinn der Tod der vielen unschuldigen Menschen in unsern Kriegsländern haben
soll.
Wenn wir die Passionsberichte der Evangelien lesen, nehmen wir auf, dass
Jesus in seinen letzten Stunden auch nicht viele Worte gemacht hat. Er hat
am Kreuz keine grosse deutende Predigt gehalten. Aber er war da und hat
ausgehalten.
Viele Menschen rechten und streiten ab und zu mit Gott um den Sinn des
Lebens. Es wird uns ja auch in der Heiligen Schrift des öftern vorgeführt,
dass wir das tun dürfen und wie wir das tun sollen. Dabei mag uns die Frage
auf die Lippen kommen: Weisst Du eigentlich, wie dreckig es uns geht? Oder
wir sind versucht zu sagen: Ja, wenn Du das aushalten müsstest, hättest Du
wohl die Welt anders eingerichtet! Oder wir malen uns aus, wie einfach es
wäre, durch ein "kleines Wunder" die Situation erträglicher zu gestalten.
Wir träumen, dass wir die Prüfungen glanzvoll wie ein Held oder eine Heldin
bestehen könnten, wenn wir nur ein klein wenig himmlische Kräfte zur
Verfügung hätten. Hinter diesen Argumenten steht die Grundannahme: An
diesem schrecklichen Ort, in dieser Situation ist Gott sicher nicht, er ist
weit weg von uns, er ist im Himmel (wo immer der auch sein mag). Die
Aussage, Gott sei überall, wirkt auf uns oft zynisch, wenn wir an die
Greuel des Krieges denken.
Auf diesem Hintergrund lautet die Botschaft vom Karfreitag so: Christus
machte nicht nur fromme Worte, als er uns versprach, bei uns zu sein bis
ans "Ende der Welt". Er war und blieb auch wirklich da, als es schlimm
wurde: im Leiden, in der Misshandlung, im Schmerz, im Tod, in der Schande,
im politischen Schauprozess mit falschen Zeugen und in der Verlassenheit.
Kein Ort, wo Gott nicht war und sein wird.
Wir begehen den Karfreitag aber nicht nur, weil Jesus unschuldig war,
oder aus Psychohygiene, um das Leid nicht zu verdrängen. Wir feiern ihn,
weil wir wissen, wie die Geschichte weiterging. Jesu Tod wurde zum Übergang
ins Leben. Der Glaube sagt uns, dass Jesus mit uns in unser Leiden
hineingeht und uns dann mithineinzieht in sein Leben, in seine
Auferstehung. Er kennt unsere bangen und angstvollen Fragen - "Mein Gott,
mein Gott, warum hast du mich verlassen?" -, er öffnet uns aber auch
gleichzeitig den Horizont: "Noch heute wirst Du mit mir im Paradiese sein."

Welche Wege Gott uns führt und führen wird, wissen wir nicht. Und das
"Warum" ist auch keine beantwortbare Frage. Aber wir bleiben nicht allein.
Nehmen wir uns also auch an diesem Karfreitag Zeit, uns dem eigenen und dem
fremden Leid in der Welt zu stellen und Jesus zu bitten, er möge mit uns
den Weg gehen und dazu Kraft und Licht schenken. Kein Ort, wo Gott nicht
war und sein wird...

 

 

Joh 20, 1 – 9

Ostern

Paradiesesträume

Immer wieder träumen wir Menschen vom Paradies.
Wir werden zwar belächelt, wenn wir es offen sagen. Aber im geheimen sind
wir viel mehr als wir es wahrhaben wollen von solchen Träumen getrieben und
beseelt. Die Werbung weiss das auszunützen und schildert uns eine
verzuckerte Märchenlandschaft voll Glück, Freude und Eleganz. Alles wird
super, wenn wir dies uns jenes kaufen und anschaffen...
Paradiesesträume können aber auch ganz anders aussehen. Die Langeweile
der flachen Konsumgesellschaft und der anstrengende Leerlauf der
Erwachsenengesellschaft verleitet Jugendliche manchmal dazu, eine
Alternative darzustellen: Sie laufen schwarz und unansehnlich herum, die
Jeans müssen zerrissen sein und die Haare betont wild und ungepflegt. Der
Alltagsschönheit der Plakate stellen sie das Grässliche und Verzerrte
gegenüber, dem Gesundheitswahn der Reklamen die Totenköpfe. Die bürgerliche
Ruhe und Ordnung wird mit Teufeln und Satanstänzen geschockt. Und trotzdem
ist dies, in aller Schwärze und allem Gegensatz, wiederum ein Paradies: ein
Raum der jugendlichen übermütigen Kraft, ein Paradies, in dem die Jungen
sich selber sein können, anders als die Gesellschaft der Erwachsenen und
Etablierten. In voller Lautstärke und Rhythmus, mit Grausigem und Bizarrem
wird ein alternatives Paradies gesucht. Je anders, desto besser...
Dieser Gegensatz weckt in uns vielleicht einen weiteren Paradiesestraum:
den Traum von der Gesellschaft, in der alle Platz haben, Alte und Junge,
Etablierte und Ausgegrenzte, Reiche und Arme, Erfolgreiche und
Gescheiterte. So illusionär das scheint - ich traue niemandem, der nicht ab
und zu diesen Wunsch in seinem Herzen spürt.
Auf alten Kreuzen finden wir oft am Fusse einen Totenschädel
dargestellt. Er soll den Schädel Adams, des ersten Menschen, darstellen.
Die Legende sagt, das Kreuz sei dort gestanden, wo Adams Grab gewesen sei.
Das Kreuz ist der Ort, wo der Tod überwunden wurde, sagt die
Osterbotschaft, wo Jesus, der neue Adam, uns das Tor zum Leben öffnet.
Einst wurde im ersten Paradies durch den alten Adam das Leben der Menschen
verspielt, nun soll uns durch Kreuz und Auferstehung das Tor des Paradieses
neu geöffnet werden.
Welche Vision hat Jesus selbst vom Paradies gehabt? Kein Mensch ist
ausgeschlossen. Jesus kommt zu uns, weil der Vater die ganze Welt liebt.
"Wenn ich einst erhöht sein werde, werde ich alle an mich ziehen."
Unsere Wirklichkeit ist weit weg von diesem Traum. Die Kriege der
letzten Jahre zeigen, dass wir wieder mehr Grenzen und Mauern bauen als
abreissen und öffnen. Wir kennen genügend schwere Situationen, wo wir von
unserer menschlichen Seite her nur Trümmer, nur alte Adamsschädel
anzubieten haben.
Ostern ist die Aufforderung, den Mut nicht zu verlieren und den Traum
vom Paradies nicht aufzugeben. Mitten in die Trümmer hinein pflanzen wir
das Kreuz als Lebensbaum und bitten Jesus, er möge auch an uns das Wunder
der Auferstehung zu wirken beginnen und aus den alten Adamsschädeln neues
Leben wecken.
Bald wird nun der Frühling bei uns ausbrechen. Die Sonne wird höher
steigen und mehr Wärme spenden. So möge auch Christus, der Auferstandene,
unsere Sonne sein, die unser menschliches Dunkel erleuchtet. Er möge uns
helfen, die Paradiesesträume ernst zu nehmen, zu läutern und
zusammenzuführen.

 

 

Colly, Pater Paul’s Mutter beim Träumen am Fenster in der Wohnung an der Bahnhofstrasse in Zürich.

 

Joh 20, 19 – 31

Weisser Sonntag

Dichtes Schweigen

Der weisse Sonntag ist der Tag, an dem wieder
viele tausende Kinder als zum ersten Mal voll an der Eucharistie teilnehmen
und die hl. Kommunion empfangen. Für uns Erwachsene sollte dieser Tag ein
Anlass sein, über unsere Beziehung zu diesem Sakrament nachzudenken.
Das tut not. Es ist schon nicht leicht, die Kinder zum Kern des Tages
hinzuführen, an dem ganzen äusseren Rummel vorbei. Nach dem Fest
realisieren viele Jugendliche schnell, dass sie in etwas eingeführt werden,
was offiziell als ganz grosse Gabe Gottes gilt, aber vielen Erwachsenen
nicht mehr viel bedeutet. Wie können wir neuen Zugang zu diesem Sakrament
gewinnen?
Viele Zeitgenossen holen heute Inspirationen aus dem Osten, um die
Betriebsblindheit des Westens aufzubrechen. Etwas vom ersten, was östliche
Lehrer uns Abendländern sagen, ist, dass wir fast immer mehrere Dinge
gleichzeitig tun, und das, was wir im Moment tun, nicht richtig tun.
Das gilt sicher auch von vielen Gottesdiensten. In unserer
Geschäftigkeit füllen wir diese kurze Zeit mit allen möglichen Anliegen:
Der Pfarrer will seine Lehrstunde halten und der Kirchenrat sein Opfer
einziehen. Der Kommentar der Liturgiegruppe ist fast eine Religionsstunde.
Dazu lädt der Pfarreirat zum nächsten Fest ein und der Kirchenchor will ein
neues Werk präsentieren. In den Verkündigungen wird die nächste Woche
organisiert, die Frauen zeigen ihre neueste Mode, die Jugendlichen, so
vorhanden, glänzen in ihre Marken-Jeans, die Etablierten kommen mit dem
neuen Auto und die Politiker bereiten in Gedanken den Stammtisch vor. Nach
der Kommunion wird noch ein neues Lied gesungen, der Organist probiert ein
paar neue Register aus oder es bleibt ganz einfach fast keine Zeit mehr für
das betende Schweigen.
Nochmals stellen wir die „östliche“ Frage: Tun wir noch, was wir tun,
wenn wir das Sakrament empfangen? Müsste da nicht für einige Zeit Stille,
dichtes Schweigen herrschen, oder Musik, die die Begegnung mit dem Herrn
schützt? Bereiten wir uns darauf vor, eine ganze Messe lang, um aus dem
Vielen zu dem Einen zu kommen? Allzuschnell wird die Messe zu einer
seelenlosen Massenveranstaltung oder zu einem Gemeindehappening, in dem der
Betrieb die besondere Gabe Gottes zudeckt. Wir müssen wieder das anbetende
Schweigen und das innerliche Hören lernen, um Christus tief in uns
aufzunehmen.
Wirklich zu tun, was wir im Gottesdienst zu tun vorgeben, sich von Gott
einladen zu lassen und ganz für ihn da zu sein, braucht Konzentration und
Diziplin. Oft hilft auch eine kleine Vorbereitung: was hat mich in den
letzten Tagen besonders beschäftigt? Gott nimmt an allem Anteil, was uns
bewegt! Es braucht nicht viele Worte, um im Herzen Christus begegnen. Wo
wir ihn gläubig in uns aufnehmen und auf ihn hören, da wird das Schweigen
dicht. Und wo der Gottesdienst zu diesem Schweigen hin fuehrt und es
schützt, wird er anziehend.

 

 

 

Pater Paul am Weissen Sonntag in Wollerau

 

 

 

Lk 24, 13 - 35

Dritter Sonntag in der Osterzeit

United hearts of Benetton

Die Reklamen von Benetton werden in der ganzen Welt
gesehen und diskutiert. Wir können sie bejahen oder ablehnen, eines
jedenfalls sind sie: auffällig und einprägsam. So auch wieder eines der
letzten Plakate: drei menschliche Herzen, je eines von einem Weissen, von
einem Gelben von einem Schwarzen... Die Herzen sind angeschrieben, weil sie
gleich aussehen. Die Botschaft ist klar: wir machen Unterschiede zwischen
den Menschen, wo keine sind.
Es werden einfach drei menschliche Herzen gezeigt, rohes Fleisch. Aber
das Symbol des Herzens ist stärker als die realistische Darstellung. Die
drei "Metzgerstücke" vergegenwärtigen für uns konkrete Menschen, mit allem,
was sie sind und denken und fühlen. Tief im Herzen, so sagen wir, wurzeln
Liebe und Hass, Aufmerksamkeit und Neid, Wohlwollen und Wut. Es "trifft uns
ins Herz", wenn wenn etwas uns stark berührt, und wir haben jemand "von
Herzen gern".
Im Evangelium von heute steht der berühmte Satz: "Brannte nicht unser
Herz, als er unterwegs mit uns redete...?" Die Jünger von Emmaus erkannten
Jesus nicht, aber ihr Herz hatte mehr erfasst als ihre Augen und ihr
Verstand.
Benetton macht Reklame. Vielleicht bessere Reklame als andere, die uns
die ewig gleichen Bilder von Kleidern, Lippenstifte, Bierbüchsen, Juwelen,
glitzernden Autos und sprudelnden Wassern zeigt. Tatsächlich bewegen sich
viele Herzen mehr, wenn sie etwas Anstössiges, Verbotenes sehen, wenn
"heisse Themen" berührt werden. Der durchaus gewollte Nebeneffekt der
Reklame von Benetton ist natürlich, dass wir der Meinung sind, sie sei eine
gute alternative Firma, und dass wir letztlich einen Pullover kaufen.
Aber wie lange brennt ein Herz für einen Pullover? Für was entzünden wir
uns noch wirklich? Für viele ist ihr Herz voll von - sich selbst. Für mich
bin ich eingenommen, vieles tue ich ohne Rücksicht auf andere, einfach weil
es mir gefällt. Wenn ich Angst um mich habe oder etwas zu verlieren drohe,
fange ich einen Streit an und fülle mein Herz mit Wut und Ärger. Hand aufs
Herz: Viele beten nur dann, wenn es ihnen schlecht geht, wenn die Angst
droht, wenns ums Ende geht. Wie steht's bei Ihnen?
Es gibt den andern Vorschlag. Das Herz entzünden aus Liebe zum andern.
Sich begeistern für den Nächsten - so, wie Benetton es aufzeigt: ohne
Rassenschranken -, für Gott; das Herz für das Gute öffnen, weil es gut ist,
und für das Schöne, weil es schön ist. Ein solches Herzensfeuer brennt
ruhig und lange. Fragen Sie sich: Von was lassen Sie sich entzünden? Wann
sagen Sie: "Brannte nicht mein Herz, als..."? Pflegen sie das Herzensfeuer,
das rein ist, ohne Neid und Angst! Meiden Sie das Strohfeuer und die
Explosion, die zerstört! Christus hilft uns, das gute Feuer im Herzen zu
entzünden und zu pflegen. Und dann könnte es - ähnlich wie der Slogan
"United Colors of Benetton" - heissen: "United Hearts of Christ".

 

 

 

Joh 10, 1 – 10

Vierter Sonntag in der Osterzeit

Der gute Fussballtrainer


Ich gebe es zu: ich bin nicht sehr
fussballbegeistert. Mit einer Ausnahme: ich habe heute noch Hochachtung vor
einem deutschen Bundestrainer der 70er Jahre.
Das kam so: Ich war zu Beginn meines kirchlichen Dienstes in einem
Pfarrhaus, in dem Pfarrer und Haushälterin jeden Samstagabend nach dem
Gottesdienst am Fernsehen Fussball schauten, und wenn ich nicht ganz "out"
sein wollte, musste ich mitmachen. Ich habe mich redlich bemüht, einige
Spieler und ihre Namen kennenzulernen (mit wenig Erfolg), mich für ein
gutes Spiel zu begeistern (mit mässigem Erfolg) und in meinem Hirn Platz
für Fussball zu schaffen (fast kein Erfolg).
Aber eines ist mir geblieben: Der Trainer, der nach jedem Match
interviewt wurde, immer etwas Gutes über seine Mannschaft zu sagen wusste
und nie jemanden blosstellte. Das wirkte. Ein guter Trainer, der seine
Mannschaft auch ziemlich weit brachte.
Ich möchte Ihnen am heutigen Tag der geistlichen Berufe weder ein
Klagelied über den Priestermangel vorsingen, keine revolutionären
Vorschläge darüber vorlegen, was der neue Bischof von Basel fürs
Frauenpriestertum unternehmen soll und auch nicht zum x-ten Mal die heutige
Jugend verdächtigen. Ich möchte Sie einladen, sich zu überlegen, welche Art
von Priestern und geistlichen Berufen wir heute brauchen, darüber mit
andern zu reden und auch etwas dafür zu beten.

Ich habe jedenfalls von diesem Fussballtrainer eine Vorstellung von
einem gutem Priester oder Gemeindeleiter bekommen. Der Trainer rennt nicht
und schiesst nicht die Tore auf dem Feld. Aber er fördert die Spieler,
trainiert sie und guckt, dass aus den verschiedenen Stars eine Mannschaft
wird. So denke ich auch, dass alle, die ein geistliches Amt gut ausüben,
nicht alles selber machen wollen, sich ganz vom Glauben erfassen lassen,
den andern Christen helfen, als Gläubige im Alltag zu leben. Der
"Pfarrei-Trainer" bemüht sich darum, dass die Pfarrei ein Ort der Begegnung
und des gemeinsamen Lebens wird.
Ich habe den berühmten Trainer nie schimpfen hören, auch nicht nach der
schlechtesten Leistung seiner Mannschaft. Ich glaube, dass wir uns in der
Kirche vieles kaputt machen, weil wir uns mit Kritik und Spott, mit Neid
und Heruntermachen das gemeinsame geistliche Leben vergiften. So wird nie
eine "kirchliche Mannschaft" und so macht das "Spielen" keine Freude.
Jesus spricht im Evangelium von sich als dem guten Hirten, der sich
sorgt, dass die Schafe "das Leben haben und es in Fülle haben".
Fussballspielen und das Leben einer Pfarrei scheinen weit auseinander zu
sein. Aber unter den genannten Gesichtspunkten sind sie sehr ähnlich. Es
gibt immer wieder Leute, die Fussballtrainer werden wollen und es auch tun.
Und so bin ich auch sicher, dass es noch viele junge Leute gäbe, die gute
"Pfarrei-Trainer" werden könnten. Sich den Menschen widmen, damit sie im
Alltag "gut spielen", auch gut zusammenspielen, sich und andern Freude
bereiten, und so zum Goal, zum Ziel gelangen - ist das nicht eine schöne
Aufgabe?

 

Pfarrei Hitzkirch. Hier war Pater Paul als Kaplan tätig.

 

 

Joh 14, 1 – 12

Fünfter Sonntag in der Osterzeit

Ueber den Meister hinaus

Haben Sie schon einmal als Erwachsener versucht,
ihren Kindern, Neffen oder Enkeln bei den Schulaufgaben zu helfen und dabei
gemerkt, dass sie von dem neuen Mathematik-Chinesisch gar nichts verstehen?
Gehören Sie auch zu denen, die sich vom Patenkind zeigen lassen müssen, wie
Ihr Computer funktioniert? Der Wunschzettel der Kinder ist für uns Ältere
oft unverständlich und wir müssen uns von der Verkäuferin aufklären lassen,
was diese wunderbaren, oft englisch bezeichneten neuen Dinge sind und
kosten.
Früher waren die Unterschiede zwischen Eltern und Kinder, zwischen
Meistern und Schülern nicht so gross. Wir lernten ein Handwerk oder eine
Fertigkeit und es brauchte oft Jahre, um dem Meister gleich zu kommen.
Neuigkeiten und grosse Umstellungen waren nicht häufig. Wenn in dieser
langsameren Zeit die Schüler mehr konnten als die Meister, dann waren sie
entweder überdurchschnittlich begabte Lehrlinge oder der Lehrer hatte
besondere Qualitäten und brachte es fertig, dass sich die Schüler über
seinen Stand hinaus entwickelten. Dies zu erreichen gehört zu den Zielen
eines grossen Meisters, - nur egoistische und kleinkarierte Lehrer halten
die Schüler klein.
Am Schluss des heutigen Evangeliums steht ein Satz, der Christus als
guten Meister charakterisiert: "Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich
tue, auch selbst tun, und er wird grössere als diese tun, weil ich zum
Vater gehe."
Nun kann dieser Satz freilich sehr anstossen. Wir sollten Grösseres tun
als der Sohn Gottes? Geht das überhaupt? Oder wir fragen: Wo werden in
unserer Zeit wunderbare Brotvermehrungen vollbracht und am Laufmeter
unheilbare Krankheiten geheilt? Sind wir Christen im Durchschnitt nicht
gleich jämmerlich dran wie der Rest der Welt?
Offenbar meint Christus mit "grösseren Werken" nicht unbedingt äussere
Wunder. In der Tat sind innere Wunder - wenn es darum geht, einen Menschen
in seinem Herzen aufzuschliessen, Verstrittene zur Versöhnung hinzuführen,
die Versuchungen zu Macht, Reichtum und Genuss zu überwinden - viel
schwieriger. Ein Wunder ist die Sache einer Sekunde; jemanden ein halbes
Leben pflegen und ertragen, gehört schon in eine andere Kategorie: Es ist
kein Wunder und vielleicht doch ein "grösseres" Werk!
Christus sagt als Begründung, dass wir "grössere Werke" tun werden:
"Denn ich gehe zum Vater". Er will uns also unterstützen. In der Kraft des
Auferstanden wachsen wir über uns selbst und über das, was Christus in
seinem unscheinbaren Leben im gottverlassenen Nazareth gemacht hat, hinaus.
Vielleicht denken Sie daran, wenn Sie vor der nächsten Herausforderung
stehen. Christus ging zum Vater und wird uns helfen, grosse und "grössere"
Werke zu vollbringen...

 

 

 

Joh 14, 15 – 21

Sechster Sonntag in der Osterzeit

Muttertag

Das Schnurtelefon

 Als Kinder haben wir gerne Telefon gespielt - als
es noch keine Handys gab und batteriegespiesene Kindertelefone viel zu
teuer waren. Es gibt eine ganz einfache Methode: Wir nehmen zwei alte
Büchsen, machen je ein Loch in den Boden, ziehen eine feine Schnur oder
Wollfaden durch die Löcher und machen einen Knopf, damit das Ende der
Schnur in der Büchse bleibt - und schon ist das Telefon fertig. Damit man
einander hört, muss man die Schnur leicht anspannen. Wunderbar nicht?
Dieses Schnurtelefon, das nur bei einer gewissen Spannung funktioniert,
kam mir als Bild für den Muttertag in den Sinn. Leicht finde ich es ja
nicht, etwas zum Muttertag zu schreiben. Den einen wird es schnell zu fromm
und zu süss. Aber wenn nichts von Dankbarkeit drin steht, werden wir all
den Müttern ungerecht, die täglich ihr Bestes für die Familien geben.
Streichen wir die Mutterrolle heraus, dann reklamieren die Feministinnen;
reden wir nur von der Frau, frustrieren wir alle, die mit Begeisterung und
mit viel bewusstem Einsatz Mütter sind. Eine gespannte Lage - so gespannt
wie die Schnur des Schnurtelephons.
In der Tat: dieses funktioniert nur, wenn wir die Mitte einhalten
zwischen Nähe und Distanz. Sind sich die Büchsen einander zu nah, ist die
Schnur schlaff und es passiert nichts. Ziehen wir die Büchsen zu stark
auseinander, dann reisst die Schnur und die Kommunikation geht kaputt.
Vielleicht ist das auch unsere Aufgabe unsern Müttern gegenüber. Sie
sollen beides sein dürfen, Frauen und Mütter. Und im Verhältnis zu ihnen
sind ebenfalls beide Extreme verkehrt: das Aufeinanderkleben wie das
Nichts-mehr-Voneinander-Wissen-Wollen. Und das gilt wohl von beiden
Seiten...
Christus spricht ganz ähnlich in seiner Abschiedsrede. Er geht von
seinen Jüngern weg, aber er will sie nicht verwaist zurücklassen. Er wird
den Geist senden, der uns mit ihm verbindet. Auch hier die fruchtbare
Spannung zwischen notwendigem Verlassen und Ablösen (die Apostel sollten ja
in die Welt hinaus und nicht nur den Jüngerzirkel pflegen) und der
ständigen Verbundenheit durch den Geist der Wahrheit, der erleuchtet und
sanft oder auch mal stürmisch lenkt.
Vielleicht nehmen wir uns am Muttertag etwas Zeit um zu überdenken, was
wir von unsern Müttern - oder von jenen, die an Stelle der Mutter für uns
Mutterstelle vertreten haben - bekommen haben. Ueberdenken wir, was gut und
weniger gut war - oder noch ist. Bitten wir den Geist, dass er uns zur
richtigen Wertschätzung und zur Dankbarkeit führe. Er helfe uns auch, wenn
nötig, auszugleichen und die richtige Nähe und Distanz zu finden. Er
schenke uns auch mehr und mehr die Fähigkeit, zu vielen Menschen in guten
Kontakt zu kommen. Niemand soll verwaist bleiben.

 

 

 

 

 

Mt 28, 16 – 20

Christi Himmelfahrt

Die erfolgreiche Operation ins Land des Lächelns


Kürzlich las ich die stolze Meldung von einer
neuartigen Operation, die mit Erfolg stattgefunden hat. Das Ergebnis: ein
Mensch, der zum ersten Mal in seinem Leben lächeln konnte. Es gibt Kinder,
die ohne die entsprechenden Nerven und Muskeln zum Lächeln auf die Welt
kommen und so immer einen steinernen Ausdruck haben. Mit der komplizierten
Operation ist es nun gelungen, einem siebenjährigen Mädchen die Fähigkeit
des Lächelns zu schenken...
Jedesmal, wenn wir Christi Himmelfahrt feiern und im Bericht der
Apostelgeschichte lesen, dass Jesus in einer Wolke in den Himmel
entschwand, stelle ich mir die Frage: Und nun? Wie stellst Du Dir heute den
Himmel vor?
Wenn jemand glücklich und zufrieden ist, lächelt er. Vorstellungen vom
Himmel gibt es so viele, wie es Menschen gibt, ja, noch viel mehr, denn
jeden Tag wünschen wir uns wieder etwas Neues in unsern Himmel hinein. Aber
überlegen wir einmal! Können wir uns eigentlich mehr wünschen als das
Lächeln, das Ausdruck tiefster Zufriedenheit ist? Die geistlichen Lehrer
sagen, der Himmel fange schon hier und heute an. Vielleicht ist das Lächeln
das greifbarste Stück Himmel, das uns gleichsam als Vorgeschmack geschenkt
ist.
Was viele Menschen noch oder immer wieder lernen müssen, ist, dass
einsame Freude schnell verdirbt. Der Himmel ist erst dann ganz da, wenn wir
selber lächeln können und andern Lächeln bereiten und uns an der Freude der
andern erfreuen. Und so meint auch das Fest Christi Himmelfahrt nicht, dass
Christus in einen fernen "Himmel" abgereist ist, um sich für sich allein
oder mit seinem Vater zu vergnügen. Nein, jetzt nimmt er erst recht die
Möglichkeit wahr, uns zu begleiten, damit wir ins Land des Lächelns kommen,
sei es schon jetzt schon in unserm Alltag, sei es später, wenn wir die
letzte Reise antreten.
Wenn ich hier übers Lächeln schreibe, tönt das ein wenig luftig,
unverbindlich, vielleicht für manche fast lächerlich. Ich meine, es ist
ernst genug. Das Möbius-Syndrom, an dem das Mädchen litt, und die gelungene
Operation davon mag als organische Krankheit etwas ganz seltenes sein. Aber
es gibt sehr viele Menschen, die das Lächeln verloren haben und deren
Gesicht erstarrt ist wegen dem Hass, der Lieblosigkeit und den unzähligen
Formen von Leid und Grausamkeit, die wir Menschen uns einander zufügen. Und
wir merken auch, dass wir aus eigener Kraft unfähig sind, das Böse zu
überwinden. Bitten wir daher Christus, der "in den Himmel aufgefahren ist",
dass er uns helfe, uns zu wandeln und so zu leben, dass es uns und andern
Freude macht. Dann beginnt auch unter uns der Himmel, das Land des
Lächelns, als Vorbereitung auf das ewige Lachen...

 

 

 

 

 

 

Joh 17, 1 – 11 a

Siebter Sonntag in der Osterzeit

Mediensonntag

Vom Waschbrett zum Internet

Das Leben in unserm Jahrhundert ist ohne die neuen
elektronischen Medien nicht mehr denkbar. Auch die grossen politischen
Umwälzungen der letzten Jahrzehnte waren auf die Medien angewiesen. Im
letzten Jahrhundert gab es noch Kuriere, dann kam ein Riesenfortschritt mit
dem Telegramm.
Aber in unserm Jahrhundert haben die Diktatoren die Massen mit
Radioansprachen bewegt und mit Propagandafilmen indoktriniert. Die
Perestroika hätte sich in Russland ohne Fernsehen nicht durchsetzen können.
Kriege werden heute zur Hälfte über Satellitenkommunikation geführt und
längst hat sich die Videokonferenz eingebürgert. Die Tageszeitungen gehen
ans Internet, und Millionen sitzen für die schnelle Information an den
Bildschirmen.
Gehen wir in unserer Kultur etwas weiter zurück, noch vor die Zeiten des
Buchdrucks, dann landen wir beim Herold, beim Sänger und auf Dorfebene beim
Waschbrett oder beim Wirtshaustisch. Die Frauen waschen und tauschen die
letzten Neuigkeiten aus, die Männer trinken sauren Most und palavern. Aber
die Psychologie des Waschbrettes ist dieselbe wie die der elektronischen
Medien: Hast Du das Neueste gehört? Was ist Schreckliches passiert? Was
müssen wir wissen, um "von heute" zu sein? Und wenn jemand gut erzählen und
darstellen kann - sei der Inhalt noch so banal und unwichtig - dann hängen
alle an seinen Lippen und seufzen oder lachen oder weinen im Chor - ob das
nun die Marie oder der Kari im Kaff ist oder der Showmaster, der Millionen
am Bildschirm unterhält.
Die Medien spiegeln den Radius der Umwelt, die uns bestimmt und in der
wir uns bewegen. Wir essen Bananen aus Ecuador - darum wollen wir wissen,
ob sie dort schädliche Insektizide anwenden oder nicht. Wir bauen
Atomkraftwerke und müssen informiert werden, wenn ein Atomkraftwerk wie
Tschernobyl in die Luft fliegt; denn der radioaktive Staub von dort macht
unsere Fische hier ungeniessbar. Wir Menschen informieren uns, um uns zu
schützen.
Wir können in ein paar Stunden nach New York fliegen, daher ist es
wichtig, sich vorher zu informieren, ob dort alles o.k. ist. Wir möchten
etwas unternehmen und planen - und dazu brauchen wir Information. Aber das
Waschbrett taugt dazu meist nicht mehr. Die Zeitung, der Prospekt, das
Telefon bringen uns schon weiter.
Schliesslich haben wir einen unersättlichen Hunger nach Neuigkeiten und
zwar, wenns geht, möglichst dramatischen Neuigkeiten. Wir lieben die
Überraschung, das Spektakuläre, das uns mit offenem Mund staunen lässt, das
Schreckliche und Gruselige, das Geheime und Unheimliche. Das geht am
Wirtshaustisch schon ganz gut, aber am Fernsehen ist es professioneller und
trickreicher und geht "noch mehr unter die Haut". Doch das Bedürfnis ist
das alte.
Und dann möchten wir gerne schlicht dabei sein, manche eher im Zentrum,
manche mehr als Zuschauer. Die Medien, vom Waschbrett bis zum Internet,
führen Menschen zusammen. Jesus bat in seinem letzten Gebet um die Einheit
seiner Jünger. Die sozialen Kommunikationsmittel führen auch zur Einheit,
aber nicht immer im Guten und Schönen. Sie transportieren Werte und
Unwerte, Urteile und Vorurteile, Krieg und Frieden.
Hier beginnt unsere Aufgabe. Auch in Zukunft werden wir uns mit Hilfe
der Medien orientieren, sei es aus dem Bedürfnis der Sicherheit und des
Planens heraus oder aus simpler Freude am Kontakt und um das Spektakuläre
zu geniessen. Ständig wächst der Radius unserer Umwelt, die Medien werden
immer schneller und schöpfen mehr Möglichkeiten aus. Aber das Unterscheiden
von Wichtigem und Unwichtigem, von Guten und Bösen nehmen uns die Medien
nicht ab. Das bleibt unsere Aufgabe. Nicht nur Konsumieren, sondern Denken
und Unterscheiden!

 
 
Joh 20, 19 – 23

Pfingsten

Geistige Immunität
 

Die körperlichen Krankheiten waren seit jeher
Symbole für die geistigen Schwächen der Menschen. Wir sind "verschnupft",
wenn wir beleidigt sind. Es macht uns "Bauchweh", wenn uns ein Problem
plagt. Fanatiker sind von "gewissen Ideen infiziert". Jemand ist wie
gelähmt, wenn er in Lethargie fällt. "Wie kurzsichtig!", sagen wir, wenn
jemand nur für den nächsten Tag denkt. "Er ist ein gebrochener Mann", wenn
sich jemand nach einem "Sturz" nicht wieder erholt.
In unseren Tagen sprechen wir viel von Aids - einer neuen, in vielem
noch geheimnisvollen Krankheit. Die Fachleute sagen, es sei eigentlich
keine Krankheit, es mache nur widerstandslos für Krankheiten, weil das
Immunsystem im Körper zusammenbricht. Symbolisch gelesen ist das eine
"alte" Krankheit - wenn wir dem Bösen, dem Verführerischen, dem Schädlichen
keine Abwehrkräfte mehr entgegenzusetzen haben.
Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Wir nennen Gott "Geist",
weil er in uns wohnt und wirkt, oft kaum spürbar, aber belebend und
orientierend. Ganz besonders ist der Heilige Geist auch der Geist der
"Unterscheidung", dessen nämlich, was gut und böse ist. Er wirkt ähnlich
wie das Immunsystem, von dem wir normalerweise auch nicht viel merken. Es
ist überall im Körper gegenwärtig, hilft unterscheiden zwischen
freundlichen und schädlichen Mikroben, und hält uns gesund.
Unser Leben ist nur scheinbar ruhig. Wir fällen jeden Tag viele kleine
Entscheidungen. Oft müssen wir eine Möglichkeit unter vielen wählen.
Welches ist die Richtige? Wir haben oft gar nicht Zeit, viel zu überlegen.
Wir sind froh, wenn das gleichsam "automatisch" geht, wenn jemand uns
hilft, gut und richtig zu handeln oder auch die Kraft zu haben, den kleinen
Versuchungen zu widerstehen. "Er wird euch alles lehren, was ich euch
gesagt habe", heisst es vom Heiligen Geist.
Gegen das "geistige Aids", die Geistlosigkeit, können wir etwas tun.
Bitten wir in diesen Tagen um den Heiligen Geist! Nehmen wir uns Zeit für
uns und den lieben Gott! Beschäftigen wir uns mit unsern Fragen, statt sie
wegzustecken. Vielen hilft es, mit andern zu sprechen. Was ist wohl das
Richtige? Spüren wir gemeinsam dem Guten nach und bitten wir den Geist, er
möge uns dabei helfen!

 

 

Johannes 3, 16 – 18

Dreifaltigkeitssonntag


Sesam öffne dich!

Haben Sie in Ihrer Kindheit auch von Ali Baba und
den vierzig Räubern gelesen? Wie sich das Tor öffnete, wenn der Räuber den
richtigen Namen aussprach? Besitzen Sie auch eine Eurocard, Mastercard,
Postcard oder sonst eine Card und eine geheimnisvolle Code-Nummer dazu, die
Ihnen den Zugang zu den automatischen Geldspendern öffnet? Haben Sie über
ein Passwort Zugang zu wichtigen Informationen? Ein Passwort ist oft nicht
nur irgend ein Wort. Der richtige Name ist entscheidend wichtig und öffnet
uns viele Möglichkeiten.
Die Menschen geben Gott viele Namen. Gott aber ist grösser als alle
Namen. Er lässt sich auch von denen finden, die ihn unwissend unter
falschem Namen suchen. Und doch ist es nicht beliebig, welche Namen wir ihm
geben. Sie spiegeln unsere Vorstellungen, unser Wissen über ihn und unsere
Vertrautheit mit ihm wider. Noch mehr - da wir Gottes Abbild sind - sagen
wir auch etwas über uns selbst aus. Wir lernen uns besser kennen, wenn wir
den Namen Gottes tief in uns aufnehmen.
Vater oder Mutter sein heisst Ursprung sein. Wir bleiben zwar von Gott
abhängig, dürfen aber als Frauen und Männer auch vieles selber tun: die
Welt gestalten, Kinder zeugen, Werke schaffen, schenken und uns beschenken
lassen, lenken und leiten. Wir alle sind Söhne und Töchter. Kind sein
heisst empfangen dürfen, hören, schauen, erforschen und spielen, nachbilden
und antworten. Und schliesslich sind wir geistige Wesen und widerspiegeln
im Kleinen den Heiligen Geist in seiner Liebe und Weite, in der Tiefe der
Wahrheit und der Seele, im Schaffen von Beziehung und Tugend, ja von
Vollkommenheit.
Ich bin tief davon überzeugt, dass alle, die die Menschen oberflächlich
ansehen oder nur nach ihrem wirtschaftlichen oder politischen Nutzen
einordnen, kein Verhältnis zu den Namen des Dreifaltigen Gottes haben
können. Und umgekehrt: je mehr wir etwas vom Geheimnis, das wir selbst
sind, begreifen und je mehr wir über die Kräfte und Dimensionen des guten
Menschen staunen, desto mehr bekommen wir Zugang zum Dreifaltigen Gott und
seinem Namen.
Wenn wir es so sehen, dann geht es am Dreifaltigkeitsfest nicht einfach
um eine Formel oder ein Zauberwort und auch nicht um billige Methoden, viel
von Gott zu erhalten, weil wir gerade seinen Namen wissen. Über den Namen
Gottes, des Einen und Dreifaltigen, des ganz Einfachen und doch unendlich
Reichen, gelangen wir zum Wesentlichen, zu seinem und unserem Geheimnis.
Darum lohnt es sich, dieses Fest zu feiern. Es lohnt sich zu fragen, was
ich hier und heute von seinem Reichtum besonders leben und erfahren soll:
das Schöpferische von Vater und Mutter, das Kleinsein und auch Geliebtsein
des Kindes, von Sohn und Tochter. Und inmitten der Oberflächlichkeit und
des Materialismus unserer Tage den Wert der Liebe, den Wert von Beziehung,
von Einheit und Versöhnung erfahren, in der Tiefe der Seele und des
Geistes. Der Dreifaltige mache uns alle ihm immer ähnlicher.

 

 

Johannes 51 – 58

Fronleichnam

Wasserzeichen

Gute Papiere haben oft ein Wasserzeichen. Wir sehen es normalerweise beim Lesen und Schreiben nicht, aber wenn wir das Papier gegen das Licht halten, erscheint dort ein Kennzeichen. Wenn Sie eine Schweizer Banknote der neuen Serie aufmerksam betrachten, dann sehen Sie auf der Seite, auf der das Gesicht der Persönlichkeit erscheint, der die Banknote gewidmet ist, oben rechts ein weisses Feld. Wenn Sie die Note gegen das Licht halten, sehen Sie dasselbe Portrait als Wasserzeichen. Das ist ein Sicherheitsmerkmal der Banknote. Das Wasserzeichen ist häufig ein Zeichen für besondere Qualität.

An Fronleichnam tragen wir Christus im Sakrament durch unsere Strassen, oder wir halten Gottesdienst im Freien, auf einem Platz, wo wir sonst einen Teil unseres Alltags verbringen. Damit machen wir etwas Ähnliches, wie wenn wir ein Wasserzeichen sichtbar machen: das, was sonst verborgen da ist, wird öffentlich gezeigt, das, was sonst unbeachtet ist, wird gefeiert.

Denn Christus ist immer da, auch wenn wie ihn ebenso wenig beachten wie normalerweise die Wasserzeichen. Auch unser Glaube, unser christliches Leben, sollte immer da sein, auch wenn es nicht immer an der Oberfläche sofort sichtbar sein muss. Das wäre ja gerade sympathisch, wenn Glaube und christliche Tugend die Qualitätszeichen unseres Lebens wären, wenn jeder damit rechnen könnte, dass wir unser Engagement fest in unserm Herzen haben, wie das Papier das Wasserzeichen unausradierbar ins sich trägt, ohne dass deswegen die Frömmigkeit immer gleich "dick aufgetragen" sein müsste.

Natürlich ist das mit dem Glauben nicht so einfach. Er wird nicht mechanisch eingeprägt. Christliches Engagement bleibt abhängig von unserer Entscheidung. Wir müssen oft erst lernen, wie wir uns in dieser und jener Situation des Alltags als Christen verhalten, in der Arbeit, in der Freizeit, im Sport und in der Politik.

Wenn wir also an Fronleichnam Christus in der besonderen, sichtbaren Gegenwart der Eucharistie in unsere Alltagswelt hineintragen oder den Gottesdienst ganz bewusst in die Mitte unserer Gemeinden und Landschaften hineinstellen, sollten wir besonders darum bitten, dass wir in unserm Werktag "Qualitätschristen mit Wasserzeichen" werden und bleiben. Wir können darum bitten, dass es uns immer besser gelingt, in unserer Gesellschaft das zu realisieren, was wir in den Perspektiven unseres Glaubens als heilsam und wahr erachten.

Wir können darum bitten, dass Christus für alle Menschen gegenwärtig wird, und zwar durch uns. Wir begegnen ihm im Gottesdienst und nehmen in mit in unser Leben. Und wenn dann jemand "die Kirche gegen das Licht hält", dann sollte das sympathische Gesicht Christi darin sichtbar werden, als ihr Wasserzeichen.

 

 

 

 

 

Joh 1, 29 . 34

Zweiter Sonntag im Jahreskreis

Gepredigt in Alterswil

 

Wie schwer es ist, zu sein, wie man ist


Das Evangelium erzählt heute von Johannes dem
Täufer. Er wies einfach auf Jesus hin und sagte: Ich taufe nur mit Wasser,
er wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.
Wir haben uns schon längst an aufdringliche Werbung und Selbstwerbung
gewöhnt. "Ich bin der Grösste", so sagen die Boxmeister. "Nichts wäscht
weisser als...", heisst es in den Wäschemittelreklamen. Viele haben in der
Pubertät eine Phase des Imponierens durchgemacht: mit lauter Stimme, mit
auffälligen Gesten und mit allerlei Erzählungen haben wir uns so
dargestellt, wie wir sein wollten, aber noch nicht waren.
Auf der andern Seite begegne ich häufig Menschen, die sich immerfort
entschuldigen. Sie sagen, sie könnten nichts, sie seien dumm und
ungeschickt, sie wüssten ja, dass sie uns nur zur Last fallen. Diese
Mitmenschen sind oft ebenso mühsam wie die Selbstanpreiser.
Es ist offensichtlich sehr schwer, uns so geben, wie wir sind, ohne
Angst, von den andern nicht genügend beachtet oder abgelehnt zu werden. Oft
verbrauchen wir viel Energie dafür, uns selbst darzustellen. Und die andere
Seite: Wie wohl fühlen wir uns, wenn wir mit Menschen zusammen sind, vor
denen wir uns nicht zu verstellen brauchen. Wenn wir uns angenommen wissen,
können wir so stark und so schwach zeigen, wie wir sind.
Oft meinen wir, Gott gegenüber dieselben Spielchen spielen zu müssen.
Dabei ist es wohl ihm gegenüber erst recht nutzlos. Er hat uns geschaffen,
und bevor wir ja zu ihm gesagt haben, hat er zu uns schon ja gesagt. Er
kennt unsere Stärken und Schwächen. Wenn wir Gott gegenüber Ruhe und
Sicherheit verspüren, wird das helfen, uns auch vor den Mitmenschen so zu
geben, wie wir sind.
Johannes sagte, dass Jesus mit dem Heiligen Geist taufen wird. Das ist
der Geist, der uns fähig macht, ohne Selbstwerbung und falsche Demut zu
leben. Versuchen wir, diesen Geist in uns wirken zu lassen - auf die Dauer
zählt sowieso nur die Wahrheit.

 

Taufe in Wollerau im Jahr 2001

 

Mt 4, 12 – 23

Dritter Sonntag im Jahreskreis

Lichtkünstler

Ein Bekannter aus meiner Jugendzeit, der zuerst
als Architekt arbeitete, hat diesen Beruf aufgegeben und betätigt sich
jetzt als Lichtkünstler. Er fertigt Plastiken und Lichtspiele aus
Neonröhren an. Durch raffinierte Mischung der eingeschlossenen Gase erzeugt
die verschiedensten Farben. Viele sind fasziniert von seinen Formen und den
oft seltsam-schönen Farbtönen, mit denen er spielt. Und weil seine Werke
selbst strahlen und nicht nur angeleuchtet werden, ist die Faszination oft
noch grösser...
Es ist nicht nur so, dass Lichtspiele schön sind. Wir Menschen brauchen
das Licht. Die Sonne schenkt uns das Tageslicht und nötige Wärme; ohne sie
wäre die Erde tot und leer geblieben. Der Wechsel von Tag und Nacht
bestimmt unsere Zeit. Manche Menschen werden depressiv ohne Licht.
So wichtig ist uns das Licht, dass wir gerne im übertragenen Sinn von
"Erleuchtung" sprechen. Wenn wir etwas verstehen, dann sagen wir: "Es geht
uns ein Licht auf". Die Gescheiten haben "helle Köpfe". Wir "bringen Licht
in eine dunkle Sache". Es kann uns aber auch zuviel werden: wenn wir
geblendet werden. Sich geistig blenden lassen bedeutet soviel wie getäuscht
werden oder sich selber täuschen: der Glanz verführt uns, sodass wir nicht
mehr richtig sehen. Es braucht das angemessene Licht, das leuchtet, ohne zu
blenden.
"Das Volk, das im Dunkeln sass, hat ein helles Licht gesehen..." so
heisst eine Prophezeiung aus dem Alten Testament, die das heutige
Evangelium auf Jesus anwendet: Er ist das grosse Licht gewesen, das in
unser menschliches Dunkel und in den schwierigen Fragen des Lebens
Orientierung brachte. Ja, Jesus war wie ein Lichtkünstler, der die Wahrheit
Gottes auf vielfältige Weise aufleuchten liess. Einige haben sich vom Licht
Jesu auch blenden lassen: sie erhofften sich einen politischen Messias. Der
erste Erfolg Jesu und seine Wunder entfachten in ihnen politische
Begeisterung. Jesus hat sich Mühe gegeben, sie "aufzuklären", aber sie
brauchten die Erfahrung des Kreuzes, um zu merken, dass er seine Volk nicht
mit Waffengewalt von den Römern befreien wollte.
Jesus möchte, dass auch wir "Licht der Welt" seien. Auch wir sollen
Lichtkünstler sein, die die Wahrheit vielfältig strahlend weitergeben.
Lassen wir unser Licht leuchten, um die Liebe, zu der wir befähigt sind,
weiterzuschenken! Geben wir die Freude, die in uns geweckt wird, als
Lichtspiel weiter, damit auch die Herzen anderer erleuchtet werden durch
die Glanz Gottes... Sie können merken, wenn Ihnen das gelingt: dann
nämlich, wenn die Augen Ihres Gegenübers aufleuchten - und das ist
vielleicht das schönste Licht, das wir Menschen kennen.

 

Mt 5, 1 – 12 a

Vierte Sonntag im Jahreskreis

Die verflixte Seligpreisung
 

Vielleicht haben Sie schon einmal darauf
geachtet, dass es eine Seligpreisung gibt, die immer wieder anders
übersetzt wird. Früher hiess es: Selig die Sanftmütigen..., heute heisst
es: Selig, die keine Gewalt anwenden. Eine andere moderne Uebersetzung der
letzten Jahre lautete: Selig die Zärtlichen...
Wir können uns leicht aus der Affäre ziehen, indem wir sagen: Es gibt
halt Worte, die schwer zu übersetzen sind. Oder: Wir kennen den
Zusammenhang nicht, in dem Jesus sprach. Das stimmt ja beides. Aber es
scheint mir nur die Hälfte der Wahrheit zu sein. Wir übersetzen, wie wir es
verstehen oder verstehen möchten. Und so offenbaren die verschiedenen
Uebersetzungen, was uns lieb und teuer ist, und in welchen Ansichten wir
bestätigt werden wollen. Umgekehrt vermeiden wir oft bestimmte ältere
Worte, weil sie heute Sachen bezeichnen, die uns nicht mehr passen.
Ein solches vermiedenes Wort ist die "Sanftmut" - obwohl das, so denke
ich, immer noch die genaueste Übersetzung für die dritte Seligpreisung ist.
Die Sanfmut ist etwas ausser Kurs geraten. Unser Leben ist hektisch
geworden. Wir müssen uns durchsetzen. Wir sprechen von Streitkultur und von
Konfrontation. Die "Sanften" werden oft als Feige und Weiche angefahren,
als jene, die zu früh oder zu Unrecht harmonisieren und beschwichtigen -
was in vielen Kreisen geradezu als Sünde gilt.
In diesem gesellschaftlich-politischen Kontext tönt die neue
Uebersetzung: "Selig jene, die keine Gewalt anwenden" sehr gut. Aber
Gewaltlosigkeit ist nicht dasselbe wie Sanftmut. Alle negativen
Formulierungen sind präziser, aber auch enger und ärmer. Sanftmut reicht
tiefer in unser Herz und verlangt einiges mehr an innerer Bekehrung. Zudem
können wir sehr intrigant und grausam sein, ohne Gewalt anzuwenden.
Ich habe auch nichts gegen "Zärtliche" und denke, dass viele Menschen
nicht nur seelische Zuwendung, sondern auch körperliche Zärtlichkeiten
brauchen. Aber wiederum scheint mir "Sanftmut" etwas mehr von uns zu
fordern. Zärtlichkeit ist ein äusserer Ausdruck, Sanftmut wurzelt im
Herzen. Sie ist auch dort gefragt, wo wir nicht auf der Körperebene handeln
können.
Die äusseren Umgangsformen sind heute gröber geworden, unsere Musik ist
laut, unsere Filme strotzen von Gewalt und Action. Je mehr wir gut
informiert sind, desto mehr Anlass haben wir uns aufzuregen. Trotz alledem
im Herzen sanft zu sein, nicht vorschnell aggressiv zu reagieren, "langsam
zu sein im Zürnen" - wie einer der berühmtesten Gottesnamen der Heiligen
Schrift lautet - das, so ich glaube, ist eine wichtige Tugend für unsere
Zeit.

 

 

 

Mt 5, 13 – 16

Fünfter Sonntag im Jahreskreis

Der Katalysator zur Zeit Jesu

Viele Bilder der hl. Schrift sind für uns
schwierig zu verstehen. Jesus nahm seine Vergleiche aus seiner Alltagswelt,
die von unserer sehr verschieden war und umgekehrt. So sind wir vielleicht,
wenn wir heutigen den Ökologie-Run mitmachen müssen, geneigt zu sagen: Ja,
das gab es wohl zu Jesu Zeiten noch nicht: Abfalltrennung,
Abgasvorschriften, Autos mit Katalysator usw. Das waren noch selige Zeiten!

Ganz stimmt das nicht, und vielleicht kann ein technisches Detail der
alten palästinensischen Backöfen uns auf anregende Gedanken bringen. "Ihr
seid das Salz der Welt. Wenn das Salz seine Kraft verliert, womit kann man
es wieder salzen?" An diesem Satz haben sich viele Exegeten die Zähne
ausgebissen. Die für mich wahrscheinlichste Deutung ist, dass Jesus nicht
das Salz auf dem Tisch meint, das natürlich immer salzig bleibt, sondern
die Salzplatten, mit denen die grossen Backöfen ausgelegt wurden, damit
dass Brennmaterial besser brannte. Das waren klassische "Katalysatoren".
Und mit ihnen passierte dasselbe wie mit vielen heutigen Katalysatoren:
durch Schmutz und andere Alterungsprozesse verlieren sie ihre Wirksamkeit.
In Palästina warf man die alten Salzplatten einfach auf die Strasse "...und
sie wurden von den Leuten zertreten".
Wir sollen also Katalysatoren sein, heisst das Bild, damit das Feuer
Gottes besser brennt. Dazu gibt es viele Möglichkeiten im Alltag. Wie oft
kommen wir in die Situation, dass jemand zaghaft und leise einen guten
Vorschlag macht, aber niemand greift ihn auf. Oder er stammt von einer
Person, über die die andern lachen oder von der sie keine kreativen
Vorschläge erwarten. Katalysator spielen heisst dann, auf den Vorschlag
eingehen und ihn unterstützen. Oder Sie stossen auf eine gute Initiative in
ihrer Nachbarschaft. Dann sind Sie dran, Katalysator zu spielen und andere
Leute darauf aufmerksam zu machen!
Ein Katalysator ist ein chemischer Verstärker. Er muss nichts schaffen,
sondern nur einen Vorgang unterstützen. Wir fühlen uns oft überfordert,
wenn wir Neues und Gutes erfinden sollen. Wenn uns Jesus im Wort vom Salz
auffordert, Katalysator zu sein, weiss er darum, dass wir oft nicht sehr
kreativ sind oder "null Bock" haben. Er regt uns an, das Gute, das wir in
uns und um uns finden, zu fördern. Damit sind wir nicht überfordert. Machen
wir die Augen auf, und sorgen wir, dass das Feuer Gottes, seine Liebe,
seine Güte, seine Wärme, die er schon entzündet hat, weiterbrennt! Und
hüten wir uns vor der "inneren" Verschmutzung, die uns hindert, für das
göttliche Feuer Katalysator zu sein...

 

 

Mt 5, 17 – 37

Sechster Sonntag im Jahreskreis

Die Gerechtigkeit als Maske


"Wenn eure Gerechtigkeit nicht noch viel grösserist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in dasHimmelreich kommen..." Dieses Wort Jesu hat von jeher meine Aufmerksamkeit
erregt. Kann denn eine Gerechtigkeit grösser sein als eine andre? Ist
gerecht nicht einfach - gerecht? Das ist sicher unser Wunsch.
Aber die Erfahrung zeigt, dass die Menschen sehr verschiedene
Vorstellungen von Gerechtigkeit haben. Ihre eigne Gerechtigkeit ist
meistens eine, die ihnen nützt. Manchmal drehen sie die Dinge so lange, bis
sie eine "Rechtfertigung" für die erstrebten Verhältnisse finden. Jede
Schicht, jedes Volk, jede Epoche hat ihre Regeln und Gesetze. Alle
Diktaturen schaffen ihr eigenes Recht und ihre eigene "Gerechtigkeit",
unter denen dann die Untergebenen zu leiden haben.
Vielleicht haben Sie auch schon Menschen erlebt, die
Gerechtigkeitsfanatiker waren. Sie prozessieren jahrelang wegen irgendeiner
Sache und verlieren dabei vielleicht noch viel Geld. Oder solche, die einer
kleinen Ungerechtigkeit wegen sich (und anderen...) jahrelang mit Missmut
und Klagen das Leben verderben.
Diese Beispiele zeigen, dass hinter dem Wort Gerechtigkeit oft genug
eine ganz andere Haltung steht: Neid und Missgunst, Egoismus, Machtsucht
und Konkurrenzstreben, Schadenfreude und Rachsucht, Härte und Stolz. Leicht
verwenden diese Untugenden die Rede von Gerechtigkeit als Maske. Neben
diesen negativen Haltungen führen auch oft Angst und Unsicherheit dazu,
dass wir "Gerechtigkeit" fordern: wir möchten uns mit Recht und Gesetz
möglichst absichern.
"Wenn eure Gerechtigkeit nicht noch viel grösser ist..." Ja, für ein
Zusammenleben, in dem sich alle wohlfühlen und zufrieden sind, braucht es
eben mehr als die Gerechtigkeit nach Paragraph und Masstab. Es braucht
Liebe und Verständnis. Nur die Grosszügigkeit vermag den einzelnen Raum
geben und verschiedene Vorstellungen miteinander zu versöhnen. In der
"engen" Gerechtigkeit, die allen einen abgezirkelten Bereich zumessen will,
ersticken wir.
Schauen wir also bei uns selbst nach, wenn wir das nächste Mal von
Gerechtigkeit reden, ob uns nicht auch ganz andere Motive bewegen! Benutzen
wir sie vielleicht als Maske für unsere Angst, für unsere Unbeweglichkeit
oder für Motive, die wir lieber nicht nennen? Streben wir stattdessen nach
der grossen, weiten Gerechtigkeit Gottes, die immer mit Liebe und
Grosszügigkeit gepaart ist.

 

 

 

Mt 5, 38 – 48

Siebter Sonntag im Jahreskreis

Er lässt seine Sonne aufgehen über Maskierte und Unmaskierte

Fasnacht
 

Wir befinden uns in der Fasnachtszeit. Buntes und
lautes Treiben umgibt alle, die das wollen. Viele bereiten sich schon lange
auf diese Tage vor, die ebenso lustig wie anstrengend sind.
In unserer Kultur haben Masken ein schlechtes Image. "Maskiert" heisst
soviel wie unecht, gespielt. Viele unserer alten Masken sind furchtbar und
hässlich. Sie sollen Angst und Schauder hervorrufen oder dann durch die
Übertreibung Überraschung und Lachen provozieren. In anderen Kulturen wird
Theater nur mit Masken gespielt. Diese sind dann oft sehr schön und
anziehend. Sie werden aufbewahrt, ja verehrt, und sie sollen das
Eigentliche und Wesentliche des Menschen zeigen.
Die Schauspieler, die im Theater nicht sich, sondern Personen des Dramas
darstellen, zeigen uns oft, wieviel wir uns im Alltag in gehabter
Verlogenheit vorspielen. Manchmal ist der Clown der einzige, der es fertig
bringt, dass wir über uns selbst lachen und merken, wie sehr wir uns im
tierischen Ernst verrannt haben.
Picasso hat viele schöne Bilder gemalt, in denen der Bajazzo das
Hauptthema ist. Er strahlt eine Mischung von Lachen und Tränen, von Ernst
und Spiel, von Depression und Ausgelassenheit aus. So ist unser Leben: es
ist geprägt vom Auf und Ab, und nur jene sind wahre Menschen, die an dieser
inneren Bewegung teilnehmen können.
Darum gibt es auch in der religiösen Literatur das Thema von Christus
als dem Narren. Da kommt Gottes Sohn verkleidet zu uns als Mensch, und was
er erntet, ist Spott. Er nimmt teil an unserm Freud und Leid und hält uns
den Spiegel vor. Er sieht hinter das Äussere und vermag zu erkennen, ob
sich hinter unserer Maske - ganz gleich ob wir die "Ernsten" oder die
"Lustigen" spielen - ein gutes oder ein falsches Herz verbirgt.
Der Vater im Himmel lässt also die Sonne aufgehen über Maskierten und
Unmaskierten. Ob das einfach die Guten bzw. die Schlechten sind? Das lässt
sich nicht so schnell ausmachen. Müssen Sie sich von Ihrem Ernst bekehren
oder von Ihrer Oberflächlichkeit? Müssen Sie lernen, mit andern Freud und
Leid zu teilen, oder täte ihnen einmal die Maske des ruhigen Einsiedlers
gut? Brauchen Sie zu viele Masken oder wäre es für Sie das Richtige, aus
Ihrem Schneckenhaus zu treten und Neues auszuprobieren? Oft genug spielen
wir ganz einfach uns selbst - mit unserer ganzen Unordnung, Schadenfreude,
Blödheit oder andern Untugenden... Wenn wir das merken oder uns das an der
Fasnacht gesagt wird, sollten wir über uns selbst lachen und dann im Leben
einen Schritt vorwärts tun, zum Besseren hin. Dann hat sich die Fasnacht
gelohnt.

 

 

 

 

 

8. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

 

 

Gibt es jemanden ausser Gott, der mich retten kann?

 

 

Ein Mann ging in den Wald, fällt in eine Zisterne, kann sich aber noch an einem kräftigen Zweig vor dem sicheren Ertrinken halten. Er schreit und schreit um Hilfe. Niemand hört ihn. Da kommt Gottvater selber, erbarmt sich seiner und sagt zu ihm: „Ich will dir helfen, du musst aber den Zweig loslassen und dich an meiner Hand festhalten!“ Der Mann antwortete dass er sein nicht so dumm weil er weiss genau was wird ihm passieren wenn er sein Hand von dem Zweig loslässt. Er schreit weiter: „Gibt es denn niemand ausser Gott, der mich retten kann?“

 

Wir leben in einer Welt, in der viele Menschen den sichtbaren Dingen mehr vertrauen als Gott. Aber das heutige Evangelium stellt uns ein anderes Gottesbild vor.

 

Jesus sagt, die Menschen sind mehr wert als die Lilien und die Vögel.

 

Wir müssen die Menschen lehren, sich wieder auf Gott zu verlassen und sich von ihm führen zu lassen; zu glauben, dass er uns das, was wir brauchen, auch wirklich gibt. Vorsehungsglaube! Das bedeutet: auf Gott vertrauen, unser Leben von ihm bestimmen lassen und daran denken, dass Gott der Emmanuel, der „Gott mit uns“ ist.

 

Jesus sagt, er wird uns Freude geben, aber dafür müssen wir zwei Schritte tun! Zuerst müssen wir  das Reich Gottes suchen und  nach seine Gerechtigkeit streben. Freude am Leben sprudelt dann aus der inneren Ruhe, der inneren Sicherheit, die uns diese Überzeugung gibt. Wenn uns diese beiden Elemente fehlen, dann werden wir unruhig und ängstlich, können nicht an das Gute in anderen Menschen glauben und auf Gott vertrauen. Zu dieser Freude kommen, bedeutet ohne Angst vor der Zukunft zu leben.  Schmerzen der Vergangenheit und Angst vor der Zukunft dürfen unser Leben nicht bestimmen. Wir sollen weder im Gestern noch im Morgen, sondern im Heute leben.

 

Dazu kommt mir ein kleiner Witz in den Sinn. Eine sehr gesprächige und fröhliche Oma wurde eines Tages sehr traurig und still. „Was fehlt dir denn?“ fragten ihre Enkel ganz besorgt. Sie antwortete seufzend: „ Ich frage mich eben in letzer Zeit immer wieder, wer für mich wohl sorgen wird, wenn ihr alle gestorben seid!“

 

Vorsehungsglaube heisst: Gott spricht immer zu uns durch die Ereignisse und Personen. Bei ihm ist alles geplant, es gibt keinen Zufall. Unsere Aufgabe ist es, seine Planung zu erkennen und darauf zu antworten, egal ob es uns gefällt oder nicht. Dafür muss ich Vertrauen haben, dass Gott, der sich sogar um die Vögel so gut kümmert, den Menschen totsicher nicht im Stich lassen wird.

 

 

 

Pater Joy Puthussery, Indien

 

 

 

 

 

10. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A Mt. 9, 9 - 13 Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten

Eine der Grundlegenden Einstellung Jesu in seinen Lehren ist seine Haltung den Sündern gegenüber. Überzeugt spricht er von der Liebe des himmlischen Vaters zu den Sündern.

Sünde ist immer etwas was einer von seinem Gott, seinem Mitmenschen und von der Natur trennt. Trennung tut immer weh; es sei durch Verlust, durch Scheidung oder durch Tod. Deshalb sagt Jesus sündigt nicht. Aber zu den Sündern hat er unendliche und unermessliche Liebe. Deshalb spricht er mit den Sündern, (Jn.8, 10-11) übernachtet er mit den Sündern und isst er mit ihnen. (Lk.19.5-8) Jesus weiß Elend eines Sünders. Er muss immer wieder sein Gesicht vor Gott verstecken.(Gn.3, 11) Er kann nicht mehr mit Gott spazieren gehen.

Obwohl Sünde so stark einem Menschen negativ beeinflusst, hat Jesus Liebe zu einem der sündigt, nicht weil er sündigt, sondern weil er auch in seiner Sünde Liebe braucht. Dieser anthropologische Aspekt steht vor uns als eine Herausforderung.  Wegen der moralischen Haltung der Gesellschaft hat man immer noch die Tendenz die Sünder am Rande der Gesellschaft zu stellen.

Ich erinnere mich an die Bitte von einem Psychologe gesagt bekommen, dass wir Priester immer wieder über die vergebende Liebe Gottes zu den Menschen sprechen müssen, da viele Menschen denken, dass Gott sie für ihre Sünde und Schuld straffen. Auch in unserer Gesellschaft ist die Notwendigkeit der Verkundingung der Liebe Gottes wichtig. Wir haben doch einen Gott, der fuhr uns Partei ergrifft.

 

Es machte mich traurig einmal an einem Bahnhof in Deutschland, dass ein Man der betrunken war eine körperliche Hilfe brauchte. Viele Menschen gingen vorbei und haben ihn geklagt und geschimpft, weil er betrunken war. Es war dann ein Fremder, der zu einem Polizisten ging, der da stand und die Sache erklärte. Natürlich ging dann das schnell, dass ein Krankenwagen kam.  Ich habe gedacht, weil der Mann betrunken war, haben viele ihn vernachlässigt und geschimpft und sind vorbei gegangen. Gerade auch für unsere Gesellschaft ist das heutige Evangelium sehr nach und wichtig. Auch Sünder benötigen unsere Zuneigung. Auch Sünder wünschen sich geliebt und angenommen zu werden.

 

Es passierte einmal in einer indischen Familie, dass der Vater der Familie streitet mit dem Sohn und schickt ihn weg von zu Hause. Der Grund ist, dass der Sohn eine hinduistische Frau geheiratet hat. Seine Familie ist eine traditionelle christliche Familie und der Vater könnte nicht mit der ganzen Geschichte nicht fertig werden. Für den Vater war es wichtiger sein Gesicht zu schützen als seinen Sohn zu lieben, der einen Fehler (gesehen von der Seite des Vaters) gemacht hat. Meistens vernachlässigen wir die Sünder, weil wir sehr an die Regel, sehr an die Traditionen sehr an Gesichtsverlust denken. Wir haben sogar Angst zu lieben. Das Evengelium von heute stellt große Herausforderungen an uns. Unsere sehr starke moralische Einstellungen dürfen uns nicht aufhalten, um die Liebe weiter zu geben: sei  es zu denen die am Rande unserer Gesellschaft sind oder denen, die mit Ihrem eigenen Tun und Verhalten von Gott und von uns weggegangen sind.

 

Wir beten: Herr unser Gott. Wir sind unsere eigenen Wege gegangen. Wir haben Unrecht getan und sind Sünder geworden. Wir danken Dir, dass du uns liebst trotz unserer Sünde. Gib uns die Kraft trotz der Sünde der anderen die anderen zu lieben.  Amen

 

Pater Joy Madathumpedy

 

 

 

 

11. Sonntag im Lesejahr A

 

Mit Gottes Augen sehen

 

 

Bei einem Kinobesuch in Indien beobachte ich folgendes: Vor der Kasse bildet sich eine lange Schlange von Leuten. Ein Kind mit nur wenig Geld will sich den Eintritt kaufen, stellt aber bei der Kasse fest, dass ihm die Hälfte des Geldes fehlt. Enttäuscht und verlegen will es sich aus der Menschenschlange entfernen, da ruft ihm ein Mann von hinten zu: „Du hast doch genug Geld. Schau auf den Boden, ein Geldschein ist dir aus der Tasche vor deine Füsse gefallen!“ Und tatsächlich findet der Junge einen Geldschein auf dem Boden. Sein Eintritt ist gerettet. Der Mann hinter ihm,  der ihm das Geld vor die Füsse geworfen hatte, wollte ihm wollte ihm das Geschenk nicht direkt, sondern so diskret wie möglich machen, damit der Junge durch seine Armut nicht beschämt (können sie einfach Armut streichen und ein anderes Wort benutzen)was ich sagen will ist dass der Mann einfach die Nöte des Kindes einfach in sich wahrgenommen bevor das Kind etwas gefragt hat.

 

Unwillkürlich musste ich daran denken, dass Gott uns genauso beobachtet und beschenkt. Wir sind ihm ähnlich, wenn wir lernen, mit den Augen das, was im Herzen der Mitmenschen vor sich geht, zu  lesen. In unseren Augen spiegelt sich ja alles was uns bewegt, beschäftigt, freudig oder traurig stimmt.

 

In das Evangelium heute schaut Jesus die Menschen genau mit diesen Augen an. Er versteht ihre Nöte ohne Worte und hat Mitleid mit ihnen. Wir haben viele Stellen in der Bibel, die das bezeugen. Zum Beispiel die Frau in Bethanien, die Jesus die Füsse ohne Worte salbt, oder die Prostituierte, der er hilft, ohne dass sie sich ihm erklären muss und, um einen Mann zu nennen,  den kleinen Zachäus, dessen Situation er auf einen Blick hin erkennt.

 

Mit Gottes Augen sehen – was kann das jetzt für uns bedeuten?

 

Wir sollten uns mit Freude darauf trimmen, mit unseren Mitmenschen so umzugehen, wie Jesus mit ihnen umgegangen ist. Das heisst, bevor der andere etwas fragt und um einen Dienst bittet, habe ich ihm seinen Wunsch, nach meinen Möglichkeiten natürlich, schon erfüllt. Wenn wir richtig und ganz sehen, eben so, wie Gott es tut, gibt es eine Verwandlung in unserem Leben. Wenn wir mit Gottes Augen schauen, werden unsere Enttäuschungen die Farbe der Hoffnung bekommen und der Sturm, der unsere Seelen aufwühlt, wird sich besänftigen, ja die Wellen der Seele werden zu erquickendem Heilwasser.

 

Jesus hat die Nöte der Menschen, ohne ihre Worte zu hören, verstanden. Er schickte die Jünger aus, um die Nöte der Menschen zu verstehen, mitzutragen und zu beheben. Gott versteht unsere Nöte, unsere Anliegen, unsere Träume. Er schickt auch heute noch jemand in unser Leben. Wir werden sie oder ihn erkennen, wenn wir mit den Augen Gottes sehen.

 

 

 

Pater Joy Puthussery, Indien

 

13. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

 

 

Freund zu sein!

 

Heute hören wir im Evangelium, was wir alles machen müssen, wenn wir Jesus nachfolgen wollen. Jesus sagt uns hauptsächlich nur Eines: Wir müssen auf  Besitz verzichten lernen.  Mit dem Verzicht auf Besitz wird uns nämlich ein grösserer Grad an innerer Freiheit geschenkt. Das heisst, wir sind innerlich unbefangen.

 

 

Die Bibel stellt uns diesbezüglich viele Geschichten vor Augen. Ein reicher Jungmann, der Jesus nachfolgen wollte, konnte es nicht machen, weil er nicht bereit war, sein Eigentum oder seinen Besitz zu verlassen.

 

Es gab einen Guru in Indien, der hatte seinen ganzen  Besitz abgegeben, weil er Gott näher sein und ihm folgen wollte. Er ist in einen Wald gegangen und begann sein neues Leben in Einfachheit. Jeden Tag hat er seine Meditation gehalten. Dazu setzte er sich auf einen ganz bestimmten Felsen. Morgens duschte er sich im Wasserfall des Flusses. Eines Tages ging er zu dem Wasserfall, um sich zu waschen, und als er zurückkam, sah er einen anderen Menschen auf seinem Felsen, auf dem er zu meditieren pflegte, sitzen. Wütend fragte er: „Warum sitzen Sie ausgerechnet auf meinem Felsen?“

 

Auf Besitz zu verzichten oder etwas loszulassen ist die erste Herausforderung, auf die wir eingehen müssen, wenn wir Jesus nachfolgen wollen.

 

Nachfolger sein heisst befreundet sein mit  demjenigen, dem man nachfolgt, ihn richtig kennen. Jesus lädt uns alle ein, dass wir ihn näher kennenlernen. Das braucht natürlich Zeit. Wir können keine Freundschaft schliessen, ohne dass wir das Gegenüber richtig kennen und in uns aufgenommen haben.

 

Was passiert in einer normalen Freundschaft? Ich beginne vieles in meinem Leben  neu zu entdecken, weil meine Freundin/ mein Freund ein neues Licht auf mich geworfen hat. Ich bekomme neue Gesichtspunkte in mein Leben.

Im Leben einer Gemeinschaft, auch  in einer Familie, sollte jeder bereit sein, etwas von sich loszulassen, damit  sich jeder zu Hause fühlen kann. Mit  anderen Worten kann man das so ausdrücken: meinem Ehepartner, meinen Kindern Beheimatung schenken.

 

Nachfolge Christi bedeutet, sein Leben auf mich wirken und mich von seinem Geist wandeln lassen. Aber dafür muss man mit ihm befreundet sein. Zu seinen Freunden gehören heisst auch Opfer bringen können, denn es gibt keine Freundschaft ohne Opfer und Verzicht. Freundschaft ist auch eine enge Beziehung, in der man sich gegenseitig erziehen und ergänzen lässt.

 

 

Innere Freiheit bekommen wir, wenn wir uns darin üben, innerlich alles loslassen zu können. Das heisst, Gott, dem Geber aller Gaben, alles zurück zu schenken, wenn er es so fügt.

 

Das Evangelium heute ist eine Aufforderung an uns.

 

Was ist mein Besitz? Kann ich ein Freund von Jesus sein?

 

 

Pater Joy Puthussery, Indien

 

 

Mt 11, 25 – 30

Vierzehnter Sonntag im Jahreskreis

Wann ist unser Boot voll?


Im heutigen Evangelium steht der Satz: "Kommt alle
zu mir, die ihr geplagt und beladen seid. Ich werde euch ausruhen lassen."
Ein Satz, der Hoffnung weckt, den wir vielleicht auch in Anspruch nehmen
möchten, wenn es uns schlecht geht. Könnten wir ihn auch als politische Ma-
xime lesen? Das ist eher irreal. Welcher innen- oder Aussenminister würde
heute verkünden: "Ihr Flüchtlinge und Arbeitslose, kommt alle zu uns?". Es
gibt unzählig viele Not auf der Erde, wir haben einen Rekord an Bürgerkrie-
gen und Flüchtlingen aufgestellt und verschärfen Asylgesetze, schliessen
Grenzen und führen protektionistische Wirtschaftsregelungen ein.
Es tönt so logisch: wenn es uns nicht weiter gut geht, können wir auch
nicht helfen. Wenn das Geld nicht überlegt eingesetzt wird, erhöht sich die
Armut. Direkte Nahrungsmittelhilfe hat zur Konsequenz, dass gar nichts mehr
angepflanzt wird. Und wieder beginnt ein Teufelskreis. Offensichtlich sind
unsere Hilfsquellen begrenzt, und es ist nicht alles machbar.
Auf der anderen Seite wissen wir auch, wie schnell wir diese Argumente
als Vorwände benutzen, um nicht zu helfen, auch dort, wo wir helfen könn-
ten. Niemand steigt gerne das soziale Leiterchen auch nur eine kleine
Sprosse hinunter. Den "Pestalozzi" spielen, wenn Überfluss da ist, das tun
wir gerne hie und da. Leicht und fast unbemerkt finden wir aber neue Mög-
lichkeiten, Geld auszugeben, und schon bald ist wieder ein neues Bedürfnis
und ein neuer Standard geschaffen. Ein Teil unseres Überflusses ist plötz-
lich "für uns" normal, nötig, standesgemäss.
Ich meine, es gehöre zum christlichen Denken, dass wir immer wieder über
diesen Mechanismus nachdenken. Die wirtschaftlichen Prozesse haben ihre Ei-
gendynamik, und auch unsere Seelen sind mit dem Wunsch nach "noch mehr,
noch schöner, noch bequemer" ausgestattet. Verantwortlich mit den Gütern
umgehen, Rücksicht nehmen auf den Andern, langfristig denken, mit den Not-
leidenden teilen: für das braucht es von uns allen eine bewusste Anstren-
gung. Und diese Anstrengung wird wohl nur unternommen, wenn wir uns nicht
die Haltung aneignen "Ich schaue nur für mich", sondern eher mit der Maxime
umgehen: "Ich helfe gern, ich weiss, dass andere auf meine Hilfe angewiesen
sind."
Sicher gibt es Grenzen des möglichen, sei es im persönlichen Bereich,
sei es in Wirtschaft und Politik. Sogar die Sachverständigen streiten sich,
wie die östliche Wirtschaft wieder aufgebaut werden kann. Aber das Evange-
lium lädt uns ein, die Haltung in unserem eigenen Herzen zu untersuchen.
Heisst es dort: "Ich schaue für mich" oder "Ich habe Angst um mich" oder
"Von dem bisher Erreichten möchte ich nicht zurück?" Vor jedem von uns
steht das Ziel, sich der Maxime zu nähern: "Kommt alle zu mir..."Im Rahmen
des Möglichen. Und da ist mal mehr, mal weniger Aufwand, Zeit und Hilfe -
aber meistens etwas mehr als das Gewohnte.

 

 

 

Pestalozzidenkmal an der Bahnhofstrasse in Zürich, unweit von Pater Pauls Wohnhaus

 

Mt 13, 1 – 23

Fünfzehnter Sonntag im Jahreskreis

Augen haben und doch nicht sehen

"Lappi, mach d'Auge n'uuf!" - viele von uns haben
diese Ermahnung gehört, als sie noch klein waren. In meinem
Struwwelpeterbuch gab es die Geschichte vom "Hans-guck-in-die-Luft", den man
patschnass aus dem See ziehen musste, weil er nicht auf den Weg achtete.
Nun ist meistens das Problem nicht dort, wo es unser Sprichwort haben
will: dass wir die Augen nicht offen hätten. Wir haben sie offen, aber es
gibt einfach zu viel zu sehen. Die Kuh sieht das Autobahnplakat auch - aber
sie "sieht" keine Buchstaben, und die Inschrift "zum Schlachthof"
beunruhigt sie nicht. Das Richtige und Wichtige sehen und als solches
erkennen - das machen wir nicht mehr mit den Augen, das geschieht im Kopf
und wird vom Herz gelenkt.
Wir sehen oft nur noch, was uns interessiert. Anderes nehmen wir kaum
wahr. Das ist an sich eine heilsame Einrichtung: darum können wir uns
konzentrieren, können beharrlich an etwas arbeiten und werden nicht immer
von Nebensächlichkeiten abgelenkt. Aber dieses Ausblenden hat auch seine
Schattenseite: wir können viel Heilsames und Wichtiges übersehen.
Der Prophet ist jener, der Anderes sieht, oder eben: dasselbe wie wir,
aber auf andere Weise. Wir gewöhnen uns leicht an unseren Rahmen, an das,
was unser Herz als gut und förderlich und normal empfindet. Jesus lehrt uns
einen anderen Blick aus einem anderen Herzen.
Vielleicht benützen Sie die Ferien als kleine Sehschule? "Betrachtet die
Lilien des Feldes...": Wir können uns Zeit nehmen, Blumen, Steine, Bäume,
Landschaften wieder direkt und in Ruhe anzuschauen, nicht nur in Fotos oder
auf dem Bildschirm. "Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb...": Wir können
Menschen beachten, uns freuen an ihren Gesichtern, mit ihnen sprechen,
spielen - vielleicht nehmen wir Neues, anderes wahr, auch bei unsern
Freunden und Bekannten. "Dieses Geschlecht fordert ein Zeichen...": In der
Hektik des Alltags konsumieren wir die Tagesschau und überfliegen die
Zeitung. Vieles steht darin, wir können es aber erst erkennen, richtig
"sehen", wenn wir in Musse darüber nachdenken.
Fragen wir uns auch, wo wir durch unsern Beruf und durch unsere
Tätigkeit "blind" geworden sind! Sprichwörtlich ist der pedantische Lehrer
und die putzende Hausfrau - aber wir alle haben unsere Schwachpunkte. In
den Ferien die Zahlen mit Menschen, die Dinge mit Gesprächen, die Büroluft
mit Waldluft und die Hektik mit etwas Ruhe und Gebet vertauschen, das tut
gut! Ich wünsche Ihnen Ferien mit Augen, die sehen, mit Ohren, die hören,
und mit einem Herzen, das wahrnimmt, was Gott uns zu merken gibt.

 

 

 

 

 

Mt 13, 24 – 43

Sechzehnte Sonntag im Jahreskreis

Von der Gefährlichkeit des Saubermachens

Wer sieht nicht gerne einen schönen Garten? Ein
übervolles, sich im Winde wiegendes Kornfeld ohne Unkraut? Einen Korb
schöner, wundervoller Äpfel? Nachdem wir uns lange an diesen Dingen gefreut
haben, entdecken wir, wieviel Chemie wir normalerweise dazu brauchen. Einen
makellosen Apfel? Den gibt es nur, wenn wir vorher die Vögel, Raupen und
Käfer vertreiben und austilgen. Wir merken heute, dass wir mit den
Riesenplantagen jene Insekten, die für uns "Schädlinge" sind, gefördert
haben. Darum versuchen es die einen mit noch stärkeren Giften, andere
denken um und züchten und pflegen "Nützlinge". Fachleute haben den
volkswirtschaftlichen Wert einer Kröte ausgerechnet: etwa 80 Franken. Aber
täuschen wir uns nicht: wir sind noch weit davon entfernt, keine
Chemikalien mehr anzuwenden. Unkraut- und Insektenvertilgung wird noch
lange ein Geschäft sein.
Das Evangelium des heutigen Sonntags ist dasjenige vom Unkraut im
Weizen. Der Herr sagt, wir sollten das Unkraut nicht ausreissen, weil sonst
vielleicht auch der Weizen mitgerissen werde. Manchmal richten wir uns auch
nach diesem Prinzip - wenn es uns mehr bringt. Aber auch nur dann. Wenns
geht, vertilgen wir fleissig Unkraut.
Nun ist das Gleichnis sicher nicht als landwirtschaftliche Belehrung
gemeint. Es geht um uns Menschen. Wir haben nicht nur bestimmte Pflanzen zu
Unkräutern erklärt, sondern andern Menschen das Recht zum Leben
abgesprochen. Sie wurden als Feinde, Minderwertige, Kommunisten,
Reaktionäre abgestempelt. Es ist eine traurige Bilanz: Armenier, Kurden,
Biafra, Holocaust. Noch in diesem Jahr wird, wie der Balkan zeigt, eifrig
"ethnisch gesäubert".
Der entscheidende Punkt liegt wohl darin, dass wir uns anmassen zu
entscheiden, wer leben darf und wer nicht. Wir machen uns zu Richtern und
entscheiden über Freud und Feind, über Gut und Böse. "Richtet nicht!", sagt
Jesus. Der Wunsch nach Ordnung, Sauberkeit, nach Einheit und Gemeinsamkeit
ist verständlich, aber er beruht sehr oft auf einem überzogenen
Machtanspruch. Wenn uns schon die Natur lehrt, dass wir nicht ungestraft im
grossen Stil Herbizide und Insektizide anwenden dürfen ohne uns selbst zu
schaden, gilt das nicht noch viel mehr von den Menschen?
Ich schlage Ihnen als Ferienübung vor, sich gegen die unangenehmen
Mücken, Wespen und Krabbeltiere mit möglichst wenig chemischen und
aggressiven Mitteln zu schützen (wo es nicht wegen gefährlichen Krankheiten
unumgänglich ist). Nehmen Sie es als Übung, um nicht nur vor Pflanzen und
Tieren, sondern auch vor jedem Menschen Respekt zu haben. Denn wir wissen:
der Mensch verschiebt leicht die Grenzen, und schnell einmal putzen wir
nicht nur den Herd, säubern nicht nur den Rasen, sondern löschen auch
Menschen aus - aus dem Gedächtnis, aus der Bekanntschaft, zuletzt aus dem
Leben.

 

 

 

Reich Gottes als persönliches Netzwerk

 

Mt 13, 44-52                    17. So i. J.

 

Der Text redet uns vom Himmelreich. Nach der Lehre Jesu dürfen wir mit einem neuen Himmel und einer neuen Erde rechnen. Und dies schon jetzt, in dieser unserer Zeitlichkeit. Verborgen, anfanghaft und doch real.

 

Dafür hat Jesus viele Bilder. Er vergleicht das Himmelreich mit einem Schatz, der in einem Acker verborgen liegt. Ein Kaufmann weiß das. Er hat ihn ja mit eigenen Augen gesehen. Und er kauft voller Freude diesen Acker. Kein Preis ist ihm zu hoch. Er wird ja reich entschädigt werden.

 

Ebenso vergleicht Jesus die Bemühungen um das von ihm gesehene und angekündigte Reich Gottes mit einem Kaufmann, der mit Perlen handelt. Auch dieser verkauft alles, als er "eine besonders wertvolle" irgendwo entdeckt. Er will sie auf jeden Fall haben.

 

Und dann das von Jesus in seinen Gleichnissen viel gebrauchte Bild vom Netz, mit dem man Fische "aller Art" fängt. Manche seiner Jünger kommen aus dem Fischerberuf. So liegt dieses Bild für Jesus sehr nahe: Menschenfischer sein und von diesen für das Reich Gottes eingefangen werden wie Fische. Oder auch in heutiger Sprache: In das Netz, das Netzwerk der christlichen Gemeinde aufgenommen werden.

 

Gute und schlechte Fische werden gefangen. Die schlechten werden weggeworfen. Und da der Blick auf das Ende. Es wird eine große Scheidung geben. Die Schlechten werden "in das Feuer" geworfen. Das ist sehr drohend und scheint der Botschaft Jesu, die ja eine gute Botschaft ist, zu widersprechen, ja sie in Frage zu stellen.

 

Es ist zu hoffen, dass die Schlechten, und es gibt sie ja wirklich, entsprechend bestraft werden. In dieser Zeitlichkeit leben sie mitten unter den Guten. Doch wer ist schon gut? Ganz gut? Oder wer ist schon schlecht? Ganz schlecht?

 

Gut, dass schon einmal nicht das Wort "ewig" im Text steht. Es wird Läuterung geben, oft schon hier auf Erden, auf alle Fälle aber nach diesem Leben hier. Wir alle dürfen darauf hoffen, dass der Tod Eintritt in einen Prozess der Vollendung ist. Dass dieser eventuell auch schmerzlich sein kann, ist dann eher naheliegend.

 

Die hier kommentierten drei Gleichnisse sind die letzten einer ganzen Reihe von Gleichnissen, die Jesus erzählt, um zu erklären, was es mit dem Himmelreich auf sich hat. Und er lädt uns ein, diese Gleichnisse nicht nur auf uns selbst anzuwenden, sondern sie auch unsererseits weiterzuerzählen, wenn wir selbst "Jünger des Himmelreichs" geworden sind. So dass auch wir mit dem "Hausherrn" verglichen werden können, "der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt".

Pater Herbert King

 

 

 

 

UNERSÄTTLICHE...

 

(Cfr. Mt, 14, 13-22)

 

Haben Sie an einem heissen Sommertag Kinder gesehen wie sie ein Eis geniessen und noch eins und wieder noch eins? Sie sind unersättlich…

Oder  haben Sie eine Gruppe Jugendliche wie sie unermüdlich Fussball sogar einfach auf der Strasse stundenlang spielen können? Sie sind unersättlich..

 

Aber nicht nur Kinder und Jugendliche benehmen sich als unersättlich. Wenn wir weiter beobachten stellen wir fest dass viele Menschen unersättlich sind in verschiedenen Bereiche. Einige…viele…sind unersättlich wenn es um Geld geht… andere zeigen sich unersättlich wenn es um Alkohol oder Drogen geht… andere, wenn es um Gelueste geht…usw.

 

Gott sei Dank,  gibt es viele Menschen die unersättlich sind in einen ganz anderen, positiven Sinn wie die Männer und Frauen die unermüdlich jahrelang studieren und erforschen im Gebiet der Physik, der Chemie, und in allen wissenschaftlichen Bereiche, so wie auch in der Geschichte, in der Literatur, in der Philosophie und in der Theologie…sie sind auch unersättliche! Und dank ihnen die Welt macht ständige Fortschritte, auch wenn –leider Gottes – oft werden Erfindungen und Errungenschaften für schlechte Ziele gebraucht.

 

Eigentlich kann man sagen, dass der Mensch als solche ist unersättlich. Er ist nie ruhig, will immer mehr, will immer etwas besseres, immer etwas weiter, nicht nur im materiellen sondern vor allem in geistigen und spirituellen Sinn. Im unterschied mit der Kuh die frisst ruhig was sie findet und ist damit zufrieden. Der Mensch aber ist nie zufrieden: immer will mehr und will besseres…Es ist ein Zeichen des typisch menschlichen Lebens. Woher kommt diese Eigenschaft im Menschen die ihm nach immer mehr und besseres drängt?

 

Der christliche Glaube gibt uns eine eindeutige Antwort. Der Mensch hat seinen Ursprung in Schöpfer-Gott und hat in Gott seinen Ziel. Er wurde erschaffen nach seinen Ebenbild… und nichts auf diesen materiellen-sinnliche Welt kann ihm sättigen…Niemand besser als der Hl. Augustinus hat das formuliert: „Unruhig ist mein Herz, oh Gott, bis es ruhet in Dir!“  Deswegen liegt zutiefst im Menschen ein Drang, ein Hunger nach mehr, nach besseren, nach  Vollkommenheit, nach Wahrheit, nach Liebe, in einem Wort: nach dem Unendlichen und Vollkommenen…nach Gott!

 

Wir können uns heute fragen: Habe ich auch diesen Drang, der mich unruhig macht und mich treibt Lösungen zu finden aus Probleme und Fragen von Heute? Habe ich Sehnsucht um mehr zu wissen, um den Armen besseren Lebens zu ermöglichen? Bin ich in diesem Sinne unersättlich? Oder bin ich einfach da, ohne viel zu denken, ohne

Etwas für das Wohl der anderen zu tun? Ohne dass die Weltfragen mich berühren?

 

Wenn es so wäre, wären wir so wie die erwähnte Kuh… satt und zufrieden. Das Wort Jesu ladet uns ein unersättlich zu sein…

Pater Francisco José Cox

 

 

25. Juli

Tag des heiligen Jakobus


Jakobswege

Heute ist das Fest des Heiligen Jakobus. Die
Wallfahrt zu den Gebeinen des Apostels in Santiago de Compostela hatte im
Mittelalter eine riesige Bedeutung gehabt. Auch bei uns in der Schweiz gibt
es viele Jakobswege, viele Kapellen und Orte verdanken ihre Entstehung
dieser Wallfahrt zum Apostelgrab in Nordspanien.
Heute ist das Interesse an den Jakobswegen wieder erwacht. Es gibt eine
Menge Bücher und Ausstellungen darüber. Immer mehr Leute gehen diesen Wegen
nach. Wir haben das Geld, die unzähligen Kapellen zu erforschen, zu
renovieren und zu dokumentieren. Die Archäologen und Kunsthistoriker sind
beschäftigt.
Verschiedene Interessen habenzu diesem Aufbruch beigeragen: das
Interesse an Kunst, Landschaft, an Bräuchen, an der Geschichte, aber auch
Neugier an alten Spuren von Heidnischem und Magischem.
Warum reisen so viele Menschen gerne? Weil sie spüren, dass das Leben
wie eine Reise ist. Wir spüren, dass Geburt und Tod nicht einfach Anfang
und Ende sind, sondern dass wir von Gott ausgehen und wieder zu ihm
hingehen. Natürlich sagen wir das nicht so direkt. Wir ahnen auch, dass uns
Gott begleitet, aber das sehen wir auch nicht direkt. Es ist wie ein
Geheimnis.
Geheimnisvolles zieht an. Wenn ich Kindern etwas mitbringe, etwas
umständlich verpackt habe, dann steigt die Spannung. Meist können auch die
Erwachsenen ihre Neugier nicht unterdrücken. So treibt es auch uns alle
irgendwie, das Geheimnis unseres Lebens auszupacken, ihm näherzukommen. Wir
möchten wissen, "was da gespielt wird", warum uns dies gelingt und das
andere nicht. Wir möchten nicht nur Spielball sein von Laune und Zufall.
Darum strengen wir uns an, und notfalls beten wir auch, dass unser Wille
geschehen möge, ein unvollkommenes Gebet zwar, aber ein ehrliches.
Sie müssen nicht nach Santiago de Compostela pilgern, um dem Geheimnis
ihres Lebens nahe zu kommen. Jede Reise, jede kleine Wallfahrt kann das
Gute und Schöne in uns verstärken und die Stimme und die Gegenwart Gottes
in unserem Leben hörbar machen. Jeder Tag, jeder Spaziergang kann zum
Sinnbild unserer Lebensreise werden: aus der Vergangenheit in die Zukunft,
in der geheimnisvollen Gegenwart Gottes.

 

Mt 14, 22 – 33

Neunzehnter Sonntag im Jahreskreis

Wie im Zirkus...

Ich gehe gerne in den Zirkus. Natürlich kann ich
im Film oder Fernsehen noch viel verblüffendere Dinge sehen und miterleben.
In Science-fiction-Filmen werden ganze Galaxien weiter transportiert. Ich
kann, ohne mich nass zu machen, die Tiefseefische betrachten, oder ohne
dass es mir schwindlig wird, auf dem Himalaya herumspazieren. Nur besteht
ein grosser Unterschied: im Zirkus wird mir "live" vorgeführt, was der
Mensch kann, während ich beim Film annehmen muss, dass das Meiste Tricks
und Kulissen sind. Darum gehe ich lieber in den Zirkus. Es fasziniert mich,
den Schritten des Seiltänzers zuzusehen, oder den sicheren Schwüngen im
Hochtrapez. Es ist Wirklichkeit. Etwas, was ich können möchte, aber nicht
kann. Doch freue ich mich, dass es jemand kann, und dass er mir zeigt, dass
in uns allen noch viele Möglichkeiten stecken.
Das heutige Evangelium berichtet, dass Jesus auf dem See wandelte. Es
ist wie im Zirkus: er führt uns etwas vor, was wir nicht können. Wir
schwimmen, surfen, rudern, segeln, tauchen, fahren Wasserski, sitzen in
einem Motorboot oder in einem Unterseebot, es ist also in der Sparte
"Transport auf dem See" noch einiges dazugekommen, was es zur Zeit Jesu
nicht gab. Aber so einfach auf dem Wasser herumspazieren, das können wir
immer noch nicht. Für viele ist das Evangelium deswegen eine Legende, weil
sie nur glauben, was sie selbst können oder für möglich halten.
Ich denke, es ist wichtig, daran zu glauben, dass es mehr gibt, als wir
gerade jetzt können, dass es immer noch mehr Möglichkeiten gibt. Das Leben
der Menschen ist oft wie ein aufgewühlter See oder ein stürmisches Meer.
Viele sind schon buchstäblich ertrunken. Andere haben Stürme in ihren
Beziehungen oder ein Chaos in ihrer Seele erlebt und sind darin
untergegangen. Immer gibt es Gefahren, die wir alleine oder gemeinsam zu
bestehen haben.
Das Wandeln Jesu auf dem See ist ein Zeichen. Jesus kann die
Schwierigkeiten überwinden, den Sturm besänftigen. Er geht den Jüngern
nach. Er zeigte ihnen, dass es noch andere Möglichkeiten gab.
Ich habe gelernt, dass es immer mehr Möglichkeiten gibt, als uns
zunächst in den Sinn kommen, normale, ausserordentliche, manchmal fast
wunderbare. Aber wir müssen dafür offen sein. Ich habe ebenso gelernt, dass
es zum Aussichtslosesten gehört, wenn ein Mensch die Hoffnung aufgibt und
für sich selbst beschliesst: es gibt keine Möglichkeit mehr. Diese negative
Einstellung macht ihn blind. Sie verhindert auch innere Wandlung und
Bekehrung.
Der Seiltänzer setzt den Fuss richtig hin, der Mann im Trapez fängt
seine Gefährtin sicher auf; bitten wir also Gott, dass wir in unseren
Alltagsschwierigkeiten lernen, die richtigen Schritte zu setzen. Seien wir
bereit, uns über den alltäglichen Abgründen, bei unseren persönlichen
Trapezübungen, aufzufangen oder uns auffangen zu lassen. Bitten wir den
Herrn, dass er zu uns kommt, wenns stürmt!

 

 

Maria Himmelfahrt

Wie alt möchten Sie werden?

Wir sprechem vom "rüstigen Sechziger". Was, Sie
sind schon 75? Das hätte man Ihnen nicht gegeben!" "Ja, die Nachbarin ist
schon 92 und kocht sich immer noch selber!" Solche und ähnliche Sätze
stammen aus unsern Alltagsgesprächen . Alt werden, wenn es einem gut geht,
das möchten noch manche.- Wir sind auch bereit, einiges dafür auszugeben.
Aber als ich kürzlich las, dass Genforscher davon träumen, unsere
Erbinformationen so zu verändern, damit wir 300 ooder 400 Jahre alt werden
können, habe ich wirklich gestutzt. Auch wenn das möglich wäre - ist das zu
wünschen? Sollen wir so alte Knochen herumschleppen?
Das heutige Fest handelt vom Tod eines Menschen. Natürlich reden wir
nicht gerne davon - aber wenn es schon sein muss, ist es nicht vernünftig
zu überleben, wann und wie es eigentllich gut zu sterben wäre?
Es hat mich immer verwundert, dass das heutige Fest bei Menschen unserer
Tage nicht viel mehr Interesse auslöst. Denn wir sind stolz darauf,
heutzutage nicht mehr so leibfeindlich zu sein wie früher. Wir pflegen
unseren Körper, trainieren ihn, tragen ihn zur Schau und geniessen ihn, so
gut es geht. Aber der Tag, an dem uns der Glaube anhand der Mutter des
Herrn versichert, dass auch wir einmal als leibliche Menschen vollendet
werden, lässt uns kühl. Wir sind höchstens neidisch, dass Maria dieses Ziel
vor uns erreicht hat.
Ich glaube natürlich auch nicht, dass wir mehr als eine schwache Ahnung
davon haben können, wie das genau gehen soll. Aber weder möchte ich 20000
Jahre alte Knochen haben, noch zieht es micht an, als reiner Geist in den
himmlischen Räumen herumzuschwirren. Die Einheit vom Leiblichen und Seeli-
schen ist mir immer als etwas Geheimnisvolles vorgekommen, und ich traue
Gott zu, dass es hier noch viel mehr Geheimnisse zu entdecken gibt. Ein
paar durchaus alltägliche Beispiele: Beim Tischtennisspielen staune ich, in
welch rasanter Geschwindigkeit meine Hand sicher auf die kleinste Bewegung
des Balles und die Bewegungen des gegnerischen Schlägers antwortet. Oder
wie umgekehrt Schwerstbehinderte, wie beispielsweise der Physiker Stephan
Hawking, der sich kaum mehr selbst bewegen und schon gar nicht mehr spre-
chen kann, zu grössten geistigen Leistungen fähig sind. Weiter: an unserer
Speisezimmerwand hängt ein ein wunderschönes, mundgemaltes Bild. Als letz-
tes: wenn ich einem Klavierspieler zuschaue, kommt es mir oft vor wie Zau-
berei... Ich vermag den Tönen kaum zu folgen, geschweige den vielen Fin-
gern. Wir Menschen haben ein Körper, sind Körper, wir lassen uns von ihm
tragen und müssen und können ihm auch wieder viel abringen. Wir sind Men-
schen, wenn wir gesund und ganz sind; aber auch der Beinlose ist ein
Mensch, ja, vielleicht noch mehr als ich.
Das sind meine Wünsche an diesem Festtag: dass ich wachsen möge in
meinem Verhältnis zu meinem Körpfer, wenn ich gesund und auch wenn ich
krank bin; dass Gott mich einst wie Maria vollende als ganzer Mensch, mich
"mit Leib und Seele in den Himmel aufnehme" - und dass er mich noch viele
Geheimnisse erleben lasse ...

 

Pater Pauls Granny, Gladys Vautier - Moss

 

Mt 15, 21 - 28

 

20. Sonntag im Jahreskreis

Herbsttagung der Schweizer Schönstattbewegung 1993

Glauben und Alltag, wie geht das?

Rund 300 Freunde und Mitglieder der Schönstattbewegung haben sich am Wochenende zur offenen Herbsttagung in Quarten SG. Im Zentrum des Treffens stand die Begegnung mit Christus. Vom Weltjugendtag in Paris angeregt, hiess das Motto: „Meister, wo wohnst Du?" Der Hauptreferent, P. René Klaus, zeigte, wie sich in der Eucharistiefeier Gebet und Alltag verbinden und wie die Begegnung mit Christus in unser tägliches Leben ausstrahlen kann.

Sieben gut besuchte Ateliers halfen, das Thema im Gespräch untereinander auf den Boden zu bringen. Den Einstieg bildeten Grundworte und Grundbilder aus der Bibel: das Brot, das Licht, das Wasser, der Stein, die Türe, das Hirt, der Weinstock. Die Ateliers zeigten, dass diese Symbole nicht nur Aspekte von Christus darstellen, sondern auch helfen zu entdecken, wie wir im Alltag Christen sein können und sollen: Licht bringen zu Menschen, die traurig sind, Türen öffnen in schwierigen Problemen, andere stützen und stärken, wie es das Brot tut. Den Schatz, den Edelstein entdecken im andern... Reaktion eines Lehrlings: „Die Bilder sind echt stark...- sie haben mir besonders gefallen!"

Treffen der Generationen

Die Tagung war geprägt von der Mischung von Alt und Jung, die miteinander ins Gespräch kamen. Es fiel auf, wie bunt die Austauschgruppen der Ateliers zusammengesetzt waren. Eine ältere Mutter: „Ich bin so glücklich, mit Euch Jugendlichen zusammen zu sein". Ein Gymnasiast: „Die Tagung war nicht nur gut, sondern ‚mega`. Vor allem haben mir die Gespräche zwischen den Generationen gefallen. Wir haben uns gegenseitig etwas zu sagen, und wir haben uns zugehört."

Der rote Faden des Hauptreferates war ein kleines Gebet, das der Gründer der Schönstattbewegung, P. Josef Kentenich, im Konzentrationslager Dachau verfasst hat, an einem Ort, wo sich der Glaube bewähren musste. Die Grundelemente der Eucharistie wiederholen sich im Alltag, der ganze Alltag kann in den Gottesdienst hineingeholt werden, wie es auch die Schlussmesse anschaulich zeigte. Echo einer Frau: „Das mit der heiligen Messe bleibt doch sonst immer etwas in den Wolken. Heute wurde mir geholfen, meinen Alltag mit der Messe zu verbinden."

Gnadenkapelle und Disco

In den Nachtstunden der „langen Nacht" (verlängert durch die Umstellung auf die Winterzeit) wurden viele Angebote wahrgenommen: Anbetung in der Gnadenkapelle und Beichtgespräche, ein Nachtmarsch mit Erlebnisstationen, das Restaurant „Fischerstube" - benannt nach dem Christuszeichen „der Fisch" -, ein Jugendtreff, sogar eine kleine Disco für die Unermüdlichen. Tagsüber gab es keine Musik- „Konserven", sondern der Sound war live von der Jugendband. Die Pausen und das herrliche Wetter luden ein zu Gesprächen und kleinen Spaziergängen. Eine junge Krankenschwester sagte mir: „Das ist das erste Mal, dass ich ein Wochenende dem Glauben und der Begegnung mit andern Christen widme, und es war wunderbar".

Die diesjährige Herbsttagung von Quarten war ein gelungener Beitrag zum Christusjahr, das die Kirche jetzt in der Vorbereitung auf die Feier des Jahres 2000 begeht. Ein Zeichen, dass Kirche bei uns, in Jungen und Alten, lebt und gesprächsfähig ist.

 

 

 

21. Sonntag im Jahreskreis

Mt 16, 13 – 20

"Die ganze Affenbande brüllt..."

Kennen Sie das "Lumpeliedli" vom Äfflein, das die
Kokosnuss geklaut hat? Der Refrain wird eingeleitet durch den Vers: "...die
ganze Affenbande brüllt". Als ich den Schlusssatz des heutigen Evangeliums
las: "Dann befahl er den Jüngern, niemand zu sagen, dass er der Messias
sei..." ist mir dieses Lied in den Sinn gekommen.
Vielleicht denken Sie: Wie kann man nur...!, oder: Wie ungehörig! Aber
ist denn nicht auch dieses Verhalten Jesu sehr eigenartig? Er kommt als
Messias, beklagt sich, wenn die Leute von Bethsaida und Chorazin sich nicht
bekehren, aber im gleichen Atemzug verbietet er seinen Jüngern, den
Landsleuten zu sagen, dass er der Messias sei. Hätte er nicht Freude haben
müssen über die Erkenntnis seiner Jünger? Warum hat er sie nicht einen
Werbefeldzug machen lassen? Vielleicht wäre die Begeisterung ausgebrochen
und viele hätten gerufen: "Hier ist der Messias, er soll uns anführen!"
Seit Mitte des letzten Jahrhunderts haben wir manche politische Führer
erlebt, die das so organisiert haben. Und tatsächlich haben sich viele
begeistert für die nationalen und sozialen Ideen. Stürmisch haben sie ihre
Führer gefeiert. Auch heute noch gibt es Länder, in denen die politischen
Parteien sich eher um Personen bilden, als dass sie von überlegten
Parteiprogrammen und klaren politischen Vorstellungen geprägt wären. Leider
sind wir Zeugen davon geworden, wie Demagogen mit einfachen Ideologien
Millionen von Menschen in die Irre und in den Tod geführt haben. Darum kam
mir der Vers in den Sinn: "...die ganze Affenbande brüllt." Es ist nicht
immer der Ausweis der Wahrheit, wenn alle dieselbe Meinung haben und
dieselben Worte schreien. Das gilt auch für unsere grossen Demokratien, in
denen es noch genug Affentheater gibt.
Im Bereich des Glaubens gilt das noch mehr. Was nützt es uns, wenn wir
Formeln dahinsagen, die wir nicht verstehen? Was bringt es, wenn wir nach
aussen etwas zu glauben vorgeben, aber unser Herz ist weit weg davon? Hart
sagt Jesus: "Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr! wird in das
Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel
tut". Es kommt mir vor, dass Gott viel mehr Geduld hat und, vielleicht darf
ich auch so sagen, viel bescheidener ist als wir Menschen. Er kann warten,
bis die Wahrheit wirklich von innen erfasst wird. Wir dagegen möchten volle
Kirchen, schnelle Begeisterung und grossen Einfluss. Gott aber sieht aufs
Herz. Und das Wachstum im Herzen ist ein langsames. Die persönliche, die
selbst erfahrene und angeeignete Wahrheit braucht Zeit und Stille. Bleiben
Sie also bei dem, was Sie selbst tief bewegt, und lassen sie die Menge, die
Masse, die "Affenbande" brüllen, was sie will...

 

Affe aus dem Zürcher Zoo 2009

 

 

 

 

Barmherzig sein wie Gott

 

Mt 18, 15-20                    22. So. i. J.

 

In dem kurzen Text geht es um das Vergeben. "Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen."

 

Wenn nicht, "dann nimm einen oder zwei Männer mit". Warum hört er nicht, warum bessert er sich nicht? Ist es vielleicht deswegen, weil auch der andere gegen den Bruder gesündigt hast? Und dass es notwendig wäre, dass er es zugibt und auch er um Vergebung bittet? Wer macht den ersten Schritt? An dieser Frage scheitert ja sehr oft die Versöhnung.

 

In dem Text wird die Möglichkeit gesehen, dass es also nicht zur Versöhnung kommt. Die Sache eskaliert. So muss man es wohl nennen: "Hört er auch auf die beiden nicht, dann sag es der Gemeinde." Aber auch diese scheint machtlos zu sein in dem Streit. Dies ist nicht weiter verwunderlich. Der einzige Weg scheint ja zu sein, den einen in die Knie zu zwingen. Er allein hat falsch gehandelt. Ein grober Fehler, der alle betrifft? Oder eine besondere Hartnäckigkeit auch des Beleidigten, der nicht nachgeben kann, nichts zugeben kann, weil der andere ja (allein) der Böse ist?

 

Und weiter geht es. Es kommt zum Ausschluss aus der Gemeinde: "Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner." Heide und (heidnischer) Zöllner sind so ungefähr das Schlechteste, was es für einen aufrechten Juden und Judenchristen der damaligen Zeit gibt. Ein Fiasko also für den Ausgestoßenen, ein Fiasko aber auch für die an dem Streit Beteiligten, also auch für die Gemeinde. Man muss fragen: Wie steht es um die Rezeption der neuen Ethik Jesu?

 

Verstärkt wird das Ganze durch den erstaunlichen Satz: "Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, wird auch im Himmel gelöst sein." Es bedeutet also, auch vom Heil ausgestoßen zu sein. Die Gemeinde weiß, dass sie solche Macht über den Himmel hat und sie setzt diese ein. In anderen Texten und in der späteren Tradition des Christentums wird solche Macht den Vertretern der Kirche zuerkannt und auch beansprucht.

 

Das Ganze wird sodann in den Zusammenhang der Wirksamkeit des Bittgebets gestellt: "Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten." Und die Begründung: "Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen". Jesus, Gott war also dabei, als sie sich so stritten. Das haben die Streitenden wohl in der Hitze der Auseinandersetzung nicht bemerkt. Sie hätten beten sollen.

 

Der Text bleibt rätselhaft. Ich denke, dass nicht nur das Gebet wichtig gewesen wäre. Der Text muss auch im Zusammenhang mit den unmittelbar vorausgehenden Texten gelesen werden. Diese handeln von der Barmherzigkeit Gottes, der jedem, der verloren zu gehen scheint, nachgeht, etwa dem Schaf, bis er es wieder gefunden hat. Ja er lässt sogar zunächst die restlichen Schafe um des einen willen im Stich. Und Jesus sagt zu seinen Hörern: "So will auch euer himmlischer Vater nicht, dass einer von diesen Kleinen verloren geht." Der himmlische Vater will es nicht. Aber auch die Jünger Jesu sollen es nicht wollen. Diese stoßen den Angeklagten zwar aus der Gemeinde aus und wollen sogar, dass dies für alle Ewigkeit gelte. Das braucht einen ordentlich Schub an Wut, Beleidigtsein und ideologischer Verblendung.

 

Doch der Ausgestoßene darf wissen, dass es die Barmherzigkeit Gottes gibt. Doch wer sagt ihm dies mit der notwendigen Autorität, wenn die Gemeinde, die um diese Barmherzigkeit ja weiß, es nicht tut, sondern ausdrücklich leugnet?

 

Von dem kurzen Text kann man/muss man sich sehr konkret angesprochen erleben. So schnell wird man nicht in allem ein Jünger oder eine Jüngerin Jesu. Mehr als Buße und bestimmte Taten braucht es eine neue Gesinnung. So heißt das Programmwort Jesu: Denkt anders, ihr denkt falsch. So richtig euer Denken zu sein scheint, es ist einseitig irdisch. Ich lehre Euch das Denken des Himmels, das Denken Gottes. 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dreiundzwanzigster Sonntag im Jahreskreis

"Hörst Du mir wirklich zu?"

Kommt Ihnen der Satz: "Hörst Du mir wirklich zu?"
auch schon mal auf die Lippen? Wenn Sie auf jemanden einreden, der wohl
hören kann, aber nicht zuhören will? Vielleicht merken Sie an seinem Blick,
dass er "auf dem Mond" ist. Vielleicht zeigt Ihnen das Zucken um den Mund,
dass er oder sie die Antwort längst fertig hat, ohne wirklich zugehört zu
haben, vielleicht wissen Sie, dass das Herz des Partners schon längst zu
ist und keine Frage, kein Argument mehr zugelassen wird. Kinder weinen und
toben in solchen Situationen oder haben die Geduld, zum hundersten Mal zu
fragen. Und die Erwachsenen verzweifeln oft innerlich.
"Hat Dein Bruder gesündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen
zurecht. Hört er auf dich, so hast Du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er
aber nicht, dann sage es der Gemeinde..." Die ganze Welt war in den letzten
jahren "Gemeinde" für die Rede und Hilferufe vieler Zehn- ja
Hunderttausender von Vertriebenen, Flüchtlingen, Gefolterten, von Menschen,
die den Frieden suchten. Und viele "Kriegsbrüder" haben nicht gehört, in
Afrika, in Ex-Jugoslawien und im Vordern Orient. Der Westen spricht von
politischen Lösungen und von Verhandlungen. Wir träumen von einer "neuen
Weltordnung". Aber was passiert, wenn niemand wirklich hört? Nichts.
Niemand ist so taub wie jene, die nicht hören wollen.
Können wir die Menschen zum Hören zwingen? Es scheint nicht der Fall zu
sein. Das Evangelium endet realistisscherweise offen mit einer an sich sehr
unbefriedigende Lösung: "...hört es auch nicht auf die Gemeinde, dann sei
er für dich wie ein Heide und ein Zöllner". Das heisst wohl in diesem
Zusammenhang: dann müssen wir die Sache einstweilen stehen lassen und auf
Distanz gehen.
Was wir aber auf alle Fälle tun sollten: den Spiess umdrehen und fragen,
wie es mit dem eigenen Hören steht. Soll ich selbst nicht zum "Heiden und
Zöllner" werden, dann muss auch ich hören, wirklich zuhören. Kontrollieren
Sie einmal: Was ist für sie "Quatsch", "Blödsinn", "undiskutabel"? Was
kommt für Sie nicht in Frage? Wo verschliessen vielleicht auch Sie Ihr
Herz? Was geht nicht in Ihren Kopf?
Und weiter: Nehmen wir uns Zeit zum "Hören"? Oder füllen wir unseren Tag
mit Arbeit, mit Tätigkeit, mit Zeitvertreib? Schlagen wir noch den letzten
Resten Ruhe mit Radio und Fernsehen tot? Lassen wir die Medien bestimmen,
wem wir zuhören und was wir zu Herzen nehmen? Dann hat der Bruder, die
Schwester auch keine Chance mit uns zu reden, uns etwas hören zu lassen. An
diesem Punkt, dass es ein Minimum an Ruhe, Stille, und Gebet braucht, sind
alle Religionen hartnäckig fordernd. Und ich glaube mit Recht: Ohne Stille
kein Hören. Und deswegen gibt es oft wenig Verständnis, wenig Liebe und
wenig Frieden.

 

Pater Herbert King

Matthäus 18, 21 – 35

24. Sonntag im Jahreskreis fehlt

Wird bearbeitet von Pater Déogratias oder sonst einem afrikanischen Schüler von Pater Paul

 

Mt 20, 1 – 16 a

Fünfundzwanzigster Sonntag im Jahreskreis

Eidgenössischer Dank – Buss- und Bettag

Das neue Thema: Arbeitslosigkeit

Vergleiche ich die Überschriften unserer Zeitungen
und Zeitschriften mit früheren, so stelle ich fest, dass es seit einiger
Zeit ein Thema gibt, das uns Schweizer immer mehr beschäftigt: die
Arbeitslosigkeit. Lange Zeit ist das für uns ein Auslandsproblem gewesen.
Jetzt erschrecken wir über die Prozente unserer eigenen Arbeitslosigkeit.
Fünf Prozent sind für uns schon ungeheuerlich - andere Länder haben sich
an das Zwei- bis Fünffache dieser Zahl gewöhnen müssen. Aber eben, jetzt
ist es nicht mehr nur eine Zahl, und nicht mehr ein Problem "der Andern."
Arbeitslosigkeit betrifft unsere eigenen Nachbarn, unsere Verwandten. Viele
jungen Leute finden keine Stelle und die Fünfzigjährigen haben Angst, ihren
Job zu verlieren. Es ist ein Thema von allgemeinem und öffentlichem
Interesse - und nicht nur, weil es die Medien so wollen. Es ist wirklich
ein Thema für einen nationalen Besinnungstag:
Arbeitlosigkeit geht an die Substanz: für viele ist es ein
existenzielles Problem, auch wenn sie genügend Hilfe zum Überleben
erhalten. Nicht mehr das tun können, was man gerne tat - der Verlust der
Arbeitskollegen - das Gefühl, unnütz geworden zu sein, das schmerzt. Ich
meine, es geht auch an die Substanz unserer nationalen Identität. An sich
wäre ja die Schweiz ein armes kleines Land, wenn es hier nicht über lange
Zeit so gute Arbeitsmöglichkeiten gegeben hätte. Wir sind bekannt als
arbeitsam und berühmt für unsere Qualitätsarbeit. Ein Schweizer, eine
Schweizerin, die nicht arbeitet, die nicht etwas tut, sei es im Beruf oder
im Haus? Fast undenkbar: Nicht arbeiten können, obwohl man es will, - das
ist für uns schwer zu ertragen.
Der Bettag ist nicht das Forum, um politische und wirtschaftliche
Programme zur Überwindung der Arbeitslosigkeit aufzustellen - auch wenn
gute Politik ebenfalls auf Besinnung angewiesen ist. Aber alle sind
eingeladen, ihr Verhältnis zur Arbeit zu überdenken. Dies ist für alle
wichtig.
Heute ist ein Danktag: Viele von uns haben Grund zu danken für die gute
und gutbezahlte Arbeit und dass sie so lange reiche Arbeitsmöglichkeiten
hatten. Wir sollten dafür danken, dass wir ein so kostbares Gut jahrelang
so selbstverständlich benutzen konnten.
Heute ist ein Busstag: Vielleicht haben auch wir unser Leben zu sehr auf
die Arbeit ausgerichtet? Haben nicht Familie und Beziehungen darunter
gelitten? Vielleicht haben wir die Menschen eingeteilt nach ihrem Lohn oder
ihrer "Nützlichkeit"? - Vielleicht sind wir unbarmherzig geworden, weil in
unserem Bereich alles machbar erschien? Ist unsere Seele hart und spröde
geworden, weil wir glaubten, alles durch Arbeiten und Krampfen erreichen zu
können?
Und schliesslich ist heute Bettag. Auch wenn wir gute Wege finden, die
Arbeitslosigkeit einzudämmen, wird die kommende Zeit von vielen grosse
Opfer fordern. Beten ist immer auch ein Vorausschauen und Bitten, dass wir
bereit und fähig werden, schwierige Situationen zu bestehen. Das kann für
manche wirklich bedeuten, dass sie ihre Arbeit verlieren... dass sie auf
Hilfe angewiesen sind... dass sie andern helfen sollen... dass sie mit
weniger zufrieden sein müssen.... Wirtschaftlich angespannte Zeiten können
zu viel Härte und Streit führen; wenn es "um die Wurst geht", werden alle
Egoisten. Bitten wir darum, dass wir nicht nur im Ruf verbleiben, früher
einmal die Schweiz emporgeschafft zu haben. Es sollte auch einmal heissen
können: Sie sind mit der wirtschafltich und menschlich schwierigen
Situation der Arbeitslosigkeit gut umgegangen. Und dazu braucht es, denke
ich, auch Gottes Geist und Gottes Hilfe.

 

 

Mt 21, 28 – 32

Sechsundzwanzigster Sonntag im Jahreskreis


Vom Träumen und vom Tun

Ich habe das Gleichnis von den beiden Söhnen sehr
gerne: Ein Mann hat zwei Söhne und bittet sie, für ihn im Weinberg zu
arbieten. Der eine ist bereit, dem Wunsch seines Vaters Folge zu
leisten, der andere weigert sich zunächst. Dann besinnt er sich jedoch
eines anderen und fügt sich, während der Jasager nicht daran denkt, seinen
Worten auch Taten folgen zu lassen.
Zunächst steht ja jener gut da, der ja sagt: wir regen uns schon über
den anderen auf, der gerade heraus ablehnt: "Ich will nicht.". Die
Schlussbilanz ist dann aber ganz anders: Auf den "Guten " können wir nicht
zählen, wohl aber auf den, den wir schon abgeschrieben haben.
Warum sagt der erste ja und tut nichts? Vielleicht hat er es vergessen,
vielleicht hat er geträumt, er würde es tun und nachher gemerkt, dass er es
gar nicht konnte. Vielleicht war die Faulheit oder eine
Lieblingsbeschäftigung stärker, vielleicht hat er sich unangenehmen
Anforderungen schon immer so entzogen. Vielleicht hatte er ganz einfach
Agnst, "Nein" zu sagen. Wer von uns kennt diese Verhaltensweisen nicht, bei
anderen oder bei sich selber?
Wie leicht koppeln wir das Reden vom Tun ab: Aber auch, wenn wir das
nicht direkt im Sinn haben, wissen wir, dass unser Tun sehr oft nicht
unserem Wollen, unsern Vorsätzen, unsern Wünschen entspricht. Daher ist es
eine alte geistliche Weisheit, dass man über seine Zunge wachen soll. Wei
schnell hat jman etwas vesprochen! Wie schnell sind grosse Pläne gemacht!
Und umgekehrt: Wie oft treffen wir auf Hilfsbereitschaft und Grosszügigkeit
bei Menschen, die selber arm sind, gar keine Worte machen , am Rande der
Gesellschaft stehen.
Es ist eine Kehrseite der entwickelten Gesellschaft, dass wir uns immer
perfekter mit Informationen und mit uns selbst beschäftigen können, ohne
dabei etwas tun zu müssen. Wir können bequem herumsitzen undd werden aus
Lautsprechern akustisch berieselt und von den Bildschirmen mit Bildern
versehen. Sogar das Träumen ist einfacher geworden, könnten wir sagen. Ist
aber nicht etwas, was ich selbst mache, herstelle, schreibe, male usw.
nicht viel wertvoller, auch wenn es nicht so perfekt ist, wie die gekaufte
Fertigware oder die am Fernsehen bestaunte? Fragen Sie sich: Tue ich
wirklich, was ich will? Tue ich etwas selber?- "Nur das ist gut, was man
auch tut." Vielleicht sagen Sie auch zunächst. "Ich will nicht". Nützen Sie
die Chance, es später doch noch zu tun!

 

 

27. Sonntag im Jahreskreis

Mt 21, 33 – 44

Touristenmorde


Sie haben uns bewegt, diese Berichte von den
ermordeten Touristen. So geht's: Sie steigen in einen Mietwagen, von hinten
werden Sie gerammt. Wenn Sie aussteigen, werden Sie ausgeraubt, wenn Sie
nicht aussteigen, erschossen. Ohne Grund, wahllos, widersinnig, Sie haben
nichts Böses getan, nichts falsch gemacht, niemand angerempelt. Einzig
dies: Sie hatten etwas Geld und die Polizei ist machtlos.
Im heutigen Evangelium sagt der Weinbergbesitzer: "Vor meinem Sohn
werden sie Achtung haben", aber die Pächter sagen: "Ha, da kommt der Erbe:
wir wollen ihn niedermachen und seinen Besitz an uns bringen". Es ist die
gleiche Geschichte, damals wie heute. Auch im Grossen: Unser Jahrhundert
hat den Völkerbund, die UNO sowie die KSZE hervorgebracht und es gibt viele
Menschenrechtsorganisationen - aber die Kriege, Folterungen und
Gefangenenlager florieren trotzdem.
Der Mensch forscht, woher Gewalt und Aggression kämen - manchmal in der
Illusion, es müsse doch irgendwo ein Zaubermittelchen geben, sodass einmal
alle Menschen friedlich miteinander leben könnten. Lassen wir
dahingestellt, ob es dieses Mittelchen gibt: einstweilen sollten wir uns
mit der bestehenden Gewalttätigkeit auseinandersetzen. Es gibt die äussere
Gewalttätigkeit im Töten, Schlagen, Vergewaltigen und Zwingen - und eine
innere Gewalttätigkeit in den Gedanken und in der Phantasie. Sie wird
unterstützt durch unsern Gewaltkonsum in Bildern, in Filmen, Fernsehen,
Video. Sie dringt ein in unsere Sprache, die oft hart und grausam ist. In
den Stil unserer Medien, die gewaltsam in jede Intimität eindringen.
Ich glaube, dass viel äussere Gewalt erst durch innere Gewalttätigkeit
ermöglicht wird. Hier wird das Thema für alle konkret. Natürlich müssen wir
uns mit der Gewalt und dem Bösen in Gedanken und in Gesprächen
beschäftigen: schon die Kinder tun es in den Märchen. Aber wir müssen
lernen, uns nicht innerlich an der Gewalt zu freuen. Wir müssen aufpassen,
dass wir uns nicht vormachen, an der "Moral der Geschichte" interessiert zu
sein - und dabei nur unsere versteckte Freude an der Gewalt, an Mord und
Macht zu nähren. Diese Seelenökologie ist nicht einfach. Ein Zeichen, ob
wir auf dem rechten Weg sind, ist der Satz des Evangeliums: "Vor meinem
Sohn werden sie Achtung haben." Wenn die Achtung, die Ehrfurcht vor jedem
Menschen, ob Mann oder Frau, Kind oder Greis, weiss oder schwarz, Christ
oder Moslem wächst, dann sind wir auf dem rechten Weg.

 

 

 

 

 

 

 

 

Mt 22, 15 – 21

Neunundzwanzigster Sonntag im Jahreskreis



Die unliebsamen Steuern...
 

Es mag uns heute viel von den Zeitgenossen Jesu
unterscheiden: in einigen Punkten scheinen wir uns wenig nicht geändert zu
haben. So zum Beispiel, dass wir nicht gerne Steuern zahlen und dass wir
uns ständig darum streiten, was gerechte Steuern sind. Die Gegener Jesu
griffen daher mit der Frage "Darf man dem Kaiser Steuern zahlen?" in den
normalen demagogischen Trickkasten, um ihn in Verlegenheit zu bringen. Und
Jesus antwortet ebenso geübt: Mit einer Antwort, die alles und nichts sagt:
"Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist."
Heute wäre diese Antwort vielleicht nicht so wirksam. Nicht nur
deswegen, weil wir im Moment kaum noch Kaiser haben, sondern wegen des
zweiten Teils seiner Antwort: "Gebt Gottes, was Gottes ist."
Dieser Satz passt nicht mehr in unsere alltägliche Denkstrukturen. Gott
etwas geben? Ihm etwas geben müssen? Einige denken vielleicht: Eigentlich
müsste ich jeden Tag beten, aber ist es mir nicht zu mühsam? Andere sagen:
Gott sei Dank ist die Kirche heute nicht mehr so streng. Wieder andere
meinen: Gott ist ja "kein Unmensch", er wird schon zufrieden sein, wenn ich
ab und zu etwas Gutes tue. Und nicht wenige scheinen sich nach der Maxime
zu richten: Ich lasse es mal darauf ankommen, ob es ihn überhaupt gibt.
Andere sagen, wir müssten das Gottesbild umstellen. Ist ein Gott, der
von uns die Erfüllung von Gesetzen verlangt; nicht eine Projektion von
ängstlichen oder moralischen Mitmenschen? Wäre das nicht ein legalister,
eifersüchtiger, ja sadistischer Gott, wenn man ihm ständig den Hof machen
müsste? Ist Gott nicht so gross, dass es gar keine Gaben von uns braucht -
schon gar keine Steuern?
Wenn wir so denken, hat der Satz: "Gebt Gott, was Gottes ist" keine
praktische Bedeutung mehr. Um es etwas überspitzt auszudrücken: wir sind
schon zufrieden, wenn wir richtig von Gott denken, und damit soll er auch
zufrieden sein. Entspricht dies aber dem engen, liebenden Verhältnis von
Gott und Mensch, das uns zum Beispiel das Johannesevangelium nahelegt?
Ich weiss von einem Pflegekind, dass zur Dankbarkeit gezwungen wurde. Es
entwickelte keine Liebe zu seinen Pflegeeltern, sondern musste von ihnen
getrennt werden. Dankbarkeit ist nicht der Weg zur Liebe, sondern deren
Frucht. Ich kenne kein wirklich tiefes persönliches Verhältnis, das nicht
in Dankbarkeit ausmündet. Das gilt auch von Gott. Und das ist der rechte
Hintergrund für den Satz: "Gebt Gott, was Gottes ist". Versuchen Sie, die
Achtsamkeit für Gott, seine Gegenwart, seine Zeichen und Geschenke zu
vermehren, dann werden sie bald wissen, was Sie Gott geben sollten, ja noch
vielmehr: könnten, möchten, wollen...

 

30. Sonntag im Jahreskreis

Matthäus 22, 34 – 40

 

Zum Sonntag der Weltmission


Der Wohlgeruch

"Ich weiss nicht, wer du bist... aber du riechst
so gut..." So soll ich als Dreijähriger eine Freundin meiner Eltern be-
grüsst haben, die sich bei ihrem Abschied noch den kleinen Bub im Bett an-
schauen wollte. Wir Menschen orientieren uns zwar hauptsächlich mit den Au-
gen und machen viele Worte - aber wir reagieren doch viel mehr auf Gerüche,
als wir es wahrhaben wollen. Jedes Warenhaus hat beim Entrée die Parfümab-
teilung. Die Marroni und Pommesfrites auf der Strasse brauchen keine Rekla-
me. Und auf der anderen Seite gibt es kaum etwas Wirksameres, um Leute zu
vertreiben, als eine Stinkbombe. Wir sagen nicht ohne Grund: "Ich kann ihn
(sie) nicht riechen!"
Im Evangelium, das dieses Jahr für den Weltmissionssonntag ausgewählt
wurde, salbt eine Frau Jesus mit Nardenöl. Ich habe etwas Nardenöl auf mei-
nem Zimmer: zwei Tropfen genügen, um mich für einige Zeit in meine Stimmung
auf "high" steigen zu lassen. Nun hat die Frau nach dem Evangelium eine
ganzes Alabastergefäs voll zur Salbung verwendet... Das muss für den ganzen
Rest des Festmahles die Atmosphäre bestimmt haben.
Wenn ich das Wort "Mission" höre, denke ich noch immer spontan an
Prediger, an Unterrricht, an Bücher und Flugblätter. Daran, den Glauben
weiterzugeben mit Worten, mti dem Bekenntnis von Überzeugungen. Wir
verwenden auch das Wort "missionieren" im abschätzigen Sinne, wenn jemand
penetrant für irgend ein persönliches oder poltisches Anliegen wirbt.
Wie anders die Fau, die das vielleicht gescheite Gerede mit ihrem Narde-
nöl stört. Aber eben: sympathisch stört. Ist das nicht auch für uns ein
Zeichen? Wir haben heute viele Probleme, die wir bereden. Zeitungen und Bü-
cher werdene voll geschrieben, Reden gehalten. Und doch werden die Menschen
letztlich mehr durch Erfahrungen überzeugt, als durch Worte.
Darum brauchen wir heute in der "Mission" mehr Taten statt Worte. Wir
brauchen Frauen und Männer, die "Wohlgeruch" verbreiten, nicht so sehr
durch Parfüms, sondern durch ihr Leben. Wenn es allen Menschen bei den
Christen wohl ist, dann gewinnt auch die christliche Weltanschauung innere
Überzeugungskraft. Und damit ist auch klar: Mission ist nicht nur etwas für
ferne Länder, sie geschieht auch hier. Wenn ich gut und anziehend lebe,
dann missioniere ich. Dann wird mein Wort auch gehört. Unterstützen wir al-
so die fernen, die wachsenden Kirchen, die Kirchen in Not mit unseren Bei-
trägen - aber auch durch den "Wohlgeruch" unseres alltäglichen Lebens,
durch unser Beispiel.

 

Eltern von Pater Paul

 

31. Sonntag im Jahreskreis

 

31. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Wie lassen Sie sich nennen?

In kirchlichen Kreisen in der Schweiz ist es normal, dass man, auch wenn man neu dazu kommt, sich ohne viel Floskeln zu machen, duzt. Manchen fällt das bis heute nicht leicht, weil sie einem Menschen gegenüber, auch einer Schwester oder einem Bruder in Christus, den sie noch nicht näher kennen, eine gewisse Hemmschwelle überwinden müssen, wenn sie ihn schon bei der ersten Begegnung duzen sollen, vor allem dann, wenn es sich um einen höheren Würdenträger handelt. Es ist sicher gut, dass man damit den Worten Jesu: „Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr aber alle seid Geschwister!“ mehr Gewicht verleihen will. Ist aber mit diesem schnellen Du schon diese Geschwisterlichkeit, die Jesus meint, gegeben?

Als eine Frau aus beruflichen Gründen mit Paul Vautier zusammenzuarbeiten anfing, ihn immer wieder per E – Mail kontaktiert, spielt er, was sie zunächst verwirrt, mit seinem Namen. Einmal unterschreibt er mit Paul, dann wieder mit Pater Paul ein nächstes Mal mit Pater Vautier. „Ich muss Klarheit schaffen!“ denkt sie und spricht ihn bewusst in ihren E – Mails mit „Pater Vautier“ an. Sie will damit ihre Bewunderung für seine Dienstbereitschaft, für seine Klugheit und Menschenkenntnisse ausdrücken. „Er ist weiter, tiefer und gottverbundener als ich!“ das spürt sie instinktiv. Sie will mit ihm ein anderes Verhältnis aufbauen als das banale schnelle Du, das zwar Nähe ausdrückt, die aber oft nur oberflächlich, beziehungslos und ohne gegenseitige Verantwortlichkeit bleibt. Das nur „Paul“ und das „Du“ passt für sie deswegen einfach nicht.

Einmal, als sie für Kinder und ihre Familien einen Versöhnungstag zur Erstbeichte auf Berg Sion anbietet, staunt sie über das Einfühlungsvermögen von Paul Vautier.  Das Motto, unter dem der Tag steht, ist bei der Ankunft an den Türen der Beichtzimmer mit einer Zeichnung gross angebracht. Kreiert von Pater Vautier, als Willkommensgruss an die Kinder und ihre Familien. Er sagt ihnen zur Begrüssung, dass ihr Kommen für ihn eine grosse Freude ist, weil es für ihn ausserordentlich wichtig ist zu wissen, was heutige Kinder denken und fühlen und dass er sonst wenig Gelegenheit hat, Kinder kennenzulernen.

Anne sagte schon Tage voraus, dass sie ganz sicher nicht beichten werde. Ihre Mutter, die eigentlich gar nicht so kirchlich gesinnt ist, zwingt sie aber richtig dazu mit der Begründung: „Ich will, dass du das wenigstens einmal in deinem Leben erlebst. Ob du nachher wieder gehst, ist mir gleich!“ Mit der genau gleichen Härte antwortet die neunjährige Tochter, dass sie keine Sünden hätte und überhaupt nicht wisse, was sie dem Priester sagen solle. Die Mutter, die selber auch nicht mehr beichtet, engagiert sich mit vehementem Einsatz für die Gestaltung des Versöhnungstages und findet, dass Anne genug Sünden hat, die sie beichten könnte, aber leider die Schuld immer bei allen anderen sieht, nur nicht bei sich selbst. Anne steht trotzig dabei und - muss mit. Die übrigen Kinder gehen von Posten zu Posten an denen sie sich auf das Beichtgespräch vorbereiten und dann ohne nennenswerte Probleme, wohl mit Herzklopfen, ins Beichtzimmer gehen und zufrieden wieder heraus kommen. Mittlerweile haben sie natürlich das Problem von Anne mitbekommen. Einem Jungen geht das besonders nahe. Nach seiner Beichte versucht er Anne mit allen möglichen Redewendungen von der Ungefährlichkeit eines Beichtgespräches zu überzeugen, ja er findet sogar, dass es lohnenswert ist, diese Gelegenheit wahrzunehmen. Und es gelingt ihm! Anne geht tatsächlich als Letze langsam zum Beichtzimmer und schliesst die Türe hinter sich zu. Was sie mit Pater Vautier besprochen hat, bleibt ihr Geheimnis. Beschwert hat sie sich über diese Begegnung jedenfalls nachher nicht.

Elisabeth Braun

 

 

 

Mt 25, 1 – 13

Zweiunddreissigste Sonntag im Jahreskreis


Ausgebrannt...!
 

Wenn dieses Evangelium an
der Reihe ist, wird mir immer etwas ungemütlich. Es tönt zunächst einfach
unmöglich, in jeder Übersetzung. Ob wir nun von "einfältigen Mädchen",
"törichten Jungfrauen", "dummen Fräuleins", hören, heute liest nur ein sehr
unempfindlicher Mann diesen Text, ohne in Verlegenheit zu geraten. Und
Hochzeitsbräuche mit Öllampen oder Kerzen kennen wir auch nicht mehr: Eher
noch steht der Motorradclub mit rauchenden Auspüffen für das Brautpaar
Spalier.
Ein anderes Wort dieses Evangeliums aber ist als englisches Fremdwort
Mode geworden: "Unsere Lampen sind am Erlöschen...". Heute sprechen wir vom
"burn-out", vom Ausgebrannt-Sein. Und das ist nun wirklich etwas aus
unserem Leben, weniger von den Hochzeitsfeiern, als vielmehr von dem, was
nachher kommt.
"Sie lässt sich ausnützen: full-time in Haus, Küche, Garten, Kinder und
dann noch die nicht immer erfreuliche Gattenbetreuung. "Er" lässt sich
überfordern in der Arbeit, mit Hektik, mit Überstunden, mit
Arbeit-mit-nach-Hause-nehmen, mit Politik und kleinen oder grossen Ämtern.
Und in Ehen, in denen viele Arbeiten zwischen den Geschlechtern geteilt
werden, steht es oft auch nicht viel besser. Die Ehe verstummt, die Routine
nimmt überhand. Plötzlich fühlen wir uns ausgebrannt. "Null-Bock",
Unzufriedenheit, Gereiztheit, Angst und Ohnmacht vor der Langeweile oder
der nächsten Anstrengung bestimmen die Atmosphäre.
Es scheint, dass wir es uns immer schwerer machen. Wir haben zwar viele
Erfindungen gemacht, die uns das Leben erleichtern sollen, und sie tun es
auch. Aber in noch grösserem Masse schrauben wir unsere Ansprüche hinauf,
die Ansprüche an uns selbst und an die Anderen. Alles wollen wir haben,
alles erledigen, alles erleben und geniessen. Und wir dürfen ruhig sagen:
in unserem Land können wir noch das Wörtlichen "perfekt" hinzusetzen. Der
Perfektionismus laugt noch mehr aus. Das schweizerischer "Burn-out" ist
also noch gründlicher.
Wir sollen neben den Lampen auch Öl in den Krügen mitnehmen, heisst es
im Evangelium. "Seelenöl" gegen das Ausbrennen. Wo bezieht man das? Ich
kenne drei Quellen, die sie wohl wiedererkennen, wenn ich sie Ihnen in
Erinnerung rufe. Die eine Quelle ist die Ruhe. Richtig ausruhen, und Zeiten
der Stille haben, das ist eine Vorbedingung fürs Nachfüllen. Eine zweite
Quelle: Öl wird oft aus Nüssen gepresst. Knacken wir die Nüsse, die uns das
Leben gibt! Versuchen wir Öl zu pressen aus den alltäglichen
Herausforderungen, aber langsam und bedächtig! Vielleicht hilft uns ein
Gespräch, damit wir realistisch bleiben, lernen "Nein" zu sagen und uns
über Erfolge zu freuen. Die dritte Quelle ist das Gebet. In ihm kann uns
Kraft übermittelt werden. Wir können in unserer Ruhe Den empfangen, der vor
allem, auch von der nötigen Nüchternheit, Vorräte besitzt. Dann wird immer
Öl im Krug sein.

 

 

 

 

Mt 25, 31 – 46

Christkönigssonntag

Königinnen und Könige sind immer noch Medienereignisse. Die Illustrierten berichten unentwegt von den Prinzenhochzeiten.
Die Welt verfolgt die Schwierigkeiten des englischen Königshofes. Königin
Elisabeth bezeichnete das letzte Jahr als "annus horribilis", als "schreck-
liches Jahr" für ihre Familie... und der Trubel um Diana ging dieses Jahr
unvermindert weiter.
Was wird wohl ein ganz anderer König, ein armer, weniger mediengerech-
ter, sagen, nämlich Jesus Christus? Dieses Jahr war wiederum schrecklich,
wenn wir auf die nie endenden, ja neu sich entfachenden Bürgerkriege schau-
en. Das Rote Kreuz meldet den absoluten Höchststand an Flüchtlingen in der
Welt. Zu den traurigen Superlativen der Menschheit haben wir also einen
neuen hinzugefügt. Die neueste Zahl aus Burundi lautet: 600 000 Flüchtlin-
ge.
Wenn es also einen Satz des heutigen Evangeliums gibt, der nicht mehr
guten Gewissens wiederholt werden kann, dann ist es dieser: "Wann haben wir
dich hungrig oder durstig, obdachlos oder nackt oder im Gefängnis gese-
hen..?" Nur wenn wir uns gänzlich von Nachrichten abschotten, sehen und hö-
ren wir nichts mehr von der Not dieser Menschen.
Das Schlimme ist nun, dass humanitäre Hilfe oft unmöglich ist oder nur
begrenzt hilft. Bürgerkriege lassen sich nicht mit Geld und Nahrungsmittel-
spenden lösen. Das heisst nicht, dass diese Art von Hilfe sinnlos ist und
wir sie nicht mit voller Kraft weiterbetreiben sollten. Aber wir sollten
uns trotzdem klar machen: solche Hilfe führt nicht zu einer langfristigen
Lösung. In Somalia haben wir die Verteilung von Nahrungsmitteln erzwungen,
aber es ist absehbar, dass sich die UNO-Truppen zurückziehen müssen und der
Krieg womöglich schlimmer weitergeführt werden wird als vorher. Es wird uns
täglich vor Augen geführt, dass die Guten ausgenützt werden und die Hilfe
torpediert wird. Gewalt, Machtstreben, Rache und Gruppeninteressen sind zu-
mindest kurzfristig oft stärker als jeder gute Wille der Aussenstehenden.
Gibt es denn nur die eine Alternative? Können wir nur entweder den guten
Dummen spielen oder den harten Forderer, der sagt: "Ihr müsst Eure Probleme
selbst erkennen und lösen? Ich glaube nicht einmal, dass das eine Alterna-
tive ist. Im kleinen wie im grossen müssen wir oft beides tun - den Notlei-
denden helfen und den Mächtigen entgegentreten. Oft wird das eine oder das
andere, und manchmal wird sogar beides unmöglich sein. Aber versuchen müs-
sen wir es. Schliesslich geht es darum, inmitten dieser Welt ein Herz zu
bewahren, das für die Nächsten offen bleibt und seine Liebesfähigkeit nicht
verliert. Wenn wir dieses Herz verlieren, hören wir auf, Menschen zu sein.
Christus ist ein König, ein armer zwar, aber immerhin einer, der es wirk-
lich war und bleibt. Seines Herzens wegen. Wir sind eingeladen, ihm nachzu-
folgen...

 

 

 

 

 

"...himmelwärts!"

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