Texte von Pater Paul aus dem "Brief von Horw"

"Immer verbunden..."

Texte von Pater Paul aus dem "Brief von Horw"

 

Von Bildschirmköpfen, iPod - Ohren und Zapping - Fingern:

Wo bleibt die  Kunst der Begegnung?

P. Paul Vautier

 

 

 

Dr. theol. Paul Vautier lebt auf Berg Sion bei Vallendar, Deutschland

 

Kürzlich überkam mich die Lust, mein Leben unter dem Gesichtspunkt der Kommunikationsmedien zu beschreiben. Hier einige Stationen meiner „Medien-Biographie“: Pünktlich wie eine Liturgie hörten wir in der Familie der 50er Jahre um 12.30 Uhr die Nachrichten – mein Vater immer mit ernstem Gesichtsausdruck und grosser Konzentration. Ich lernte lesen vor der Schule, weil mir meine Grossmutter viele Bücher zeigte und wir beide mit dem Atlas in der Hand viele Reisen in die Welt machten. In der Schule begann der Lese- und Schreibunterricht in Züritütsch, mit einem Buchstaben- Lesekasten. Wir schrieben bis in die 6. Klasse noch mit Feder und klecksten die Hefte (und Hände) voll. Fülli wurden erst in der Sekundarschule erlaubt. Radio – Hörspiele versammelte die halbe Schweiz abends 20.00 h, besonders wenn es um Kriminalgeschichten ging. Das Fernsehen wurde eingeführt, als ich im Internat war. Dort gab es Kontrolle und Beschränkung. Im Noviziat stritt ich mit dem Novizenmeister, ob ich mir eine eigene Schreibmaschine kaufen durfte, bis dahin hämmerte ich immer noch auf der uralten Hermes meines Vaters. Persönliches schrieb ich mit der Gänsefeder, die anderen hielten mich ein bisschen für verrückt, begreiflicherweise. Mit der neuen „Fazit“ tippte ich Hunderte von Blaumatrizen. Die ersten stinkenden Photokopien in der Uni – Bibliothek waren für ein Studentenportemannaie noch sehr teuer – das konnte ich mir nur für sehr Wichtiges leisten. 1982 hatte ich die erste Begegnung mit dem PC. 1983 mietete ich mir eine Victor 6 und schrieb in 6 Wochen ein Buch. In Südamerika ging es dann mit einer kleinen Commodore 64 weiter, den miserablen Drucker (für heutige Begriffe) musste ich mit einem selbst programmierten Druckerprogramm ansteuern. Auf dem Tisch habe ich heute ein grosses Haustelefon mit 25 Knöpfen und Tasten, ein Handy für die Reise, im Computer läuft Skype, ein Internet – Telefon. Mein erstes Modem hatte 19K Durchsatz, heute verfüge ich über einen Breitbandanschluss und sitze vor zwei Computern. Einer ist „ökumenisch“, dh. ein Mac mit PC-Emulation, damit ich mit allen Mitbrüdern in allen Erdteilen gut „kommunizieren“ kann. Fernsehen gucke ich keines, in meinem Zimmer gibt es wieder einen Stapel Bücher, einen halbe Meter hoch. Mit der Welt verbindet mich hauptsächlich die „Neue Zürcher Zeitung“. Das wären so die Hauptpunkte.

Kürzlich überlegte ich, wie viel Zeit im Tag ich vor dem Bildschirm verbringe. Ich brauche nicht die Stunden auszurechnen – aber ich weiss, es ist zuviel. Meine Augen haben sich schon längst an den Bildschirm adaptiert… Kürzlich las ich bei einem Kinderpsychologen, dass Kinder vor 30 Jahren noch 300 Nuancen Rot unterscheiden konnten, heute schaffen sie noch 30. Das sind Bildschirmköpfe! Fahre ich im Zug, dann sind die Hälfte der Ohren meiner Mitreisenden mit einem Kopfhörer verstopft, andere schreien ins Handy. Was hören wir? Wie hören wir? – Frage: Können wir noch wirklich aufeinander hören?

 

Mit der technischen Entwicklung ist alles schneller und vor allem mehr geworden. Was macht unsere Seele mit den Tausenden von Bildern, Worten, Eindrücken jeden Tag? Wir müssten einen riesigen Magen haben, um das zu verdauen. Pater Hegglin hat das Wort vom „Velozifer“ geprägt. Luzifer, der Versucher, auf die Schnelle (velox) gebracht. Es kommt so schnell und so viel, dass wir den Schaden gar nicht mehr spüren.

 

Auf der anderen Seite – welcher Segen ist die E-Mai- Verbindung für die alte Mutter, deren Tochter in New York wohnt? Früher gab es nur die Möglichkeit, zweimal das Telefon schellen zu lassen, um 8.05h, um zu sagen: alles O.K.! Heute ist die Verbindung leicht. Dringende Rückfragen können schnell gemacht werden. Der Bahn- und Flugverkehr wäre kaum mehr zu denken ohne die elektronischen Kommunikationssysteme. Denken Sie sich für einen Augenblick alle Chips in den unzähligen Apparaten in einem Krankenhaus ausser Funktion… welche Katastrophe! Wie viele Menschen können heute gerettet werden dank der zuverlässigen Schnelligkeit unserer Medien!

 

 

Ich glaube, es gibt so etwas wie die langsame Inkulturation eines Werkzeugs. Viele technische Neuigkeiten sind zunächst rar, dann verbreiten sie sich, wir sind fasziniert von ihnen und setzen sie überall ein, zunächst nützlich, dann spielerisch und süchtig. Und oft geht es dann umgekehrt: das Werkzeug versklavt mich. Vieles, ja manchmal dehnt sich alles um das „Ding“. Wehe, der Computer, das Telefon oder der Fernseher ist kaputt! Bis diese Medien wirklich mein Werkzeug sind, die mir dienen, ohne dass ich ihnen verfalle oder mich zu sehr von ihnen abhängig mache, braucht es Zeit. Und bis eine ganze Gesellschaft oder Gruppe in der Gesellschaft lernt, damit menschlich umzugehen, geht es noch länger.

 

So passiert es immer wieder, dass wir in einer Fülle von Informationen und oberflächlichen Kontakten leben und von zahlreichen Ereignissen überschüttet werden, die wir kaum mehr zu sortieren vermögen. Es gibt auch das Phänomen, das die Soziologen „parasoziale“ Beziehungen nennen: Beziehungen zu Menschen, die wir eigentlich gar nicht kennen- den Fernsehsprecher, einen in den Medien aufgebauten Politiker, den sympathischen Meteorologen, oder Beziehungen zu Menschen, die es eigentlich gar nicht gibt – die Personen der „Lindenstrasse“ oder einer anderen Serie – oder gar eine Walt Disney- Figur. Und je mehr wir in solchen unvollständigen, künstlichen Beziehungen leben, desto weniger Zeit haben wir für konkrete, tiefe Beziehungen und Begegnungen. Die grösste Gefahr scheint mir jene, dass in uns die Fähigkeit für tiefe Beziehung verkümmert oder zumindest sich abschwächt.

 

Wenn es in unserer Gemeinschaft mal einen schwierigen Prozess zu leiten gibt, dann wird oft derselbe Mann eingeladen, zu helfen. Er ist ein Technikmuffel – nur mit grosser Mühe hat er sich mit dem Handy oder mit seinem Computer herumgeschlagen (er hat es aber leidlich geschafft!). Er liebt die Natur und liest Gedichte (für viele vertane  Zeit…). Er liest Bücher ganz. Er kann hören, zuhören, aufnehmen. Er nimmt sich Zeit. Er spürt, was den anderen bewegt. Er kann es sagen, ohne geschwätzig zu werden. Ich denke, es ist Zeit, dass jede und jeder von uns überlegt, ob sie oder er in der Wüste der halb- anonymen Beziehungen und im Diktat der öffentlichen Hektik die Fähigkeit bewahrt hat, wirklich bei sich zu bleiben und aus diesem Selbstbesitz heraus die persönlichen Beziehungen zu pflegen. Ich wünsche Ihnen Zeit, um wieder ganz intensiv zu hören, zu schauen, zu spüren, sich mit einer vertrauten Person auszutauschen im gegenseitigen Hören und Aufnehmen, Schenken und Beschenkt- werden. Kunst der Begegnung.

"...himmelwärts!"

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