"Immer verbunden..."

 

Freude am Menschen

Lesejahr C, veröffentlicht im Jahr 2009, Patris - Verlag Schönstatt, ISBN978-3-87620-311-9

 

1.     Adventsstonntag, Lesejahr C

Warten zwischen Trotz, Lust und Hoffnung

Von Pater Paul Vautier 

Können Sie noch wirklich auf etwas warten? Vielleicht denken Sie: Was für eine dumme Frage! Jeder kann doch warten, und oft müssen wir einfach warten, auch wenn wir nicht wollen, wenn zum Beispiel das Auto im Stau stecken bleibt oder der Zug nicht abfährt! Nun, ich denke, mit dem Warten ist es nicht so einfach. Ja, es ist geradezu anregend, darüber nachzudenken.

Einmal meine ich, dass sich Temperament und Charakter offenbart, wenn Sie warten müssen. Der Melancholiker ist traurig und sieht die Welt untergehen, weil er irgendwo zehn Minuten zu spät kommt. Der Sanguiniker ergreift die Gelegenheit, dem Nachbarn die letzten Witze zu zählen. Der Zwangshafte guckt alle zehn Sekunden auf die Uhr, während der Choleriker vielleicht bereits ausgestiegen ist oder mit seinem Handy irgendeinen Chef beschimpft. Das sind Reaktionen beim unfreiwilligen Warten.

Es gibt aber auch das Phänomen, dass wir das Warten offen oder versteckt organisieren und sogar geniessen. Im Grunde ist jeder Krimi organisiertes Warten auf den Moment, wo der Täter gesteht oder überführt wird. Diese Szene ist meist trivial, während wir die spannungsreiche Geschichte mit Aufregung, Verfolgung, bangem Warten und in die Irre-Geführt-Werden auskosten. Oder: Wenn sie jemanden zu einem Rehrücken einladen, dann servieren Sie ihm diesen wohl auch nicht zwei Minuten nach Ankunft, sondern wir warten gemeinsam und stimmen uns ein mit einem Aperitif, einem politischen oder kulturellem Gespräch, einer Suppe, einem schönen Salat und dann, eventuell sogar mit entsprechendem Brimborium, wird die Kostbarkeit serviert... Schon früh lernen wir lustvolles Warten. Die Kinder geniessen Verstecken und Verfolgung. Ein Spiel, das allzu schnell zu Ende ist, empfinden sie als reizlos.

Sehr unterschiedlich erleben wir das Warten, je nachdem, ob wir wissen, worauf wir warten - etwa, dass die Ampel endlich grün wird oder der Beamte uns bedient -, oder ob wir das Kommende nicht kennen. Was wird uns der Arzt sagen? Welches Geschenk werden wir bekommen? Wie werden die Wahlen ausgehen? Das ist erwartungsvolles, vielleicht banges Warten.

Es gibt aber auch das "grosse" Warten, wenn ich das mal so nennen darf. Das Warten der Hungernden auf Hilfe, des Arbeitslosen auf Beschäftigung. Die Hoffnung auf Frieden in Ländern, die schon jahrelang vom Bürgerkrieg geplagt werden. Das Ersehnen einer besseren Zukunft für jene, die in ärmsten Verhältnissen leben müssen. Das Erträumen einer besseren Welt. Dieses Warten ist meist nicht lustvoll, es wird erlitten und braucht viel innere Kraft. Und wenn wir die Frage nach dem Sinn der Geschichte stellen, braucht es dazu viel Glauben.

Wir beginnen den Advent. Advent heisst Ankunft: Wir warten also auf den Herrn, auf sein Wiederkommen. Wir wissen, dass diese Welt einmal untergeht und erhoffen einen neuen Himmel und eine neue Erde. Bei vielen reduziert sich allerdings das Advents-Warten auf die nächste Weihnacht und auf das Weihnachtsgeschenk Das ist ein "kleines" Warten. Das Evangelium von heute mahnt uns aber zum "grossen" Warten, vor dem wir oft zurückschrecken.

Die kahlen Bäume, der Nebel, die langen Nächte laden uns ein zur Stille, zum Nachdenken. Die Sehnsucht nach der Sonne des Sommers sollte begleitet werden durch unser "grosses Warten", unsere Sehnsucht nach einer neuen Welt. Schnappen Sie sich ein ernstes Buch, nehmen Sie sich Zeit in ihren Gesprächen für grosse Perspektiven, beschäftigen Sie sich mit einer wichtigen Zeitfrage! Der Adventsrummel wird uns vom ernsten Denken ablenken wollen - Christen bleiben Menschen des "grossen" Wartens.

 

 



Wort zum zweiten Adventssonntag, 4. Dezember
Wüstengedanken
Von P. Paul Vautier 


Die Hauptfigur des heutigen Evangeliums ist
Johannes der Täufer, der "Rufer in der Wüste". Er gehörte nicht zum
"Establishment", sondern zu den "Alternativen". Zur Zeit Jesu in der Wüste
zu leben, war ein Protest gegen die Gesellschaft und die herrschende
politische und religiöse Führerschicht. Bekannt und immer wieder im
Gespräch ist die Siedlung der Essener in Qumran am Ufer des Toten Meeres,
in deren Höhlen ganz alte Manuskripte erhalten geblieben sind.
Weit weg von den dortigen Wüsten bereiten wir uns auf Weihnachten vor.
Viele sind mit den Geschenken beschäftigt. Wir machen Weihnachten zu einer
Zeit der Fülle und des Überflusses - im Gegensatz zur Kargheit der Wüste.
Und wenn jemand in der Adventszeit jene Bräuche pflegen möchte, die der
Stille, der Einkehr und der religiösen Vorbereitung des grossen Festes
dienen, hat er es in diesem Rummel nicht leicht.
Je mehr unser Lebensstandard steigt, von der Wüsteneinfachheit weg zu
den Annehmlichkeiten von Bad und Dusche, Kühlschrank, Waschmaschine,
Telefon, Auto, Stereoanlage, Video und Satellitenschüssel, desto mehr täte
uns ein Wüstenaufenthalt not. Zu jedem der genannten Gegenstände lässt sich
eine Jahreszahl angeben, von der an sein Besitz und Gebrauch bei uns
"normal" wurde. Doch wir merken langsam, dass wir mit unserer Zivilisation
und unserem Raubbau an der Natur mehr Wüste erzeugen als fruchtbar machen.
Diese äussere Wohlstandsfülle wird nie für alle Menschen möglich sein und
auch bei uns nicht andauern.
Und dann wäre da noch die Frage, ob unser Alltag durch diese vielen
Apparate nicht eher in eine Metall-Wüste statt in einen blühenden Garten
verwandelt wird. Die Menge der Geräte und Apparate sichert ja noch nicht,
dass wir sie wirklich für die Kommunikation und für die Qualität unseres
Zusammenlebens benützen. Drohen nicht die grossen Städte unserer Erde zu
unmenschlichen Wüsten zu werden, in denen Eintönigkeit, Anonymität und
kleinräumiger Gruppenegoismus über die Menschlichkeit siegen?
Die Menschheit hat wohl keine andere Wahl, als zu einem grossen Teil in
einer Stadtkultur zu leben. Noch ist es nicht ausgemacht, wie gut wir diese
Lebensweise meistern. Es braucht dazu beides: den Mut zum Verzicht und zur
Beschränkung - die positive Seite des Wüstenlebens - und den Willen und das
Bemühen um die Pflege der zwischenmenschlichen Beziehungen. Dann kann das
Leben in der "modernen" Wüste wachsen und dann werden wir Gottes Reich
wieder in neuer Form verwirklichen können. Möge diese Adventszeit uns zu
beidem anstiften, zum Verzicht auf überflüssige oder gar schädliche
Konsumgüter und zur Pflege unserer Beziehungen! 

 

 

 

Wort zum 10. Dezember 2000, 2. Adventssonntag

Auf der Autobahn zum Himmel?

Von Pater Paul Vautier

Als ich nach längerem Aufenthalt in den Entwicklungsländern wieder in die Schweiz kam, wurde ich vom Flugplatz Kloten abgeholt - und fing für einige Wochen an zu staunen. Eine der ersten Eindrücke war die Fahrt im Auto vom Flugplatz nach Hause. Es kam mir fast unwirklich vor. Hier konnte man einfach fahren - ohne Angst vor Schlaglöchern, unbezeichneten Gräben und Baustellen! Es gab keine Kühe auf der Strasse, kein rauchender Lastwagen vor uns, der links fuhr, weil rechts die Strasse kaputt war. Der Belag war neu, sodass man fast nicht spürte, dass wir überhaupt fuhren - so etwas hatte ich schon lange nicht mehr erlebt. Ich sagte zu meinen Begleitern: "Ihr wisst gar nicht, was ihr hier habt - ihr könnt einfach ruhig fahren".

Im heutigen Evangelium wird Johannes der Täufer mit den Worten des Propheten eingeführt: "Eine Stimme aus der Wüste: Macht die Strassen eben! Jede Schlucht soll aufgefüllt und jeder Berg und Hügel abgetragen werden..." Was damals wohl eher ein poetisches, illusionäres Bild war, um innere Wirklichkeiten zu bezeichnen, realisieren wir heute buchstäblich. Die heutigen Autobahnen erfordern riesige Erdverschiebungen. Berge werden durchsägt, Hügel abgetragen, Dämme aufgeschüttet. Es werden Brücken errichtet, die im Altertum als Weltwunder gegolten hätten. Alles, damit der Weg gerade und eben genug ist, so dass wir mit 120 oder in Deutschland sogar mit 250 durch die Gegend rasen können.

Es ist aber immer noch leichter, mit grossen Baumaschinen herumzufahren und Strassen für Autos zu bauen, als die inneren Verkehrshindernisse für Frieden und Gerechtigkeit unter uns Menschen abzubauen oder zu überbrücken. Die Autobahn von Hauptstadt zu Hauptstadt funktioniert oft wunderbar, aber nicht der Weg von Herz zu Herz. Wieviele Verhandlungen werden abgebrochen! Wie oft rattern die Maschinengewehre und lärmen die Militärhelikopter! Auch im Kleinen gibt es Berge von Vorurteilen, die verhindern, dass Familien in Frieden zusammenleben können. Die Abgründe von Verständnislosigkeit können zwischen Geschwistern so gross sein, dass man Jahre nicht mehr miteinander spricht.

Vielleicht sind Sie daran, die Geschenklisten auf Weihnachten hin zusammenzustellen. Die schönsten Geschenke, die wir uns machen können, sind nicht die äusseren, sondern die inneren: füreinander Zeit haben, das Gespräch suchen, Verständnis aufbringen, innere Hemmungen überwinden. Überlegen Sie sich: zu welchen Mitmenschen fehlt mir die "Autobahn", das heisst der freie, schnelle Weg? Kann ich Hindernisse abbauen, Brücken bauen? Manchmal sind wir es, die sperren. Wir wollen eine Sache nicht verzeihen, haben nicht den Mut, das Gespräch zu suchen, und nicht die Kraft, Hemmungen zu überwinden.

"Macht die Strassen eben! Jede Schlucht soll aufgefüllt und jeder Berg und Hügel abgetragen werden..." Das Wort hat seine Kraft und seinen Anspruch noch nicht verloren. Erst wenn es mit dem Weg zum Nächsten stimmt, dann klappt es auch mit der Autobahn zum Himmel, die wir wohl alle einmal benutzen möchten...

 

 

 

 

Wort zum Sonntag vom 10.11.2000

 

Wort zum Sonntag, 17. Dezember 2000 - 3. Adventssonntag

Spinnweben

Von Paul Vautier 

 Ich habe immer gestaunt, wie kurz und knapp im heutigen Evangelium die Predigt des Johannes des Täufers wiedergegeben wird. Drei Menschengruppen kommen und fragen, was sie tun sollen - und alle drei erhalten eine kurze, aber präzise Antwort. Sie ist so einfach, das wir uns fragen, warum denn die Leute die lange Reise zu Johannes machten. Wussten sie das nicht schon vorher? Die begüterten Leute sollen mit den Armen teilen, die Beamten die Leute nicht schröpfen und den Soldaten sagte er: Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold! Kurz und bündig und noch heute gültig. Aber ist das eine Reise in die Wüste wert?

Wissen wir denn, was wir tun sollen? Wenn wir das direkt gefragt werden, zögern wir wahrscheinlich. Wir wissen es, und wissen es doch nicht so recht. Ich glaube, im Herzen der meisten Menschen gibt es zwei entgegengesetzte Kräfte: Es gibt die Stimme, die uns klar sagt, was wir tun sollen. Aber dann kommen uns viele Gegengründe und manche mögliche Ausreden in den Sinn. Wir verschieben das Gute auf das Morgen, wir entschuldigen unsere Nachlässigkeiten und finden vielleicht sogar Rechtfertigungen, gar nichts zu tun. Oder wir passen uns der Umwelt an, und tun nur dort etwas, wo diese sich auch regt.

Das ist so, wie wenn wir in unserm Herzen einen Spiegel hätten, in welchem wir uns ganz gut betrachten können, in welchem wir unser Leben und das was wir tun sollten, klar sehen. Schnell wird er aber überwachsen von dichten Spinnweben, sodass wir nur noch Umrisse erkennen können, aber kein klares Bild mehr vor uns haben. Es braucht an sich nicht viel, um wieder zu einem klaren Bild zu kommen: Einen feuchten Lappen und schon kann das Geflecht von Spinnweben weggewischt werden.

Wenn wir uns so schön in unsere bequeme Welt eingerichtet haben, dann hilft uns oft nur eines: die Konfrontation, die Begegnung mit einem Andern, ein gutes Gespräch. Wenn wir den Mut finden, mit jemand anders zu reden, dann wird uns oft sehr schnell klar, was wir tun sollten. Oft muss uns der andere nur zuhören. Es gibt Ausreden und Rechtfertigungen, die so haltlos sind, dass ich sie einem Freund oder einer Freundin gegenüber gar nicht mehr auszusprechen wage. Sie fallen in sich zusammen.

Beim Gespräch, ja, auch bei der Therapie und bei der Beichte geht es gar nicht darum, dass mir jemand sagt oder vorschreibt, was ich tun muss. Ich selber soll wieder - in unserm Bild gesprochen - in meinen Spiegel schauen und mein Gesicht wahrnehmen. Aber das Gespräch hilft mir, die Spinnweben wegzuwischen. Oft ist es die Tatsache, dass mir jemand zuhört und manchmal ein klares Wort, das mir hilft, meinen inneren Spiegel frei zu machen.

Um dieses klare Wort zu hören, denke ich, gingen die Leute zu Johannes. Seine einfachen Worte halfen jedem, in seinem Herzen die Spinnweben zu vertreiben, die den Blick auf das Gute verhinderten. In der Vorbereitung auf Weihnachten und den Jahrtausendwechsel täte es auch uns gut, uns die Zeit zu nehmen, unsern inneren Spiegel zu reinigen. Vielleicht suchen wir ein Gespräch oder die gemeinsame Überlegung? Oder wir schlagen wieder einmal die Bibel auf und lesen ein paar einfache, reinigende Worte. Was sollen wir tun? Wenn wir regelmässig den inneren Spiegel von den Spinnweben der Ausreden befreien, werden wir in uns selbst die Antwort finden.

Paul Vautier ist Schönstatt-Pater und lebt in Horw bei Luzern.

 

 

 09.12.1994

4. Adventssonntag, 18. Dezember


Von der Chance des Grusses
Von P. Paul Vautier 


In dem Evangelium des heutigen Sonntags, das ich
sehr liebe, steht die Reaktion der Cousine Elisabeth auf die Begegnung mit
Maria: "Als dein Gruss an meine Ohren drang, bewegte sich vor Freude das
Kind in meinem Schoss". Zwei Frauen treffen und begrüssen sich, aber es ist
ein Ereignis zu viert. Und der Gruss Marias bewegt den kleinen Johannes und
schenkt ihm eine grosse vorgeburtliche Freude.
Wir mögen ganz unterschiedliche Meinungen haben von der
Beeinflussbarkeit des werdenden Menschenkindes im Schoss der Mutter. Aber
es ist wohl unbestritten, dass das Grüssen für uns Menschen wichtig ist und
ganz Entscheidendes auslösen kann. Die Verhaltensforscher sagen uns, wie
intensiv die ersten Sekunden einer Begegnung verlaufen, dass wir sehr viel
wahrnehmen und schon unbewusst ein erstes Urteil über den andern fällen.
Wir gewinnen den berühmten "ersten Eindruck", der uns manchmal nie
verlässt. Je nach dem Gruss stellen wir uns auf eine gute oder schwierige
Begegnung ein, gehen selber auf den andern zu, halten uns zurück oder
fliehen sogar.
Der Gruss geht also immer tiefer - auch wenn wir einen Mann oder eine
nicht-schwangere Frau begrüssen. Viele Völker haben darum die
Begrüssungsrituale besonders gepflegt. Um den ersten und letzten Kontakt
segensreich zu gestalten, gibt es viele Grussformeln, die den Namen Gottes
anrufen. Unser "Grüezi" ist wohl aus dem "Grüss dich Gott!" entstanden, das
"Adieu" oder "Adios" stellt die Zukunft Gott anheim. Etwas profaner, aber
immer noch mit einem freundlichen Wunsch verabschieden wir uns mit "Alles
Gute!"
Uns allen ist die Chance gegeben, richtig und gut zu grüssen. Es kommt
dabei nicht auf die Förmlichkeit an, sondern auf das "Wie" und ob es von
Herzen kommt. Der kleine Johannes verstand den Gruss Marias nicht, sondern
nahm allenfalls die "Musik" wahr und verspürte die Reaktion seiner Mutter.
Ob wir auch noch so zu grüssen verstehen, dass unsere Nächsten Freude
verspüren?
Im Advent bereiten wir uns vor auf das Kommen des Herrn. Er kommt oft
nur durch uns und möchte durch unsern Gruss unsere Mitmenschen mit seinem
Segen und Wohlwollen beschenken. Ihr Gruss ist ein wichtiger Moment. Er ist
das Geschenk, das Sie allen machen können! Er kann oft tiefere Freude
bereiten als teuer Gekauftes und kunstvoll Verpacktes. Mit dem Segen Gottes
verbunden, steht er auch schon in einer anderen Kategorie. Darum: auf viele
herzliche "Grüezis" und "Adieus"!

 

 

 

 

Wort zum Sonntag vom 19.11.2000

Wort zum Sonntag, 24. Dezember 2000

Das erste Advents- und Weihnachtslied

Von Paul Vautier 

 Noch nie hat die Menschheit soviel Musik konsumiert wie heute. Bis in die Hütten der Armen und Ärmsten reicht der kleine Transistorradio. Bei uns stehen zu Hause die Musikanlagen herum, viele können sich längere Autofahrten ohne das Radio als Begleiter kaum vorstellen. Sie gehen ins Warenhaus und werden von sanfter Musik begleitet. Der Rollschuhfahrer, der an ihnen vorbeirauscht, hat den Kopfhörer seines Walkman im Ohr, und an der nächsten Ecke spielt ein Strassenmusikant. Musik, Lieder, Konzerte überall.

Ich habe öfters philosophische Anwandlungen, Das heisst, es gibt schwierige Fragen, die ich gerne durchdenken möchte: Was Musik eigentlich ist, warum wir sie gerne hören, warum uns was an ihr gefällt? Das sind für mich unbeantwortbare Fragen. Aber auch ich habe Musik gern und lebe mit ihr. In meinem Computer spielt die CD Orgelmusik aus Rheinau.

Ob der liebe Gott mir die Rätsel der Musik erklären wird? Das weiss ich nicht. Aber sympathisch finde ich, dass in seinem Buch, am Anfang des Lukasevangeliums, zwei Lieder stehen, die noch heute grossen Erfolg haben. Schon viele Jahrhunderte hindurch singen wir im Stundengebet der Kirche den Gesang des Zacharias und das Lied Marias. Besonders ihr Lied, zu dem wir heute im Evangelium geführt werden, hat grosse Komponisten angeregt - denken Sie ans Magnifikat von Bach -, wird aber auch in Tausenden von einfachen Weisen und in allen Sprachen gesungen.

Es ist das erste Lied in unserer Weihnachtsgeschichte, das Lied der Mutter. "Hoch preist meine Seele den Herrn!" Es ist ein Danklied und ein Lied der Hoffnung. Sie singt es, als sie noch den Herrn als Kind unterm Herzen trägt.

Viele Schweizer kennen das Wiegenlied aus der Zeller Weihnacht. „Kei Muetter weiss, was ihrem Chind wird gscheh...!" Auch die Mutter Gottes weiss nicht, was alles noch auf sie zukommt. Ihr Lied ist ein realistisches Lied - sie singt von den Armen und Reichen, von den Stolzen und Einfachen, den Mächtigen und den Unterdrückten. Aber sie vertraut darauf, dass Gott in ihrem Heute helfen wird, wie er es früher getan hat.

Darum ist dieses Lied auch ein Lied für unsere Tage, sei es als Danklied für das, was wir sind und haben, sei es als Lied der Hoffnung in der Not, sei es als visionäres Lied, das uns aus der Enge des Alltags und der eigenen kleinen Verhältnisse hinausführt in grosse Perspektiven. Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen!

Einer meiner Mitbrüder sagt immer wieder "Es gibt Lieder, die die Seele nähren". Wie gesagt, ich kann Ihnen das Geheimnis der Lieder und besonders dieses Liedes nicht erklären. Ich kann Sie nur dazu ermuntern, mitzuhören und mitzusingen, das Lied der Maria, dieses Lied der Hoffnung und der Freude.

Paul Vautier ist Schönstatt-Pater und lebt in Horw bei Luzern.

 

 

Meldung vom 25.11.1994

mariae.empfaengnis

Wort zu Mariä Empfängnis, 8. Dezember
Der reine Klang der Glocke


Von P. Paul Vautier 
 Kürzlich durfte ich bei der Einweihung einer
Kapelle die neue Glocke läuten. Sie war ein guter Guss, hatte eine schöne
Inschrift und einen herrlichen Klang, rund und rein! Wohl die meisten von
uns haben ihre Erfahrungen mit Glocken - angenehme oder weniger angenehme.
Aber der Klang einer reinen, hellen Glocke oder die Harmonie eines gut
gestimmten, vollen Geläutes fasziniert uns immer wieder. Wir wissen, dass
das gar nichts Selbstverständliches ist. Glockengiessen ist eine Kunst. Und
weiter: Ein kleiner Riss - und schon ist der Ton dahin. Das Scherbeln einer
kaputten Glocke ist kein Vergnügen mehr und wird zur Nervensäge.
Ich möchte die Glocke als Bild für uns Menschen nehmen. Wir alle sind
wie Glocken, die einen wunderbaren Ton Gottes wiedergeben können. Wie die
Glocken unterscheiden wir uns in der Höhe, im Charakter und in der Reinheit
des Tons. Wir können unseren schönen Ton bewahren oder auch durch Risse und
Beschädigungen verlieren.
Es ist gar nicht so leicht, das Festgeheimnis des 8. Dezembers, der
Unbefleckten Empfängnis Mariens, genauer zu beschreiben. Das Bild der
Glocke mag uns helfen, es intuitiv zu erfassen. Der Glaube sagt uns, dass
die Mutter Jesu wie eine Glocke war, die gar keinen Riss und deswegen einen
ganz wunderbaren, reinen Ton hatte. Wir merken ja, wenn wir uns selbst
ehrlich betrachten, dass wir alle unsere kleinen und grösseren Schäden und
Risse in unserer Seele haben. Jede Sünde ist wie ein Riss oder wie das
Vergrössern einer Bruchstelle. Das tut dem Ton der Glocke nicht gut. Wohl
kann vieles einigermassen geflickt werden. Aber mit unseren Fehlern ist es
wie bei den Glocken: die ursprüngliche Reinheit des Tons kann durch Löten
und Schweissen nicht mehr erreicht werden. Maria ist die Glocke mit dem
schönsten Ton, die sich der liebe Gott gemacht hat. Und sie blieb ohne
Riss.
Viele Gläubige, auch solche, die sich zur katholischen Kirche zählen,
sind heute nicht mehr bereit, diese Wahrheit anzunehmen. Maria soll so
verschieden von uns sein? Wir alle seien mit der Erbsünde behaftet, sollen
unsere Risse haben, und die Muttergottes nicht? Viele Zweifel an dieser
Lehre beruhen nicht so sehr auf komplizierten theologischen Überlegungen,
sondern auf ganz spontanen emotionalen Reaktionen, die in unserem
Glaubensleben auch eine grosse Rolle spielen: Neid und
Gerechtigkeitsgefühl. Warum soll Gott so grosse Unterschiede machen? Warum
soll gerade Maria eine Ausnahme sein? Warum soll sie es soviel besser haben
als wir? Gerade religiöse Menschen, die ein feines Empfinden bewahrt haben,
kommen manchmal in solche Schwierigkeiten.
Ich denke, vom Bild der Glocke her können wir einen anderen Zugang zum
Festgeheimnis gewinnen. Was ein wirklich voller, reiner Glockenklang ist,
kennen wir Menschen nur vom Hören. Das ist auch bei anderen Instrumenten
oder mit der Musikinterpretation so. In meiner Jugendzeit hörte ich einmal
die Virtuosin Clara Haskil auf einem guten Flügel ein Klavierkonzert von
Mozart spielen. Es klingt heute noch in meinen Ohren; seit damals "weiss"
ich, wie Mozart klingen kann - die Noten allein, meine Phantasie oder eine
scherbelnde Platte hätten mir das nie vermitteln können. Angewandt auf
unsere Fragen: Freuen wir uns, dass Gott uns den reinen Ton, die Melodie
des von Gott erfüllten Menschen in Maria so schön vorspielt! Natürlich
verspüre ich auch etwas Neid - aber ich verdränge die Erinnerung nicht,
nein, im Gegenteil, ich bemühe mich ebenfalls, gute Musik zu machen.
Maria ist mehr als eine Glocke, die irgendwo hängt und angeschlagen
werden kann. Sie hat uns Christus gebracht und begleitet uns als erstes und
vorbildliches Glied der Kirche auf unserem Weg. Sie hilft uns, den Ton, den
Gott uns geschenkt hat, immer besser und reiner erklingen zu lassen. Sie 
hilft uns, dass wir nie die Sehnsucht nach dem Guten, Schönen und Reinenverlieren. Lassen wir uns darauf ein! 

 

 



Weihnachtsgedanken 1994
Symbolische Weihnachtsutensilien ...
Von P. Paul Vautier 


 Für viele von uns ist Weihnachten eine besondere
Zeit. Wir benötigen auch Hilfsmittel, die wir sonst das Jahr hindurch
weniger brauchen. Es ist zum Beispiel die Zeit, während der viele wieder
Nüsse essen, also suchen wir Nussknacker. Manche Frau, die sonst nicht viel
Zeit in der Küche verbringt, nimmt für Weihnachten den Backofen wieder in
Betrieb. Guetzli sind angesagt. Und endlich: Auch viele Nichtraucher müssen
Zündhölzer mobilisieren, um dieses oder jenes Kerzlein oder die Lichter auf
dem Weihnachtsbaum anzuzünden.
Drei unscheinbare, ganz normale Hilfsmittel! Doch möchte ich meine
Weihnachtsgedanken und -wünsche dieses Jahr an diesen drei
Alltagsgegenständen aufhängen.

Der Nussknacker: Ich versuche immer mehr die Walnüsse mit den blossen
Händen aufzubrechen. Aber es gelingt nicht immer. Und bei anderen
Nusssorten muss ich schon von vornherein zum Nussknacker greifen. Ein
Genuss ist es, wenn ich einen schönen, vollen Nusskern finde. Ärgerlich ist
es, wenn die Mühe umsonst ist und ich eine taube Nuss erwische. Nach einer
Weile sieht man die Spuren der Esserei: Nuss-Essen gehört zu den
Mahlzeiten, bei denen der Abfallhaufen grösser ist als der essbare Kern...
Nun scheint es in unserem Leben ähnlich zu gehen. Oft zeigen wir "harte
Schalen" - harte, unversöhnliche Köpfe - und oft produzieren wir in einem
Jahr ziemlich viel Abfall. Ich denke an die Kriege und ihre Zerstörungen.
Nussessen gleicht auch dem Jahresrückblick: Wir sehen Gutes und weniger
Gutes, Volles und Verkümmertes, wenn wir die Schalen aufmachen. Ich wünsche
Ihnen, dass sie viel Frucht ernten. Hoffen wir, dass Gott, der viel besser
Nüsse knacken kann als wir und behutsam alle wertvollen Körnlein
einsammelt, uns hilft, das Gute und Schöne in diesem Jahr zu entdecken.

Bei uns in der Küche ist der Backofen in Betrieb. Mit viel Mühe sind die
Küchengeister dabei, etliche Sorten von Weihnachtsguetzli zu formen und zu
backen. Wie anders sehen diese aus, wenn sie dann aus dem dunklen Ofenloch
herauskommen! Was sonst unverdaulich gewesen wäre, schmeckt jetzt wunderbar
und lockt die grossen und kleinen Kinder an.
Ich glaube kaum, dass ich ein guter Bäcker würde - mir steckt die
Ungeduld, das "Schnell-machen-wollen" zu sehr in den Knochen. Etwas ins
dunkle Loch schieben und warten, einfach warten, bis alles durchgebacken
ist? Ich gestehe, dass mir das schwerfällt.
Ich kenne diese Ungeduld auch gegenüber den Mitmenschen. "Wenn die doch
endlich durchgebacken und nicht so unverdaulich wären..." Aber ich bin
vielleicht für meine Nächsten ebenso schwierig. Und wenn ich ehrlich bin,
weiss ich, wie schwer es mir fällt, mich zu ändern, mich umzustellen. Über
Gott wissen wir ja nicht viel, aber dieses ist wohl im Gegensatz zu uns
ziemlich sicher: dass er geduldig ist, viel geduldiger als wir. Jedes Jahr
wird es einmal Weihnachten, wir erneuern in uns den Wunsch nach Frieden und
richten grosse Appelle an alle Welt.
Aber unsere Bemühungen sind noch weniger als halb durchgebacken, und
nicht alle Menschen sind bereit, sich der Wärme Gottes auszusetzen. Denn es
wird auch wohl manchmal heiss um ihn herum, viel Egoismus muss verbannt
werden und manches Unentschieden-Wabbelige muss seine feste Form finden.
Vielleicht lernen wir wieder vom Backofen: nur durch Wärme und Zeit, durch
Liebe und geduldige Zuwendung gerät das Werk, "gehen" die Menschen "auf".

Und endlich die Zündhölzer! Ich könnte viele Kerzen in meinem Zimmer
stapeln - sie allein geben noch kein Licht. Ein Zündholz genügt, ein
geduldiges Weitergeben des kleinen Feuers von Docht zu Docht - und bald
taucht alles in ein schönes, warmes, lebendiges Licht. Die Unscheinbarkeit
der Geburt des kleinen Jesus in der Krippe von Bethlehem. Das Licht dieses
einen Kindes hat die Weltgeschichte geprägt. Und wir wären froh, wenn noch
viel mehr Menschen sich von seinem Licht anstecken lassen würden.
Das ist auch heute noch meine Überzeugung, dass viel Grosses seinen
Ursprung hat in solch kleinen Momenten wie dem Anzünden einer Kerze. Die
Seele, das Herz eines Menschen zu bewegen, das gelingt oft nicht durch
grossen Lärm. Es gelingt oft nur in einer stillen Stunde, im kleinen Kreis.


Drei unscheinbare Gegenstände unseres Alltags - und doch voller
Sinnhaftigkeit. Ich wünsche Ihnen ein gutes Weihnachtsfest: mit dem Mut,
einen guten Jahresrückblick zu halten, das Gute einzusammeln und die leeren
Schalen zu verbrennen; mit viel Geduld und Wärme, damit Sie selbst und alle
Ihre Nächsten langsam die Form Gottes finden und endlich mit dem Licht
Gottes, das unsere Dunkelheit erhellt und uns in der Nacht, die oft so lang
und dunkel scheint wie unsere Winternächte, den Weg zu Verständnis, Frieden
und Gerechtigkeit zeigt. 

 

 

 

 

Wort zum 25. Dezember 2000, Weihnachten

2000 Jahre naher Gott

Von Paul Vautier 


Nun ist es endlich soweit! Weihnachten 2000 - Christi „rundester Geburtstag, der eigentliche Grund der 2000-Jahr-Feiern, deren wir jetzt wohl alle schon etwas müde sind. 2000 Jahre Menschwerdung Gottes - was bedeutet das eigentlich?

Unter uns Menschen ist es doch so, dass die "hohen Tiere", das heisst die Regierungsleute, die Präsidenten, die Direktoren, normalerweise immer mehr an Nähe zum Volk verlieren, je grösser das Land oder die Firma wird. Oft schützen sie sich vor zu vielen Kontakten, weil das die Regierungsgeschäfte stört. Oder sie bauen sich Villen und verkehren in exquisiten Hotels, wo das billigste Getränk soviel kostet, wie ein Afrikaner im Jahr verdient. Um diese Wirklichkeit zu überdecken, wird dann Nähe für die Medien gespielt, die PR-Agenten springen und planen. Es ist ja sympathisch, dass Clinton bei seinem letzen Besuch in der Schweiz in der Autobahngaststätte Glanerland an der normalen Theke eine Cola getrunken hat. Aber ob das wirkliche Nähe zum Volk ist? Dem Schweizer Normalbürger ist er mit oder ohne Cola im Lintthal fern geblieben.

Wie kann der grosse Gott den Menschen nahe sein, so dass wir es ihm auch wirklich glauben? Er wurde Mensch, aber - wie uns die Weihnachtsgeschichte es uns schildert nicht als Königssohn, nicht als Kind reicher Eltern, nicht als Grosser dieser Erde.

Er erscheint nicht schnell für 10 Minuten, um an einer Theke eine Cola zu trinken, sondern er weilt neun Monate im Schoss Marias, und lebt dreissig Jahre in Nazareth, arbeitet und schwitzt wie wir. Er kennt unser Leben, weil er es selbst gelebt hat. Deswegen ist seine Botschaft uns so nah. Und er ist den dunklen Seiten des Lebens nicht ausgewichen, hat sie durchgekostet bis zum Tod. Das ist ein naher Gott.

Diese Nähe Gottes hörte aber mit seinem Tod nicht auf. Jesus sagte: "Wenn zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen." Wir lesen und meditieren seine Worte und erhalten daraus Orientierung und Kraft. Er ist uns nahe in seinen Sakramenten. Immer wieder erinnern uns Menschen, die ganz besonders von seinem Geiste gepackt und inspiriert sind, dass er uns nicht verlässt, sondern ständig begleitet.

Bei einem so nahen Gott ist vielleicht auch die Phantasie erlaubt, was er uns wohl sagen würde, wenn wir ihn in unserm heutigen frechen Interview-Stil zum Geburtstag ausfragen würden. "Herr Christus, wie ist Ihnen zumute, so mit 2000 Jahren Menschsein auf dem Buckel?" - "Tja, das war nicht so einfach. Es gibt schon viele gute Menschen, besonders im Kleinen und Verborgenen. Aber es gibt auch genug, auch Christen, die nicht vom Kriegführen abzuhalten sind. Ist schon ein Stück Arbeit, noch Schlimmeres zu verhindern."

"Haben Sie nie daran gedacht, zurückzutreten, wenn der Erfolg Ihres Unternehmens so gering ist?" - "Drei Antworten: Erstens ist Ihnen die himmlische Bilanz völlig unbekannt. Ich denke, dass Sie sie unterschätzen. Zweitens: Ich denke nicht daran, zurückzutreten - hier geht es um die Treue zu den Menschen, nicht um Geschäfte. Drittens: die Aufgabe bleibt spannend."

"Bald beginnt das neue Millenium. Haben Sie eine besondere Perspektive für die Zukunft?" - "Ja. Noch nie verfügte die Menschheit über soviel Mittel und Wissen. Wenn es uns gelingt, diese mit Vernunft und Nächstenlieben einzusetzen, dann können wir uns den Herausforderungen von Morgen stellen. Machen Sie mit?" - "Hm-hm. Wir danken Ihnen, Herr Christus, für dieses Interview."

Haben Sie bemerkt, wie die/der Interviewer die letzte Frage überspielt? Das ist die Frage, die uns allen gestellt wird. Machen Sie mit, mit dem nahen Gott, fürs nächste Jahrtausend? Ich hoffe, dass auch Sie ein "Ja" sagen.

Paul Vautier ist Schönstatt-Pater und lebt in Horw bei Luzern.

 

 

 

Wort zum 1. Januar 2001 - Neujahr

Die Welt fängt beim Nächsten an

Von Pater Paul Vautier 

Am 1.1.2001 fängt nun tatsächlich und unwiderruflich das dritte Jahrtausend an. Die grossen Feiern haben wir hinter uns gebracht, als die Computer drei Nullen nach der 2 anzeigten. Für unser Empfinden fängt jetzt das hundskommune Jahr 2001 an. Für diesen Anfang möchte ich Ihnen eine allgemeine Perspektive fürs neue Jahrtausend vorlegen.

Dazu eine kleine, aber für mich eindrückliche Beobachtung, die mir schon als Kind grossen Eindruck machte. Mein Grossvater sammelte japanische Kunst, und wir hatten ein schönes Kästchen mit japanischen Nippsachen. Eines der kostbarsten Stücke lag in einem kleinen Sack aus Seidenbrokat, dessen Kordel mit einem Metallknopf von weniger als 1 cm Grösse zusammengebunden war. Dieser winzige Metallknopf war nun verziert mit einer Miniaturdarstellung einer Brücke und eines Pfirsichbaums: Schönheit und Kultur auf kleinstem Raum! In Japan hatte man von je her wenig Platz und verschönerte daher die Alltagsgegenstände.

Wir werden im neuen Jahrtausend immer mehr Menschen auf dieser Erde sein. Wenn wir für jeden Einzelnen die Erfüllung unserer Triebe fürs Grossartige und Mächtige erfüllen wollten, dann ist das eine reine Unmöglichkeit. Ein Schloss, mit Garten und Ländereien für jeden? Dazu schöne Berge und stille Landschaften. Und als Dessert Autobahnen zum Rasen? Das geht einfach nicht. Dafür ist die Erde zu klein, dass alle Märchenkönig und Märchenkönigin spielen könnten. Wir brauchen Kultur auf kleinem, beschränkten Raum.

Je mehr die Menschheit wächst, desto mehr müssen wir lernen, eng aufeinander, aber im Frieden zu leben. Dauerhafter Friede gibt es aber nur, wenn wir im Kleinen die Fremden vertragen. Optimal wäre es, wenn wir uns nicht nur vertragen würden, sondern uns die Fremden zu Freunden machten und lernten, zufrieden miteinander zu leben.

Der Schluss des letzten Jahrtausend macht uns nachdenklich. Auf der einen Seite kam der Ruf nach der totalen Globalisierung auf, und es entstanden neue Mittel der Kommunikation und Verständigung: das Mobiltelefon, das Internet und die SMS. Auf der andern Seite gab es Bürgerkriege und ethnische Spannungen, wo wir hinsehen. Das ist das Gegenteil der Kultur auf kleinem Raum.

Heute am Neujahr, feiern wir den Tag, an dem der Sohn Marias seinen Namen bekam, nämlich "Jesus". Blättern wir in den Evangelien, die seine prophetische Predigt zusammenfassen, dann finden wir keine Anweisungen für eine Weltregierung und kein globales Wirtschaftsprogramm, wohl aber Anweisungen für die "Kultur auf kleinem Raum", nämlich die Nächstenliebe.

Der Nächste ist für ihn wirklich der Nächste, egal, ob er zu meinem Volk oder Stamm gehört oder nicht. Es ist der berühmte Samariter, der dem Juden hilft, der Ausländer dem Einheimischen. Wenn etwas nicht klappt, dann soll ich zunächst bei mir selber schauen: "Was suchst du den Splitter im Auge Deines Nächsten, und den Balken im eigenen Auge siehst du nicht?" (das ist Kultur auf kleinstem Raum: der Umgang mit mir selbst!). Wenn wir in ein Haus kommen, sollen wir den Bewohnern den Frieden wünschen. Und wenn jemand etwas Böses tut, sollen wir bereit sein, zu verzeihen, sieben Mal siebzig Mal. Die Pflege der Rache und der Terror sind die grössten Feinde der Kultur auf kleinem Raum.

Gerade die letzten Kriege in Afrika demonstrieren uns den Unsinn, den wir treiben. Wieviel Geld und Anstrengung wurde für die Macht einiger weniger und für die Vernichtung vieler Menschen eingesetzt, und ein ganzer Kontinent liegt darnieder! Wenn es nur gelänge, diese Energie für die "Kultur auf kleinem Raum" einzusetzen!

Ich glaube nicht, dass wir Menschen ohne Wettbewerb, ohne Herausforderungen, ohne Ringen nach Neuem und Besserem leben können. Die Psychologen nennen das in einem ganz allgemeinen Sinne "Aggressivität". Aber es muss ja nicht Krieg sein. Es kann Bildung, Kultur, Kunst, Spiel und Sport sein. Wir können mit unserm Geist ganze Welten erfinden und gestalten. Oft braucht es gar nicht viel Platz oder Geld dafür. Geben Sie Kindern einen Ball und schon gehts los!

Das wäre meine Perspektive für die Menschheit im dritten Jahrtausend: die "Kultur im Kleinen". Zu lernen, wie wir jeden Platz der Erde wohnlich machen nicht durch den Aufwand vieler Mittel, sondern durch die Kunst des Zusammenlebens. Mit dem Nächsten. Mit jedem Nächsten. Worauf uns offensichtlich der Mann aufmerksam machen wollte, der nun seit ziemlich genau 2000 Jahren Jesus heisst.

Paul Vautier ist Schönstatt-Pater und lebt in Horw bei Luzern.

 

 

 

Meldung vom 21.11.1999 

Sonntag der "Heiligen Familie"

Perfektion im normalen Chaos

Von Paul Vautier 

Ich bin dankbar für uns alle, dass die Heilige Familie in einer Zeit gelebt hat, wo es noch keine Fotos und keine Papparazzis gegeben hat. Stellen Sie sich vor, es gäbe Fotos vom Haus in Nazareth, von Joseph bei der Arbeit, von Maria beim Waschen und dem kleinen Jesus bei allen möglichen und unmöglichen Verrichtungen! Ich bin mir sicher: viele wären enttäuscht oder hätten dies oder jenes auszusetzen.

Ehrlich gesagt: ich kann die meisten gemalten Bilder von der Heiligen Familie nicht ansehen. Sie spiegeln meist die Vorstellungen einer europäischen Kleinfamilie mit einem unmöglichen frommen Zuckerguss darüber. Nach Matthäus war es aber eine Flüchtlingsfamilie, die nach Ägypten floh und nach Jahren zurückkam. Überhaupt eine Familie, die nicht in unsere Idealvorstellungen hineinpasst: Die junge Frau ist schon schwanger vor der Heirat, der Sohn läuft den Eltern mit zwölf Jahren davon und führt sich später so auf, dass die Verwandte ihn für verrückt erklären.

Was ist denn eine Familie? Staat und Kirche haben meistens eine Ideal- oder Normvorstellung, die mit der Wirklichkeit schlecht übereinstimmt. Familie konkret, jenseits des Buchstabens, ist meist ganz anders. Wir haben schon längst eine bunte Vielfalt des familiären Zusammenlebens. In vielen Fällen ist die Familie eine gemeinsame Überlebensform. Menschen wohnen zusammen, Kinder werden gezeugt oder aufgenommen, Ältere werden betreut. Die äusseren und finanziellen Verhältnisse sind oft eng.

Eine gute Familie wird aber nicht durch die äusseren Bedingungen und finanziellen Mittel definiert, sondern ob ihre Mitglieder der Ansicht sind, dass sie zueinander gehören. Sie leben gemeinsam, sie stützen und fördern einander. Wie viele Familien die normalen Schwierigkeiten überwinden - Wohnungsenge, Geldnot, Krankheiten, Arbeitslosigkeit, das Zusammenleben mit schwierigen Mitgliedern usw. -, das ist oft bewundernswert, ist ein Stück Perfektion im normalen Chaos des Lebens.

Wir haben für Christus nicht den Mythus des reichen behüteten Prinzen am traumhaften Hof des reichen Königs mit seiner schönen Königin, sondern das Flüchtlingskind einer Nicht-Norm-Familie. Gott sei Dank. Das macht uns Mut, Familie zu leben in unsern alltäglichen Verhältnissen, mit den konkreten Menschen, die uns umgeben, inmitten der Schwierigkeiten und Problemen, mit denen wir uns jeden Tag herumschlagen.

Es gibt die Perfektion der schönen und teuren Dinge, etwa jene des Brillantringes im Schaufenster. Es gibt daneben die Perfektion der menschlichen, unauffälligen Dinge: Den Alltag fröhlich meistern, den Kranken zuhause pflegen, mit dem wenigen, was wir gerade haben, ein Fest feiern oder den Partner mit einer kleinen Aufmerksamkeit überraschen. Ich glaube, an dieser Perfektion hat Gott seine grössere Freude, in dieser Richtung jedenfalls suche ich die Heiligkeit der „heiligen Familien", die wir darstellen können und sollen.

Pater Paul Vautier ist Schönstatt-Pater und lebt in Horw bei Luzern.

 

 

 

 

 Sonntag, 4. März 2001 - erster Fastensonntag

Globalisierung - ein altes Thema

Von Pater Paul Vautier 

 Ein bekanntes Wort, diese Globalisierung, und für viele ein Reizwort. Die Einheitskultur macht Angst. Das Ausmass an Technik, an Maschinen, an Kommunikation, das damit verbunden ist, scheint vielen bedrohlich. Wenn ich nur noch eine Nummer in der weiten, anonymen Welt bin - wer bin ich dann noch?

Ist die Globalisierung aber wirklich etwas Neues? Ich glaube, dass es vielmehr ein neues Wort für ein Streben des Menschen nach Grösse und Macht ist, das tief im Herzen der Menschen wurzelt. Die Bibel spricht in den ersten Seiten vom Turmbau zu Babel. Ist dieses Streben nach dem himmelstürmenden Turm nicht schon Globalisierung? Die Schlange in der Paradiesesgeschichte verspricht das Wissen von Gut und Böse, von schlechthin allem. Vor Adam erscheinen alle Tiere der ganzen Welt, um ihren Namen zu bekommen. Globales Wissen, globale Macht: das war schon immer ein offenes oder geheimes Ziel vieler Menschen.

Und so sind auch die Versuchungen, die nach dem heutigen Evangelium an Jesus herankamen, globale. Sich von der obersten Terrasse des Tempels hinunterzustürzen und zu überleben, wäre ein Wunder für die ganze Welt. Alle Armen der Welt mit den Steinen der Wüste zu speisen, würde ihm eine grosse Anhängerschaft bringen! Und schliesslich ganz deutlich: "Wenn Du mich anbetest, soll alles Dir gehören", sagt der Teufel, nachdem er ihm alle Reiche der Erde gezeigt hat.

Heute können Sie eine x-beliebige Zeitung aufschlagen, und der ganze Reichtum der Erde wird Ihnen in den Seiten der Börse und Märkte vor Augen geführt. Sie können sich "global" beteiligen. Und jeder Tag erzählt uns von einer noch verrückteren Fusion zweier Firmen, um endlich die weltweit führende Firma zu bilden. Gross wird davon berichtet und dabei vorausgesetzt, dass heute Hinz und Kunz Aktien kaufen, um bei diesem planetenweiten Spiel mit dabei zu sein.

Die negativen Effekte dieser Globalisierungen haben das Wort für viele zu einem Schrecken gemacht. Aber es gibt ebenso Globalisierungen, die wir positiv finden und guten Gewissens anstreben. Sehnen wir uns nicht danach, dass der Friede globalisiert würde? Dass wir weltweit Seuchen wie Tuberkulose und Aids wirksam bekämpfen könnten? Ein Inbegriff positiver, säkularer Globalisierung sind die Menschenrechte, die wir gerne überall respektiert sähen.

So wird auch Jesus nicht nur mit globalen Versuchungen konfrontiert, er bleibt selber bei seinem globalen Anspruch und seinem Dienst für alle Menschen. Das Evangelium soll allen Menschen verkündet werden.

Offenkundig liegt das Böse nicht im Globalen, sondern an der Sache selbst, die weltweit angeboten werden soll, oder dann an unsern Motiven oder an unserm Gebrauch und Missbrauch. Jesus wird in den Versuchungen geprüft - prüfen auch wir uns selbst! Welches sind die geheimen Motive unseres Handelns? Stehen wir wirklich zu Wahrheit und Gerechtigkeit? Geht es nur um uns selbst, oder können wir unsern Egoismus bremsen? Wir dürfen "global players" sein, wenn es ums Gute geht!

Paul Vautier ist Schönstatt-Pater und lebt in Horw bei Luzern.

 

 

 

 

Die Geschichte von der dreifachen Versuchung ist wirklich sehr eigenartig.

 

Zuerst soll Jesus zu Wundern angestiftet werden. Er soll aus Steinen Brot machen und sich von der hohen Tempelmauer stürzen, ohne sich zu verletzen. Was sollte es Gott stören, ein Wunder mehr oder weniger zu wirken? Richtig inszeniert wäre dies sogar ein Schaden für den Teufel. Warum tut er es nicht?

 

Am sonderbarsten ist aber die dritte Versuchung. Da sagt der Teufel, nachdem er Jesus „alle Reiche der Welt“ gezeigt hat: „Das alles will ich dir geben, wenn du vor mir niederfällst und mich anbetest“.

 

Was ist das für eine verkehrte Welt! Wenn Jesus wirklich der Sohn Gottes ist, fällt er doch nicht auf den Teufel hinein, den es, so sagen wahrscheinlich viele von uns, sowieso nicht gibt.

Ausserdem, was soll das bedeuten: „den Teufel anbeten“? Weiter:

Woher soll der Teufel die Macht haben über alle Reiche zu gebieten? Und um die Widersprüchlichkeit bis zum Geht-nicht-mehr  zu steigern: Da soll der Teufel Gott etwas geben, was dieser selbst geschaffen hat!

 

Und doch hat diese dritte Versuchung näher betrachtet- etwas schrecklich Einfaches und Wahres an sich. Es ist tatsächlich so, dass viele in der Welt sich einen Dreck um Gott kümmern, ihm also diese Welt nicht gehört. Gott und das Gute scheinen ohne Kraft zu sein. Gerade in unserem vergangenen Jahrhundert sehen wir, wie das Böse in seiner ganzen Brutalität regiert, und zwar ohne auf Wunder angewiesen zu sein.

Maschinengewehre, Panzer, Drogen, Geld, Diktatur, Terror, Folter und vieles mehr genügen völlig. Das gilt leider nicht nur für die grosse Politik. Im kleinen Alltag, der uns umgibt, genügen Grüchte, kleine Lügen, Eifersucht und Neid, das Drängeln um Macht und Ansehen. Dies nimmt viele Menschen in Beschlag und verhindert viel Gutes.

 

Wie viel mehr Anstrengung braucht es doch, ein streitendes Ehepaar wieder zu versöhnen als irgendwo durch eine Kleinigkeit Zwietracht zu säen!

 

Es ist sogar so, dass wir an dem Tanz um das Böse unser Freude haben und dafür viel Geld bezahlen. Wir interessieren uns für die böse Wirklichkeit in den Nachrichten und Skandalgeschichten der Illustrierten, und als ob uns das nicht genügte, holen wir uns den Reiz des Bösen mit den Krimis und Actionsfilmen in die Stube.

 

Im Grunde genommen wissen wir alle, dass wir vielen genannten Versuchungen schlecht widerstehen können. Aber es wird uns leicht gemacht, „den Teufel anzubeten“, das heisst, die kleinen und grossen Spiele der Macht, der Lüge und der Eigensucht mitzuspielen.

 

Schwieriger ist es Gott anzubeten, das heisst, im Alltag dem „schwachen“ Guten zum Sieg über das verführerische Böse zu verhelfen und darin nicht abzulassen.

Jesus braucht keine Wunderkräfte, um den Teufel zu verscheuchen. Eine klare Haltung, ein klares Wort genügt. In vielen Situationen ist das auch für uns der Mögliche Weg, besonders zu Beginn. Sagen Sie sich und dem anderen klar“ Damit fange ich nicht an!“ oder „Ich verwende meine Zeit für etwas Besseres“. Schaffen wir Raum für das Gute durch ein klares Nein zum Bösen!

 

 

 

 

 2001 - 2. Fastensonntag

Der wahre Glanz

Von Pater Paul Vautier / Kipa

In der Gegend, in der ich wohne, gibt es viel Nebel und Regen, und die Sonne zeigt sich nicht so oft, wie viele Leute es sich wünschten. Eine sprechen sogar vom "eidgenössischen Schüttstein" - nun, so schlimm ist es wohl nicht. Auf alle Fälle wissen wir es zu schätzen, wenn sich die Sonne zeigt und der Sternenhimmel glitzert und blinkt.

Manchen fällt es aber sehr schwer, wenn die Sonne lange "in den Ferien" ist - wir Menschen sind auf Licht angewiesen. In unserer modernen Kultur spielt daher die Beleuchtung eine grosse Rolle, und ich denke, die Lampenfabrikanten haben ein ständig laufendes, sicheres Geschäft. Auf die Kerzen und Talglichter folgten Petroleumlampen und die Gasstrümpfe. Auf Glühbirne folgte die Neonröhre, dann kamen die Spots, zuletzt die Halogenlämpchen in jeder Ausführung, damit wir Licht und Schatten haben, wie es uns gefällt. Wir lieben eben Licht und Glanz.

Eine Faszination sind auch die Gegenstände, die von selbst leuchten oder das Licht besonders reflektieren. Auf die "Katzenaugen" an den Velos folgten die floreszierenden Farben. Heute sind die Joggingkleider und Schuhe verziert mit den reflektierenden Streifen, und sogar auf dem Papier markieren wir mit leuchtenden Farben. Und last not least: die glänzenden Ringe an Fingern, Ohren und Nasen und die vielen Steine sind wieder aktuell. Wer sich nicht etwas Glanz verleiht, ist nicht "in". Und jene teuren, kleinen Dinger, die so glitzern, die Brillanten, sind nach wie vor so begehrt, dass der Diamantenkauf die hässlichen Kriege in Afrika mitbestimmt.

Den schönste Glanz, den ich kenne, können wir aber weder kaufen noch durch ein elektrisches Gerät erzeugen. Das ist das Leuchten der Augen eines guten Menschen. Es gibt auch die Anmut einer Person, die vielleicht nach dem gegenwärtigen Geschmack nicht "schön" ist, aber eine Ausstrahlung besitzt, die jenseits von Nasenlänge und Augenfarbe, und weit jenseits von Make-ups und Parfums ist.

Was die Jünger genau bei der Verklärung Jesu, dem heutigen Evangelium, erlebten - ob es nun ein ausserirdischer, aussergewöhnlicher Glanz war, oder ob sie einen besonders tiefen Blick tun konnten ins Geheimnis, in die Person Jesu, in sein göttliches Geheimnis - das wissen wir nicht. Sie berichten es jedenfalls im Bild, das uns allen vertraut ist, im Bild des Lichtglanzes.

Wenn wir dieses Evangelium vom Tabor lesen, dann ist das keine Aufforderung, uns selber künstlich zu "verklären" - durch auffällige Kleidung, Frisur, falsche oder echte Brillanten oder was es sonst zu diesen eitlen Zwecken gibt. Jugendliche haben manchmal die gegenteilige Phase, in der sie sich möglichst unmöglich, grau oder schmutzig kleiden. Aber vor Dreck strotzen ist oft auch gesellschaftlicher Glanz - schauen Sie nur mal die Fotos von den Radfahrerhelden an, wenn sie eben aus dem Schlamm kommen! Aber all dieser Glanz bleibt äusserlich und ist wenig dauerhaft.

Bemühen wir uns, echt zu sein! Je mehr wir innerlich an Ruhe, an Freude, an Wohlwollen, an innerer Grösse, an Gottverbundenheit wachsen, desto mehr bekommen unsere Augen jenen ungreifbaren Glanz. Den wahre Glanz.

Paul Vautier ist Schönstatt-Pater und lebt in Horw bei Luzern.

 

 

 

 

 

 2001 - 3. Fastensonntag

Der alltägliche Aberglaube

Von Pater Paul Vautier / Kipa

Als ich von der Universität in die Praxis kam, traf es mich, Kaplan auf dem Land zu sein. Auf den ersten Blick waren für mich, einen Zürcher von der Bahnhofstrasse, die Leute auf dem Land sehr fromme Leute. Mit der Zeit merkte ich dann, dass ich überall, in Stadt und Land, unterscheiden musste zwischen dem, was nur religiös zu sein scheint (und vielleicht blosser erstarrter Brauch ist), und dem, was wirklich religiös ist (aber vielleicht für die Frommen ganz weltlich scheint).

Besonders fiel mir dies bei Redeweisen und Verhaltensweise auf, die für mich zunächst den Anschein von Aberglauben machten. Da gab es hier tiefe Verbundenheit mit Gott und dort nur irrationales Reden und Tun, das seine Kraft nicht im Glauben holte, sondern in Urkräften unserer Seele, in unsern Ängsten und egoistischen Bedürfnissen.

Ein solcher, oft gehörter, für mich wirklich abergläubischer Spruch heisst: "Gott straft sofort". Es ist für mich wirklich ein schlimmer Spruch. Einmal wäre dazu zu sagen, dass er einfach nicht stimmt. Abgesehen von der Frage, ob und wie Gott "straft" - schon die Heilige Schrift kennt die vielen Klagelieder der Frommen, die sich ärgern und Gott Vorhaltungen machen, warum der Gerechte leidet und umgebracht wird und der Bösen ein ungestörtes Leben führen kann!

Offensichtlich gibt es keine zuverlässige statistische Entsprechung von Frömmigkeit und Wohlergehen. Die Ausnahmen bestätigen die Regel, dass der liebe Gott die Dinge immer wieder anders fügt, als es uns in den Kram passt, als wir meinen, es verdient zu haben. Wir glauben daran, dass Gott letztlich hinter der Geschichte steht - aber er scheint die Welt nach uns unverständlichen Regeln zu regieren.

Schlimmer aber ist, dass der Satz direkt gegen die Botschaft des Alten wie des Neuen Testamentes geht. Heute erzählt Jesus das Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum, der umgehauen werden soll. Es wird ihm immer noch eine Chance gegeben, länger als vernünftig. Gott hat Zeit. Wieder bittet der Gärtner um Geduld und Gott stimmt zu. Im Alten Testamen heisst Gott in der langen Form des heiligen Gottesnamens der "Langmütige". Er ist "langsam im Zürnen", wenn wir wörtlich übersetzen. Also gerade das Gegenteil von dem "Sofort" in unserem Alltagsspruch.

Woher kommt denn unser Spruch her? Es ist wirklich Aberglaube, Gegenglaube, der aus unserm Herzen kommt. Ich schlage Ihnen ein paar "Übersetzungen" unserer patenten Formel vor, die zeigen, was in unseren Herzen vorherrschen kann, wenn wir "Gott straft sofort!" sagen: "Geschieht Dir ganz recht!" - "Ich hätte Dir ja schon gerne früher den Hals umgedreht!" - "Wie kann man nur so dumm sein!" - "Fein, dass ich mich aus so etwas rausgehalten habe, obwohl es mir ja an sich auch Spass gemacht hätte." - "Ich habe es ja immer gesagt.." - "Hoffentlich passiert mir das nicht, wenn ich nächstens denselben Fehler zu machen gedenke..." Es gäbe noch andere Formeln, die unsere Schadenfreude, unseren Egoismus, unsere Feigheit, im schlimmsten Fall unsern Stolz, unsere Rachsucht, unseren Gerechtigkeitsfanatismus, unsere Weigerung zu vergeben ausdrücken könnten, die auch hinter diesem Spruch stehen können.

Ich denke, wir müssen immer wieder von Gott Geduld lernen, Geduld mit uns und den anderen. Gott fällt das leicht, weil er die Menschen liebt, und daher immer wieder neu Chancen zu geben bereit ist. Das "Sofort" Gottes steht beim Verzeihen, beim Lieben, nicht beim Strafen! Prüfen wir uns also unsere Motive, wenn wir im Alltag wieder einmal den abergläubischen Spruch hören oder gar selber machen. Es lohnt sich, uns selbst hinter die Schliche zu kommen. ..

Paul Vautier ist Schönstatt-Pater und lebt in Horw bei Luzern.

 

 

 

2001 - 4. Fastensonntag

Die Verhärtung im Guten

Von Pater Paul Vautier / Kipa

Die Geschichte vom verlorenen Sohn erzählt von drei Bekehrungen - von einer solchen, die wirklich stattfindet, von einer, die seit Ewigkeit stattgefunden hat, also eigentlich gar keine ist, und von einer wünschbaren, die aber nicht stattfindet.

Der verlorene Sohn macht allerlei Dummheiten und kehrt dann um. Er fürchtet sich vor seinem Vater und überlegt, wie er diesen dazu bringt, ihn wieder anzunehmen, wenigstens als Tagelöhner. Diese Sorge ist umsonst, denn der Vater braucht sich nicht zu bekehren, er wartet schon seit Anfang auf den Sohn. Der dritte, der die Bekehrung nicht schafft, ist der ältere Sohn, der es nicht übers Herz bringt, sich seinem Bruder wieder zuzuwenden.

Für mich ist der ältere Sohn das klassische Beispiel für die "Verhärtung im Guten". Ein Sohn, der alles richtig macht, nicht über die Schnur haut, immer fleissig arbeitet, sparsam ist, nicht mit seinen Freunden herum säuft - was wollen Sie noch mehr?

Ja, viele werden ihm gegenüber Verständnis aufbringen, dass er zunächst verärgert war über die Vorzugsbehandlung, die der Vater dem zurückgekehrten Sohn zuteil werden liess. Vielleicht regt sich in manchem von uns der pädagogische Zeigefinger, der es gerne gesehen hätte, dass der Vater den jüngeren Sohn hätte warten lassen. Und sicher gibt es auch manche, die das Verhalten des Vaters als ungerecht und unklug bezeichnen, als Blindheit der Liebe.

Die Geschichte ist innerhalb der Evangelien eine lange Geschichte, aber doch so kurz, dass sie auf ganz verschiedene Art und Weise ausgemalt und weitererzählt werden kann. Mich inspiriert sie immer wieder dazu, über diesen älteren Sohn nachzudenken, der sich in seinen Schmollwinkel zurückzieht und am Fest nicht teilnehmen kann.

So ehrenwert seine Haltung ist - er präsentiert sich als "perfekter Sohn" -, es fehlt ihm eben jene Spontaneität der Liebe, die zunächst einfach Freude hat am anderen, an der Rückkehr seines Bruders. Sein Gerechtigkeitsgefühl wird nicht ausgeglichen durch die grosszügige Haltung des Vaters. Er scheint mir zu skeptisch, zu risikolos - er gibt seinem Bruder von vorne herein keine Chance.

In den Begegnungen des Alltags finden wir häufig diese konträren Haltungen. Oft ziehen sich die einen zurück auf ihr Wissen und Können und sagen selbstgerecht, wenn etwas schiefgeht: "Ich habe es ja immer gewusst!", "Das habe ich ja kommen sehen" oder ähnlich. Was für die anderen so schwierig daran ist, ist dieser Touch von Selbstgerechtigkeit und innerer Härte.

Jemandem, der mir gegenüber grosszügig ist und Verständnis zeigt, ja mir Mut macht, wieder neu zu beginnen, kann ich auch meine Schwächen und Fehler zugeben. Wenn ich diese positive Haltung nicht spüre, verhärte ich mich - und es stösst Härte auf Härte. Resultat: Krach und Verstimmung.

Prüfen wir uns in der Fastenzeit, ob wir auch in der Versuchung stehen, innerlich selbstgerecht zu werden und uns zu verhärten, oder ob wir noch in uns die Grosszügigkeit, das Vertrauen, jenes Stück Risiko, das in jeder Zuneigung liegt, bewahren und pflegen. Erst dann werden wir Gott ähnlicher, den Jesus uns hier im Bild dieses Vaters der ungleichen Söhne vorstellt.

Paul Vautier ist Schönstatt-Pater und lebt in Horw bei Luzern.

 

 

 

 

 2001 - fünfter Fastensonntag

Steine in der Hand - Worte im Sand

Von Pater Paul Vautier 

Das Evangelium von der Ehebrecherin hat mich immer fasziniert. Es bringt so viele Leute aus der Fassung. Es ärgert die Frommen und Strengen: Warum geht Jesus so milde mit der Ehebrecherin um? Es tröstet so viele, die wirklich einmal etwas falsch gemacht haben: Jesus bleibt ruhig und vertreibt durch seine einfache Anweisung die religiösen Sittenpolizisten. Etwas aber nimmt mich wirklich wunder: Was hat wohl Jesus in den Sand geschrieben? Ich lade Sie ein, darüber etwas zu phantasieren.

Eine erste Möglichkeit: das Alphabet, irgendwelche Buchstaben, die keinen Sinn ergeben, Worte, die mit der Situation nichts zu tun haben. Jesus vertreibt sich die Zeit. Die Unversöhnlichkeit der Ankläger macht alles, was sie sagen, zu Makulatur. Mit dem Schreiben in den Sand sagt Jesus den Anklägern: Der Wind wird alles, was ihr über diese Frau denkt und sagt, wegblasen...

Eine zweite Möglichkeit: Jesus schreibt wirklich die Anklagen auf, beschreibt im Sand die ganze Szene, hält alles fest, macht Protokoll. Und genau diese Sünde vergibt Gott. Sie ist in den Sand geschrieben, die Spuren der Sandalen decken sie zu, der Wind bläst darüber, das Geschriebene verschwindet. "Geh, und sündige fortan nicht mehr!" heisst das Wort am Schluss dieser Begegnung.

Eine dritte Möglichkeit: Jesus schreibt ein Lied von Gottes Vergebung auf den Boden, damit es alle lesen können! Je mehr Anklagen erhoben werden, desto mehr schreibt er von Gottes Vergebung. Je mehr potentielle Steinewerfer weggehen, desto mehr erzählt das Lied von der Gerechtigkeit, die grösser ist als "jene der Schriftgelehrten und Pharisäer" und von der Wahrheit, die uns frei macht.

Der Brauch der Steinigung ist in unseren Breitengraden nie üblich gewesen. Aber aufgepasst! Unsere moderne Kultur gibt uns neue Möglichkeiten, andere zu "steinigen". Jedesmal, wenn die Medien wieder einen Skandal aufgefischt haben, dann geht das Steinewerfen mit Worten los, unbarmherzig und in elektronischer Windeseile über den ganzen Erdball verbreitet. Im Fall Clinton-Lewinski hat sich eine ganze Nation, ja, die halbe Welt an der "medialen Steinigung" beteiligt, mit allen voyeuristischen Nebeneffekten. Solche Gelegenheiten anzubieten, um sich "gerechterweise aufzuregen" und sich mit emotionaler oder verbaler Zustimmung unter die "Steinewerfer" zu mengen, gehören zum normalen Geschäft der Medien.

Das nächste Mal, wenn Sie merken, dass Sie wieder eingeladen werden, "Steine" zu werfen, erinnern Sie sich an die Szene in Jerusalem und an den Jesus, der sich bückt, um in den Sand zu schreiben. Legen Sie die Steine aus der Hand, die harten Worte aus dem Mund und schreiben Sie mit am Lied der Vergebung Gottes. "Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!"

Paul Vautier ist Schönstatt-Pater und lebt in Horw bei Luzern.

 

 

 

 2001 - Aschermittwoch

Die jährliche Olympiade

Von Pater Paul Vautier

Vor einigen Jahren bereitete sich ein Nachbar von uns vor, an der Olympiade als Ruderer mitzumachen. Waren sonst die Olympischen Spiele für uns etwas, was sich am Bildschirm abspielte, mit Athleten, die wir höchstens aus den Medien kannten, so war das natürlich für uns in jenem Jahr etwas ganz anderes: Da war wirklich der Thomas von nebenan dabei! Noch intensiver ginge es nur, wenn wir selber dran wären, selber trainierten und um eine der goldenen Medaillen kämpften...

Für viele bleibt die Olympiade ein Fest, aber nur alle 4 Jahre. Und die wenigsten haben Zeit und Geld um wirklich hinzufahren, und es hautnah zu erleben. Wenn Sie das nun bedauern, und wenn Sie gerne etwas mehr "aktuellen Pfiff" hätten, dann kann ich Sie trösten. Es gibt tatsächlich eine jährliche Olympiade, und zwar eine, an der Sie selbst teilnehmen können, ja sogar sollten! Eigentlich ist nämlich Ostern die christliche Olympiade, die jedes Jahr abgehalten und gefeiert wird. Hauptdisziplin ist, wie Jesus im olympischen Kampf den Tod überwindet, uns als Marathonläufer in den Himmel vorausrennt und uns einlädt, seinen grossen Lauf mitzumachen. Eigentlich ist es ein Kombinationslauf, denn er taucht zuerst noch geschwind in die Unterwelt, um dort die Türen aufzureissen...

Die Fastenzeit ist, so könnten wir in dem Bild weiterspinnen, unser Trainingslager. Unser Nachbar musste gewaltig trainieren! Ohne Disziplin, Trainieren und Üben war nicht an die Olympiade zu kommen. Das ganze Leben mit Essen, Trinken, Schlaf, Arbeitszeiten, Training und Freizeit musste straff geplant werden.

Für uns ist es selbstverständlich, dass alle Athleten das tun müssen, wenn sie an die Olympiade kommen und dort bestehen wollen. Sollte es uns anders gehen? Die Fastenzeit ist nicht einfach eine Zeit, wo dies und das verboten ist, oder in der wir aus blossem Brauchtum Fasten und Beten sollen. Nein, es geht um die Vorbereitung auf die "himmlische Olympiade". Alle sind eingeladen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und zu zeigen und in der Mannschaft von Jesus Christus mitzukämpfen. Die olympischen Disziplinen sind: unser Alltag, unsere Arbeit, unsere Beziehungen, unser Beruf; für die Kinder: richtig spielen und zur Schule gehen; für die Alten heisst es: den Jüngeren helfen und in Gebet und Weisheit ausreifen. Die olympischen Regeln sind für alle dieselben: die zehn Gebote und das was Jesus als Regeln aufgestellt hat. Vor Doping müssen sie keine Angst haben: es muss jeder selber dran, magische Wundertränke gibt es nicht.

Für unsern Nachbar war es eine Freude und Ehre, an den Spielen teilzunehmen, auch wenn es ihm einiges kostete. So sollte es für uns alle eine Freude sein, in der Fastenzeit mitzumachen, damit wir auf das grosse Osterspiel gut vorbereitet sind. Setzten Sie sich ein Trainingsziel: Ihren Fastenvorsatz. Sie werden schon wissen, in welchem Punkt Sie etwas tun, etwas üben, etwas verbessern könnten. Das Aschenkreuz, das wir heute empfangen, ist unser olympisches Abzeichen, das wir an den Trainer heften.

Also: Wir zählen auf ihre Teilnahme an der diesjährigen "Olympiade". Hoffentlich werden Sie "Medaillengwinner", das heisst ich wünsche Ihnen Kraft und Schwung für Ihren Fastenvorsatz....

Paul Vautier ist Schönstatt-Pater und lebt in Horw bei Luzern.

 

 

 

2001 - Gründonnerstag

Die weite Perspektive

Von Pater Paul Vautier

 Die Abschiedsreden Jesu, wie sie uns das Johannesevangelium überliefert, sind ein ganz besonderer Schatz der Heiligen Schrift. Natürlich war damals kein Tonbandgerät dabei, und es ist auch nicht anzunehmen, dass der Lieblingsjünger, der beim Gastmahl neben Jesus lag, einen Stenoblock bei sich gehabt hätte. Es geht gar nicht um die historische Wahrscheinlichkeit der einzelnen Sätze. Dadurch, dass der Evangelist diese Worte als die letzten Gespräche markiert, hebt er sie heraus: das war Jesus ganz wichtig, das ist sein Vermächtnis!

Stelle ich diese Worte in den Rahmen unserer Zeit, dann fällt mir ein wichtiger Perspektivenwechsel auf. Ein amerikanischer Psychologe hat unsere Zeit als ein "narzisstisches Zeitalter" bezeichnet. Damit meint er eine gewisse Ichverliebtheit. Wir richten die Welt so ein, dass wir selbst im Mittelpunkt stehen, wie das Baby im Zentrum der Familie. Es ist hilflos und bedüürftig und darauf angewiesen, dass es genährt, geschaukelt, gewaschen und getätschelt wird. Selbstverständlich gab und gibt es zu allen Zeiten einen eingeborenen Egoismus, und ein gewissen Quantum an Selbstachtung und Durchsetzungsvermögen gehört auch zum gesunden Menschen.

Ohne Zweifel aber bringt es unsere Zivilisation mit sich, dass wir in vielen Dingen immer unabhängiger werden von den anderen. Eine solche Entwicklung bedeutet normalerweise mehr Wissen, mehr Unabhängigkeit, mehr Freizeit, mehr Macht und Geld, um das Leben selbst in die Hand zu nehmen. Wir haben immer mehr Möglichkeiten, unsere Leben eigenständig zu prägen. Paradoxerweise können viele unserer Hilfsmittel, die wir entwickelt haben, um unseren Lebensraum zu erweitern, uns zu einsamen Singles machen. Wir leben in unsern vier Wänden, der Fernseher läuft, wir decken uns mit Musik ein, oder fahren allein in unserm Auto herum. Viele Sportarten sind heute im Vollzug stumm und auf Einzelleistung ausgerichtet: Ich renne 20 km, ich rase die Piste hnunter und lasse mich wieder vom Lift heraufziehen. Die andern sind mir im Prinzip egal - sie sind höchstens Objekte zum Überholen. Andere berauschen sich mit irgendeiner Droge, die sie in einen völlig individuellen Trip entführt. In den Wirtschaftsstrukturen neigen wir zu den effizienten liberalen Strukturen, die alle einen tüchtigen Schuss Individualismus in sich tragen.

Natürlich gibt es auch die andere Seite: Es gibt neue Formen der Vergesellschaftung, der Solidarität und der Sorge um die ganze Welt. Aber ich meine doch, dass die Versuchung zum Individualismus stärker ist. Leicht grenzen wir unsern Horizont auf das ein, was uns persönlich gefällt und passt.

Auf diesem Hintergrund tönen die Abschiedsreden Jesu ganz anders. Jesus weiss, dass es seine letzten Stunden sind. Er tut aber nichts, um dem zu entfliehen. Die Perspektive, die er aufzeigt, ist nicht Nostalgie und Trauer, dass nun sein Leben zu Ende sei, wir hören keine Klagen, nein, die Perspektive ist die Zukunft und das Leben, das nach dem Tode kommt. Er spricht mit den Jüngern nicht nur über die Gegenwart, sondern auch über das Vorher und Nachher, über die ganze Welt. Das Gleichnis vom Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt, lehrt uns, über das narzisstische Wohlbefinden unserer eigenen Lebensjahre hinaus zu denken. "Eine grössere Liebe hat niemand, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde" - auch hier wird der enge Rahmen eines einzelnen "Single-Lebens" radikal überschritten.

Lassen wir uns packen von diesen Worten und weiten wir unsere Perspektiven! Wenn wir merken, dass wir uns in unsere eigene kleine Welt einspinnen wie in einen Kokon, reissen wir Fenster und Türen auf, gehen wir hinein in die Begegnung mit dem Nächsten, mit den Alten und den Jungen! Die Perspektive unseres Herzens soll weit werden, weltweit. Der Herr wird uns dabei begleiten.

Paul Vautier ist Schönstatt-Pater und lebt in Horw bei Luzern

 

 

31.3.95


Das Wort zum Palmsonntag
Der erste Ritt


Von P. Paul Vautier 
  Wer kennt nicht die Marlboro-Reklamen von den
Cowboys, die nie vom Pferd fallen und in kitzligen Situationen ruhige
Nerven bewahren? Von Jesus heisst es, er sei in Jerusalem auf einem
"Eselsfohlen, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat" eingezogen. Esel
und Maultiere waren im Heiligen Land ehrenwerte Reittiere - genügsamer und
ausdauernder als die Pferde. Der erste Ritt ist aber wohl nicht nur bei den
scheuen Pferden, sondern auch bei den störrischen Eseln eine mitunter
heikle oder gar gefährliche Angelegenheit gewesen.
Jesus macht den ersten Ritt auf diesem Esel. Auch sein Einzug, bei dem
er als König gefeiert und ausgerufen wird, ist in dieser Form eine
Premiere. Schon oft war er in Jerusalem, er ist stadtbekannt, aber so ist
er noch nie gefeiert worden.
Es ist aber auch in einem ganz anderen Sinn ein "erster Ritt". Die Leute
meinen, es handle sich um einen politischen Akt - dass sich Jesus zum
königlichen Messias erkläre. In Wahrheit aber geht es um den Anfang vom
Ende, Jesus unternimmt einen ganz ungewohnten Ritt - durch Verrat,
Verurteilung, Tod und Grab hindurch in die neue Wirklichkeit der
Auferstehung. Sein Reich kommt - aber anders, als es sich die jubelnde
Menge am Palmsonntag vorstellt. Und Jesus braucht hohe Reiterkunst, diesen
Ritt zu bestehen, wovon die Probe auf dem vierbeinigen Esel nur der Anfang
war. Die zweibeinigen "Esel" - die Apostel, die davonlaufen, das korrupte
Gericht, Pilatus, der schwach wird, die spottenden Soldaten, die Henker -
sie sind schwieriger zu "reiten".
Auch die Arbeitslast ist im Grunde umgekehrt. Sicher trägt zunächst der
Esel den Jesus und leistet so seine noch ungewohnte Arbeit. Tiefer gesehen
ist es aber die ganze Woche hindurch Jesus, der arbeitet. In ihm kümmert
sich Gott um uns, die wir vorerst einmal als neugierige Zushauer
dabeistehen. "Du hast mir Arbeit gemacht mit Deinen Sünden", lässt Jesaja
Gott eindrücklich sprechen. Jesus trägt unsere Sünden, er übernimmt
gleichsam unsere Last und wird das Zeichen der ewigen Liebe Gottes zu uns.
Am Ende dieser Woche gibt es für die meisten arbeitsfreie Tage. Wir
feiern die heiligen Drei Tage, das Osterfest. Wir feiern - so können wir
nun sagen - dass Jesus für uns den gefährlichen Ritt gemacht, für uns
gearbeitet hat. Nehmen wir uns in diesen Festtagen auch Zeit für die
Einkehr. Achten wir darauf, dass wir uns nicht wie die "zweibeinigen Esel"
benehmen und Gott wieder neue Arbeit machen.

 

 

2001 - Karfreitag

Der König der Wahrheit

Von Pater Paul Vautier 

Welches Verhältnis haben Sie zu Filmen? Ich stelle in meinem Bekanntenkreis fest, dass das ganz verschieden sein kann. Die einen sehen sich am Fernsehen jeden Abend einen Streifen an. Andere gehen gerne wirklich ins Kino, um mit Freunden einen guten Film anzusehen und nachher darüber zu reden. Andere haben einen Schrank voll von Videos mit Filmeklassikern, die sie immer wieder anschauen. Für wieder andere sind die Filme eine fremde Welt. Ich persönlich gehöre zu denen, die wenig ins Kino gehen und kaum Fernsehen gucken. Dafür haben sich mir einige Filme tief ins Gedächtnis eingegraben. Sie sind für mich mit ihren Szenen wie wichtige Bücher, und ihre Hauptrollen gehören zu meinem kulturellen Umfeld. Sie gehören gleichsam zu meiner "inneren Einrichtung".

Die Passionsberichte, die wir in der Karwoche lesen und meditieren, sind wie klassische Filme, die wir immer wieder ansehen, und die unser geistiger Besitz werden. Das gilt besonders für die Passion des Johannes, die jeden Karfreitag vorgetragen wird. Von den vielen Worten dieses Berichtes, die wir wieder hören oder lesen werden, möchte ich dieses Jahr eines für diese Kolumne herausgreifen, das Wort von der Wahrheit.

Jesus sagt dem Statthalter Pilatus, der wissen will, wer er sei: "Ich bin gekommen, um von der Wahrheit Zeugnis zu geben." Den Gegenpart spielen Petrus, der Jesus verleugnet, die Männer, die falsches Zeugnis abgeben und schliesslich jene hochgestellten Volksvertreter, die sich, um die Verurteilung Jesu bei Pilatus zu erreichen, mit einer politischen Lüge einschmeicheln: "Wir haben keinen anderen König als den Kaiser."

Das tönt bekannt: der Filz von Wahrheit, Lüge, Macht und Politik. Wer sind heute die Vertreter der Wahrheit, wer die Meister der Verschleierung und Irreführung? Wir wissen: viele Länder kommen nicht voran wegen der Korruption! Es gibt bereits Listen, die die traurige Rangfolge bezüglich der Korruption festhalten. Wer traut dem andern in der Wirtschaft? Was stimmt von dem, was bei den Wahlen versprochen wird? Sagt ein Dementi nicht meist gerade das Gegenteil? Wenn Sie Zeitung lesen - sind Sie sich bewusst, wieviel Sie wirklich wissen? Wer garantiert Ihnen denn, dass nicht gerade die wichtigste Information fehlt? Aber wir müssen nicht weit laufen. Auch im kleinen Kreis der Familie, der Verwandtschaft und Nachbarschaft entscheidet oft der Umgang mit der Wahrheit darüber, ob die Beziehungen gut gehen und Bestand haben. Wem kann ich trauen? Kann ich mich auf Dich verlassen? - so fragen wir uns immer wieder.

"Wer aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme", sagt Jesus weiter zu Pilatus. Er sucht Menschen, die lauter sind, Wahrheitssucher, die bereit sind, auch dann zur Wahrheit zu stehen, wenn sie für sie selbst unangenehm oder wenig vorteilhaft ist. Menschen, die bereit sind, zuzugeben, dass sie etwas nicht oder noch nicht wissen. In der Tat kann die aufrichtige Suche nach der Wahrheit Menschen verschiedenster Farbe, Ansicht und Klasse, ja, verschiedener Konfession oder Religion miteinander verbinden.

Die Wahrheit ist einer der roten Fäden im Johannesevangelium. "Die Wahrheit wird euch frei machen" heisst es in der grossen Rede auf dem Tempelplatz - die Lüge fesselt und spinnt uns ein. Im Gespräch mit der Samariterin sehen wir, wie schnell zwischen der Frau und Jesus eine tiefe Beziehung wächst - weil beide offen miteinander reden.

In der damaligen Welt, die wohl etwa so korrupt war wie die heutige, wird Jesus zunächst umgebracht, wie auch in unsern Tagen viele Zeugen der Wahrheit getötet werden. Aber die Geschichte von Jesus, der am letzten Abend von sich sagte: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben", ist eben damit noch nicht zu Ende. Wir alle sind eingeladen, mit ihm den Weg der Wahrheit zu gehen, der über den Tod hinausführt. "Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?"

Fassen wir aus der Passionsgeschichte wieder den Mut, überall zur Wahrheit zu stehen, im Kleinen wie im Grossen! Christ sein heisst, zu Jesus zu stehen, der kam, um von der Wahrheit Zeugnis zu geben. Das mag oft hart sein wie Karfreitag - aber es mündet aus in Ostern. "Die Wahrheit wird euch frei machen."

Paul Vautier ist Schönstatt-Pater und lebt in Horw bei Luzern.

 

 

 

 2001 - Ostersonntag

Die Freude Gottes an den Menschen

Von Pater Paul Vautier 

In der Ostersequenz, einem der ältesten Texte dieses Festes, heisst es: "Leben und Tod liegen im Kampf miteinander." Ostern ist das Fest des Lebens, das Fest des Sieges des Lichtes über das Dunkel. Wir erneuern unsere Hoffnung, dass das Leben und das Gute den Sieg über den Tod und das Böse davontragen. Selbstverständlich ist dies ja nicht! Der Alltag bringt genügend Gegenbeispiele. Jetzt ist Frühling - aber der Herbst und der Winter kommen bestimmt, nicht nur in der Natur.

Seit kurzem sind wir als Menschheit wieder ein Jahrhundert, ja, ein Jahrtausend älter geworden. Das eben vergangene 20. Jahrhundert hat der Menschheit einen ungeheuren Zuwachs an Wissen gegeben. Sind wir mit so viel mehr Information gescheiter geworden? Ich glaube eher, dass die Wissenschaftler im allgemeinen bescheidener geworden sind. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es noch viele, die erwarteten, dass man in Kürze alles berechnen könne und alles erforscht habe. Heute, zu Beginn des neuen Jahrtausends, sehen die Perspektiven der Wissenschaft ganz anders aus. Die Welt der Elementarteilchen hat sich als grosser Zoo erwiesen, dessen Geheimnisse noch längst nicht geklärt sind. Wir realisieren, wie riesig unsere sichtbare Welt ist - und doch könnte das Universum aus vielen Blasen bestehen, von denen wir nur eine kleine sehen und bewohnen. Der Zeithorizont hat sich geweitet: Wir staunen über die Entwicklung des Lebens über Milliarden von Jahren.

Und dass es uns gibt, ist erst recht ein Geheimnis. Die Physik spricht vom Gesetz der Entropie, dass schlussendlich alles erkaltet und erstarrt. Warum gibt es trotzdem Leben, sprudelndes, sich gegen alle Schwierigkeiten wehrendes und aufwärtsstrebendes Leben? Es gibt Wissenschaftler, die vom "anthropischen Prinzip" sprechen - es muss doch etwas geben, das bewirkt, dass es in dieser an sich lebensfeindlichen Umwelt Leben und sogar Menschen gibt! Womit an sich noch nichts erklärt ist, sondern nur mit andern Worten gesagt wird, dass wir von allem noch nicht viel verstehen. Wir staunen, dass es uns gibt.

Wo wir also hinschauen: Geheimnisse und Fragen. Und dabei haben wir bis jetzt erst die allgemeinen Strukturen angeschaut. Unter uns Menschen wird es ja noch spannender. Es gibt den Peter und die Maria und den Kevin - die Fülle und den Reichtum der einzelnen Personen und ihrer Geschichte. Es gibt das Phänomen von Gut und Böse, den Bereich des Schönen, des Spiels, der Kunst - lauter Bereiche, die den Naturwissenschaften verschlossen sind.

Was ist nun die Botschaft von Ostern mitten in dieser Perspektive der Welt? Dass es einen Gott gibt, der mitten in diesem noch längst nicht durchschauten Universum viele Lebewesen und unter ihnen auch den Menschen erstehen lässt. Dass für ihn die Personen wichtiger sind als Millionen von Sternenhaufen. Und dass die Frage von Gut und Böse, ob wir den Nächsten aufnehmen oder ablehnen, ob wir fähig sind, einander zu lieben und zusammenzuleben, entscheidender ist als die Unzahl der schwarzen Löcher.

Dieser Gott geht nun nach seinem "Prinzip der Menschwerdung" vor: Er kommt in Jesus zu uns. Er will uns mit sich nehmen in sein ewiges Leben. Wissen Sie, ich weiss auch nicht, wie das genau gehen soll. Wie wir eben überlegt haben, wissen wir viel und doch wiederum so wenig, dass es in solchen Fragen keine abschliessenden Auskünfte gibt. Auch die Theologie ist überfragt, sie muss sich ja wohl noch die nächsten Jahrzehnte damit beschäftigen, sich in den Horizonten des modernen Weltbildes neu zu orten. Wir können auch nicht so tun, also ob wir die einzig liebenswürdigen Geschöpfe Gottes wären. Vielleicht, ja vermutlich hat er noch viele andere Lebewesen, um die er sich kümmert.

Aber es scheint mir sinnvoll zu sein, dass wir das menschliche Leben, das er uns geschenkt hat, weiterleben und weitertreiben - eben auf dieser Höhe von geistigen Werten, von Verantwortung und Kreativität, auch mit diesem Hunger und Durst nach einem ewigen Leben. Und Gott, der uns in diesem Kosmos entstehen liess, kann und will uns - das ist unser Osterglaube - in Jesus ein neues, ewiges, weiterführendes Leben schenken, wenn wir uns auf ihn einlassen.

Paul Vautier ist Schönstatt-Pater und lebt in Horw bei Luzern.

 







Freude an Gott

veröffentlicht im Jahr 2010, Patris - Verlag Schöntatt, ISBN 978-3-87620-345-4

 

 

Freude an der Schöpfung

 veröffentlicht im Jahr 2011 im Patris - Verlag, Schönstatt, ISBN 978-3-87620-359-1

 

 

 

"...himmelwärts!"

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